lieber Zerd

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Sultan

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AW: lieber Zerd

Zitat von Zerd:
liebe sultan, denk dir bitte nichts dabei, es geht hier vielen so wie dir, ganz gleich, in welcher sprache sie zuhause sind. ich hoffe nur, dass wir die unterhaltung in der uns genehmen sprache fortführen dürfen, auch wenn sie manchem etwas spanisch vorkommen mag....
zerd

War doch nur ein Scherz.....ist ja kein Wunder an spanisch hatte ich noch gar nicht gedacht....:wink:

Liebe Grüße
Jens

P.S. Wenn ich noch eine Tochter hätte würde ich sie Sultan oder Şule nennen
 

Zerd

Well-Known Member
AW: lieber Zerd

Zitat von Zerd:
wenn kafkas streben, den für ihn richtigen satz an möglichkeiten zu bestimmen und zu gestalten, im freitod mündet, dann ist das für mich ein eindeutiges zeichen dafür, dass sein satz elemente enthält, die im hinblick auf den menschen und sein leben nicht kultivierwürdig sind, da sie zu einer abwärtsspirale geführt haben, die in letzter konsequenz das leben ablehnt.

nicht kafka war es, der sich das leben genommen hat, sondern der andere pessimist trakl. bitte das versehen zu entschuldigen. und danke, mar, für den hinweis. auf die grundätzlichen aussagen hat dieser irrtum keine auswirkungen.
 
M

mar

Guest
AW: lieber Zerd

lieber zerd jetzt versuche ich es noch einmal, einige tage mit verspätung, um auf den kurzen satz, den ich dir von kafka zitiert hatte einzugehen, bzw. auf den unterschied, den ich zu burger und kafka sehen mag...das sich da hinzugesellt hat, das gerade temporär im parallelen eigentlich ein burgerscher jünger aufmacht, deine these zu untermauern, macht es mir gar nicht leicht, für kafka ein klein wenig in die bresche zu springen, denn wenn du burger und kafka gegenüberstellst, dann ergibt sich beim blick auf die vita und auf das ende burgers und kafka’s gar keine schlüssige parallele. Wenn wir von einer betrachtung des lebens bei burger ausgehen, welcher als manisch depressiver schriftsteller seine innere haltung nach draussen trägt z.B. im traktat über den selbstmord, oder auch inhaltlich in seinen Büchern eher der dunkle schwarze kern der seelischen verfassung der protagonisten die quintessenz seiner sicht der dinge auf die welt als "unlösbare" möglichkeit seinen lesern offeriert, verhält sich das meines erachtens bei kafka etwas anders. Ich sehe bei kafka eher die verarbeitung der äusseren umstände, denen die protagonisten ausgeliefert sind, einer hilflosigkeit, durch die sie durch gesellschaftliche umstände in eine persönliche krise gestürzt werden... und hier sehe ich den unterschied zwischen einer (un-)gewollten lebensfeindlichen einstellung durch eine seelische erkrankung, die keine türen zu öffnen vermag und diese lebensfeindlichkeit auch konsequenter weise bis zum ende "gelebt" wurde; und den zwischen einer lebensfeindlichen umwelt, die von aussen über menschen hereinbrechend zwar mitunter passivität auslöst, aber auch eine veränderung möglich machen kann.
Wenn ich kafka’s werk einmal beleuchte, eher die werke, die er eigentlich nur fragmentarisch hinterlassen hatte, kann ich darin eine gewisse verantwortlichkeit und eigene transparenz zu sich selbst entdecken- das geschriebene ist unfertig, es ist noch " im fluss" , es ist revidierbar, so wie fehlschlüsse oder irrwege revidierbar sind. Es ist noch nichts abgeschlossen und entgültig einem lesenden publikum zugänglich gemacht worden und vieles davon sollte es wohl auch nie werden, denn die verfügung kafkas diese fragmente und werke zu vernichten nach seinem tod wurde nicht respektiert. So haben wir heute ein werk vorliegen , welches postum unfertig und ohne korrektur des autors und ohne seine genehmigung dem leser vorgesetzt wird...
Wenn ich nur anrissweise die tragischen umstände burgers sehe , der durch selbstquälerische manische depressionsschübe an sich selbst so verzweifelte und diese verzweiflung über seine erkrankung , so wie wir wissen es viele schriftsteller tun, als "energie"schübe für seine werke, als heilendes element , als therapeutikum eingebunden hat, so empfinde ich dies bei kafka keineswegs so... ich sehe bei burger die werke als beleuchtung und erklärung einer tiefsten verzweiflung über die unmöglichkeit, etwas ändern zu können , bei kafka sehe ich die suche nach der möglichkeit einer veränderung ( der insbesonderen politischen, gesellschaftlichen und religiösen umstände) , auch wenn sie scheinbar, wie in der "verwandlung" als auf den rücken zappelnder käfer daherkommt ( bei anstrengung wird ein käfer sich auch wieder auf die beine stellen...) das dunkle, das traurige oder auch das schaurige mag sicher daher so an die aktualität erinnern, da vieles in den fragmenten oder auch vollendeten werken sich parabelhaft tiercharakteren oder surrealistischen bildern bedient, die in der zeit kafkas, also der moderne ja auch gesellschaftliche missstände aufdecken sollen.... und misstände aufdecken hat etwas mir veränderung zu tun, mit etwas der zukunft zugewandtem und nicht lebensfeindlichem... während ich eher bei burger geneigt bin ( belegbar durch seinen freitod) , das innere misstände, also seelische zerissenheit kaum raum zulässt, das man von aussen etwas ändern könne ( hier schliesst sich der kreis etwas zu einigen ausführungen in schon zahlreichen anderen treads bezüglich therapie, positiver lebenseinstellung, und eigenverantwortlichkeit für das leben)
kafka’s zitat : " Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns"... zeigt mir eigentlich auf, das das geschriebene wort, ein buch , ein traktat uns menschen tief im inneren aufbrechen sollte, es sollte verhärtete strukturen "aufsplittern" uns auftauen , zum fließen bringen, uns bewegen. Deshalb sehe ich nicht unbedingt etwas lebensfeindliches , sondern schon eine verantwortlichkeit sich selbst und dem leser gegenüber ... burgers anleitung zum selbstmord, geschrieben ein jahr vor seinem freitod ist eindeutiger ...
mar
 
