Begegnungen im Leben

AW: Begegnungen im Leben

hallo sina, ich arbeite zwar nicht in diesem beruf, aber ich bin eine von denen, die auf der "anderen" seite waren. eine von denen, die es überwinden konnten ...

als ich 28 jahre alt war, hatte ich krebs. dazu noch einer, der unerkannt vor sich hinschlummerte und es nur eine lösung gab. operieren und bestrahlung. kinder konnte ich keine mehr bekommen. ich erinnere mich , wie ich auf dieser intensivstation lag und ringsum nur piepsende geräte, ich durfte nichts trinken, immer war ich in einem dämmerzustand und ich nahm nur die glasscheibe wahr, die mich von anderen menschen trennte. meine ehemann hatte mich fluchtartig verlassen, als er von der krankheit erfuhr und ich hatte nur noch ein kind von 8 jahren. es war niemand da . damals hatte man auf strikte antiseptische atmossphäre gebaut. drei tage ohne menschlichen kontakt, ausser der schwester, die nachschaute, ob man wirklich noch lebte. eine woche später -eine notoperation. tagelang morphium und jede minute angst, zu sterben. nur der gedanke an mein kind hielt mich am leben.. und wieder war niemand da, der so etwas wie eine begleitung in einer solchen situation war. das ich eigentlich im sterben lag, erfuhr ich nur durch die tatsache, das meine familienangehörigen ( auch meine schwester) aus der damaligen ddr nach westberlin einreisen durften. und damals waren solche einreisen nur von der ddr aus erlaubt, wenn todesfälle oder herannahende todesfälle nachgewiesen wurden.

selbst die schwestern im krankenhaus oder die ärzte huschten schnell vorüber, wenn visite war. nur der alte dr. hünemohr nahm mich vor der op ganz spontan in den arm und versuchte mich zu trösten, weil ich eigentlich viel zu jung war, um diese art von krebs zu haben. ich erinnere mich , wenn es mir mal nicht gut geht, oft an dr. hünemohr und seine betroffenheit und anteilnahme. seine umarmung war mir der einzige trost.
im sterben zu liegen , egal ob man jung oder alt ist, ist ein ganz besonderer moment, eine ganz entscheidende situation für den, der geht und für den, der den menschen begleitet. ich hätte mir damals gewünscht, das man mich bewusst auf diese situation vorbereitet und das jemand dagewesen wäre, der meine hand gehalten hätte.
in diesen tagen, die mich so unendlich lange in der schwebe zwischen leben und tod gehalten haben, habe ich mich auch verändert. menschen durchleben diese metamorphose sehr sehr bewusst. ich habe es gespürt, als es sehr schlimm um mich stand und ich hatte in diesen minuten ganz andere gedanken, als jemand, der weiss, das er genesen würde.
man wird versöhnlich mit denen, die einen im leben alleine gelassen haben, man wird ruhiger und sagt sich oft, wann ist es endlich soweit. es gab mehrere situationen, wo ich bat, bitte bitte lass mich sterben. in den minuten zwischen leben und tod am bett eines sterbenden zu sitzen und diese besondere und für uns entgültige zeit der entscheidung zwischen leben und sterben mit einem menschen zu teilen, ist etwas ganz elementares. es eine eine art von einer stufe in eine erkenntnis, das das leben weitergeht. und zwar im philosophischen sinne als auch im körperlichen sinne.
du hast, liebe sina, dieser frau die hand gehalten. sie hat dich ausgesucht, dir dieses geschenk zu machen, zu erkennen, das alles geschehen wird, wie es geschehen muss. sie hat dir etwas mitgegeben auf deinen weg, nämlich die erinnerung an sie, die zwar im moment schmerzlich ist und unverständlich, die aber in einem jahr oder in zwei jahren dir ganz bewusst machen wird, das auch du an deinem sein und bewusstsein gewachsen bist in diesen minuten , in denen du diese frau begleitet hast. siehst du, schon alleine das wort "begleiten" zeigt dir auf, das du sie ein stück auf diesen so wichtigen weg begleiten durftest, das sie dich mitgenommen hat auf eine reise, die andere menschen wirklich erst erleben, wenn der moment des gehens kommt. es ist ein geschenk, was sie dir gemacht hat, lange vor deiner eigenen zeit. und das das leben weitergeht, nämlich auch ihr leben, das zeugt davon, das du sie nie vergessen wirst und das sie mit ihrem geschenk ein klein bisschen in dir wohnt . es ist ganz natürlich, das du jetzt trauerst und es beängstigend findest, denn nicht viele menschen setzen sich an ein bett eines sterbenden und halten seine hand. sehr oft haben menschen keine familie mehr, oder die familie macht sich rar und will nicht an diesem sterben teilhaben und dasein.

