AW: Wie geht ihr mit dem Verlust einer Person um?
... herzlich Beileid auch von mir, Orientexpress. Einen geliebten Menschen zu verlieren, tut weh, und ich glaub, um so mehr, je weniger man damit rechnet. Man wünscht sich, die Welt möge stillstehen oder doch wenigstens für einen Moment innehalten, aber sie tut es nicht, stattdessen dreht sie sich weiter und weiter und weiter... Früher ging es mir wie Hatice, ich war dann auch wie erstarrt, und die Gefühle kamen erst später raus. Vor allem, als mein Vater gestorben ist, er starb an Lungenkrebs, es zog sich über Wochen hin, und die Ärzte konnten nichts mehr für ihn tun. Ich war jede Nacht bei ihm in der Klinik, und meine Schwester jeden Tag. Wir lösten einander ab. Später kam noch mein Onkel. Draußen war es noch kalt, aber vor dem Fenster blühte schon ein Magnolienbaum. Ich begann wieder an Gott zu glauben. Ich las in der Bibel und begann zu beten, obwohl ich den Glauben, in dem ich erzogen worden war, eigentlich ablehnte. Aber ich wußte nicht, was ich sonst tun konnte. Keine Idee. Ich hatte mit den Ärzten geredet und wußte, dass Papa sterben würde, aber er wollte es nicht wahrhaben. Er kämpfte. Er war erst 57. Später kämpfte er nicht mehr. Er sagte, ich solle auf meine Geschwister aufpassen. Ich sagte, er solle sich keine Sorgen machen. Wir schaffen das schon. Dann starb er, am 10. April 1986, morgens um 7 Uhr. Beschönigend könnte man sagen: Es war ein sanfter Tod. Das habe ich auch allen erzählt, nur einer Freundin nicht. Denn in Wahrheit war sein Tod, was Simone de Beauvoir beschrieb: ein unverschuldeter Gewaltakt. Ich weiß es, denn ich war dabei und hielt seine Hand. - Es kann auch anders sein, glaube ich inzwischen. Je nachdem, ob jemand gelebt, sich ausgelebt und seinen Frieden mit allem gemacht hat. Mein Vater hatte es schwer, weil er sich um uns Kinder gesorgt hat, und weil er noch so viel wollte im Leben; das hat es ihm schwer gemacht. Andere Menschen, die alt sind, abgeklärter, oder die die Dinge um sich herum einfach nur geordnet und in guten Händen wissen, gehen vielleicht einfacher. Leichtfüßiger. Mit leichtem Gepäck und nicht in der Furcht, etwas Unwiederbringliches versäumt zu haben.
Es ist egal, ob man dabei ist oder nicht, Orientexpress. Es spielt keine Rolle. Deine Großmutter wäre bestimmt nicht gegangen, wenn noch etwas Ungeklärtes zwischen Euch gestanden hätte. Es mag radikal klingen, aber es ist egal, ob man sich noch einmal gesehen hat oder nicht - jedes Mal kann das letzte Mal sein. Kann. Alte Menschen wissen das, sie sagen es nur nicht. Sie lassen von Wiedersehen zu Wiedersehen los, glaube ich, mit einer Weisheit, die wir Jungen (relativ Jungen..) noch gar nicht kennen. Alles Weitere liegt immer nur in Gottes Hand. Man weiß es nicht. Wer kennt denn die Zukunft?
Auch ich hatte Schuldgefühle, damals. Sogar viele. Und ich konnte nicht weinen. Es gab viel zu viel zu tun, danach. Und meine Geschwister haben so viel geweint, das reichte schon. Der Knoten hat sich erst Wochen später gelöst. Da konnte ich weinen, für mich allein. Und dann, Monate später, empfand ich sogar ganz plötzlich wieder so was wie Glück: mitten in einem Konzert. Leonard Bernstein dirigierte Haydns "Schöpfung". Ich war glücklich und radelte nach Hause, und jede Sorge, jeder Kummer, war zumindest einen Abend lang vergessen. Thanks to Lenny, der inzwischen auch schon im Himmel ist. Musik kann helfen. Einen viel zu langen Brief an jemanden schreiben, der nur noch in der Erinnerung lebt, kann auch helfen. Und der Rest kommt mit der Zeit. Die Zeit lindert alles. Was Deine Oma Dir mitgegeben hat, kannst und wirst Du nie verlieren. Ihr Körper ist gestorben, so wie alles auf der Welt irgendwann vergeht: aber ihre Seele lebt. Auch in Dir und in Deinen Erinnerungen.
Liebe Grüße
Anouk