M

mar

Guest
AW: lieber Zerd

Zitat von Zerd:
nicht kafka war es, der sich das leben genommen hat, sondern der andere pessimist trakl. bitte das versehen zu entschuldigen. und danke, mar, für den hinweis. auf die grundätzlichen aussagen hat dieser irrtum keine auswirkungen.


das ist wie immer richtig, die aussage an sich (kultivierbar- nicht kultivierbar) ist im prinzip auf alle lebensumstände zutreffend.... unsere antwort hatte sich wohl gerade überschnitten , ja trakl war eine ganz andere zeit! und im kontext zu burger ist da eine ganz andere sichtweise als auf kafka.... das wäre ein anderes thema....mar
 
M

mar

Guest
AW: lieber Zerd

lieber zerd.... immer noch geht mir diese ansprache sehr leicht von der hand , auch wenn du nicht antwortest passt sie trotzdem immer noch und ich mag eigentlich diese liebgewordene gewohnheit nicht so abstellen. alleine schon, weil ich diesen weiterführenden treath schon unter diese überschrift gestellt hatte...
also, trakl oder kafka waren mir in der letzten zeit nicht mehr in die hände geraten... wie du ja weisst, bewohne ich ein kleines zimmer hier im haus , turgay war so freundlich und hat mit die schlüsselhoheit für dieses zimmer gegeben. du hast ja die umzugsphase noch miterlebt , als ich das wortdurchgangszimmer eröffnet hatte... mittlerweile sind die erlebnisse und gedanken schon in einer art speisekammer gelandet:
http://www.turkish-talk.com/wortdurchgangszimmer/6501-die-woche-zusammengefasst.html und sie überdauern dort die zeit, so wie mein eingemachtes im marmeladenglas...
inzwischen sind nach den ersten stürmischen anfängen des philosophischen eckchens einige neue user dazugekommen, die sich auch recht wohl hier fühlen könnten.ich hoffe sehr, das die besuche hier nicht zu selten werden... es muss ja nicht immer wittgenstein, sokrates , diogenes oder nietzsche sein, die zu wort kommen müssen .... aber es wäre es doch wert über viele dinge mehr als nur oberflächlich nachzudenken. jetzt, wo der winter vor der tür steht und tatsächlich die luft in der nacht nach wasser und schnee riecht, bleibt viel raum zum sinnieren und zum nachdenken. aufgetürmt auf dem schreibtisch liegen einige bücher, die mich ganz anders reizen und herausfordern; das türkisch-lehrbuch und das wörterbuch... eine andere sprache , die mir so noch nie begegnet ist... schwer und schön zugleich. wenn es am morgen still im haus ist, zischt der kaffeautomat und ich sitze und blättere manchmal einfach so im wörterbuch... wörter sind ja wie eine zweite haut für mich- mit worten spielen zu lernen liegt mir weniger, aber mit den wörtern spielend um die ecke schauen eher...es ist sehr spannend , wie im deutschen übrigens auch, wenn man ursprünge von wörten in weit zurückliegender zeit entdeckt...so steht im alten wahrig ( wörterbuch deutsch-deutsch ) unter dem wort SPRACHE : system von lauten, lautsystem einer menschlichen gemeinschaft, ... die zusammensetzungen der wörter mit dem wortstamm -sprach- umfassen zwei seiten dieses wörterbuches...
zusammengesetzte worte, und jedes für sich hat einen sprachstamm und doch eine andere bedeutung... sprachreich, sprachlos,sprachfehler, sprachlabor.... und und und ...und unter anderm auch:sprachinsel.die sprachinsel bedeutet laut wahrigs wörterbuch: ein gebiet, in dem eine andere sprache gesprochen wird als in dem land , das es umgibt.

