Kindersex in der (katholischen) Kirche

Nein, meine ich nicht. Ich reagiere da gerade etwas allergisch, aber da kannst Du nichts für. Ich lese gerade die Apologien auf Kath.net, auch in die Leserkommentare, und die versuchen, das so zu drehen: Gänswein habe sich mit Benedikt mal hingesetzt, wie man da jetzt drauf antworte, und Ratzinger habe dann aus seiner Erinnerung ... herrje, nach vierzig Jahren, weißt Du denn noch, an welcher Sitzung Du alles teilgenommen hast, Anwesenheitsliste wurde ja nicht geführt, und kann doch mal passieren.

Das hat eine Redaktion bearbeitet. Die selbstverständlich Zugriff haben konnte und wohl gehabt haben wird auf den Terminkalender. Und von jedem einzelnen Tag des Erzbischofs rekonstruieren kann, welche dienstlichen Termine er da wahrgenommen haben wird. Denselben Terminkalender, den Ratzinger vorliegen hatte in den Gesprächen mit Peter Seewald. Das war eine Lüge. Und jetzt zeigt sich, das war mit Marx auch noch verabredet. Gänswein ist da nur die große Nummer. Aber das ist kein „Irren ist menschlich“-Fall zwei betagter Herren, das ist eine glatte Lüge gewesen.
 
Warum entlastest du Gänswein? Der Mann ist noch taufrisch?
Ich entlaste ihn nicht, im Gegenteil. Er wird die volle politische Verantwortung haben für zumindest das aktuelle Desaster, soweit es Ratzinger angeht. Aber die Apologeten versuchen, das herunterzudimmen auf einen verständlichen Versuch zweier alter Herren, aus der Erinnerung zu rekonstruieren, wie das denn damals gewesen sein mag, 1980 ... was waren wir da noch jung! Letztlich, klar, die beiden tragen die volle Verantwortung. Aber sie hatten einen Stab, der ihnen zugearbeitet hat. Sie waren nicht angewiesen auf bloßes Erinnerungsvermögen.
 
Ich traue mich ja kaum, das zu gestehen. Bei uns in Wuppertal gibt es ja keine Theologie an der Uni.

Weil, Theologie gibt es schon viel länger als die Universität, aber auf dem anderen Berg. Aus sehr guten Gründen.

Bei uns gab es nur die Religionslehre für die Lehrerausbildung. Wollte ich nicht ordentlich studieren wegen Griechisch, und unordentlich, dachte ich, bloß Reli, interessiert nicht.

Und habe so Thomas Söding verpaßt, der his masters voice verkörperte ... Ihm gebührte die Ehre, Herausgeber zu sein einer Essaysammlung deutscher Neutestamentler als freundliche Antwort auf die Jesusbücher Benedikts :(
Dabei gar nicht mal politisch, ich weiß nicht, wo er da steht, aber fachlich ist er einer der großen Ratzinger-Exegeten.

Immerhin. Zwei Vorträge von ihm habe ich gehört. Auch er hatte sich dem Philosophischen Café gestellt, über die Philosophie des Paulus. Als die Veranstaltung beendet war, er seinen Kram zusammenpackte, bemerkte ich halblaut zu meinem Sitzbachbarn, so daß Söding etwas hören konnte (und nämlich auch sollte), und er neugierig lächelnd zurückfrug „Wie war das?“, und ich laut und deutlich grinsend wiederholte „SOBALD ES GEGEN DIE PROTESTANTEN GEHT, SIND SICH DIE KATHOLIKEN MIT UNS PHILOSOPHEN AUF EINMAL WIEDER WUNDERBAR EINIG!“, und er lachte, und stimmte zu „Genau so ist es!“ Um dann selbstredend SOFORT zurückzurudern. Machte nichts. Er merkte, ich habe ihn – Wir haben uns verstanden.

Was das rein Fachliche angeht. In der Breite habe ich später von Ratzinger so viel gelernt wie in jüngeren Jahren von Rahner in der Tiefe. Der hat sich eine enorme Bildung angefressen, Kirchengeschichte dabei durchaus ordentlich durchdrungen. Eben nicht wie die Rahner Brothers in neuplatonischer Tiefe, sondern in durchaus paulinisch stoischer Breite.
 
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Ich bleibe dabei: Beten und Schuldeingeständnisse kommen viel zu spät. Vor zehn, zwanzig Jahren hätte man vielleicht noch was retten können, wenn man sich ernsthaft mit der Aufarbeitung der Vergangenheit, mit dem weiterhin breitflächig praktizierten Kindermissbrauch und mit der eigenen Bigotterie auseinandergesetzt hätte.
Genau das sagte ich ja auch schon. 2010, als die ganze Jauche in München zum ersten Mal hochblubberte, da hätte Ratzinger reinen Tisch machen können und müssen. Eine wirklich unabhängige Untersuchungskommission einsetzen zuallererst. Die jetzige Anwaltskanzlei hat ja nur die Akten auswerten können, die und nur insoweit sie kirchliche Mitarbeiter ihnen freundlicherweise zugänglich gemacht haben.
 
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