Entschleunigung von heute auf morgen

Alubehütet

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29 Januar 2017
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Wuppertal
Das Westfernsehen berichtet über die kulturelle Außenpolitik des VEM:

Bereits 2017 gründeten die Emirate einen «Rat für Soft Power». Mit einer entsprechenden «Soft-Power-Strategie» wollen sich die VAE als «modernes und tolerantes Land» darstellen, das Leute aus der ganzen Welt willkommen heisst. So wurde 2019 zum «Jahr der Toleranz» erklärt, dessen Höhepunkt der Besuch von Papst Franziskus war.

Zu den Meilensteinen der «kulturellen Diplomatie» gehört auch die Eröffnung eines Ablegers des Louvre-Museums in Abu Dhabi 2017. Mit einer Ausstellung zu Sheikh Zayed und dem indischen Gründervater Gandhi versuchte die Führung vor zwei Jahren, den eigenen Landesvater «als hingebungsvollen Friedensstifter» auf eine Ebene mit der Ikone des gewaltlosen Widerstands zu heben. Um den eigenen «Visionär» auch im Ausland bekannt zu machen, existiert seit 2016 zudem ein Sheikh-Zayed-Zentrum im Louvre in Paris.

Offensichtlich ist es Abu Dhabi gelungen, auch zur Frankfurter Buchmesse gute Verbindungen zu knüpfen. Ihr Direktor Juergen Boos sitzt im wissenschaftlichen Komitee des «Sheikh Zayed Book Award» und war offenbar der Türöffner bei Habermas. «Natürlich war ich misstrauisch und habe mich über die Institution und die Preisträger informiert, bevor ich den Preis angenommen habe», sagte der Philosoph gegenüber dem «Spiegel». Boos habe aber «Bedenken, die auf der Hand liegen, zerstreut».

Um dann aber auch anzuerkennen:

Unabhängig von seinem Fehltritt hat Habermas seine eigene Theorie offensichtlich verinnerlicht. Er korrigierte sein Handeln aufgrund des öffentlichen Diskurses und folgte dem besseren Argument.
 

Alubehütet

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29 Januar 2017
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Wuppertal
Wie lange hat Habermas gebraucht, den Buch- und Philosophenpreis der Emirate auszuschlagen? Drei Monate oder drei Tage?
Einen Tag. Es wurde verlautbart, daß er den Preis kriegen und annehmen würde, daraufhin hat er eine kritische Anfrage vom SPIEGEL bekommen und in einer Antwortmail begründet, warum er den Preis (dennoch) annehmen würde. Sonntag morgen erreichte ihn dann die angekündigte Kritik vom SPIEGEL, der dazu vorher seine Stellungnahme anforderte/anbot, und diese in der Kritik als nicht überzeugend zurückwies, am Nachmittag gab er ihnen Recht und widerrief die Annahme des Preises.


An diesem Sonntag hat der 91-jährige Habermas nach dem Lesen eines am Morgen veröffentlichten SPIEGEL-Artikels entschieden, von dem Preis zurückzutreten: »Ich habe meine Bereitschaft erklärt, den diesjährigen Sheikh Zayed Book Award anzunehmen. Das war eine falsche Entscheidung, die ich hiermit korrigiere«, schreibt Habermas in einer Mitteilung, die den SPIEGEL über seinen Verlag Suhrkamp erreichte.
 
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Alubehütet

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29 Januar 2017
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Wuppertal
@Mendelssohn Frag mich mal. Ich habe in Wuppertal Philosophie studiert. Wuppertal hat sich dann behauptet als eines der maßgeblichen Orte der Heidegger-Forschung. Eure Probleme hätten wir gerne. Unser Problem wiederum hat Habermas ja ganz wesentlich mit angestiftet, zuerst mit einen Leserbrief an den SPIEGEL. Klar. Genau daran wird Habermas jetzt selber gemessen. Aber was für ein Vergleich :(
 

sommersonne

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19 März 2017
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Habt ihr euch schon mal überlegt euer Philosoph ist bereits 91. Darf er keinen Fehler machen? Ist jetzt alles was er jemals gesagt oder getan hat, wertlos?
Wenn man jemanden auf einen zu hohen Sockel stellt, dann erreicht man ihn vielleicht nicht mehr.
 

