Türkische Mafia und die Liebe

eternelle

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AW: Türkische Mafia und die Liebe

So, ich muss erst mal sagen, es wird immer schwieriger zu schreiben.. bevor ich anfange, sehe ich mir immer die Fotos von der Zeit an, die ich beschreiben möchte. Heute tat es weh, ich hatte keine Lust, wollte schon zum Fernseher wechseln. Aber heute Abend war wieder Zeit, ein ruhiger Abend zu Hause, und irgendwie mach ich mir auch selber Druck, das endlich zu Ende zu bringen, also hab ich geschrieben. Fünf Seiten. Ich sitze seit 20 Uhr vor dem PC, jetzt ist es beinah halb 2 in der Nacht. Und ich bin froh, wieder geschrieben zu haben, anfangs mit Unlust, dann immer mehr hineinversetzt und vor meinen Augen lebendig. Aber jetzt mag ich nicht mehr :) Wie immer gilt, ich hab es auch heute nicht korrekturgelesen, ich schicke das jetzt ab, man möge mir verzeihen, wenn etwas durcheinander ist.

und liebe pluesch, ich habe deine Frage bezüglich Alkohol sehr wohl gelesen und darüber nachgedacht. Ich glaube, ich konnte sie dir im Text beantworten.
 

eternelle

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AW: Türkische Mafia und die Liebe

"Ich weinte noch lange, erklärte diese Beziehung für beendet, setzte mich meinen rasenden Gedanken aus, beobachtete den Sonnenaufgang über Kizil kale, dem roten Turm. Wir hatten einen Parkplatz, den es wohl in keinem Reiseführer gibt. Vor mir mischte sich das Morgenrot mit den roten Ziegeln des berühmten „roten Turms“. Der Anblick raubte mir den Atem und gleichzeitig war ich so unglücklich, dass mir die Tränen unaufhörlich über die Wangen flossen. "




Am späten Vormittag öffnete ich meine Augen. Ali war schon wach, saß neben mir auf dem Autositz und strahlte mich an. Er war bestens gelaunt! Er lachte, küsste mich, kitzelte mich, scherzte, wie mir denn sein „Wochenendhaus auf dem Hügel“ gefallen würde, amüsierte (!) sich über die Agaven, die bei meinen Beinen lagen, er war komplett überdreht. Wir fuhren los, blieben im Hafen stehen und gingen in ein Cafe mit Gastgarten direkt am Meer. Er wollte frühstücken und die Sonne genießen, die sich endlich wieder einmal blicken ließ. Ich war sein komplettes Gegenteil. Ich war müde, erschöpft, fühlte mich nach dieser Nacht im Autositz einfach nur schmutzig und zerknittert, sehnte mich nach einer Zahnbürste und einer Dusche.

Erst am Abend zu Hause war es dann möglich, ein wirklich gutes Gespräch mit ihm zu führen. Er konnte sich ab dem Verlassen von Deniz´ Spielhölle an nichts mehr erinnern, der Alkohol benebelte ihm komplett den Verlauf des restlichen Abends. Er wusste nicht, wieso wir heute dort aufgewacht waren. Als ich ihm von allem erzählte, reagierte er bestürzt, entschuldigte sich vielfach, nahm mich immer wieder in den Arm, beteuerte, wie sehr er mich lieben würde und wirkte tatsächlich betroffen. Genau dies sollte noch viele, viele Male wieder passieren. Oft fehlten ihm ganze Abende, meistens auch die Nächte in seiner Erinnerung, was mich zutiefst kränkte. Wenn ich mich ihm öffnete, viel von mir hergab, sei es körperlich oder in vertrauten Gesprächen, am nächsten Morgen erfuhr ich, dass er von nichts mehr etwas wusste. Er trank täglich Unmengen Bier und Raki. Ich begriff erst allmählich, dass dies für ihn Alltag war. Ich selbst trinke in Österreich höchstens einmal in der Woche, am Wochenende, Alkohol. Meine Aufenthalte bei ihm aber waren immer so sehr „Urlaub“ für mich, jeden Tag „Wochenende“, so eng verbunden mit „Party machen“, und „feiern“, dass ich ihm selber dafür den Weg ebnete und gar nicht bemerkte, dass für mich dieses Verhalten ein zeitlich begrenzter Sonderzustand, für ihn aber Alltag war.
An diesem Abend war Ali unglaublich verständnisvoll, er entschuldigte sich für sein Verhalten bei Deniz, sah seine Rücksichtslosigkeit ein, er gab mir bei allem recht, was ich sagte. „You are right, my love.“ Er versprach, mit dem Spielen aufzuhören, er versprach mir alles, was ich wollte, beteuerte geknickt seine große Liebe zu mir und bat um Verzeihung. Wie soll man mit jemandem streiten, der einem bei allem recht gibt? Er wickelte mich um den Finger, nahm mir den Wind aus den Segeln, ergab sich, noch bevor ich zum Kampf ansetzen konnte. „I am yours forever, ölene kadar seninim“

