Meinungsbilder

turkish talk

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19 Januar 2005
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München
Irgendwie bin ich auf ein Interview gestoßen, das Telepolis mit Uwe Krüger im Februar 2013 geführt hat. Uwe Krüger hat Journalismusforschung betrieben und ein Buch darüber rausgebracht.

In einer beeindruckenden Studie hat Krüger die Netzwerkverbindungen deutscher Spitzenjournalisten analysiert. Seine Studie, die gewaltig am pluralistisch-demokratietheoretischen Medienverständnis rüttelt, ist nun unter dem Titel"Meinungsmacht" als Buch erschienen. Ein Buch, das zu einem Standardwerk in der Journalistenausbildung und in den Redaktionen werden sollte.


Was genau haben Sie herausgefunden? Welche Journalisten verfügen über besonders gute Kontakte ins Elitenmilieu?
Uwe Krüger: Ich habe eine Art Landkarte von Organisationen und Veranstaltungen erstellt, in denen sowohl Eliten aus Politik und Wirtschaft als auch führende deutsche Journalisten involviert sind: darunter etwa das Weltwirtschaftsforum in Davos, die Münchner Sicherheitskonferenz, die Trilaterale Kommission und die Bilderberg-Meetings, aber auch die sogenannten Hintergrundkreise in Berlin, Kulturstiftungen oder Akademien. Insgesamt habe ich 82 solche Eliten-haltigen Organisationen erfasst, und es waren 64 Journalisten dort unterwegs - außerhalb ihrer direkten beruflichen Pflichten wie Recherchen oder Interviews. Am auffälligsten war der Befund, dass vier leitende Journalisten der "Süddeutschen Zeitung", der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", der "Welt" und der "Zeit" stark in US- und Nato-affinen Strukturen eingebunden waren.


Das ganze Interview ist sehr interessant und regt zum Nachdenken an ...
 
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alteglucke

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Der Journalismus hat sich von Otto Normalverbraucher in den letzten 20 Jahren um Lichtjahre wegbewegt. Ich finde, das zeigen schon die Streiks an den Tageszeitungen.
 

alteglucke

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5 Juni 2006
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Ich meine, dass Journalisten heute einfach die Leute nicht mehr kennen, für die sie berichten. Dass es die nicht tun, um die es in der von dir verlinkten Studie geht, ist fast zwangsläufig, aber trotzdem eine Katastrophe. Viel erschreckender finde ich das aber bei den Tageszeitungen, auch wenn deren Rolle zunehmend marginaler wird - auch das von den Machern weitgehend nicht verinnerlicht.

Journalismus informiert und macht Meinung. Ersteres, weil es seine Aufgabe ist und zweiteres als Folge davon. Als ich angefangen habe zu schreiben, habe ich noch gelernt, jedes wertende Adjektiv und jeden kommentierenden Halbsatz ebenso zu vermeiden wie zu große Nähe zu denen, über die ich berichtet habe. Das ist oft nicht einfach, aber zumindest war es uns bewusst. Und trotz überall eingeführter Compliance-Regeln (ich bin noch von Kommunalpolitikern zu Reisen eingeladen worden - das ist heute undenkbar) ist das heute offenbar kein Thema mehr.

Nach meiner Einschätzung wird auch die Trennung zwischen Journalismus und PR immer verschwommener. Das mag daran liegen, dass viele Verlage aus Kostengründen eigene PR-Sektionen einrichten und dahin ihre Redakteure umschichten (in der PR gibt es keine Tarifverträge). Das hat natürlich auch Folgen für die Berichterstattung.

Insgesamt sind Gehälter, Honorare und Preise auf diesem Markt in freiem Fall - und trotzdem wollen die meisten Jugendlichen heute "irgendwas mit Medien" machen. Und vor diesem Hintergrund und angesichts der Tatsache, dass die Tageszeitungen Jahr für Jahr höhere Verluste einfahren, fordern die Tageszeitungsredakteure 5,5 Prozent mehr Lohn.

Möglicherweise treibt mich ja auch der Neid, wenn ich DJV und DJU völligen Realitätsverlust unterstelle, denn von einem Redakteursgehalt inklusive einem Monatsgehalt Urlaubsgeld und einem Monatsgehalt Weihnachtsgeld kann ich nur träumen.
 

turkish talk

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19 Januar 2005
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Ich meine, dass Journalisten heute einfach die Leute nicht mehr kennen, für die sie berichten. Dass es die nicht tun, um die es in der von dir verlinkten Studie geht, ist fast zwangsläufig, aber trotzdem eine Katastrophe. Viel erschreckender finde ich das aber bei den Tageszeitungen, auch wenn deren Rolle zunehmend marginaler wird - auch das von den Machern weitgehend nicht verinnerlicht.

Okay, verstanden.

Nach meiner Einschätzung wird auch die Trennung zwischen Journalismus und PR immer verschwommener.

Ich habe etwas über ein Jahr in einer PR-Agentur gearbeitet (aber nicht als PR'ler). Immer wenn ich irgendeine Produktbeschreibung lese, muss ich lächeln.

Kleines Beispiel: http://www.heise.de/autos/artikel/Das-German-Elektroauto-2105699.html
Das German Elektroauto
Der Imagegewinn ist das eine, die Lebenswirklichkeit das andere. Das Bild, das der i3 hier abliefert, ist so überzeugend, dass der Superlativ vom zurzeit besten Elektroauto seiner Klasse nicht übertrieben ist. Das theoretisch interessante Konzept mit einer Karosserie aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff und Aluminiumfahrwerk, überflüssiger B-Säule mit hinten angeschlagenen Türen, schmalen 19-Zoll-Rädern („Large and Narrow“) plus elektrischem Heckantrieb führt praktisch zu einem ungekannt agilen Fahrerlebnis.


Typisches PR-Geschwätz. Eigentlich müsste über dem Artikel "Anzeige" stehen :) Und derartiges findet man überall auf den etwas größeren Seiten.