Gefühltes Alter

A

Anouk

Guest
AW: Gefühltes Alter

Wie alt ich mich fühle? Je nachdem, das hängt von der Tagesform ab. :)

Scherz beiseite, neulich streifte mich der gleiche Gedanke. Ich höre Yusufs "Another cup" und bin plötzlich wieder 15 oder so, die Musik klingt ganz ähnlich, der Mann hieß damals Cat Stevens. Mein bald zwölfjähriger Knirps knallt mir um die Ohren, dass er's uncool findet, mit mir Klamotten kaufen zu gehen, das will er jetzt selbst, ohne Mama. Innerlich grinse ich und denke mir insgeheim: - schön, dass er's sagt. In seinem Alter hätte ich mich das nicht getraut.

Aus damaliger Perspektive bin ich mit 44 Jahren schon kurz vor scheintot. Tatsächlich fühle ich mich weder jung noch alt. Eigentlich ein schönes Alter, sogar ein sehr schönes. Was mich früher schier zur Verzweiflung trieb, kann ich heute mit viel mehr Gelassenheit, Abstand und Erfahrung behandeln. Die Amplituden zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt gehören zu einem anderen Leben. Früher schien es aus vielen aufregenden Stromschnellen zu bestehen, inzwischen ist daraus mehr eine Art langer, ruhiger Fluss geworden. Das klingt vielleicht langweilig, aber so ist es nicht, im Gegenteil: Die Dankbarkeit und das Glück, das ich empfinde, am Leben zu sein, auf der Welt zu sein und mitten darin, nimmt von Jahr zu Jahr zu. Ich weiß nicht warum, aber es ist so.

Ich erinnere mich, dass ich mich als sehr viel jüngerer Mensch allein oft gelangweilt habe oder gar Angst davor hatte, allein und auf mich selbst zurückgeworfen zu sein. Das ist vorbei. Früher schien mir vieles wichtig, inzwischen ist mir vieles recht unwichtig - und nur weniges sehr wichtig. So wichtig, dass es sich lohnt, ernstlich darum zu streiten oder gar dafür zu kämpfen. Das Meiste im Leben entwickelt sich sowieso aus sich selbst heraus, glaube ich. Man hat längst nicht so viel selbst in der Hand, wie man als sehr junger Mensch noch zu glauben geneigt ist. Entscheidend ist, ob man mit den unerwarteten Wendungen des Schicksals hadert oder sie annimmt und versucht, das Beste daraus zu machen.

Ansonsten das Übliche. Altersbedinge Zipperlein nehmen zu. Durchfeierte Nächte steckt man nicht mehr ohne Weiteres weg, hier und da zeigen sich immer mehr Fältchen und Falten. Die Figur könnte man allenfalls noch mit extrem großen Wohlwollen und Schönfärberei als straff bezeichnen; mehr Sport wäre gut. Auch gegen Cellulitis. Inzwischen weiß ich genau, was Frauenzeitschriften mit Problemzonen meinen, und sehe mich nur in der Lage, Abhilfe zu schaffen, wenn ich ab morgen Diät halte und Seil springe, was das Zeug hält - und tröste mich stattdessen mit einer Liedzeile von Ina Müller: "Lieber Orangenhaut als gar kein Profil".

Sehr vereinzelt zeigen sich silbrige Fäden im Haar. Gestern abend ist mir ein Stück von einem offenbar porösen Backenzahn rausgebrochen, das gab's noch nie. Die letzte Liebe ist auch lange her, frau hat's nicht mehr eilig. Außer, vielleicht, im Straßenverkehr. Rasend gern würde ich einen Zweisitzer haben, einen alten Porsche oder Jaguar, einfach nur so, just for fun. Ich mag diese Autos. Ein Freund von mir spöttelt, für solche Marotten sei ich zu jung und zu wenig gesettelt. Kommt frühestens ab 60 in Frage, sagt er. Da ist was dran. Obwohl er sich gerade mal wieder vermehrt hat und seine eigenen, insgeheimen Sehnsüchte nach einem flotten Flitzer nun mit Lobhudeleien auf seine unförmige Familienkutsche überkompensiert. Alles im Leben hat seine Zeit.

Manchmal ertappe ich mich dabei zu überschlagen, wie lange noch. Welche Träume ich habe. Welche wichtig sind. Der Sportwagen gehört nicht dazu.