Am nächsten Tag ging mein Flieger zurück nach Österreich. Es war Anfang November und wir schmiedeten Pläne, dass ich in den Weihnachtsferien bereits wieder die Möglichkeit hätte, zu ihm zu kommen. Wir verbrachten diesen gemeinsamen letzten Abend zu Hause in beinah kitschiger Harmonie. Er eroberte mich zurück, gab mir wieder so viel Zuversicht und Hoffnung, dass alles gut werden würde. Er bemühte sich, wieder der strahlende Lebemann vom Sommer zu sein, bekochte mich, verwöhnte meinen Gaumen und meine Seele, küsste mich, als wäre es das erste Mal. Er versprach, dass zu Weihnachten dann alles anders werden würde. Und tatsächlich, Deniz habe ich bis heute nicht wieder gesehen.

Rückblickend gesehen, glaube ich, dass dieser Herbst sein Leben verändert hat. Im Juni nach 20 Monaten aus dem Gefängnis entlassen, Mitte Juli endlich ins Geschäft findend, strotzend vor Lebensfreude und Plänen. Dann die Ernüchterung. Saisonende, Oktober, kein Einkommen mehr. Der Teufelskreis des Glückspiels und Alkohol. Und dann, November, Dezember, die Versuchung des schnellen Geldes durch erneute kriminelle Machenschaften. Ali erzählte mir später, dass Mafia Mitglieder nie länger als ein, zwei Monate im Gefängnis wären, es würden genug Gelder fließen, um sie herauszuholen. Interessant, dass sich Alis Gefängnisaufenthalte davor stets auf um die 2 Monate beliefen…Ich glaube, dass er sich wieder darauf einließ, vielleicht schon während meinem 5 tägigen Aufenthalt, mit Sicherheit aber danach. Er war wieder ein Mafioso. Und ich wusste nichts davon, ahnte nicht einmal irgendetwas.
 

eternelle

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AW: Türkische Mafia und die Liebe

Meine Sorge war alleinig auf seine Spiel- und Alkoholsucht fokussiert. Wir telefonierten wieder mehrmals täglich und ich fühlte ihm auf den Zahn, wo ich nur konnte. Nach ein paar Tagen begann es erstmalig, dass ich ihn telefonisch nicht erreichen konnte. Er hob einfach nicht ab. Ich wusste genau, dass er wohl mitten in einem Kartenspiel sei und nicht sprechen konnte. Stunden später rief er mich zurück. Er log mich nie an, sondern erzählte mir immer, wie viel er wieder verloren hatte. Nach meinem Monolog wieder sein „You are right“. Ich war verzweifelt, wir drehten uns im Kreis. Ich wollte auch nicht akzeptieren, dass es Momente gab, in denen er nicht erreichbar war. In einer Beziehung auf solch räumliche Distanz erwarte und verlange ich eine permanente Möglichkeit ihn sprechen zu können. Er verlangte dies ja auch von mir. Er rief mich zu den unmöglichsten Zeitpunkten an und wollte von mir hören, dass ich ihn liebe. Dies war für ihn dann der Beweis, dass kein anderer Mann neben mir sein konnte. Ich weiß nicht, an wie vielen Supermarktkassen oder Bankschaltern ich ein gequältes „I love you“ in mein Handy nuschelte, nur des lieben Friedens willen. Das verlangte ich jetzt auch. Zumindest ein jederzeitiges Abheben und mich bitten später anzurufen. Damit war ich schon zufrieden, aber ignoriert zu werden, das hielt ich nicht aus. Es ging ein paar Tage gut, dann musste ich wieder 20mal anrufen, bis er endlich abhob und meinte, dass er sich später meldet. Ich rotierte. Ich hätte ihm außerdem noch zu der Nacht Anfang November so viel zu sagen gehabt. Es gab so viele Dinge, die ich nicht akzeptierte. Die Hürden einer Fernbeziehung begannen langsam mir ein Bein nach dem anderen zu stellen. Ich war unzufrieden, voller Sorge, fühlte mich machtlos und vor allem einflusslos. Mir waren die Hände gebunden, ich musste wieder zu ihm, um irgendetwas tun zu können.


