Muslimische Gesellschaften sind komplex
Vorurteile Wir glauben zu wissen, was Islam bedeutet. Doch selbst viele Muslime wissen das immer weniger.
Die große Mehrheit der muslimischen Weltbevölkerung hat auf das amerikanische Hassvideo nicht mit Gewalt reagiert. Vor Millionen von Fernsehgeräten, in den Höfen unzählbarer Moscheen und an Hunderttausenden Abendbrottischen haben Muslime ihren Ärger, ihre Bitterkeit ausgetauscht, ohne ihre Gefühle instrumentalisieren zu lassen. So ist es in Bosnien, wo ich gerade herkomme. Und so war es damals, in der Karikaturen-Krise: Ich saß im islamischen Norden Nigerias; ein Lehrer lud mich zum Essen ein, er sagte: „Wir sind alle furchtbar verletzt.“ Dann bezahlte er meine Rechnung.
Mehrheiten aber interessieren uns nicht. Fünfhundert radikale Demonstranten in der Zehn-Millionen-Stadt Jakarta: Breaking news! Was wir „die islamische Welt“ nennen, legen wir uns nach Belieben zurecht, genauso wie den westlichen Freiheitsbegriff: Muss ein Jemenite verstehen, warum die US-Regierung jemenitische Hassprediger per Drohne exekutieren darf, während amerikanische Hassprediger die Freiheit der Kunst genießen?
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