AW: Missionieren in der Schule
Die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Ursula von der Leyen (CDU) spricht sich für die Arbeit von "Entschieden für Christus" (EC) aus. Somit ist die Bundesregierung vermutlich der Ansicht, dass es sich nicht um eine Sekte handelt.
Dieser Text befremdet mich dann aber doch etwas:
Der Deutsche Jugendverband „Entschieden für Christus“ (EC) e.V. mit Sitz in Kassel ist seit über 100 Jahren in Deutschland engagiert für christliche Kinder- und Jugendarbeit. In wöchentlichen Gruppen werden über 40.000 junge Menschen erreicht. Zu den weiteren Arbeitsbereichen gehören die Missionarische Abteilung, (...)
Dazu möchte ich jetzt doch noch mal was ergänzen, was mir wichtig scheint, um die Sache genauer einschätzen zu können.
Es ist so: ähnlich wie bei anderen Weltreligionen gibt es auch im Christentum und innerhalb des Protestantismus unterschiedliche Strömungen. Dabei stehen liberal bis politisch links orientierte Protestanten den so genannten "evangelikalen", in den allermeisten Fragen oft sehr konservativ gesinnten und in jedem Fall bibeltreuen Protestanten gegenüber. Erstere haben mit Missionierung wenig bis gar nichts am Hut, für letztere spielt das neben der für sie wichtigen, möglichst bibeltreuen Lebensgestaltung eine recht große Rolle.
Nach allem, was ich bisher über diesen Jugendverband gelesen habe, scheint er eindeutig zum konservativ-evangelikalen Spektrum zu gehören. Das allein ist kein Kriterium für eine Sekte, mit dem Begriff wäre ich vorsichtig. Aber als denkender Mensch kommt man nicht umhin, deren Arbeit vor dem Hintergrund der stets angestrebten Missionierung kritisch unter die Lupe zu nehmen, sich sein eigenes Bild zu machen und es mit dem eigenen Wertesystem abzugleichen.
Und jetzt geb ich mir mal einen Ruck und oute mich mal, damit Ihr wisst, mit welcher "Brille" ich das sehe. Ich selbst bin katholisch erzogen, habe mit Anfang 20 den Atheismus für mich entdeckt und bin aus der Kirche ausgetreten. Über das Engagement in entwicklungspolitischen Zusammenhängen, Flüchtlingsarbeit usw. geriet ich dann auf Umwegen doch wieder in die "Fänge" der Kirche, diesmal der evangelischen, und gehörte dann eine ganze Weile (als Nicht-Kirchenmitglied und bekennende Atheistin!) einem Gremium an, das die Vergabe kirchlicher Entwicklungsgelder, so genannter KED-Mittel, auf Kirchenkreisebene koordinierte. Und die Konfliktlinien bei der Vergabe von Fördermitteln waren eigentlich immer die gleichen: Evangelikale Vertreter hätten gemäß ihrem Missionsgedanken am liebsten bevorzugt Projekte gefördert, bei denen es z.B. ausschließlich darum ging, Amtsroben für Pastoren in Afrika zu finanzieren - während die Linken oder Linksliberalen so genannte Grassroot-Projekte als Hilfe zur Selbsthilfe in den Vordergrund stellten, also z.B. Anschubfinanzierungen für Frauen-Kooperativen, Gesundheitsmaßnahmen und ähnliches. Dabei lernte ich unter anderem, dass kirchliche und politische Gremien sehr viel gemeinsam haben, auch wenn's nach außen ganz anders ausschaut. :mrgreen:
Anyway, back to topic, ich hoffe, das Beispiel hat klar gemacht, wo die Unterschiede liegen. Und dass man gut beraten ist, sich das genau anzuschauen und zu differenzieren, womit man noch zurechtkommt und womit nicht mehr. Es gibt meines Erachtens keinen Grund, "die" Evangelikalen pauschal abzulehnen, auch da gibt es - teilweise - vernünftige und einigermaßen gemäßigte Leute, aber im Großen und Ganzen sehe ich persönlich das sehr kritisch. Was dann jetzt vielleicht auch erklärt, warum ich den Religionsunterricht an der Schule meines Sohnes zurzeit mit einiger Aufmerksamkeit verfolge.
lg
anouk
ps Falls irgendjemand sich fragen sollte: vor etwa zehn Jahren bin ich konvertiert und in die evangelisch-lutherische Kirche eingetreten, weil ich der Ansicht bin, dass die Kirche in etlichen Bereichen gemeinnützige Aufgaben wahrnimmt, aus deren Finanzierung sich der Staat mehr und mehr verabschiedet. Insofern betrachte ich die Kirchensteuer als eine Art "zakar" - oder wie nennt man das im Islam?