Mitte Dezember versuchte ich ihn wieder vergeblich zu erreichen. Es wurde Abend, er rief nicht zurück. Ich blieb bis nach Mitternacht wach, wartete, rief ihn unzählige Male an. Es war das erste Mal seit 4 Monaten, dass wir uns einen Tag nicht hörten. Ich verbrachte den Tag damit, auf mein Handy zu starren und seine Nummer zu wählen. Nichts. Am Abend ertönte nicht einmal mehr das Freizeichen, sein Handy war ausgeschaltet. Vier Tage lang war seine Nummer nicht erreichbar. Ich war mit meinen Nerven am Ende, ich wusste nicht was los war. War ihm etwas zugestoßen, war er wieder im Gefängnis, hatte er sein Handy verloren samt meiner Nummer? Ich rief in seinem Travel-Office vom Sommer an, gelang nur an einen weder englisch- noch deutschsprechenden Mann. Soweit mein türkisch reichte, verstand ich, dass dieser Mann Ali zwar kannte, aber nicht wusste, wo er ist. Ich suchte mir im Internet Telefonnummern von Krankenhäusern heraus, suchte auf dem Stadtplan die Adresse von Deniz, um sie zu erreichen. Alles vergeblich. Wollte er nichts mehr mit mir zu tun haben? Werde ich ihn nie wieder hören oder sehen? Liebt er mich nicht mehr? Ich war krank vor Sorge, konnte kaum arbeiten, geschweige denn essen und schlafen. Wut und Verzweiflung teilten sich die Stunden meines Tages. Am fünften Tag kam ein sms „Dont worry, my love. I have some problems. I´ll call you, I am yours forever, Dein Mann Ali“ Ich brach in Tränen aus, ich weinte so bitterlich vor Freude über seine Liebe, vor Sorge um ihn und vor Erleichterung, dass er lebt. Es zeigte mir auch so deutlich, wie viel ich für diesen Mann empfand, wie sehr ich ihm mein Herz geöffnet hatte, ich konnte mir ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen! Es erschien mir sinnlos, grau und nicht lebenswert. Er war der Mann meines Lebens, ich wollte zu ihm und für immer bei ihm bleiben. Und ich vermisste ihn so sehr! Ich brauchte seine Stimme am Telefon, ich war süchtig nach seinen Liebesschwüren, die Spielsucht sei Nebensache, solange wir nur zusammen sein können.
 

