AW: lieber Zerd
liebe Lale, das ist schön, das Du antwortest.... nein , natürlich störst Du nicht.... es ist doch das Anliegen dieses Austausches, das sich der beteiligen mag, der sich mit den Denkanstößen und Überlegungen anfreunden mag und so die Kolumne weiter belebt wird.
Ich kenne das, was Du beschreibst, sehr gut. besonders auch die Situationen in der U-Bahn. Ich kommuniziere auch meistens mit den Kindern auf die gleiche Art und Weise. mit dem Augenkontakt und einem Lächeln.... es ist unglaublich, welche Formen die Sprache haben kann. Obwohl man nicht laut ausspricht , was man denkt, erreicht man einen kleinen Menschen , der die Laute noch nicht mit den Lippen formen kann, mit der Sprache des Herzens und der Sprache des Zutrauens. Man nimmt jemanden wahr, eben dieses Kind und man schenkt ihm Aufmerksamkeit und Blickkontakt. Ich beobachte es sehr oft , das die Kinder , wenn sie noch so klein sind, gerade in der U-Bahn zwischen all den großen um sie herumstehenden Menschen ganz verloren unten stehen oder im Kinderwagen sitzen.... so haben sie gar keine Chance, den Blickkontakt zu den Großen aufzunehmen. Und dabei wäre es doch ganz einfach für fast jeden , den Blick einmal zu senken, sich in die Hocke zu begeben oder einfach Signale mit den Händen auszusenden...
Die Sprache, die man verloren hat, ist auch ein Teil der Sprache aus der Kindheit....Als Erwachsener sind die Wahrnehmungen auf ganz andere Dinge gerichtet, da hast Du schon richtig bemerkt, das das Kind das Schöne und das Klare wahrnimmt, keine Worte für das kennt, was da so wundervoll aussieht und was so sehr sein Herz berührt. Solche Moment , glaube ich , hat man als Erwachsener nur in den seltenen Momenten einer unaussprechlichen Liebe. Wenn zwei Seelen sich begegnen und die Worte fehlen, um das zu beschreiben. Kinder lieben so vorbehaltlos, sie lieben und freuen sich an dem , was schön, wahr, ehrlich ist. Zunehmend mit dem Alter, auch wenn die "Verformungen" der Gesellschaft , der Schule, der Erziehung, guter und schlechter Erfahrungen dazukommen, scheint diese Ungebundenheit an Worten verloren zu gehen, man versucht alles zu benennen und zu umschreiben, aber der Kern des Wesens wird dadurch nicht tief berührt, so denke ich manches Mal. Es ist auch interessant zu sehen, das Menschen meist nur Kindern gegenüber bereit sind, Worte zu verformen- dieses babababa oder lalalala als Lautmalerei benutzen ,in der Hoffnung , auf die Sprachebene des Kindes zu gelangen... dabei "verhindern" sie , so meine ich eher den Zugang zur Sprache und schlagen praktisch dem Kind "die Tür vor der Nase zu"... Ich denke , es ist die Klangsprache in dem Moment, die das Lächeln auf das Gesicht zaubert...im Prinzip könnte man auch Einsteins Relativitätstheorie mit einem kindgerechten , freundlichen Gesicht erzählen, das strahlende Lächeln wird auch genau so erscheinen.... das klingt sicher absurd für Viele, aber ich denke einfach, dem Kind ist im Moment die Musik der Sprache, die warme Ausstrahlung der Mutter oder des Vaters und die Wahrnehmung von Geborgenheit wichtig.
Ich erinnere mich da an Slapsticks in alten Stummfilmen... Wir sehen Bilder, die laufen, sich bewegen, ein Piano klimpert im Hintergrund, wir können nicht hören, was die Akteure sprechen- und trotzdem lösen diese Filme in uns einen unglaubliche Lachanfall hervor, ohne das wir ahnen , warum. Wir lachen und freuen uns über total alberne Dinge , aber im Wesentlichen ist es die Freude einer "vergessenen" Sprache wiederzubegegnen...