ist es dir auch schon einmal so ergangen, das du inmitten deiner sprachgewohnheiten dich auf einer sprachinsel befunden hast? im moment ergeht es mir so...die neugier nach einer anderen sprache hat mich wieder zu ganz interessanten auseinandersetzungen mit meiner immer wie selbstverständlich gesprochenen sprache geführt. ich blättere im türkisch- wörterbuch, entdecke ein wort, welches schön klingt, will wissen wie es auf deutsch heisst, schaue im deutschen wörterbuch nach und stosse dann dort auf den hinweis. ahd oder mhd. (althochdeutsch oder mittelhochdeutsch) ... ich mache eine wörterreise in das mittelalter ...die kulturellen hintergründe und die soziologischen, historischen wurzeln zu meiner sprache, die nun den weg auf umwegen zu mir finden...das ist sehr spannend zu entdecken (obwohl es ja unausbleiblich ist...) wie das erlernen einer fremdsprache das eigene bewusstsein erweitert.
sprachinsel, das wort gefällt mir. es hat etwas von dem, was ich damals hier gefunden habe, als ich neuling war auf TT.
irgendwie ist es nachdenkenswert , das ein deutsch-türkisches forum mit meiner sprache eine suche ausgelöst hat...eine suche nach den wurzeln der verständigung .
bemerkenswert, das ich mit meiner deutschen sprache hier ankern konnte...
schaue ich zurück auf die ersten postings unseres austausches und wenn ich mich erinnere, das -obwohl keiner lange zeit in dieser diskussion der dritte sein mochte- stille "zuschauer " da waren, die sich den sprachlichen austausch nicht entgehen lassen wollten.
das sprachschiff liegt immer noch "vor anker" , die sprachinsel hat einen größeren hafen, an dem jeden tag neulinge anlegen, um das terrain zu bestaunen, zu bewandern und manchmal auch schatzgräberei betreiben wollen.
diese schatzgräberei nach worten, nach sprache nach kommunikation ist hier ja eine gewollte, eine erlaubte schatzgräberei.
Sprachverlorenheit - das wort habe ich auch noch entdeckt...ich überlege noch, was dieses wort mir ausserdem zu sagen hat, als das die sprache verloren ging...könnte es auch suggerieren, das man sprache wiederfinden könnte? So nach dem schema: verloren-gefunden?
was könnte man finden...? und- wer findet das , was andere verloren haben...?
ich wünschte mir, das niemand die sprache verlöre, sondern noch diese und diese und diese sprache dazufindet...sprache als kulturgut...
das kleine "philosophische schiffchen" schaukelt beladen mit wörtern im hafen.
So ist das : solange diese fracht nicht entladen wird, bleiben viele menschen sprachlos.

liebe grüße
MAR
 
L

Lalezar2006

Guest
AW: lieber Zerd

Liebe Mar, ich bin hängen geblieben bei dem Wort <Sprachverlorenheit> und hoffe mit meiner Anwesenheit weder dich oder Zerd, zu stören..

…Ich musste zurück denken, und dachte mir wenn ein Kind noch nicht Sprechen kann, so wird es wütend, weil es sich nicht ausdrücken kann. Dabei erfindet es all die Möglichkeiten, um zur Sprache zu kommen. Es zeichnet sich eigene Gedanken und fühlt sich in seiner eigenen Sprachwelt, wie in einem Labyrinth… wo es eigentlich gar nicht rausfindet. Dennoch betrachtet das Kind die wesentlich jetzt uninteressanten Sachen mit einer ganz anderen Bedeutung. Ein bunter Strauss Blumen, bekommt eine ganz andere Farbe, ohne das, dass Kind weiß das es Blumen sind, oder dessen Bezeichnung vielmehr. Es sieht die vielen verschieden Farben, malt sich selbst Muster und betrachtet eigentlich nur das schöne. Es nimmt den Duft und die Farben wahr. Es ist überzeugt, das es in einer Traumwelt lebt.