eternelle

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Es vergingen noch weitere zwei Tage bis er anrief. Er erzählte mir, dass es bei einem seiner Spielabenden zu einem Handgemenge kam. Er „schubste“ jemanden, der unglücklich stürzte und bewusstlos am Boden liegen blieb. Die Polizei kam und nahm Ali mit, obwohl sich dieser natürlich keiner Schuld bewusst war. Der andere Mann lag wohl einige Tage im Koma im Krankenhaus. Ali war in Gewahrsam in Untersuchungshaft, musste sein Handy abgeben. Erst als der Mann im Krankenhaus wieder zu Bewusstsein kam, konnte dieser die Unschuld Alis bestätigen und er wurde daraufhin freigelassen. Was für eine haarsträubende Geschichte! Ich fragte etliche Male nach, wollte Details, Kleinigkeiten waren mir unklar. Ali wich aus oder verstrickte sich in Ungereimtheiten. Ich äußerte meine Skepsis, ließ es aber dann gut sein. Ich war zu erleichtert „meinen Mann“ wieder am „Ohr“ zu haben, als sich sofort auf einen Streit einzulassen. Heute gehe ich davon aus, dass es durchaus einen Verletzten gab, mit Sicherheit auch Ali, der jemand anderem etwas antat, mit aller Wahrscheinlichkeit sogar die Polizei. Es ging nur sicher nicht um ein harmloses Handgemenge und der Verletzte war sicher auch nicht derjenige, der Ali entlastete. Ich glaube, dass hier das Geld das Entlastende war, welche kriminelle Verbindungen aufbrachten, um ihren Kollegen für einen erledigten Auftrag zu entschädigen. Wie ich im Februar erfahren sollte, gab es selbst bei der Polizei in Alanya einen Herrn, zu dem Ali gute Beziehungen pflegte. Und wie ich mich zurückerinnerte, war auch das Fahren ohne Führerschein östlich von Alanya kein Problem, weil Ali auch dort „gute Beziehungen“ zur Polizei hatte. Seltsam, dass ein mehrmals straffällig gewordener Krimineller derart gute Beziehungen zur Exekutive pflegt…

Ich aber blieb in jenem Dezember weiterhin in meinem Dornröschenschlaf und war wieder, die Distanz nährt wohl das Feuer der Leidenschaft, bis über beide Ohren verliebt. Dennoch hielt mich irgendetwas davon ab, einen Flug zu buchen. Ich schob es immer weiter hinaus. Ich war finanziell nicht mehr wirklich abgesichert, für Weihnachtsgeschenke musste mein Überziehungsrahmen herhalten. Der Flug würde nicht billig sein zu den Weihnachtsfeiertagen und wie ich „uns“ kannte, würden wir wieder Unmengen an Geld fürs Fortgehen und Essen gehen brauchen, was meist ich bezahlte. Er hatte genug damit zu tun, Geld für seine Miete, Lebenserhaltungskosten und Lebensmittel zu „organisieren“, dass ich meist für unsere Raki-Abende aufkam. Die Vorweihnachtszeit ist für mich eine besonders arbeitsintensive Zeit, auch privat gibt es genug zu tun. Also konzentrierte ich mich vollends auf die Feiertage mit meiner Familie, verbrachte eine wunderschöne Zeit. Der 24., 25., 26. Dezember vergingen wie im Flug. Ali wurde jeden Tag ungeduldiger, ich hingegen suchte eher halbherzig nach Lastminute Angeboten. Es war hoffnungslos. Jeder Flug sprengte mein Budget, selbst meine Freunde rieten mir dazu, die Semesterferien im Februar abzuwarten und dafür schon frühzeitig zu buchen. Am 29. Dezember erhielt ich vormittags einen Anruf von Ali. Er bat mich sofort auf die Post zu gehen, er habe mir per Western Union 200€ geschickt, ich solle bitte endlich einen Flug buchen. Ich wunderte mich keine Sekunde, woher er plötzlich das Geld hatte, das war immerhin für ihn eine Monatsmiete. Noch am gleichen Vormittag buchte ich einen Flug für den nächsten Tag. Es ging alles zu schnell, erst im Flugzeug realisierte ich, dass ich Silvester in der Türkei verbringen würde. Ich konnte bis 6.Jänner, eine ganze Woche, bei ihm bleiben, am 7.Jänner musste ich wieder arbeiten. Ich war außer mir vor Freude und Sehnsucht.

