AW: Türkische Mafia und die Liebe
Diesmal war kein Freund oder Cousin am Steuer, der uns abholte. Ein auf Hochglanz poliertes Auto wartete auf uns. Am Steuer saß ein junger Mann, kurze Haare, Brille, gepflegte, seriöse Erscheinung. Er trug zu meinem Erstaunen einen Anzug samt Krawatte und wirkte auf mich eher als erfolgreicher Geschäftsmann, als seine bisherigen Freunde, die ich bis jetzt kennenlernte, die eher im sozial schwächeren Umfeld anzusiedeln waren. Wir nahmen auf der Rückbank Platz, hatten uns so viel zu sagen, sahen uns immer wieder unzählige Sekunden tief in die Augen, verschlangen uns gegenseitig mit Blicken und zärtlichen Küssen. Ich liebte diesen Mann so sehr! Auf meine Frage, wer denn dieser Mann sei, der fahre, erfuhr ich nur ein „ später…“. Nach zwei Stunden in Alanya ankommend, erfuhr ich es dann. „Chauffeur from Mafia“.
Ich fiel aus allen Wolken. Sofort protestierte ich, dass ich damit nichts zu tun haben will! Warum um alles in der Welt, und ich dachte, er hatte nur in seiner Vergangenheit ganz entfernt damit zu tun gehabt. Ich hatte nur damals, kurz nach unserem Kennenlernen auf dem Boot, davon gehört. Er hatte dann nie wieder etwas davon erwähnt und mich gruselte davor, näheres davon zu erfahren, geschweige denn, von einem Mafiachauffeur herumkutschiert zu werden. Ali bedachte meine Aufregung mit Stirnrunzeln und nachdenklichem Blick. Er meinte dann, es gäbe da einen Freund von „früher“, dem dieses Auto gehöre. Ali fand niemanden, der mich abholen würde. Also wandte er sich an diesen „alten Freund“. Er hat ihm das Auto dann samt Chauffeur geborgt. Dies sollte mich erstmal beruhigen und das tat es auch. Unsere gemeinsame Zeit war immer so zeitlich begrenzt, dass ich mir so oft dachte. „Ach, was solls, ich möchte jetzt nicht streiten…“ Tödlich für eine Fernbeziehung, die so viele Geheimnisse in sich birgt.
Am nächsten Tag war Silvester. Ich amüsierte mich köstlich darüber, dass in vielen Fenstern beleuchtete Christbäume standen, im Fernsehen der Weihnachtsmann quer durch alle Kanäle hüpfte. Erstens, waren wir hier in einem muslimischen Land und zweitens, war doch Weihnachten schon vorbei! Wird bei uns die Weihnachtsdeko abmontiert, wird in der Türkei erst mal für Silvester alles aufgebaut. Ali verblüffte mich, als er meinte, „natürlich, today is christmas!“. Irgendetwas haben da die Türken missverstanden…am Silvesterabend übernehmen sie sämtliche Bräuche der christlichen Welt. Im Fernsehen diverse Galas mit einem riesengroßen Christbaum samt Geschenken rundherum, im Radio „Jingle Bells“ und diverse andere Weihnachtslieder, Weihnachtsmänner wohin man schaut. Möchte man am Silvesterabend fortgehen, muss man ein „christmas dinner“ einnehmen. Ich war verwirrt, amüsiert, ich feierte hier ein zweites Mal Weihnachten. Wird man in „meiner Welt“ durch die Berichterstattung der Medien über fundamentalistische islamistische Gewaltszenarien beeinflusst, so sitze ich hier in einem dieser bösen muslimischen Länder, sehe mir den christlichen Weihnachtsmann im Fernsehen an, der mit seinem „Ho ho ho“ beinahe zum „Jingle Bells“ im Radio zum Kanon antritt. Ich war begeistert. Die Menschen strahlen eine warmherzige Unbeschwertheit aus, wünschen sich gegenseitig ein gutes neues Jahr, so wie ich es hierzulande nur von der Weihnachtszeit her kenne. Aber eben genau so ist es. Eben genau die Stimmung stimmt auch, es ist Weihnachten, am 31. Dezember.