Mendelssohn

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17 Januar 2016
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Einen Tag. Es wurde verlautbart, daß er den Preis kriegen und annehmen würde, daraufhin hat er eine kritische Anfrage vom SPIEGEL bekommen und in einer Antwortmail begründet, warum er den Preis (dennoch) annehmen würde. Sonntag morgen erreichte ihn dann die angekündigte Kritik vom SPIEGEL, der dazu vorher seine Stellungnahme anforderte/anbot, und diese in der Kritik als nicht überzeugend zurückwies, am Nachmittag gab er ihnen Recht und widerrief die Annahme des Preises.
Sehen wir uns mal ein normales Procedere an:
Die Preisverleihung als Veranstaltung wurde vor ca. 2 Jahren geplant. Man überlegt hin und her und sagt: wie wäre es, wenn wir den bedeutendsten Demokratietheoretiker und politischen Philosophen der Gegenwart auszeichnen. Wir haben viele seiner Bücher ins Arabische übersetzt (Stichwort: arabischer Frühling, außerdem liegt in Englisch alles vor), er ist kein Amerikaner und wir sind weder die Saudis noch Iraner. Wir laden zum Diskurs ein!
Die Einladung erfolgt vor ca 15 Monaten, also Januar 2020.
Der Preis ist hochdotiert. Es gibt eine Diskurs-Angebot zum Honorar von 225 000 Euro/Dollar, mindestens eine Woche 1001 Nacht, eine Weltöffentlichkeit, um das Wort zu verbreiten (der Philosophenkönig), und einen Teil der Gage kann er der Nachwuchsförderung zukommen lassen. Habermas überlegt einmal hin und einmal her und dann noch mal hin. Why not? Man könnte dort z. B. für das Existenzrecht Israels unter der Schirmherrschaft der Emire eintreten.
In den folgenden 3-5 Monaten werden von Suhrkamp, Habermas und irgendwelchen Botschaftsangehörigen die Details ausgearbeitet.
Jetzt ist erst einmal Ruhe für ein halbes Jahr in der Sache.
Allmählich rückt der Termin näher. Habermas, nicht mehr der Allerjüngste, muss sich inzwischen überlegen, was er vorträgt. Sein Vortrag wird gewiss in 50 Sprachen publiziert. Auch will man nicht für ein so hohes Honarar Zweitklassiges abliefern. Also wird das Rechercheteam in Gang gebracht. Und von dort ist es dann irgendwie nach draußen, bis zu Spiegel gelangt: Habermas nimmt einen Buchpreis der Emirate an. War da nicht was mit der WM in Katar? Irgendwas mit Vereletzung der Menschenrechte? Wie war das noch mal mit Kant im Grundstudium, denkt der Spiegelreporter. Da passt doch was nicht. Und man fragt mal nach, wie das so passt mit Horkheimer, Adorno, Kant, Menschenwürde. Vielleicht doch eher Foucaults "Anything goes", Hauptsache die Macht ist auf der richtigen Seite?
Und vermutlich reichten diese Anfragen nicht, um Habermas umzustimmen. Es bedurfte der Androhung eines shitstorms, den Suhrkamp nicht zu gewinnen glaubte (wie soll ein Verlag gegen seine Leser gewinnen können?).
Dann ging es Schlag auf Schlag. Innerhalb eines Tages war die Nummer vom Tisch - nach 18 Monaten. Solange hat Habermas gebraucht, um den Preis abzulehnen.
 
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Mendelssohn

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17 Januar 2016
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Habt ihr euch schon mal überlegt euer Philosoph ist bereits 91. Darf er keinen Fehler machen? Ist jetzt alles was er jemals gesagt oder getan hat, wertlos?
Ich schrieb ja weiter oben, dass Habermas' Lebenswerk von dieser Nummer nicht betroffen ist. Betroffen ist die Philosophie als Institution der Kritik, nicht des Geschäfts.
Ein Neunzigjähriger, der eine 1000seitige Geschichte der Philosophie schreibt, die sich zur Hälfte in der für ihn wenig vertrauten Epoche der theologischen Diskurse der Antike und des Mittelalters bewegt, erscheint mir geistig nicht eingeschränkt, sondern voll rege. Darum verdient Habermas volle Kritik und keinen Seniorenbonus.
 
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Mendelssohn

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17 Januar 2016
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Sehr geehrte Emirate,

wie Sie vermutlich der öffentlichen Berichterstattung entnehmen konnten, habe ich mich nach eingehender Recherche dazu entschlossen, den Buchpreis nicht anzunehmen. Die Ihnen dadurch entstehenden Komplikationen bei der Durchführung der Veranstaltung bedaure ich. Angesichts meines fortgeschritttenen Alters bitte ich um Verständnis für meine Entscheidung, mich als Philosoph der tagespolitischen Instrumentalisierung zu entziehen. Für die Anerkennung meines Lebenswerks im arabischen Sprachraum bedanke ich mich dennoch ohne alle Einschränkung.
J. H.
Sah so ungefähr die Absage aus?