Am Flughafen dann das Wiedersehen. Er war wieder unbeschwerter, lachte mich an, umarmte mich mit so viel Kraft und Leidenschaft. Ich himmelte ihn an, vergessen jegliche Diskrepanzen von Anfang November. Geht man zwei Monaten einem Problem aus dem Weg, spricht es nicht ordentlich an, weil man die Möglichkeit dazu nicht hat, und jeder ein anderes Leben führt, dann löst es sich kurzzeitig in Luft aus. Bis es irgendwann ganz plötzlich mit all seiner Hässlichkeit wieder vor einem steht…Man kann sich sehr vieles schön denken und die Augen verschließen, wo man doch schon längst hinsehen hätte sollen. Aber das erkennt man meist erst, wenn es zu spät ist.
 

eternelle

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AW: Türkische Mafia und die Liebe

Diesmal war kein Freund oder Cousin am Steuer, der uns abholte. Ein auf Hochglanz poliertes Auto wartete auf uns. Am Steuer saß ein junger Mann, kurze Haare, Brille, gepflegte, seriöse Erscheinung. Er trug zu meinem Erstaunen einen Anzug samt Krawatte und wirkte auf mich eher als erfolgreicher Geschäftsmann, als seine bisherigen Freunde, die ich bis jetzt kennenlernte, die eher im sozial schwächeren Umfeld anzusiedeln waren. Wir nahmen auf der Rückbank Platz, hatten uns so viel zu sagen, sahen uns immer wieder unzählige Sekunden tief in die Augen, verschlangen uns gegenseitig mit Blicken und zärtlichen Küssen. Ich liebte diesen Mann so sehr! Auf meine Frage, wer denn dieser Mann sei, der fahre, erfuhr ich nur ein „ später…“. Nach zwei Stunden in Alanya ankommend, erfuhr ich es dann. „Chauffeur from Mafia“.
Ich fiel aus allen Wolken. Sofort protestierte ich, dass ich damit nichts zu tun haben will! Warum um alles in der Welt, und ich dachte, er hatte nur in seiner Vergangenheit ganz entfernt damit zu tun gehabt. Ich hatte nur damals, kurz nach unserem Kennenlernen auf dem Boot, davon gehört. Er hatte dann nie wieder etwas davon erwähnt und mich gruselte davor, näheres davon zu erfahren, geschweige denn, von einem Mafiachauffeur herumkutschiert zu werden. Ali bedachte meine Aufregung mit Stirnrunzeln und nachdenklichem Blick. Er meinte dann, es gäbe da einen Freund von „früher“, dem dieses Auto gehöre. Ali fand niemanden, der mich abholen würde. Also wandte er sich an diesen „alten Freund“. Er hat ihm das Auto dann samt Chauffeur geborgt. Dies sollte mich erstmal beruhigen und das tat es auch. Unsere gemeinsame Zeit war immer so zeitlich begrenzt, dass ich mir so oft dachte. „Ach, was solls, ich möchte jetzt nicht streiten…“ Tödlich für eine Fernbeziehung, die so viele Geheimnisse in sich birgt.
Am nächsten Tag war Silvester. Ich amüsierte mich köstlich darüber, dass in vielen Fenstern beleuchtete Christbäume standen, im Fernsehen der Weihnachtsmann quer durch alle Kanäle hüpfte. Erstens, waren wir hier in einem muslimischen Land und zweitens, war doch Weihnachten schon vorbei! Wird bei uns die Weihnachtsdeko abmontiert, wird in der Türkei erst mal für Silvester alles aufgebaut. Ali verblüffte mich, als er meinte, „natürlich, today is christmas!“. Irgendetwas haben da die Türken missverstanden…am Silvesterabend übernehmen sie sämtliche Bräuche der christlichen Welt. Im Fernsehen diverse Galas mit einem riesengroßen Christbaum samt Geschenken rundherum, im Radio „Jingle Bells“ und diverse andere Weihnachtslieder, Weihnachtsmänner wohin man schaut. Möchte man am Silvesterabend fortgehen, muss man ein „christmas dinner“ einnehmen. Ich war verwirrt, amüsiert, ich feierte hier ein zweites Mal Weihnachten. Wird man in „meiner Welt“ durch die Berichterstattung der Medien über fundamentalistische islamistische Gewaltszenarien beeinflusst, so sitze ich hier in einem dieser bösen muslimischen Länder, sehe mir den christlichen Weihnachtsmann im Fernsehen an, der mit seinem „Ho ho ho“ beinahe zum „Jingle Bells“ im Radio zum Kanon antritt. Ich war begeistert. Die Menschen strahlen eine warmherzige Unbeschwertheit aus, wünschen sich gegenseitig ein gutes neues Jahr, so wie ich es hierzulande nur von der Weihnachtszeit her kenne. Aber eben genau so ist es. Eben genau die Stimmung stimmt auch, es ist Weihnachten, am 31. Dezember.