Ich habe von Österreich eine Flasche Sekt mitgenommen, nicht ahnend, welch Aufmerksamkeit ich damit erregen würde. Hätte ich dies geahnt, hätte ich mehr mitgenommen, um wenigstens zu einem zweiten Glas zu kommen. Vergleichbares gibt es wohl hier nicht, Arten von Schaumweinen zwar, die allesamt angeblich sehr süß sein sollen. Ein normaler, durchschnittlicher Sekt begeisterte in Alanya ein ganzes Lokal!
Ali brachte mich in ein kleines, gemütliches Lokal. Er war ganz festlich aufgestylt, silbergrauer Anzug über schwarzem Hemd, frisch rasiert. Auch ich hatte mich extra hübsch gemacht. Ich wage zu behaupten, dass wir ein wunderbar anzusehendes, verliebtes, glückliches Pärchen waren. Das Lokal amüsierte mich wieder. Weihnachtsgirlanden, wohin das Auge reichte, an jedem Tisch Partyhütchen und Faschingsschlangen. Wir nahmen einen Tisch, zugleich das klassische „christmas dinner“, Hühnchen mit Reis, ein. Dazu eine Raki Tafel mit unzähligen Vorspeisen, Obst, Aufstrichen, Börek, Weinblättern und und und. Wir ließen es uns so richtig gut gehen! Meine Sektflasche am Tisch, die wir gemeinsam um Punkt Mitternacht öffneten. Freunde von Ali kamen immer wieder in das Lokal, setzten sich zu uns an den Tisch, tanzten zur Live-Musik, wir hatten an diesem Abend so viel Spaß. Ich kann mir bis heute nicht erklären, warum mir nicht auffiel, wo ich mich da befand. Am Nebentisch saßen zwei transsexuelle junge Männer, die sich so herausgeputzt hatten, dass es beinahe anzüglich wirkte, wie sie versuchten, ihre weibliche Seite zur Schau zu stellen. Hochhackige Lackstiefel in grobmaschigen Netzstrumpfhosen unter frech rot-schwarz kariertem ultrakurzem Minirock. Ein dicker schwarzer Gürtel hob ihre Wespentaille von einem rot-schwarz gestreiften hautengen Oberteil ab. Tage später kam ich mit einer von ihnen ins Gespräch. Sie sprach exzellentes Englisch und erzählte mir, dass sie hier auf Freier warte. Sie habe ihr Handy immer parat, sie sei auch für Telefonsex zu haben, und verließe öfter mal kurz das Lokal dafür. Ich unterhielt mich lange mit ihr über Einstellungen der Türkei und Österreich Transsexuellen gegenüber und dem Straßenstrich allgemein. Ich mochte sie. Es war befreiend, mit jemandem, außer Ali, fließend reden zu können, und sie war eine intelligente junge Frau.
An diesem Silvesterabend wechselte sich ein Sänger mit einer Sängerin ab, die mit dem Mikro direkt zu den Tischen kamen, sich dazusetzen und für Stimmung sorgten. Ich liebte es, die türkische Musik, live gesungen hat schon ein besonderen Reiz. Es wunderte mich auch nicht weiter, dass der Sänger in hautengem, langärmlichem, durchsichtigem Netzstrumpf T-Shirt auftrat, schwarze Samthandschuhe trug, über denen sich protzige Modeschmuckringe befanden. Er war so stark geschminkt, dass seine Wimpern drohten vor Last abzufallen. Ich fand ihn göttlich, seine Stimme war einzigartig. Irgendwann einmal begann ich mich umzusehen und meine Augen von Ali und den Sängern abzuwenden. Ich sah rund um mich nur Schönheiten von Frauen in Begleitung weniger attraktiver Herren. Die Damen waren allesamt unverschämt faszinierend. Man sah nur Modelmaße in kurzen, engen Kleider, High-Heels, langen blonden Haaren. Ich sprach Ali darauf an, ich war fassungslos. Er lächelte nur sanft, küsste mich, beteuerte, dass er die ohnehin alle nicht sehe, und nur mich in seinem Kopf habe. So hatte ich das gar nicht gemeint, es war mein ehrliches Interesse, warum hier ein Model dem anderen den Türknauf in die Hand gibt. Wieder erfuhr ich erst später von Frauenhandel, von den diversen Gruppierungen der Mafia: Schutzgeld-, Waffen-, Drogen-, Glücksspiel- und Frauenhandelmafia, mit denen ich allen bereits Kontakt hatte oder noch bekommen sollte.