Ohne zu wissen was der Hintergrund ist und dessen Bedeutung, hat dieses Kind leider nur die kurze Zeit einiges wirklich wahrzunehmen, ohne in einem Lexikon nachzublättern was dies oder jenes ist und dessen Bedeutung. So bleibt dem Kind eigentlich die Oberflächigkeit der Sprache erspart, es starrt förmlich auf ein Gegenstand und studiert es in all seiner Pracht, sei es auch nur ein Baum dessen Äste sich durch den Wind bewegen. Vielleicht ist die Sprachverlorenheit vorhanden, aber im wesentlichen ist die Wahrnehmung da, die wir schon längst verloren haben.. Lustig, finde ich es wenn Eltern anfangen zu versuchen, in der Sprache der Kleinen zu reden,.aber sie haben es verlernt und meistens werden die Eltern die besten Theater -oder Stand up Künstler, mit den verschiedensten Grimassen, ohne ein Wort fallen zu lassen. (Blubb macht es meistens oder ba ba ba ba, bu bu bu, aaaa ooooo, iiiiiii) Eigentlich denke ich achtet das kleine Geschöpf gar nicht was aus dem Munde der Eltern kommt, sondern achtet gezielt darauf das sich der Mundwinkel der Eltern sich zur Sonne streckt und sobald sich dies erfüllt, fängt das Kind an zu lächeln und schon sind sie gefangen und stahlen übers ganze Gesicht, ohne jegliche Bedeutung. Es ist wie ein kleiner Zauber, was man bei ihnen auslöst. Ein kleines Lächeln ohne Worte, können einen doch so fesseln und zum tief Atmen bringen. Nur ein kleines Lächeln ist so kostbar für sie, alles andere machen sie den Eltern in diesem Moment gar nicht nach ist mir bewusstgeworden. All die Grimassen mit den Wörtern wie (bubu baba bibi) werde nicht wahrgenommen und nachgemacht.

Wenn ich ein kleines Geschöpf sehe zum Beispiel im Bus morgens, dann schaue ich mich erst mal um, ob mich jemanden anschauen tut, bevor ich es gleich anlächele. Komisch! Man fühlt wohl, das andere Menschen in diesem Bus, von dieser Sprache sehr weit entfernt sind…Ich lächele es an und siehe da, die Augen glänzen, schauen mich groß an und nein um nichts würde ich diesem Moment, das lächeln eines Kindes tauschen…..gegen kein einziges Wort….und so entdecke ich die Sprachverlorenheit..
 
M

mar

Guest
AW: lieber Zerd

liebe Lale, das ist schön, das Du antwortest.... nein , natürlich störst Du nicht.... es ist doch das Anliegen dieses Austausches, das sich der beteiligen mag, der sich mit den Denkanstößen und Überlegungen anfreunden mag und so die Kolumne weiter belebt wird.
Ich kenne das, was Du beschreibst, sehr gut. besonders auch die Situationen in der U-Bahn. Ich kommuniziere auch meistens mit den Kindern auf die gleiche Art und Weise. mit dem Augenkontakt und einem Lächeln.... es ist unglaublich, welche Formen die Sprache haben kann. Obwohl man nicht laut ausspricht , was man denkt, erreicht man einen kleinen Menschen , der die Laute noch nicht mit den Lippen formen kann, mit der Sprache des Herzens und der Sprache des Zutrauens. Man nimmt jemanden wahr, eben dieses Kind und man schenkt ihm Aufmerksamkeit und Blickkontakt. Ich beobachte es sehr oft , das die Kinder , wenn sie noch so klein sind, gerade in der U-Bahn zwischen all den großen um sie herumstehenden Menschen ganz verloren unten stehen oder im Kinderwagen sitzen.... so haben sie gar keine Chance, den Blickkontakt zu den Großen aufzunehmen. Und dabei wäre es doch ganz einfach für fast jeden , den Blick einmal zu senken, sich in die Hocke zu begeben oder einfach Signale mit den Händen auszusenden...

Die Sprache, die man verloren hat, ist auch ein Teil der Sprache aus der Kindheit....Als Erwachsener sind die Wahrnehmungen auf ganz andere Dinge gerichtet, da hast Du schon richtig bemerkt, das das Kind das Schöne und das Klare wahrnimmt, keine Worte für das kennt, was da so wundervoll aussieht und was so sehr sein Herz berührt. Solche Moment , glaube ich , hat man als Erwachsener nur in den seltenen Momenten einer unaussprechlichen Liebe. Wenn zwei Seelen sich begegnen und die Worte fehlen, um das zu beschreiben. Kinder lieben so vorbehaltlos, sie lieben und freuen sich an dem , was schön, wahr, ehrlich ist. Zunehmend mit dem Alter, auch wenn die "Verformungen" der Gesellschaft , der Schule, der Erziehung, guter und schlechter Erfahrungen dazukommen, scheint diese Ungebundenheit an Worten verloren zu gehen, man versucht alles zu benennen und zu umschreiben, aber der Kern des Wesens wird dadurch nicht tief berührt, so denke ich manches Mal. Es ist auch interessant zu sehen, das Menschen meist nur Kindern gegenüber bereit sind, Worte zu verformen- dieses babababa oder lalalala als Lautmalerei benutzen ,in der Hoffnung , auf die Sprachebene des Kindes zu gelangen... dabei "verhindern" sie , so meine ich eher den Zugang zur Sprache und schlagen praktisch dem Kind "die Tür vor der Nase zu"... Ich denke , es ist die Klangsprache in dem Moment, die das Lächeln auf das Gesicht zaubert...im Prinzip könnte man auch Einsteins Relativitätstheorie mit einem kindgerechten , freundlichen Gesicht erzählen, das strahlende Lächeln wird auch genau so erscheinen.... das klingt sicher absurd für Viele, aber ich denke einfach, dem Kind ist im Moment die Musik der Sprache, die warme Ausstrahlung der Mutter oder des Vaters und die Wahrnehmung von Geborgenheit wichtig.
Ich erinnere mich da an Slapsticks in alten Stummfilmen... Wir sehen Bilder, die laufen, sich bewegen, ein Piano klimpert im Hintergrund, wir können nicht hören, was die Akteure sprechen- und trotzdem lösen diese Filme in uns einen unglaubliche Lachanfall hervor, ohne das wir ahnen , warum. Wir lachen und freuen uns über total alberne Dinge , aber im Wesentlichen ist es die Freude einer "vergessenen" Sprache wiederzubegegnen...
Mag sein, das mit der Technik heutzutage, mit Sound-und 3 D Kino sofort ALLES gesagt und gezeigt werden kann, aber ich habe eher das Gefühl, das man da aneinander "vorbeiredet". Irgendwie vermisse ich da die Behutsamkeit , die ein Sprachaufbau braucht , um das Herz und die Seele zu erreichen. Ich weiß, das klingt ein bisschen befremdlich für diesen oder jenen Menschen, aber weitet man diesen Gedanken etwas aus, kann man ohne weiteres dies auf zwischenmenschliche Beziehungen übertragen....Alles braucht Zeit und besonders die Wahrnehmung, die eigentlich kurz und flüchtig ist, die fast wie im Vorübergehen die menschliche Seele streift, braucht nachdem wir sie entdeckt haben an uns und in uns, Zeit zu wachsen und Gestalt anzunehmen. Meine Neugierde an Menschen und vor allen Dingen meine Neugier an den Gedanken der Menschen zeigen mir so manches Mal auf, wie sehr Menschen aneinander vorbeireden, weil sie sich einfach keine Zeit geben oder die Zeit nehmen, Worte und Wahrnehmungen und Empfindungen ganz langsam in sich einsinken lassen.