Ich habe von Österreich eine Flasche Sekt mitgenommen, nicht ahnend, welch Aufmerksamkeit ich damit erregen würde. Hätte ich dies geahnt, hätte ich mehr mitgenommen, um wenigstens zu einem zweiten Glas zu kommen. Vergleichbares gibt es wohl hier nicht, Arten von Schaumweinen zwar, die allesamt angeblich sehr süß sein sollen. Ein normaler, durchschnittlicher Sekt begeisterte in Alanya ein ganzes Lokal!
Ali brachte mich in ein kleines, gemütliches Lokal. Er war ganz festlich aufgestylt, silbergrauer Anzug über schwarzem Hemd, frisch rasiert. Auch ich hatte mich extra hübsch gemacht. Ich wage zu behaupten, dass wir ein wunderbar anzusehendes, verliebtes, glückliches Pärchen waren. Das Lokal amüsierte mich wieder. Weihnachtsgirlanden, wohin das Auge reichte, an jedem Tisch Partyhütchen und Faschingsschlangen. Wir nahmen einen Tisch, zugleich das klassische „christmas dinner“, Hühnchen mit Reis, ein. Dazu eine Raki Tafel mit unzähligen Vorspeisen, Obst, Aufstrichen, Börek, Weinblättern und und und. Wir ließen es uns so richtig gut gehen! Meine Sektflasche am Tisch, die wir gemeinsam um Punkt Mitternacht öffneten. Freunde von Ali kamen immer wieder in das Lokal, setzten sich zu uns an den Tisch, tanzten zur Live-Musik, wir hatten an diesem Abend so viel Spaß. Ich kann mir bis heute nicht erklären, warum mir nicht auffiel, wo ich mich da befand. Am Nebentisch saßen zwei transsexuelle junge Männer, die sich so herausgeputzt hatten, dass es beinahe anzüglich wirkte, wie sie versuchten, ihre weibliche Seite zur Schau zu stellen. Hochhackige Lackstiefel in grobmaschigen Netzstrumpfhosen unter frech rot-schwarz kariertem ultrakurzem Minirock. Ein dicker schwarzer Gürtel hob ihre Wespentaille von einem rot-schwarz gestreiften hautengen Oberteil ab. Tage später kam ich mit einer von ihnen ins Gespräch. Sie sprach exzellentes Englisch und erzählte mir, dass sie hier auf Freier warte. Sie habe ihr Handy immer parat, sie sei auch für Telefonsex zu haben, und verließe öfter mal kurz das Lokal dafür. Ich unterhielt mich lange mit ihr über Einstellungen der Türkei und Österreich Transsexuellen gegenüber und dem Straßenstrich allgemein. Ich mochte sie. Es war befreiend, mit jemandem, außer Ali, fließend reden zu können, und sie war eine intelligente junge Frau.
An diesem Silvesterabend wechselte sich ein Sänger mit einer Sängerin ab, die mit dem Mikro direkt zu den Tischen kamen, sich dazusetzen und für Stimmung sorgten. Ich liebte es, die türkische Musik, live gesungen hat schon ein besonderen Reiz. Es wunderte mich auch nicht weiter, dass der Sänger in hautengem, langärmlichem, durchsichtigem Netzstrumpf T-Shirt auftrat, schwarze Samthandschuhe trug, über denen sich protzige Modeschmuckringe befanden. Er war so stark geschminkt, dass seine Wimpern drohten vor Last abzufallen. Ich fand ihn göttlich, seine Stimme war einzigartig. Irgendwann einmal begann ich mich umzusehen und meine Augen von Ali und den Sängern abzuwenden. Ich sah rund um mich nur Schönheiten von Frauen in Begleitung weniger attraktiver Herren. Die Damen waren allesamt unverschämt faszinierend. Man sah nur Modelmaße in kurzen, engen Kleider, High-Heels, langen blonden Haaren. Ich sprach Ali darauf an, ich war fassungslos. Er lächelte nur sanft, küsste mich, beteuerte, dass er die ohnehin alle nicht sehe, und nur mich in seinem Kopf habe. So hatte ich das gar nicht gemeint, es war mein ehrliches Interesse, warum hier ein Model dem anderen den Türknauf in die Hand gibt. Wieder erfuhr ich erst später von Frauenhandel, von den diversen Gruppierungen der Mafia: Schutzgeld-, Waffen-, Drogen-, Glücksspiel- und Frauenhandelmafia, mit denen ich allen bereits Kontakt hatte oder noch bekommen sollte.
 