Was ich weiß oder glaube zu wissen, jetzt: dass die Art meines Umgangs mit mir und anderen darüber entscheidet, wie's mir im Alter geht. Früher war mir das wurscht, hab ich aus dem Vollen gelebt, oft genug die Nacht zum Tag gemacht und die Dinge laufen lassen. Der nächste Tag kam immer. Aber jetzt, wo Freunde, Bekannte oder unwesentlich ältere Kollegen plötzlich nicht bei Autounfällen, sondern durch Schlaganfälle ums Leben kommen, Herzinfarkte, Krebs, denke ich schon darüber nach, was ich noch will. Und wie ich es will. Und wie ich dahin komme.

Gern würde ich 95 werden, damit könnte man langsam mal anfangen. Und sei es, indem ich mich jetzt so auf meine Träume konzentriere, wie ich mich früher auf andere Ziele konzentriert und meine Träume weitgehend hintangestellt habe. Keine Ahnung, ob Deine Frage damit beantwortet ist, Izzet, wahrscheinlich nicht. Also verzeih, falls es ein wenig konfus daherkommt.

lg
anouk
 
J

Jo.911

Guest
AW: Gefühltes Alter

Vorwort
Meine Message
Ich weiß nicht ob ihr das Gefühl kennt: Dieses Jahr werde ich 40. Als ich 20 war, da war 40 sau alt. Mit knapp vierzig muss ich sagen, dass 40 gar nicht alt ist. Ich behaupte von mir, dass ich jung geblieben bin, aber so geht es doch aber sicher allen. Ohne Spiegel und Waage fühle ich mich wie ... jünger halt.

Dieses Jahr werde ich 60. Jetzt denkst Du auch bestimmt dass 60 sau alt ist- habe ich bis vor kurzem auch gedacht, da es mir gar nicht bewusst war wie schnell die Zeit vergeht- ich hatte nicht die Zeit dazu und war irgendwie mental so um die 45 stehen geblieben- bis ich im Fruehjahr schwer krank wurde und da hatte ich dann auf einmal die Zeit nachzudenken und Bilanz zu ziehen - und habe mich erschrocken. Ich habe immer alles das was ich noch machen moechte in den Hintergrund meines Denkens verschoben- zum nebuloesen Zeitpunkt "wenn die Kinder (vier!) alle auf eigenen Beinen stehen", "wenn wir aus gewissen Schwierigkeiten heraus sind", usw. - auf einmal verstand ich dass man nicht alles auf die lange Bank schieben kann und sollte-fuer gewisse Sachen kann es auf einmal zu spaet sein und man bereut es sein restliches Leben lang. Deshalb habe ich sofort nach Genesung mit kleinen Schritten angefangen das zu realisieren was ich erst "spaeter" in Angriff nehmen wollte: ein bisschen was fuer mich selber zu tun - und siehe da, ich fuehle wieder so viel Energie und Lebensfreude in mir, gepaart mit Erfahrung, dass alle fragen was mir passiert ist - und somit fuehle ich mich wieder am Anfang einer Lebensphase von der ich mir noch viel erwarte - aber man muss auch halt selber dran arbeiten.

Gruesse, Jo
 

cassandra

New Member
AW: Gefühltes Alter

Wie alt ich mich fühle? Je nachdem, das hängt von der Tagesform ab. :)
Aus damaliger Perspektive bin ich mit 44 Jahren schon kurz vor scheintot. Tatsächlich fühle ich mich weder jung noch alt. Eigentlich ein schönes Alter, sogar ein sehr schönes. Was mich früher schier zur Verzweiflung trieb, kann ich heute mit viel mehr Gelassenheit, Abstand und Erfahrung behandeln. Die Amplituden zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt gehören zu einem anderen Leben. Früher schien es aus vielen aufregenden Stromschnellen zu bestehen, inzwischen ist daraus mehr eine Art langer, ruhiger Fluss geworden. Das klingt vielleicht langweilig, aber so ist es nicht, im Gegenteil: Die Dankbarkeit und das Glück, das ich empfinde, am Leben zu sein, auf der Welt zu sein und mitten darin, nimmt von Jahr zu Jahr zu. Ich weiß nicht warum, aber es ist so.
anouk

Liebe Anouk,

vieles, was du geschrieben hast, kann ich auch gut nachvollziehen.
Meine Backenzähne sind ebenfalls nicht mehr die besten und von durchgemachten Nächten erhole ich mich auch deutlich langsamer. (Was mich aber nicht grundsätzlich davon abhält...)

