Zwei längere gute Stücke zum Threadthema.
Die junge Bevölkerung bewegt sich frei, für Risikogruppen gilt eine Kontaktsperre. Die Stimmen, die für ein Ende des Total-Lockdowns werben, werden lauter. Doch wie praktikabel ist die Alternative?
Alexander Kekule in der ZEIT
findet das gut
Wir haben etwa 82 Millionen Bundesbürger. Nehmen wir an, 70 Prozent (also gut 57 Millionen*) infizieren sich und etwa 20 Prozent der Corona-Infizierten (knapp 11,5 Millionen*) müssen ins Krankenhaus – wovon wiederum jeder Vierte auf einer Intensivstation betreut werden muss. In diesem Fall bräuchten wir Intensivbetten für etwa 2,9 Millionen Personen. Wenn man weiterhin annimmt, dass jeder im Durchschnitt zehn Tage auf einer Intensivstation behandelt wird, käme man auf etwa 29 Millionen benötigte Tage.
Selbst wenn Deutschland seine (auf dem Papier vorhandenen) 28.000 Intensivbetten auf 56.000 verdoppeln und davon vier Fünftel (also 44.800) nur für Corona-Patienten verwenden würde, müssten diese gleichmäßig auf ungefähr ein Jahr und neun Monate verteilt werden*, damit die Versorgung nicht zusammenbricht. Um zusätzlich zeitliche und örtliche Spitzenbelastungen abzupuffern, wäre mehr Zeit erforderlich – so lange kann der Lockdown offensichtlich nicht aufrechterhalten werden.
Experten sind gegenüber dem SPIEGEL
skeptisch
Laut Robert Koch-Institut (RKI) zählen allerdings viel mehr Menschen zur Risikogruppe als nur die über 70-Jährigen. Das Institut nennt "ältere Personen ab 50 bis 60 Jahren". Ab diesem Alter steigt das Risiko, an einer Infektion zu sterben, wobei es mit Anfang 50 immer noch deutlich geringer ist als mit Anfang 60 oder sogar Anfang 70 (siehe Grafik oben).
Bezöge man zumindest die über 60-Jährigen in die Schutzgruppe ein, müssten 23,4 Millionen Menschen von der restlichen Bevölkerung abgetrennt werden. Hinzu kämen Raucher. Sie zählen laut RKI ebenfalls zur Risikogruppe.
Ungefähr ein Viertel der Menschen unter 60 Jahren raucht in Deutschland. Das wären 14,9 Millionen Menschen, die isoliert leben müssten. Insgesamt käme man damit auf 38,3 Millionen Personen in der Risikogruppe. Jüngere Menschen mit Vorerkrankungen wie Asthmatiker, Diabetiker, Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebspatienten sind da noch nicht eingerechnet.
Ganz grob überschlagen, müsste man also wohl mindestens die Hälfte der Bevölkerung langfristig vom öffentlichen Leben trennen, nimmt man die Idee ernst.