eternelle

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AW: Türkische Mafia und die Liebe

Ich war an diesem Silvesterabend so dermaßen unbeschwert und glücklich, hatte nur Augen für meinen Ali, amüsierte mich so sehr über die türkische Art Silvester zu feiern.
Den nächsten Tag verbrachten wir zu Hause im Pyjama, schlafend, essend, dösend, kuschelnd. Tags darauf verließen wir wieder das Haus, trafen in der Hauptstraße, als wir auf einen Kaffee gingen, ein paar Männer, die sich sofort aufgeregt zu uns setzten. Ich bemerkte die angestrengte, wohl wichtige Unterhaltung und verabschiedete mich. Ich nahm mir etwas Auszeit um Mitbringsel für Freunde zu besorgen und allein zu bummeln. Es war ein unbeschreibliches Gefühl durch die Straßen von Alanya zu gehen und sich in der Nebensaison eben nicht als Tourist zu fühlen. Ich fühlte mich ein Stück zu Hause. Ich kannte mittlerweile die Umgebung seiner Wohnung, die Seitengassen, die kleinen Geschäfte, in die sich nur „Einheimische“ verirren. Ich habe schwarze, lange Haare, dunkle Augen, höre immer wieder, dass ich eher wie eine Südländerin wirke. Oft sprach man mich im Supermarkt auf türkisch an, ich verstand, schwieg dazu, handelte richtig, also war ich auf den ersten Blick nicht als Tourist erkennbar. Entlarvte mich jemand und sprach mich auf „Souvenirs“ an, erntete er nur ein geschäftiges „zamanim yok“ von mir. Das hieß so viel wie „ich habe keine Zeit“. Ich hinterließ oft verwunderte Touristenjäger, die sich nicht sicher waren, wen sie da jetzt angesprochen hatten. Kurzum, ich fühlte mich wohl in diesem Land, in dieser Stadt, unweit von Alis Wohnung. Und ich liebte diese Sprache, deren Klang für mich so wohlig klingt, wie ein heißer Punsch an einem eiskalten Wintertag. Ich kam zurück zu dem Kaffeehaus, ein Mann war noch bei Ali, der aber gerade zahlte und am Gehen war. Ali war leichenblass, seine Augen waren aufgerissen, vor ihm lag eine Zeitung, und er starrte ins Leere. Ich erkannte sofort die Lage, nahm seine Hand, und fragte, was los sei. Er zeigte wortlos auf einen Zeitungsartikel. Ich hatte meine Mühe zu verstehen, was dort stand. Ich verstand „Leiche-Meer-gefunden-Hände“, das war alles. Wie immer war er so unbeschreiblich stolz, wenn ich etwas türkisch verstand, küsste mich liebevoll, ergriff wieder meine Hand und erzählte mir, dass ein Freund von ihm im Meer gefunden wurde. Seine Hände und Beine waren gefesselt, so wurde er ins Meer geworfen und er ertrank qualvoll. Es sei ein Werk der Mafia gewesen. Zu diesem Zeitpunkt hörte ich erst das dritte Mal das Wort „Mafia“ aus seinem Mund. Zuerst im Sommer von ihm von vergangenen Zeiten, dann erst wieder vorgestern der Chauffeur und jetzt das dritte Mal. Ich verstand noch immer nichts. Ich dachte, er hätte keine Probleme mit der Mafia. Jetzt klärte er mich auf über die verschiedenen Gruppierungen, würde sich etwa Drogen und Waffenmafia in den Haaren liegen, könne es schon zu so was kommen….oder der Freund, der da als Leiche im Hafen von Alanya angeschwemmt wurde, habe nicht bezahlt, wofür er bezahlen hätte sollen. Man weiß es nicht. Als Warnschuss und Zeichen der Mafia zähle ein ausgestochenes Auge oder ein Schuss ins Bein, dass man zu solchen Mitteln greift, heißt dann schon, dass der es arg übertrieben haben muss. Erst jetzt fielen mir die paar Spieler bei Deniz wieder ein, die nur mehr ein Auge hatten…