du solltest es vielleicht vergleichen, wie mit einem moment, wo man auf jemandem im leben trifft, sei es auf der strasse, im bus, in einem kaufhaus. man geht aneinander vorbei, aber es ist etwas, was dich verwundert aufblicken lässt . du schaust dem menschen nach und denkst vielleicht: schade- ich hätte gerne mehr von diesem menschen gewusst.
aber du musst weitergehen, deine arbeit verrichten und dein leben leben.

hier in diesem fall war die begegnung mit einem solchen besonderen menschen in einem hospiz. du musst einfach denken, das der platz , der ort der begegnung nur ein ORT ist. das wichtigste allerdings war diese frau. sie ist der mensch, der dir zugedacht war, einen ganz besonderen weg zu beginnen: nämlich ganz bewusst und klar zu erkennen, das es oft nur die kleinen dinge sin, oft nur sekunden im leben, die uns menschen transzendent und wissend machen. sterbebegleitung ist so eine berufung. sehr oft und öfter als andere menschen wirst du am bett eines menschen sitzen, der dir etwas zeigen will, während er von dieser welt geht. er/ sie will dir zeigen, das der tod etwas zum leben dazugehöriges ist. durch mein eigenes erlebnis, für momente auf der anderen seite zu sein, kann ich dir versichern, das es das wichtigste in dieser zeit ist, nicht alleine zu sein. du hast diesen wichtigen moment "erkannt" und dieser frau halt und zuversicht und die gewissheit mit auf ihren weg gegeben, das es menschlichkeit gibt.
deine arbeit ist ein beruf , den ich als berufung sehe. nicht jeder kann so etwas tun. diese menschen, die du begleitest, können dir persönlich nie danken, weil sie danach körperlich nicht mehr da sind . es fehlt dieses uns bekannte gefühl, das deine nähe und dein dasein auch dort bei ihr angekommen ist. deshalb ist es auch wichtig, das du dich mitteilst und wir , die anderen menschen dir im namen dieser frau sagen können: danke, sina. sei umarmt von mir.
MAR
 
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Wow, ich bin gerührt...

Zunächst einmal von deiner Geschichte, Sina.
Es ist ja schon alles gesagt - kein Raum für Selbstvorwürfe, du hast wirklich etwas Wunderbares vollbracht! Denn ich glaub, oftmals fehlt einfach dem Personal die Zeit, so intensiv auf die Patienten einzugehen.
Du warst an Ort und Stelle und hast ganz uneigennützig ihr den letzten Wunsch erfüllt.
Dafür verdienst du echt Anerkennung!

Und auch Mar´s Beitrag rührt mich dermaßen... soooo ehrlich, offen, warmherzig... und unheimlich tröstend!
Ich bin platt...

LG Janett
 
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Hallo Sina

Glaubst du an Engel?

Goldene Locken, ein weißes Gewand,
nichts davon trägst Du, doch ich habe Dich erkannt,
Deine Flügel kann man nicht sehen,

der Himmel schickt Dich und ich versuche es zu verstehen.
Du passt immer auf das nichts passiert und das aus miesen Tagen,

ein gelungener wird.
Wenn ich Dich mal brauche, ohne zu fragen bist Du sofort hier

und bietest an deine Hilfe mir.
Du darfst es nicht sagen, ich weiß es ist geheim,

aber ich bin mir sicher Du fliegst zu den Sternen
wenn Du sagts Du fährst jetzt heim ....

Es ist wie es ist, und es reicht mir zu wissen, dass es Dich gibt, trotzdem, sag schon, ist es wahr?
Sind auf dieser Welt auch noch andere Engel, für die Menschen da?

Kann man Alle von Euch sehen
oder müssen viele dafür viel länger gehen?

Können alle Engel auf der Erde glücklich sein so wie Du,
oder habt ihr da oben zwischen den Wolken mehr Ruh?

