AW: Gefühltes Alter
Danke für die netten Ratschläge. Aber Geselligkeit ist heute nichts für mich.
Ich werde einen Spaziergang am Urbanhafen machen. Zu Hause habe ich noch Brot, was ich den dortigen Enten geben werde. Schmachtfilm ist gut. Ich leihe mir einen indischen Film aus. Die sind so schön traurig.
Lieber berliner,
das kenn ich auch. Manchmal muss man seine Melancholie auch ein bisschen ausleben.
Letztens bin ich auch (ganz spontan) von Kreuzberg nach Mitte immer am Wasser lang gelaufen. Dabei bin ich an vielen Orten vorbeigekommen, wo ich noch letztes Jahr mit meinem Freund unterwegs war. Kleine verschwiegene Plätzchen am Ufer, wo wir eng aneinandergeschmiegt gesessen, geraucht, geredet oder geschwiegen haben. Eine noch im Bau befindliche, gesperrte Brücke über die Spree, auf deren Stahlkonstruktion wir nachts wie zwei übermütige Teenager geklettert waren und von da aus einen auf dem gegenüberliegenden Ufer vor einem öffentlichen Gebäude patrouillierenden Polizisten beobachteten, der sich von Zeit zu Zeit ein bisschen ängstlich in Richtung Brücke umschaute, da er nicht wusste, woher das leise Kichern kam. Wir sassen Händchen haltend auf dem Stahlgerüst, rauchten und blickten auf die Spree, in der sich die Gebäude spiegelten.
Die abendliche Stimmung, die wenigen Passanten, die kleinen schwarzen Entchen auf dem Wasser- das alles hat meine Gemütsverfassung perfekt gespiegelt. Es war eine schöne Traurigkeit. Ein Gefühl der Nostalgie, dass ich niemandem hätte erklären, dass ich mit niemandem hätte teilen wollen.
Weil kaum Spaziergänger unterwegs waren, konnte ich meinen Tränen freien Lauf lassen. An einer Stelle tummelten sich riesige Krähenschwärme, die den Himmel schwarz färbten. Wie die Orgelpfeifen sassen sie auf den ehrwürdigen Gebäuden zu beiden Seiten des Flusses. Überall ein gespenstisches Krächzen. Ein seltames und zugleich beeindruckendes Spektakel. Wie in dem Hitchcock-Film "Die Vögel"...
Später kam ich noch an einem Park vorbei, in dem ich letzten Herbst mit meinem Ex-Freund morgens um 5 Kastanien gesammelt hatte. Nach einer Nacht, in der wir zusammen aus gewesen waren. Wiedereinmal konnten wir uns nicht voneinander trennen, obwohl wir schon lange beschlossen hatten, dass wir unsere Beziehung nicht fortsetzen sollten. Da sassen wir nun im Morgengrauen verloren auf einer Parkbank, lasen wie die Kinder freudestrahlend Kastanien auf, nur um nicht nach Hause gehen zu müssen, denn wir hätten uns dort voneinander trennen und in unterschiedliche Richtungen aufbrechen müssen... Am Ende lagen wir uns totmüde und fröstelnd in den Armen und sahen zu, wie über dem menschenleeren Park die Sonne aufging. Ein Frühaufsteher der Stadtreinigung fuhr mit der Kehrmaschine die Parkwege entlang und befreite sie vom herbstlichen Laub. Er sah uns fragend an. Wahrscheinlich dachte er, wir hätten kein Zuhause...
Einer der vielen gescheiterten Versuche, endgültig von einander loszukommen. Ein wenig gerührt dachte ich daran zurück.
Jetzt war der Park kahl und düster. Nichts mehr zu sehen von dem goldenen Laub. Und die Kastanien sind auch schon längst verfault.Es war inzwischen dunkel geworden und ich begann zu frieren.
Als ich zu Hause ankam, waren meine Tränen getrocknet. Und ich spürte, wie ein angenehm warmes Gefühl in mir aufstieg.
Auf meinem AB gab es eine Nachricht. Und auch mein Handy zeigte mir die Nummer meines Ex-Freundes an. Ich löschte sie, um nicht in Versuchung zu geraten, ihn zurückzurufen. Trotzdem war es komisch, genau an diesem Abend einen Anruf von ihm zu bekommen, wo er sich doch so lange nicht gemeldet hatte.
Ja, manchmal kann so ein Spaziergang wie eine Reise in die Vergangenheit sein. Und solche Reisen unternimmt man besser ohne Begleitung.
Liebe Grüsse und gute Besserung !
cassandra