Dabei ist der Befund, dass ein nennenswerter Teil des Kultur- und Universitätsbetriebs mit seiner Romantisierung der palästinensischen Sache, mit Verflachungen und Einseitigkeiten zumindest eine offene Flanke für Judenhass habe, nicht falsch. Nur gilt diese Kritik am allerwenigsten für dieses Land; hier zeigen sich derlei Tendenzen nur in besonders internationalisierten Segmenten, der bildenden Kunst etwa, mit Abstrichen auch in der Clubszene. Aber in Deutschland sind diese Tendenzen weit davon entfernt, tonangebend zu sein. Die deutsche Erinnerungskultur mag allzu ritualisiert sein und die immer gleichen Phrasen wiederholen. Doch vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte und als Folge der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um diese – von der Debatte zum Frankfurter Auschwitz-Prozess 1963-65 über die Kritik der 68er-Bewegung bis zu den erinnerungspolitischen Debatten der 1980er-Jahre – hat sich hierzulande, nicht nur, aber insbesondere in der kulturellen Elite und im Bildungsbürgertum, tatsächlich eine Sensibilität in Sachen Antisemitismus entwickelt. Vor 40 Jahren war Jürgen Habermas‘ Vorschlag aus dem Historikerstreit, nationale Identität nicht aus der Relativierung und Abwehr des Holocaust, sondern aus „der kritischen Aneignung der eigenen Geschichte“ zu beziehen, noch umstritten, heute ist seine Idee Allgemeingut – genau deshalb beklagen Leute wie Björn Höcke das, was sie „Schuldkult“ nennen.