Der SPIEGEL
hat die Anklageschrift:
Die Anklageschrift, die dem SPIEGEL vorliegt, ist nur drei Seiten lang. Sie wiederholt mehr oder weniger die Argumente, die der Haftrichter bereits vor einem Jahr bei Yücels Verhaftung vorgetragen hat.
Yücel, so heißt es, habe Volksverhetzung und Propaganda für Terrororganisationen betrieben, für die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK und die Sekte des islamistischen Predigers Fethullah Gülen. Es ist der Standardvorwurf, mit dem Journalisten in der Türkei mundtot gemacht werden. Er ist allein schon deshalb absurd, weil die PKK und die Gülen-Sekte zutiefst verfeindet sind.
Die "Beweise", die Yücels Schuld belegen sollen, sind nicht minder surreal: Neben Telefongesprächen mit vermeintlichen PKK-Mitgliedern legt die Justiz Yücel vor allem seine Texte für die "Welt" zu Last.
In einem Artikel etwa, der unmittelbar nach dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 erschien, schreibt Yücel, dass es nach wie vor keine Beweise gebe, dass es sich bei den Putschisten um Gülen-Anhänger handle. Die Staatsanwaltschaft wertet die Aussage, die in dieser oder ähnlicher Form beinahe in jedem ausländischen Medium zu lesen war, als Propaganda für die Gülen-Sekte.
In einem weiteren Artikel, der in der Anklageschrift aufgelistet ist, schildert Yücel das Schicksal einer jungen Frau, die bei Gefechten zwischen dem türkischen Militär und PKK-Kämpfern in der Stadt Cizre, im Südosten der Türkei, gestorben ist. Die Staatsanwaltschaft sieht auch darin Terrorpropaganda - ebenso wie in einem Interview, das Yücel mit PKK-Führer Cemil Bayik geführt hat.
Insgesamt ist das Dokument eine Bankrotterklärung für die türkische Justiz.