Ich lebe schon seit fünfzig Jahren in diesem Land und habe schon mindestens fünf populistische Wellen erlebt. Und es waren im Großen und Ganzen durchgehend wirtschaftlich recht stabile Zeit, in denen sich alle paar Jahre 10-20% der Bevölkerung aus teilweise geringsten Anlässen einigen Rattenfänger hinterherlief und Unerhörtes von sich gab.
An die erstarkte NPD Ende der Sechziger erinnere ich mich persönlich nicht, war damals noch zu klein. Umso besser ist mir in Erinnerung geblieben, wie ich Ende der Siebziger auf dem Gymnasium(!) von Schulkameraden, mit denen ich teilweise schon seit dem Kindergarten zusammen war und bis dahin nie größere Probleme hatte, morgens in der Schule plötzlich mit Parolen wie Scheiß-Türke oder Ausländer Raus begrüßt wurde. Aus dieser Welle gingen später die Republikaner hervor, die Anfang der Achtziger ein paar Jahre für Furore sorgten.
Sehr gut erinnern kann ich mich auch noch an die Zeit nach der Wende, als in Hoyerswerda, Mölln und Solingen die Häuser brannten und täglich in Hunderten türkischen Geschäften die Schein eingeschlagen wurden. Zuletzt wurde darüber im öffentlichen Fernsehen nicht einmal mehr berichtet, weil man die Erfahrung gemacht, dass die Ereignisse eher zunahmen, je mehr man sich im Fernsehen darüber empörte.
Islamophobie kam schon Ende der Neunziger in dieser Gesellschaft auf, aufgrund der bombardierten amerikanischen Botschaften, der Hamas und den Taliban. Nach 9/11 brachen dann alle Dämme, sodass man seitdem mit der Lupe nach Journalisten und Politikern suchen muss, die tatsächlich noch zwischen sachlicher Kritik und Diskriminierung unterscheiden können. Und nun dazu auch noch die Flüchtlingsgeschichte...
Ich denke, der Populismus ist in einer Gesellschaft, in der Leistungs- und Konsumdenken sowie elitäres Bewusstsein permanent propagiert und priorisiert werden, inhärent. Und er wird erst dann richtig ausbrechen, wenn es tatsächlich mal mit der Wirtschaft über eine längere Zeit hinweg bergab gehen sollte, was früher oder später unausweichlich kommen muss. Vor diesem Hintergrund davon zu sprechen, dass der Populismus im demokratischen Westen seinen Zenit überschritten hätte, halte ich für sehr unangebracht und fahrlässig.