Ich sehe oder lese oft, das man sagt: ich liebe dich- und eine Woche später kann es schon heißen: verschwinde. Das schmerzt.
Wo ist da die schöne Erfahrung der Kindheit verschwunden, das Vorbehaltlose, die Geduld, dem " Gebabbel" Wert beizumessen. Hier glaubt man plötzlich nur Dahingesagtem ...Man vertraut sich selbst und seinem Gefühl nicht mehr...Wie kann es sein, das Worte plötzlich so ein ungleiches Gewicht bekommen zu dem , was tief in der Seele verankert sein müsste, nämlich das Urvertrauen zu sich selbst, das Wertegefühl, das Selbst....
Man vertraut Projektionen und Trugbildern, man vertraut einer Sprach"verformung" . Es ist mir selbst manchmal unheimlich , wie aus dem guten Sinn von Worten etwas total anderes aus dem Mündern der Menschen heraussprudeln kann. Es fasziniert mich sehr, gerade immer dann, wenn ich zum Beispiel eine neue Sprache lerne , zu entdecken , wie die Bedeutungen und Klangbilder mich im Inneren verändern. So denke ich , müsste es auch mit den Kindern sein, die sich an der Sprache des Umfeldes orientieren . Die Zeit der Kindheit, die mit dem Lächeln begonnen wird , braucht eine Sprache, die bedeutend ist, die warm ist, die wahr ist, ehrlich, vorbehaltlos .
Man braucht eine Sprache , wo die Kluft zwischen dem Gesagten und dem tatsächlich Gemeinten verschwindet. Das braucht Geduld, Zeit, Zuwendung und vor allen Dingen Bereitschaft. . Selbst meine Muttersprache ist für Überraschungen gut. Jeden Tag mache ich die Erfahrung, das die Worte die ich weiß, immer wieder eine neue Bedeutung haben. Selbst , wenn ich nur lausche oder lese...Jeden Tag "arbeite" ich mich an die Sprache ohne Worte heran...um dann doch wieder diesen Worten einen Sinn zu verleihen, wenn ich sie dann ausspreche.
Ich schütte praktisch Sand auf, um die Sprachinsel zu vergrößern, um Land zu erreichen, um es mal in der Metapher zu sagen. Um so mehr freue ich mich , wenn vom Land gegenüber auch alles getan wird , das Insel und Land sich annähern. Und das ist wirklich schön, das es auch hier geschehen kann, in einem Forum wo man zweisprachig postet und trotzdem innerhalb dieser Zweisprachigkeit so viele andere Sprachen und Wahrnehmungen entdeckt, die das Leben bereichern . Selbst wenn sich mal ein Schweigen einstellt ... auch Schweigen ist eine sehr tiefgründige Sprache...Schweigen hebt die Worte hervor, die gesprochen werden.... ( aber das ist schon eine andere Überlegung wert ...)