Worin ich dir wirklich zustimme, ist die zunehmende Gelassenheit und Erfahrung. Man lässt sich nicht mehr so schnell aus der Bahn werfen und misst vielen Dingen, die man früher mal für ungeheuer wichtig gehalten hat, nicht mehr eine so grosse Bedeutung bei. Während einen als Teenager schon ein Pickel im Gesicht zur Verzweiflung bringen konnte, steht man heutzutage souverän über solchen Dingen. Man will nicht mehr allen und jedem gefallen oder zu irgendeiner Gruppe "dazugehören". Man steht einfach mehr zu sich selbst und akzeptiert sich in seiner Einzigartigkeit, mit all seinen Defiziten und Schwächen. Das betrachte ich als eindeutigen Vorteil des Älterwerdens.

LG cassandra
 

Anakyn

New Member
AW: Gefühltes Alter

Was ist Alter?

Die Summe an Erfahrungen gepaart mit körperlichen Verschleißerscheinungen.

Ich bin 45 Jahre. Ich fühle mich nicht alt und ich fühle mich nicht jung. Ich fühle mich gut. Höre immer noch Iron Maiden und habe überhaupt, was meine Musikrichtung angeht, einen Hang zu Rock und Heavy Metal. Ich habe keine "gute Stube" zum Empfang von Besuchern (wie meine Eltern damals) sondern ein Wohnzimmer zum Leben. Wie vor zwanzig Jahren, mache ich auch heute noch manchmal Sachen, die man lieber bleiben lassen sollte, aber selbst diese Dummheiten sind durch Erfahrungen geprägt. Die Risikobereitschaft ist einfach besser durchdacht. Ich gehe immer noch auf Party's und genieße meine Freizeit, nur eben anders.

Ich bin nicht alt.
Ich möchte keinen Tag, von den gelebten, wieder abgeben und ich möchte um nichts in der Welt wieder 16 sein.
Das wäre für mich eine ähnliche Horrorvorstellung wie vor fast 30 Jahren, als ich überlegte, wie es mit über 40 sein müsste.

Grüße
Anna
 

seker_kizzz

New Member
AW: Gefühltes Alter

mit 26 bin ich noch verdammt jung..aber ich frage mich trotzdem jedesmal, wann ich denn begreife, dass ich 26 bin...

als ich 16 wurde sagten alle zu mir, ich sehe aus wie anfang 20..man war ich stolz..ich kam in jede disco rein und konnte tun und lassen was ich wollte, als ich dann 20 wurde meinten alle, ich sehe aus wie 26..es schmeichelte mir immer noch etwas, aber so langsam fing ich an darüber nachzudenken, wie ich denn wohl aussehen werde, wenn ich 26 bin und jetzt..jetzt bin ich 26 und alle sagen, wann wirst du erwachsen, du schaust aus wie 20..hmm also wenn das so weiter geht, dann sehe ich vielleicht mit 30 aus wie 25...:smile:

aber ich denke immer, dass alter nur relativ ist und man ist so alt wie man sich fühlt
 
M

mar

Guest
AW: Gefühltes Alter

ich befinde mich im perfekten alter..... genau so alt, wie ich bin. ich möchte keinen tag missen, auch keine erfahrung oder situation in meinem leben. alles wird man durch das , was an erlebten in den jahren durch einem "hindurchgeht", in einem "hängenbleibt" und wieder nach aussen dringt.

an manchen tagen sagt mit der körper haargenau mein alter in jahr , monat, stunde , sekunde an - wenn ich mal die verschleisserscheinungen spüre. ansonsten bewege ich mich mich meist in der "toleranzgrenze" . ; die spüre ich immer dann, wenn die studenten in der uni mich fragen, welches fach ich belegt habe. :biggrin:

MAR
 
B

berliner

Guest
AW: Gefühltes Alter

Im August werde ich 37. Wie mar schon schrieb, manchmal fühle ich mich ganz genau so, wie alt ich wirklich bin. Ansonsten habe ich die Efahrung gemacht, daß ich mich im Sommer wesentlich jünger fühle.
Darüberhinaus teile ich die Meinung einer Bekannten, die letztens gesagt hat:
"Männer werden zunehmenden Alters attraktiver"
Kurzum, ich fühle mich wie ein Wein, der von Jahr zu jahr besser wird. :tongue:
 

Biene

Active Member
AW: Gefühltes Alter

bin ja 20... es gibt auch bei mir immer zeiten wo ich mich genauso alt fühle wie ich bin, aber manchma krieg ich immernoch das kind in mir mit! ;) aber warum auch nicht! ich war gern kind und manchmal bin ich es eben noch, aber nicht mehr so krass wie damals! ;) (wär ja auch schlimm, dann würde mich ja keiner ernst nehmen!) *gg*
 
Top