Desintegriert, wenn andere ihre Muttersprache sprechen?

Dieses Thema im Forum "Identitas/Wesenseinheit" wurde erstellt von Bintje, 2 November 2019.

  1. Bintje
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    Bintje Well-Known Member

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    Stört es Euch, wenn in Eurer Anwesenheit eine Sprache gesprochen wird, die Ihr nicht versteht?

    Vielleicht eine seltsame Frage, die in anderen Varianten schon häufiger auftauchte, daher zum Hintergrund: Gestern war ich mit zwei jungen Syrerinnen verabredet, die ich zu einer Wohnungsbesichtigung begleitet habe. Wir trafen uns im Laden einer gemeinsamen Freundin, bei der eine arabischstämmige Schülerin gerade ein Praktikum absolviert. Kaum, dass die drei sich sahen, schnatterten sie fröhlich drauflos. Nicht zu laut, bloß halt auf Arabisch, weswegen ich die Szene nur beobachtete und mit halbem Ohr registrierte, bei welchen Themen sie gerade waren. Nicht, dass ich Arabisch verstehe, keinen Piep. Aber die Praktikantin flocht zwischendurch charmanterweise immer wieder deutsche 'Ankerwörtchen' ein, denen ich ungefähr glaubte entnehmen zu können, worum es ging (Tagesmutter, Cousine, Klassenlehrerin usw.). Okay, danach zogen wir los.

    Abends erkundigte sich die Freundin, was es ergeben habe mit der Wohnung, und sagte dann für mich total überraschend, sie habe es als "wirklich unverschämt" empfunden, dass die drei jungen Ladies plötzlich zu Arabisch gewechselt hätten. Worauf ich sie nur verdutzt fragte, warum?, ob sie sich denn ausgeschlossen gefühlt hätte .. ? Nein, .. ja, doch. Sie fände das "dreist": denn 'wir' würden uns alle Mühe geben, den Menschen Deutsch beizubringen und ganz viel zu erklären, und umgekehrt? Sie fände es jedenfalls unmöglich und "grob unhöflich", in die Muttersprache zu wechseln, wenn auch Deutsche dabei seien.
    Abgesehen davon seien auch Kunden im Laden gewesen.

    Hmmm. Nun denn. Mit Kunden könnte man argumentieren. Aber die waren, so weit ich die Situation wahrnahm, ohnehin mit völlig anderen Dingen beschäftigt und wirkten überhaupt nicht interessiert, sich an irgendetwas anderem zu beteiligen - egal, in welcher Sprache.
    Und ich fand das Verhalten der drei jungen Frauen normal. Jedenfalls wäre ich im Leben nicht darauf gekommen, dass man sich dadurch hätte beeinträchtigt fühlen können. Aus meiner Sicht waren sie weder unhöflich noch laut noch in anderer Weise respektlos. Nö, sie freuten sich offensichtlich, einander zu sehen und tauschten irgendwelche Neuigkeiten aus.

    Dass Sprache unabhängig davon ein Mittel sein kann, andere auszuschließen, wenn man das unbedingt will: geschenkt. Ich glaube, das wissen wir alle. Nicht zuletzt beispielsweise aus Behörden- oder Arztbriefen in gestochen scharfem Fachchinesisch, für das man erst einen Deutsch - Deutsch - Übersetzer braucht. ; )
    Aber in diesem Fall verhielt es sich eindeutig nicht so.
    Oder sehe ich das etwas zu lässig oder unsensibel und bedenke irgendwas nicht? o_O
     
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  2. Msane
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    Msane Well-Known Member

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    Ausgrenzung durch Sprache ist einer der Hauptgründe weshalb Freundschaften zwischen unterschiedlichen ethnischen Gruppen oft oberflächlich bleiben.
    Niemand ist gerne fünftes Rad am Wagen.


    .
     