MAR

 
L

Lalezar2006

Guest
AW: lieber Zerd

Deine Zeilen liebe Mar, wenn ich sie so lese dann gleite ich davon..Es ist alles so schön zu lesen und zu verstehen. Du hast recht, das Kinder geduld haben eine Sprache zu lernen, nicht nur in dieser Form haben sie geduld, sondern in allen Lebensbereichen. Wir Großen haben diese Geduld schon längst verloren, täglich hetzen wir als ob das Ziel, einen ganz nah scheint, so schnell laufen wir. Ist die heutige Gesellschaft dafür verantwortlich? Eigentlich meine ich den Menschen selber, was strebt ihn so an zu laufen? Begann das laufen, als man die Zeit erfunden hatte, mit dem Sekundenzeiger? Sind es die Medien, die uns täglich zeigen was neu ist? Ich denke man will einfach nicht alt werden, oder viel besser Out. Schnell alles lernen, schnell alles leben, um ja nix zu verpassen. Aber ich gestehe gerne, ich laufe auch immer. Das erinnert mich auch immer wieder an ein Gedicht von Ataol Behramoglu "Yasadiklarimdan ögrendigim birsey var" (wenn du magst findest du es hier unter Gedichte auch in Übersetzung) Aber ich mochte schon nie diese Timeplaner, wo ich all meine Termine notieren soll. Weil um so schneller ich renne, umso mehr lebe ich nicht mehr und vergesse mich selber dabei. Es ist auch mal schön die Musik spielen zu lassen und tief in sich zu gehen, was habe ich doch alles vergessen, was ich eigentlich wollte, statt immer nur zu laufen. Man verliert sehr viel an Persönlichkeit. Genauso wie du es beschrieben hast, kurze Gespräche entwickeln sich, wobei ein Wort ausgetauscht wird. Letztlich wird daraus ein Satz „Wie geht es dir?“ und,….. ich muss jetzt los. Auch dein Satz Selbst wenn sich mal ein Schweigen einstellt ... auch Schweigen ist eine sehr tiefgründige Sprache...Schweigen hebt die Worte hervor, die gesprochen werden.... ist so treffend. Das Fernsehen, die tägliche Zeitung, die eigentlichen Probleme der Menschen und deren Sprache, machen mich müde, manchmal so müde, als ob ich unendlich schlafen möchte. Aber die Zeit lässt es mir ja nicht zu. Jetzt versuche ich das müde sein zu verstehen, nach all den verschiedenen Sprachen täglich, anscheint nehme ich sie immer noch so auf ,wie ein kleines Kind mit all seinen Wahrnehmungen und es passieren einfach unheimlich viele Sachen.

Heute habe ich mir Gedanken gemacht, über die Sprache, dank deiner Aussprache die anfing mit lieber Zerd…Sprache ist wirklich nicht nur ein Wort, was man lernt. Wie man es wahrnimmt, ist doch so wichtig. Wenn ich darüber nachdenke, musste ich lächeln, wie wichtig doch die Sprache ist. Beim alltäglichen Gebrauch nutze ich die Deutsche Sprache, ich nenne es jetzt mal meine oberflächige Sprache, die eigentlich gar keine Bedeutung haben muss, ganz fade und trocken, man muss nur zuhören. Das ist die Sprache die ich dann als Beispiel, beim Bäcker morgens nutze, ein Laugenbrötchen bitte. Oder wenn ich im Büro bin, die bürokratische Sprache, am besten ganz leicht zu verstehen, schnell und bündig. Guten Morgen, spreche ich mit …. Könnten sie mich verbinden? Alles klar, ich rufe später noch mal an…oder wenn ich mal einen Witz erzählen will, nutze ich auch meine oberflächige Sprache..Wenn ich aber von mir etwas erzählen möchte, ob es die Liebe ist oder wie ich mich fühle, habe ich die Angst das man mich nicht versteht…so ändert sich meine Sprache automatisch in die türkische Sprache… Man nennt sie ja auch die blumige Sprache, ich nenne sie nicht nur die blumige Sprache, ich finde keine Wörter für diese Sprache. Nein, ich hänge nicht so an dieser Sprache weil es meine Muttersprache ist. Den die deutsche Sprache ist auch meine Muttersprache. Die türkische Sprache lässt leben..In einen kleinen Satz passt eine ganze Geschichte rein. Wie soll ich es nur erklären, selbst jetzt finde ich keine passenden Wörter. Eine Kassette, ein Buch oder eine Lehrerin reicht nicht aus um diese Sprache zu lernen, man muss nur die Bedeutung wissen der Wörter und sie fühlen. Vielleicht kann man dies auch bei der Deutschen Sprache, aber es klappt einfach nicht. Liebe Mar, es gibt so viele türkische Wörter, für die es keine Übersetzung gibt, die gibt es nur in türkisch, es sind nicht wenige Wörter, ziemlich viele. Kann man jetzt dies und dessen Bedeutung übersetzen? Klingt es genauso melancholisch?

Ich habe mal von William Shakespeare ein Gedicht gelesen, in Deutscher Sprache..

