@sommersonne Ich sehe das anders. Ich bin da ganz grundsätzlich auf Seiten der Bundeskanzlerin, bei ihrer Position, wie sie sie vorgestellt hat in ihrem 10-Minuten-Rant bei der Haushaltsdebatte.
Im Frühjahr war das noch anders. Wir wußten zu wenig über das Virus. Es gab viele vernünftige Annahmen in die verschiedensten Richtungen. Letztlich war das eine Wette, auf welche Theorie man setzt. Christian Drosten z.B. entwickelte Theorien wie „Masken helfen nicht“ oder „Anders als beim Grippevirus wird die Erwärmung im Frühjahr und Sommer nicht helfen“. Bis zu Streecks Heinsberg-Studie ging man aus von der Schlierinfektion (verkeimte Wassertröpfchen durch Niesen, feuchte Aussprache) als Hauptübertragungsweg, was die Corona-Warn-App zu einer wichtigen Waffe der Kontaktverfolgung gemacht hätte. Alles, was Politik machen koņte, war, zu wetten, welche vernünftige Theorie ihnen einleuchtender erschien und als Handlungsgrundlage dienen sollte. Ein „ich habe es doch gleich gesagt“ gilt dabei nicht im Rückblick, sondern nur ein „richtig geraten!“.
Seit dem Sommer ist das anders. Wir haben das Virus durch genügend Irrtümer erfolgreich umzingelt. Wir haben zu viele falsche Theorien aufgestellt und Vorhersagen daraus abgeleitet, die nicht eingetroffen sind, so daß wir jetzt einigermaßen Bescheid wissen. Lauterbach ist in seiner Rolle Zweckpessimist, aber grob kann man sagen: Was Drosten sagt, das stimmt, und Streeck mit seinem notorischen Zweckoptimismus hat sich noch immer geirrt.
Alle sagen, nach der Finanz-, der Griechenland- und der Flüchtlingskrise sei dies zum Schluß die schwerste, die Frau Merkel zu bewältigen habe. In gewissem Sinne aber ist es die einfachste. Die größte vielleicht, die bedeutenste, die bedrohlihste, aber die einfachste. Da wir es hier nicht mit Menschen zu tun haben, die sich dann teilweise auch noch in verworrenen Konstrukten organisieren wie Märkten, sondern mit einem Virus. Mit Physik. Inzwischen berechenbarer Physik. Politik ist Poker. Meine Freiheitsentscheidungen finden ihre Grenzen immer an den Freiheitsentscheidungen anderer. Darum ist Politik nicht berechenbar. Darum gibt Geschichte auch nicht Recht. Es gibt Rechnungen, die gehen auf, und es gibt Rechnungen, die gehen nicht auf.
Eines der spektakulärsten und gefährlichsten Wetten war die von Ronald Reagen, den Warschauer Pakt militärisch und damit wirtschaftlich zu Tode zu rüsten. Flankiert von so Maßnahmen wie die, den Russen ihr Vietnam in Afghanistan zu bereiten. Diese Rechnung ging auf. Vielleicht aber auch nur, weil nach dem überraschenden sozialverträglichen Frühableben der Genossen Andropow und Tschernenko ein Gorbatschow am Pokertisch saß, der einen atomaren dritten Weltkrieg nicht riskieren wollte.
Zu Beginn der Finanzkrise stellte sich Merkel groß mit Steinbrück in eine spektakuläre Pressekonferenz, und beide versicherten hoch und heilig, Ehrenwort: Wir verbürgen und, daß Ihre Spareinlagen sicher sind. Die Finanzzeitschriften haben nachgeforscht und schnell recherchiert: Das war geblufft. Zu Deutsch: Gelogen. Merkel und Steinbrück konnten das nicht wissen, schon gar nicht verbürgen. Aber hätten die Bürger ihre Sparguthaben von den Banken geräumt und in Sachwerte umgetauscht, wäre alles in jedem Falle den Bach heruntergegangen. So wurde der Bluff glücklicherweise zur selbsterfüllenden Prophezeiung.
Bis heute vermag niemand zu sagen, ob es eine richtige Entscheidung war, Griechenland im €uro zu belassen. Für Europa besser, für Griechenland besser. Viel sprach dafür, daß Griechenland eine eigene Währung hätte entwerten und sich so wirtschaftlich schneller konsolidieren können.
In der Politik gibt es kein „richtig“ oder „falsch“. Aber hier sind wir nicht im Bereich der Politik. Hier sind wir in der Epidemologie, und das heißt im Wesentlichen: in der Physik. Da gibt es richtig oder falsch. Und die Politik hat im Großen und Ganzen verdammt sehr viel falsch gemacht, und sie hätte es besser wissen und besser machen können und müssen.
Wie gesagt: Ramelow hat zugegeben, daß er das mit dem Präventionsparadox nicht verstanden hat; Kretschmer, daß er sich an Meinungsumfragen ausgerichtet hat, und nicht an der Physik der Virologen. Das war nicht auf falsche Pferde gewettet. Das war: Falsch.
Denn der Virus ist inzwischen ganz einfach. Mathematik. Wenn Du den Einzelhandel die letzten beiden wirtschaftlich so wichtigen Vorweihnachtswochen offen halten willst, dann mußt Du ihn spätestens sechs Wochen vorher schließen. Wenn Du ihn nicht schließt und dennoch bis Heiligabend offen hältst, dann wirst Du im Januar auch die Fabriken schließen müssen. „Das wird nicht reichen. Die Maßnahmen sind ungenügend. Dann werden wir uns eben in 10 Tagen wieder treffen müssen“ sagte Mutti ihren unfolgsamen Kindern, und sie behielt Recht.