Mich gruselte, mit so was war ich in Österreich in meiner kleinen heilen Welt noch nie konfrontiert. Die Donau schwemmt selten Leichen an, und wenn, hab ich bestimmt gar nichts damit zu tun, nicht mal im Entferntesten, ich kenn nicht mal jemanden, der jemanden kennt, der jemanden kennen könnte, der damit zu tun hat.
Ich begann hellhörig zu werden. Noch viel zu oft stand mir meine unschuldige Denkensweise im Weg, aber dies war immerhin der Beginn, der mich dazu bewegte, skeptisch zu werden und manchmal genauer hinzusehen.
 

rüzgar

Well-Known Member
AW: Türkische Mafia und die Liebe

Eternelle, ich danke Dir, dass Du weitergeschrieben hast!
Mehr kann ich momentan gar nicht dazu sagen,
Deine Geschichte wirkt gerade nach -
bin sprachlos...
 

Nina1982

New Member
AW: Türkische Mafia und die Liebe

Ich muss mir immer wieder in Erinnerung rufen, dass das nicht nur eine spannende fesselnde Geschichte ist, die ich hier lese, sondern dass das in der Realität passiert ist.

Das macht mich dann auch echt ein wenig sprachlos...insbesondere weil ich auch oft in Alanya bin...

Danke für´s weiterschreiben!
 

Lady Yumus

Well-Known Member
AW: Türkische Mafia und die Liebe


Letztens kam eine Reportage über Frauenhandel und damit verbundene Zwangsprostitution in Antalya! Ich war wirklich sehr geschockt darüber! Junge arbeitslose Frauen kamen vorzugsweise aus "Ostblockländern" mit einer Landsmännin nach Istanbul, im Glauben dort Arbeit (im Hotel oder als Kellnerin) zu finden. Dann wurden sie von ihr zu ihrem "Arbeitgeber" gebracht. Die Mittlerin bekam 1000 USD pro Frau und ging... Die Frauen wurden dann erst einmal "getestet", mißhandelt und geschlagen um im Anschluß nach Antalya gebracht zu werden, wo ihre Dienste dann verkauft wurden. Die meisten Zuhälter hatten Freundinnen aus diesen Ländern (Ukraine etc.), die diese Machenschaften unterstützten! :shock: Es ist wirklich SCHLIMM, was im Untergrund dort abläuft...

Vor 2 Jahren verbrachten wir den Winter bei einem "Bekannten" in Antalya, weil wir kein Geld für eine Bleibe zum überwintern hatten. Die Gegend in der wir lebten war nachts "gefährlich" und wir konnten nach Sonnenuntergang nicht mehr rausgehen, aus Eigenschutz. Jetzt wo du erwähnt hast, dass vielen als Strafe von der Mafia ins Bein geschossen wird, kommt mir in Gedanken wieder hoch, dass ich in der Umgebung so manchen humpelten Mann gesehen habe. :shock: Ich bin echt mehr als froh, dass uns damals nichts passiert ist...
Vor allem, weil wir einmal beim Bettenmachen diverse Knarren und Munition unter unserem Bett gefunden haben...
 
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