Sonette 66
Des Todes Ruh ersehn' ich lebensmüd, Seh' ich Verdienst als Bettler in der Welt, Und leeres Nichts zu höchster Pracht erblüht, Und reinste Treue, die im Meineid fällt, Und goldne Ehre, die die Schande schmückt, Und Mädchenunschuld roh dahingeschlachtet, Und Kraft durch schwache Leitung unterdrückt, Und echte Hoheit ungerecht verachtet, Und Kunst geknebelt in der Obermacht, Und Unsinn herrschend auf der Weisheit Thron, Und Einfalt als Einfältigkeit verlacht, Und Knecht das Gute in des Bösen Fron, Ja lebensmüd entging' ich gern der Pein, Ließ den Geliebten nicht mein Tod allein.

Ich habe nicht ein paar Wörter gefunden die mich gleiten ließen, vielmehr war ich damit beschäftigt, was will nur Shakespeare sagen? Es sind für mich so richtig betonhaltige Wörter, es sind mehr Begriffe die ich ordnen muss, aber,…….. ich habe dieses gleiche Gedicht auch auf türkisch gefunden, ich hätte es mir einrahmen können, ich konnte es wahrnehmen und die ganze Melancholie lies mich gleiten…. Jeder Satz bekommt ein Bild, es ist wie ein Bilderbuch.

Sone 66
Vazgectim bu dünyadan tek ölüm paklar beni,
Degmez bu yangin, avus acmaya degmez.
Degil mi ki cignenmis inancin en seckini,
Degil mi ki yoksullar, mutlulukran habersiz,
Degil mi ki ayaklar altinda insan onuru,
O kiziloglan kiz erdem daglara kaldirmis,
Ezilmis, hor görülmüs el emegi, göz nuru,
Ödlekler gecmis basa, derken mertlik bozulmus,
Degil mi ki korkudan dili bagli sanatin,
Degil mi ki cinginlik sahip cikmis düzene.
Dogruya dogru derken egriye cikmis adin,
Degil mi ki kötüler kadi olmus Yemen`e
Vazgectim bu dünyadan, dünyamdan gectim ama,
Seni yalniz koymak var ya, o koyuyor adama.


…ja die Sprache ist sehr wichtig, die Sprache die einen viel erzählen will..
 
M

mar

Guest
AW: lieber Zerd

Zufällig ist wieder mal Sommer....:-D fast vor einem Jahr ....



Gibt es den Zufall? Interessanterweise ist mir diese Frage gleich zweimal in den letzten Tagen ins Auge gesprungen. Nicht nur das Wort , sondern auch das Ereignis, welches an sich diese Frage nach der Wiederkehr bestimmter Ereignisse oder Ähnlichkeiten aufwirft Und heute sitze ich an meinem Schreibtisch und halte einen Akademie-Bericht in der Hand, dessen Titel mich auffordert, die Seiten aufzuschlagen. Moderne Physik und New Age – so heißt dieser viel-und nichtssagenden Titel. Ein weißer Einband mit einem tanzenden Shiva und den kybernetischen Formeln einer Berechnung als eye- Catcher. Man darf den Titel nicht missinterpretieren, es ist eine wissenschaftliche Studie über das „Tao der Physik“ von Fridjof Capra

Und siehe da, das Tao wurde doch auch gerade von Anouk erwähnt, als sie Wiebke den Sinn ihres momentanen Zustandes in einer Weise „erklären „ wollte, die meinem philosophischem Hunger sehr nahe kommt. Dann fielen mir auch noch die gesamten Gedichte im 12. Band der Gesamtausgabe seiner Werke von Johannes Kepler in die Hände… also ich weiß nicht recht: es liegt etwas in der Luft. …Merkwürdig? Denkwürdig? Zufälle physikalischer Natur oder mystischer Vorgang der Intuition, die sich nach innen öffnet und den Focus nach aussen weitet… ?
„Mystiker und Physiker kommen zur selben Schlussfolgerung , die von einem Reich im Inneren ausgeht, und einem Reich der äußeren Welt. Die Harmonie zwischen beiden bestätigt die alte indische Weisheit, das die letzte äußere Realität mit der inneren Realität identisch sind“ ( Capra: Das Tao der Physik) .. …

