Entschleunigung von heute auf morgen

Dieses Thema im Forum "Lifestyle" wurde erstellt von Mendelssohn, 17 März 2020.

  1. Mendelssohn
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    Mendelssohn Well-Known Member

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    Seit ungefähr zwei Dekaden warnen Soziologen vor der Rasanz der gesellschaftlichen Entwicklungen, mit der die Individuen nicht mehr Schritt halten können (z. B. Hartmut Rosa). Diese Beschleunigung ist ökonomischen, aber auch technologischen Entwicklungen geschuldet, die unser Leben innerhalb einer Generation mehrfach umgestürzt haben.
    Nun ist von heute auf morgen eine Entschleunigung eingetreten, die noch vor einer Woche unvorstellbar war, und es ist die hoch entwickelte Technik, die dem System diese Zwangsentschleunigung gestattet. In vielen Bereichen, aber nicht in allen. In manchen Bereichen laufen die Drähte heiß.
    Die Zeit steht still in der selbst verordneten Isolation und rennt zugleich davon angesichts träger Kommunikation zwischen den verschiedenen Schaltstellen.
     
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  2. Bintje
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    Bintje Well-Known Member

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    Alles Shice - aber auch eine Chance für Kultursinnige: Momentan gibt es schöne Gratis-Angebote der Berliner Philharmoniker, der Wiener Staatsoper und weiterer Künstler und Orchester.

    Berliner Philharmoniker und Wiener Staatsoper:
    Digitale Konzerte nun für alle kostenlos

    Dafür muss man sich nur registrieren. Der Promocode für die digitale Konzerthalle der Berliner Philharmoniker lautet BERLINPHIL.

    Die Opéra de Paris bietet ebenfalls freie Streams an, und Aufzeichnungen der New Yorker Met sind auch kostenlos zu bestaunen (20 Stunden):

    https://www.operadeparis.fr/magazine/opera

    https://www.metopera.org/about/pres...mpany-website-during-the-coronavirus-closure/

    Und @Berfin1980 erwähnte es dieser Tage im Musikthread: der Pianist Igor Levit (@igorpianist) spielt jeden Abend live auf Twitter (19 Uhr). :)
     
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  3. Berfin1980
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    Berfin1980 Well-Known Member

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    Es gibt auch Lesungen von Schauspielern und anderen im Internet, wenn ich dazu einen Link finde, poste ich ihn hier.
     
  4. Mendelssohn
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    Mendelssohn Well-Known Member

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    Nachdem Zerd nun schon Boccaccios Dekameron aus dem Hochmittelalter vorgeschlagen hat, fiel mir heute Camus Pest aus der Nachkriegszeit ein. Aber nicht nur mir. Die Welt machte auch schon den Vorschlag.
    Auch habe ich mich heute gefragt, was ich als Kind oder Jugendliche ohne Schule, dafür mit Ausgangsverbot getan hätte. Gelesen, gemalt, mit den Geschwistern Karten oder Monopoly gespielt. Vermutlich wären wir angehalten worden, unsere großen Lücken im Schulstoff aufzufüllen und einige Aufgaben im Haushalt, getrennt nach Jungen- und Mädchenarbeit, zu übernehmen. Als Teenager ohne meine Peergroup wäre ich vermutlich lieber gestorben und hätte nach Wegen des Ausbruchs gesucht.
    Ich bin froh, einmal keine Termine zu haben. So kommt man zur Arbeit und deshalb auch zur Ruhe.
    Vielleicht tut es den jungen Leuten auch gut, und mancher greift vielleicht mal wieder zu einem Buch.
     
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  5. Alubehütet
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    Alubehütet Well-Known Member

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    Gestern für umsonst als PDF heruntergeladen. (Findet Ihr selber.) Ich habe das in jüngeren Jahren drei oder vier mal gelesen; hätte nicht gedacht, daß ich das nochmals lesen würde. Aber wenn früher interessierte, wie sich die Menschen innerhalb eines Settings verhalten, interessiert heute das Setting selber.

    Schon über 10 Tote, und trotz eindeutiger Symptome weiß nicht einmal Dr. Rieux, was das für eine Krankheit sein könnte. Heute würde er schnell einen Blick in die Wikipedia werfen.
     
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  6. Alubehütet
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    Alubehütet Well-Known Member

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    Einiges beschleunigt sich aber auch leider jetzt unnatürlich, rasant. Internetversandhandel.

    Buchläden haben jetzt zu. Ob es sich lohnen wird, sie in sechs Wochen wieder zu eröffnen? Amazon wird viele Neukunden gewinnen. „Die Pest“ kriegen sie nicht so schnell nachgedruckt, aber als E-Book verteilt.
     