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  3. eruvaer
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    eruvaer Well-Known Member

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    Ich langweile noch höchtens wenn ich in einer Gruppe bin, die eine andere Sprache spricht und fände es unhöflich, wenn sie dann dabei bleiben und mich eben ausschliessen würden. Das ist mir aber noch nicht passiert.
    Finde es kein bisschen schlimm, wenn man sich mit Freunden oder Familie in der gemeinsamen Sprache unterhält.
    Oder letztens aus einer Baustelle waren zwei auf zwei verschiedenen Ländern dort am arbeiten und sprachen miteinander Serbisch. Der eine sprach Französisch was ich nicht kann, der andere verstand Deutsch.
    Also sprach ich mit dem einen Deutsch, der sagte es dem anderen auf Serbisch, fehlt der zweite mit auf Französisch antworten konnte.
    Sprachen sind schon ein verfluchtes Ding. Da denk ich dann immer an den Turmbau zu Babel....

    Ich finde es ganz im Gegenteil unverschämt, wenn jemand erwartet, dass in seinem Land alle gefälligst seine Sprache sprechen. Fährt ihm Urlaub dann aber durch die ganze Welt und redet überall seine eigene Sprache. :rolleyes:
    Es ist einfach ein Stück Zuhause in der Fremde, wenn man in seiner eigenen Zunge sprechen kann.

    Mein Bruder hat mal zwei Frauen im Bus sitzen gehabt, die sich auf einer arabischen Sprache unterhielten. Eine junge Frau und ihre Oma. Ein Mann im bis pöbelte die beiden dann an in Deutschland würde Deutsch gesprochen.
    Mein Bruder kann gar nicht dazu sich eibzumischen so schnell wie die junge Frau aufgestanden sei und ihn "in feinstem Göthedeutsch durchbeleidigte" wenn ihre Oma die weite Reise anträte sie in ihrer neuen Heimat zu besuchen hätte sie schönere Erlebnisse verdient als einen dämpfen Idioten der sich in eine einmischt, die ihn nichts angehen. ;)
     
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  4. Msane
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    Msane Well-Known Member

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    Kommt drauf an wo man zur Schule ging, in meiner Gesamtschule waren Schüler mit Migrationshintergrund die große Mehrheit.
    Als Deutscher war es sehr schwierig Anschluß zu finden, da sich die Schülergruppen sprachlich organisierten, alle konnten Deutsch aber kaum wer hat es genutzt, da stand man oft nur dumm daneben wie sich alle andern in ihren Sprachen austauschten.
    Die Deutschen waren aber auch irgendwie die einzigen die sich auch mal zu den anderen gestellt haben, auch wenn sie kein Wort verstanden haben.
    Türken, Russen und Polen sind streng unter sich geblieben, gut, mal nen Deutscher der denen hinterherdackelt und kein Wort versteht, aber mit den anderen migrantischen Gruppen haben die sich nie ausgetauscht und Kontakt vermieden.
    Nicht gerade die besten Voraussetzungen für das Zusammenleben in einer Gesellschaft die sich multikulturell nennt.


    .
     
  5. eruvaer
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    eruvaer Well-Known Member

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    Meine Klasse bestand von der ersten bis zur letzten zur Hälfte aus Russlanddeutschen und im Studium zur Hälfte aus Türken. ;)
    Hab mich mit denen jeweils besser verstanden als mit den meisten Deutschen...
    Gut eng befreundet war ich ausser mit meinen texanischen Kindergartenfreund am ernsten mit dem Marrokaner, vier Iraner/innen, einer thailändischen Australierin, zwei Indern, einen Türken, drei Polen, .....mehr fällt gerade spontan nicht ein ich guck nicht sonderlich auf die Herkunft, da vergess ich such schon mal, dass ein schwarzer Freund schwarz ist, wenn er sagt "hat der das jetzt gesagt/getan, weil ich anders bin?" "Wieso sollte er nur weil du heute wegen deinem Bein Jogginghosen an hast!? Stell dich mal nicht so an, du musst nicht immer Hemd tragen." "Nein man weil ich schwarz bin!" :rolleyes:

    ....haben unter sich auch jeweils ihre Sprachen gesprochen und auch wenn ich da war und sie über etwas reden wollten wo ihnen die deutschen Worte zu fehlten. Emotionale Sachen. Hab ich dann trotzdem grob verstanden - steckte genug Gefühl im Gesprochenen....