Mag sein, das mit der Technik heutzutage, mit Sound-und 3 D Kino sofort ALLES gesagt und gezeigt werden kann, aber ich habe eher das Gefühl, das man da aneinander "vorbeiredet". Irgendwie vermisse ich da die Behutsamkeit , die ein Sprachaufbau braucht , um das Herz und die Seele zu erreichen. Ich weiß, das klingt ein bisschen befremdlich für diesen oder jenen Menschen, aber weitet man diesen Gedanken etwas aus, kann man ohne weiteres dies auf zwischenmenschliche Beziehungen übertragen....Alles braucht Zeit und besonders die Wahrnehmung, die eigentlich kurz und flüchtig ist, die fast wie im Vorübergehen die menschliche Seele streift, braucht nachdem wir sie entdeckt haben an uns und in uns, Zeit zu wachsen und Gestalt anzunehmen. Meine Neugierde an Menschen und vor allen Dingen meine Neugier an den Gedanken der Menschen zeigen mir so manches Mal auf, wie sehr Menschen aneinander vorbeireden, weil sie sich einfach keine Zeit geben oder die Zeit nehmen, Worte und Wahrnehmungen und Empfindungen ganz langsam in sich einsinken lassen.
Ich sehe oder lese oft, das man sagt: ich liebe dich- und eine Woche später kann es schon heißen: verschwinde. Das schmerzt.
Wo ist da die schöne Erfahrung der Kindheit verschwunden, das Vorbehaltlose, die Geduld, dem " Gebabbel" Wert beizumessen. Hier glaubt man plötzlich nur Dahingesagtem ...Man vertraut sich selbst und seinem Gefühl nicht mehr...Wie kann es sein, das Worte plötzlich so ein ungleiches Gewicht bekommen zu dem , was tief in der Seele verankert sein müsste, nämlich das Urvertrauen zu sich selbst, das Wertegefühl, das Selbst....
Man vertraut Projektionen und Trugbildern, man vertraut einer Sprach"verformung" . Es ist mir selbst manchmal unheimlich , wie aus dem guten Sinn von Worten etwas total anderes aus dem Mündern der Menschen heraussprudeln kann. Es fasziniert mich sehr, gerade immer dann, wenn ich zum Beispiel eine neue Sprache lerne , zu entdecken , wie die Bedeutungen und Klangbilder mich im Inneren verändern. So denke ich , müsste es auch mit den Kindern sein, die sich an der Sprache des Umfeldes orientieren . Die Zeit der Kindheit, die mit dem Lächeln begonnen wird , braucht eine Sprache, die bedeutend ist, die warm ist, die wahr ist, ehrlich, vorbehaltlos .
Man braucht eine Sprache , wo die Kluft zwischen dem Gesagten und dem tatsächlich Gemeinten verschwindet. Das braucht Geduld, Zeit, Zuwendung und vor allen Dingen Bereitschaft. . Selbst meine Muttersprache ist für Überraschungen gut. Jeden Tag mache ich die Erfahrung, das die Worte die ich weiß, immer wieder eine neue Bedeutung haben. Selbst , wenn ich nur lausche oder lese...Jeden Tag "arbeite" ich mich an die Sprache ohne Worte heran...um dann doch wieder diesen Worten einen Sinn zu verleihen, wenn ich sie dann ausspreche.
Ich schütte praktisch Sand auf, um die Sprachinsel zu vergrößern, um Land zu erreichen, um es mal in der Metapher zu sagen. Um so mehr freue ich mich , wenn vom Land gegenüber auch alles getan wird , das Insel und Land sich annähern. Und das ist wirklich schön, das es auch hier geschehen kann, in einem Forum wo man zweisprachig postet und trotzdem innerhalb dieser Zweisprachigkeit so viele andere Sprachen und Wahrnehmungen entdeckt, die das Leben bereichern . Selbst wenn sich mal ein Schweigen einstellt ... auch Schweigen ist eine sehr tiefgründige Sprache...Schweigen hebt die Worte hervor, die gesprochen werden.... ( aber das ist schon eine andere Überlegung wert ...)
MAR