  7. Zerd
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    Zerd Well-Known Member

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    Ich denke, sowohl die Beschleunigung gesellschaftlicher Entwicklung als auch die Kritik daran sind wohl so alt die Menschheit selbst. Ich stelle mir einen Höhlenmenschen vor, der ein neues Werkzeug oder sonstiges Hilfsmittel eingeführt hat und von anderen zu hören bekommt, dass ihnen deshalb nun der Himmel über den Kopf einstürzen wird.

    Außerdem gab es glaube ich auch einige Leute, die die ganze menschliche Geschichte als nicht anderes als die endlose (pardon: bis zur Morgenröte andauernde) Aneinanderreihung von Thesen und Antithesen, die jeweils in Synthesen münden, angesehen haben.

    Ein sehr bedeutender Theoretiker auf diesem Gebiet war wohl Virilio...

    Abgesehen davon sehe ich gegenwärtig nicht wirklich eine Entschleunigung. Wir haben derzeit eine Zwangs- und Notsituation, in der wir uns aus genau denselben Gründen wie in den beschleunigten Zeiten diesmal so verhalten, dass der Eindruck einer Entschleunigung entstehen könnte.

    Es ist also kein bewusster willentlicher beabsichtigter Vorgang der Entschleunigung, was in meinen Augen bei einer tatsächlichen nachhaltigen Entschleunigung der Fall sein müsste, sondern ein von außen getriggerter und von oben angeordneter gewissermaßen künstlicher Zustand.

    Gäbe es morgen keinen Einfluss des Coronavirus mehr, würden die Menschen genau dort weitermachen, wo sie letzten Freitag aufgehört haben. Natürlich wünsche ich mir, dass ein Umdenken einsetzen möge und eine nachhaltige bleibende Entschleunigung verzeichnet werden könnte, aber derzeit sehe ich nicht die geringsten Anzeichen dafür. Im Gegenteil, es wird im Moment ja alles dafür getan, dass es nach dieser Ausnahmesituation (für einige sogar währenddessen) genauso weitergehen kann wie zuvor.
     
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  8. Alubehütet
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    Alubehütet Well-Known Member

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    Gleichwohl eine Entschleunigung. Wenn die uns länger verordnet wird, ist dann ja doch die Frage, was das mit uns macht, ob das was macht mit uns. Was wir daraus machen, wer etwas daraus macht.

    Ich finde ja alleine die Diskussion schon toll: Wen brauchen wir essentiell, wer muß unbedingt den Laden aufrecht erhalten; klar, Pfleger, Lebensmittelhändler, und dann aber dann sofort: Und was ist mit den freischaffenden Künstlern, die unmittelbar sofort in den Abgrund stürzen?

    Was ist wirklich wichtig?

    Noch nichts passiert. Laß uns das mal vier, sechs Wochen machen. Uns das Verordnete einüben müssen.
     
  9. Mendelssohn
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    Mendelssohn Well-Known Member

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    "Wir wohnen nicht mehr am Ort, sondern im Transport..."

    Dazu passt, das Kriege heutzutage keine klare Frontenregelung mehr kennen, Schlachtfelder von hier nach dort transportiert werden und Bündnisse schneller aufgelöst werden, als die Tinte der Unterschriften trocknet.
    Im Grunde genommen wohnt jedem regionalen Krisenherd der Weltkrieg inne (seitdem wir innerhalb eines Tages um die ganze Welt fliegen und in Echtzeit an jedem Ereignis in der Welt teilnehmen können).
    Ortlosigkeit empfinden wir als Defizit.
    Andererseits: der Mensch wandert. Von Natur aus. Sonst hätte er keine zwei Beine, mit denen er, wenn es unbedingt sein muss, und er in gutem gesundheitlichen Zustand ist, 20-30 km am Tag wandern kann.
    Vielleicht gehört die Ortlosigkeit zum Menschen dazu, oder besser gesagt, vielleicht ist er nur dann ganz Mensch, wenn er sich auf die Reise begibt. In pandemischen Zeiten müssen wir dann wohl oder übel in unser Inneres reisen.
     
  10. Mendelssohn
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    Mendelssohn Well-Known Member

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    Okay, es gibt diese dämliche, unsolidarische Hamsterei. Es gibt auch, wie ich heute in der Tageszeitung las, das Bemühen der Nazis, das Netz in Zeiten des home office zu kapern und den nicht vorhandenen frischen Flüchtlingen und der grünen Willkommenskultur die Pandemie anzuhängen, aber insgesamt herrscht doch eine Mentalität des Zusammenhaltens vor. Erst Leben, dann Geld.
    Interessant ist, dass Solidarität der Schlüssel ist, um die Krise zu meistern.
    Also hat die Philosophie doch recht. :)
     
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