AW: Jetzt wird es ernst...(meine Geschichte)
Obwohl es nur vorübergehend sein sollte, wusste ich, dass er bleiben würde. Er hatte seine Playstation und den Fernseher mitgebracht….
Wir befinden uns jetzt zeitlich bei Mitte Juli.
Die erste Zeit war sehr emotional. Wir weinten viel und sprachen über unsere Fehler. Ich hatte Sorge davor, dass er jetzt glauben würde, sich alles herausnehmen zu können, nachdem er gesehen hatte, wir abhängig ich von ihm bin. Aber er nutzte es nicht aus. Er gab sich viel Mühe auch an sich selbst zu arbeiten.
Er nahm seinen Sprachkurs wieder auf. Ich ließ ihm seine Freiheiten. Es kam dann eine Phase in der er nocheinmal zurück musste, weil es Probleme mit den belgischen Behörden gab. Wir hatten zu dieser Zeit große Geldprobleme. Deswegen beschlossen wir, von unserem ursprünglichen Plan Deutsch im Intensivkurs zu lernen, abzurücken. Stattdessen sollte die Jobsuche beginnen, sobald er wieder zurück war. Gesagt getan. Nur leider waren wir viel zu naiv an die Sache heran gegangen. Er hatte keine großen Ansprüche, aber ein sozialversicherungspflichtiger Vollzeitjob sollte es schon seien. Wir versuchten viel. Schriftliche Bewerbungen auf Stellenangebote, Initiativbewerbungen. Er ging durch sämtliche türkische Läden und sprach die Leute an. Er meldete sich auf Internetjobbörsen an. Er hatte sogar zwei Bewerbungsgespräche. Einen Tag klapperte er sämtliche Adressen von Unternehmen, die wir herausgesucht hatten, ab, um dort seinen Lebenslauf abzugeben. Aber sobald die Leute merkten, wie wenig er deutsch sprach, verloren sie das Interesse. Und mein Freund verlor seine Motivation. Das ist immer so bei ihm. Er hat plötzlich tolle Einfälle und strotzt nur so vor Energie und Motivation. Aber genauso schnell wie diese Energie kam, ist sie auch wieder hinüber.
Nach ca. zwei Wochen war da gar nix mehr. Er verfiel in einen ähnlichen Trott wie zuvor schon, nur mit dem Unterschied, dass er dieses Mal nicht mal mehr zu seinem Sprachkurs ging.
Und so wurde die Stimmung zwischen uns wieder angespannter. Jedoch war ich sehr vorsichtig in allem was ich tat und sagte, weil ich wusste, das schlimmste wäre für mich, wenn er mich erneut verlassen würde.
Er versank in einer mittelschweren Depression. Im Haushalt, wo er vorher tatkräftig mit angepackt hatte, machte er plötzlich gar nichts mehr. Wenn er vormittags aufwachte, dann setzte er sich vor den Laptop und blieb in der gleichen Position sitzen, bis ich von der Arbeit kam. Ich machte Vorschläge, wo er sich noch bewerben könne. Ich legte ihm nahe wieder sein Deutschbuch hervorzuholen. Ich schlug ihm vor, er solle sich Fußballschuhe kaufen gehen, damit wir ihm einen Sportverein suchen können. So würde er Anschluss finden. Gerne in einer türkischen Mannschaft. So würde er Bewegung haben. Und wieder raus kommen. Und vielleicht würde er auf diesem Wege auch an einen Job kommen. oder Freunde finden. Aber selbst dazu war er nicht mehr zu motivieren. Als er mich vor einigen Tagen in der Mittagspause anrief und mir sagte, er habe gerade gute Fußballschuhe bei Ebay entdeckt, da wusste ich, dass bei ihm jegliche Energie dahin war.
Und sein destruktives Verhalten raubte auch mir all meine Energie. Ich konnte ihn verstehen. Ich weiß dass es schwer war. Aber er hätte sich da irgendwie rausziehen müssen. stattdessen steigerte er sich immer mehr in was rein.
Aber ich verbot mir selbst in an die Hand zu nehmen und ihn zu führen. Ich untersagte mir, ihn für sein Verhalten zu kritisieren. Ich unterließ jede Forderung an ihn, sondern packte alles in watteweiche Vorschläge, die seine Motivation wecken sollten. Ich hatte ihm versprochen ihn sein Ding machen zu lassen. Ihn einen erwachsenen Menschen sein zu lassen.
Nun hatte er was er wollte. Oberflchlich verstanden wir uns gut Ich nörgelte nicht und forderte nichts. Er kriegte nichts auf die Reihe. Und innerlich fühlte er sich einsamer denn je.