Sag, kann man Euch auch mal verborgen,
wenn ein anderer Freund hat Sorgen, braucht ihr Engel auch mal Hilfe, wenn ja dann sag es mir , und könnt Ihr wirklich Alle fliegen?
Ich weiß es wird schwer sein eine Antwort zu kriegen...
aber diese Art wie Du ganz einfach bist,
gib es endlich zu, dass Du ein Engel bist .....


Ich glaube an Engel... Aber ich glaube nicht an Engel mit Flügen. Ich glaube viel eher daran, dass es für jeden Menschen auf der Welt einen anderen Menschen gibt, der sein Engel ist. Das heisst, jeder von uns wird irgendwann für jemanden ein Engel sein. Ich denke für diese Frau warst du der Engel... Du hast ihr die Ruhe, die Kraft gegeben, um loslassen zu können. Akzeptieren dass es nicht mehr anders geht... Und alles was sich um diese Geschichte dreht, das ist mehr als nur ein Zufall, oder? Ich denke du hattest diese Aufgabe, für sie im richtigen Moment aufzutauchen - wie es Engel halt tun...

Mein Grossonkel hat mir als ich ihn im Spital besucht habe nur die Hand gehalten und gesagt "ich bin froh, dass du endlich da warst. jetzt habe ich alle gesehen und kann gehen" - eine halbe Stunde später ist er verstorben. Auf den Weg hat er mir mitgegeben, dass ich Geduld mit meiner Mama haben soll, und sie nie im Stich lassen... Ich vergesse seine Worte nie. Für mich war er schon zu Lebzeiten ein solcher Engel!


Liebe Grüsse
Dine
 
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ihr lieben. ihr müsst wirklich sina danken.... ohne ihre geschichte hätte ich wohl nicht soviel von mir erzählt. wie dine schon schrieb, es sind die engel ohne flügel, die lieben um uns herum, die gütigen menschen , die uns kraft geben, weiterzumachen. ob das es sich all diese kraft lohnt....und ob. das leben ist trotz aller trauer schön.
 
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Liebe Sina, sei stolz auf dich! Du bist für jemanden da gewesen, gibt es etwas schöneres? Es ist eine Ehre meiner Meinung nach.

Liebste Mar, jetzt versteh ich meine Ma um einiges besser. DANKE!

Seit je her bin ich mit dem Gedanken gross geworden : " Meinen Mama könnte jeden Moment streben." Meine Ma hat seit 22 Jahren einen Gehirntumor! Manche denken, dass ich extrem sensibel bin, aber nein, es härtet einen ab, und mich wahrscheinlich zu sehr, so dass ich manchmal herzlos wirke. Aber so ist das Leben. Seit ich 12 bin habe ich neben meiner Mama nicht mehr geweint, weil ich die stärkere von uns beiden bin und die Schulter, an der sie sich ausweinen kann. Wen hab ich? Gott und mich! Jetzt habe ich zwar meinen Freund an meiner Seite, aber den Gedanken " Ich MUSS stark sein!" kann ich leider nicht abwerfen. Ich bin es gewohnt der Fels in der Brandung zu sein.

Ich habe mit 18 Jahren meine Tagesmama in den Tod begleitet.. ich habe bei ihr im Bett geschlafen und mich um sie gekümmert als sei ich die Mutter und als sie von uns gegangen ist, hielt ich ihre Hand. Ich habe nicht geweint, ich habe sie angelächelt und ihr dreckige Witze erzählt... ich war auch damals die einzige, die diese Last auf sich nehmen konnte. Ich habe einen Teil von mir Verloren, sie war mehr Mutter als meine leibliliche. Keiner hat mich gefragt, wie es mir geht. Man hab ich mich einsam gefühlt..........

Ich habe unheimlich grossen Respekt vor Menschen, die im Pflegedienst arbeiten. Ich würd es nicht schaffen, nciht weil ich zu sensibel bin, sondern weil ich vieles schon zu rational sehe ( was auch mein riesengrosser Fehler ist )
 
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Hallo Brunhilde,

es tut mir leid fuer deine Mutter aber freue dich dass sie anscheinend diese Krankheit zumindestenst unter Kontrolle hat.
Ja, Todesfaellen mit zu Erleben besonders wenn man noch fast ein Kind ist praegt das Leben.
Ich kann dich gut verstehen dass du keine Schwaeche zeigst. Glaube mir nicht jeder waere so stark wie du.
Ich wuensche deiner Mutter noch viele glueckliche Jahre mit ihren Liebsten.

LG
Elvin
 
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