    Übrigens gerade die sehr grosse türkische Gruppe war auch der Ausgrenzung durch ihre grosse Gruppe gar nicht bewusst und hat sich gefreut, dass ich mit ihnen genau so umgehe wie mit allen anderen. Sie hatten das Gefühl die zu sein die ausgegrenzt werden ;) Haben sich dann auch immer gegenseitig angehauen "ey red mal Deutsch, das versteht sonst nicht jeder"
     
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  6. Msane
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    Msane Well-Known Member

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    Im Nachgang betrachtet, haben sich diese Ausgrenzungserfahrungen in dieser Brennpunktschule als hilfreich erwiesen.
    Heute trage ich je nach Projekt auch mal Personalverantwortung, da achte ich immer darauf das alle im Team wirklich integriert sind.


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  7. EnRetard
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    Mich stört es, wenn alle Anwesenden eine gemeinsame Sprache haben und trotzdem ein Teil der Gruppe eine andere Sprache benutzt. Ich finde das grob unhöflich.
    Wann und wo war das?

    Ich höre aus meinem privaten Umfeld Berichte aus Schulen (Gymnasium, Realschule) am Stadtrand, dass die Schüler*innen stark ethnisiert seien, allerdings weniger sprachlich als im Bewusstsein der Schüler*innen. Die ethnische Herkunft eines jeden Schülers sei allen bekannt, ethnische Klischees seien allgegenwärtig, Schüler*nnen aus bi- oder multinationalen Familien erregten Verwunderung. Aus einem Gymnasium in der Innenstadt höre ich jedoch, dass die ethnische und nationale Herkunft der Familien nebensächlich und auch nicht allgemein bekannt sei. Dass eine andere Sprache als Deutsch eine nennenswerte Rolle spielt, habe ich auch aus den Schulen am Stadtrand nicht gehört, weiß aber von den Eltern meiner "Informanten", dass das vor 20-25 Jahren anders war. In meiner eigenen Schulzeit waren Schüler*innen aus ethnischen Minderheiten so selten, dass es kaum bis gar keine Gesprächspartner in ihren Herkunftssprachen gab.
     
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  8. Skeptiker
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  9. Msane
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    Msane Well-Known Member

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    Auf die Befindlichkeiten von Deutschen nahm da keiner Rücksicht, das war kein Gymnasium.
    Wenn man die Schüler gut kannte und gefragt hat ob man deutsch miteinander sprechen könnte, haben die das zwar gemacht, hielt aber nur solange bis irgendeiner ein türkisches Wort gesagt hat, und alle sprachen wieder nur in Türkisch.
    Wenn man die Schüler nicht kannte, dann hat man sich da auch mal ne Abfuhr abgeholt, je nach, "Was will die Kartoffel? Soll doch woanders hingehen wenn dem nicht passt."
    So war das halt.
    Und die jeweiligen migrantischen Gruppen hatten miteinander gar kein Kontakt.
    Türken stehen bei den Türken, Russen bei den Russen, usw. sobald die Pausenklingen ertönte zogen die sich in ihre ethnischen Schneckenhäuser zurück.


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  10. sommersonne
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    sommersonne Well-Known Member

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    Mich stört es erst dann wenn längere Gespräche geführt werden und ich nichts verstehe. Habe ich aber selten erlebt. Wenn der bulgarische Mann meiner Jenaer Freundin seine Verwandschaft oder Freunde zu Besuch hatte, wurde eigentlich immer übersetzt. Auch wenn mein damaliger algerischer Freund eine Runde versammelt hatte, wurde deutsch oder französisch gesprochen.

    Wenn Bintjes Freundinnen sie nicht stundenlang haben verständnislos daneben stehen lassen, finde ich ein Begrüsßungsgespräch in Ordnung. Vor Begeisterung kann man schon mal vergessen das da jemand ist der nix versteht.
     
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