Das Tao hatte ich jahrelang in meiner Manteltasche und meiner Aktentasche herumgetragen und natürlich bis zur Unkenntlichkeit „abgelesen“. Ich könnte jetzt nicht einmal sagen, ob ich zu dieser Zeit in einem ähnlichen Zustand von Zweifeln oder Eigenbefragung war, aber ich war mit diesem dünnen Büchlein sehr gut bedient. Das ist , wie gesagt, schon eine Weile her; doch wie der „Zufall“ es will, treffen ( bei mir ) mehrere Signale in kürzester Zeit aufeinander: Tao, Zufall, Wiebkes Thread, Capras Buch und die Kritik an demselben, der Auslöser zur Studie 1975 ein Erlebnis , sagen wir , eine Seinserfahrung , die rein physikalischer Natur zu sein schien, und ihn (Capra) am MEER zur spirituellen Erkenntnis brachte, sich des Gottes Shiva ( ind. Gott der Zerstörung) näher anzunehmen. Die mystische Betrachtungsweise, gepaart mit wissenschaftlichem Backround, mit der Sehnsucht nach der Ganzheit des Menschen und der inneren ,kritischen Betrachtung der existierenden Moderne , die Betrachtung der Welt mit holistischem, ökologischem und feministischem Blick muss in dieser Zeit , als das so genannte NEW-AGE- Zeitalter in aller Munde war, beängstigend auf einige theoretische Physiker gewirkt haben. Ich selbst konnte nur mit NEW AGE gar nichts anfangen, weil ich mich eigentlich immer auf meine eigenen innerlichen Erfahrungen verlassen habe, und keinen Strömungen gefolgt bin. Deshalb war ich doch plötzlich sehr fasziniert, das „AHA-Erlebnis“ von Capra nachzulesen und den Wissenschaftler Capra als einen interessanten Gedankenbruder zu entdecken. Holistische Gedanken finden sich bei Hegel und Leibnitz, so das ich, als ich weiterblätterte in dieser kleinen Studie doch höchst erfreut war, all den Gedanken wieder zu begegnen , die sich manchmal zerstreut und manchmal geballt in meinem Kopf festsetzen.
Physik war zu Beginn des 20 Jahrhundert ein philosophisches Fach, also kein rein naturwissenschaftliches. Dies erklärt wohl auch (noch), dass Naturwissenschaftler dieser Zeit Zusammenhänge meist mit philosophischem Grundtenor in der Sprache erläutern konnten. Capra greift diesen Sprachduktus zumindest im „TAO der Physik „ auf. .

Das Suchen nach einer Konvergenz zwischen Physik und Mystik haben ja schon in vorangegangene postings auch mein Suchen nach Rationalität im Einklang / Ergänzung zur Intuition mit Ereignissen und Erfahrungen aufgeworfen.

Man lebt im Gleichklang dahin, so meint man. Trotz offenen Geistes erschließt sich die Welt nicht im wissenschaftlichen Sinn, sondern im intuitiven, im wahrnehmenden Sinne. Doch auch Wahrnehmungen sind verfremdet oder nicht aufschlüsselbar, weil Grundmodelle der modernen Physik nicht immer eingängig dem Menschen offenbart werden , sie auch als mystische innere Abläufe der Seinswerdung zu erkennen.

Ich bin so fasziniert von dieser über 400 Seiten-Schrift, die das Thema „Capra-und das Tao der Physik“ behandelt, das ich mich wirklich fragen muss, wieso habe ich es gerade JETZT entdeckt. Zufall?

MAR
 
A

Anouk

Guest
AW: lieber Zerd

„Mystiker und Physiker kommen zur selben Schlussfolgerung , die von einem Reich im Inneren ausgeht, und einem Reich der äußeren Welt. Die Harmonie zwischen beiden bestätigt die alte indische Weisheit, das die letzte äußere Realität mit der inneren Realität identisch sind“ ( Capra: Das Tao der Physik) .. …
(...)Die mystische Betrachtungsweise, gepaart mit wissenschaftlichem Backround, mit der Sehnsucht nach der Ganzheit des Menschen und der inneren ,kritischen Betrachtung der existierenden Moderne , die Betrachtung der Welt mit holistischem, ökologischem und feministischem Blick muss in dieser Zeit , als das so genannte NEW-AGE- Zeitalter in aller Munde war, beängstigend auf einige theoretische Physiker gewirkt haben. Ich selbst konnte nur mit NEW AGE gar nichts anfangen, weil ich mich eigentlich immer auf meine eigenen innerlichen Erfahrungen verlassen habe, und keinen Strömungen gefolgt bin. Deshalb war ich doch plötzlich sehr fasziniert, das „AHA-Erlebnis“ von Capra nachzulesen und den Wissenschaftler Capra als einen interessanten Gedankenbruder zu entdecken. Holistische Gedanken finden sich bei Hegel und Leibnitz, so das ich, als ich weiterblätterte in dieser kleinen Studie doch höchst erfreut war, all den Gedanken wieder zu begegnen , die sich manchmal zerstreut und manchmal geballt in meinem Kopf festsetzen.[/FONT]
Physik war zu Beginn des 20 Jahrhundert ein philosophisches Fach, also kein rein naturwissenschaftliches. Dies erklärt wohl auch (noch), dass Naturwissenschaftler dieser Zeit Zusammenhänge meist mit philosophischem Grundtenor in der Sprache erläutern konnten. Capra greift diesen Sprachduktus zumindest im „TAO der Physik „ auf. .

Das Suchen nach einer Konvergenz zwischen Physik und Mystik haben ja schon in vorangegangene postings auch mein Suchen nach Rationalität im Einklang / Ergänzung zur Intuition mit Ereignissen und Erfahrungen aufgeworfen.

Man lebt im Gleichklang dahin, so meint man. Trotz offenen Geistes erschließt sich die Welt nicht im wissenschaftlichen Sinn, sondern im intuitiven, im wahrnehmenden Sinne. Doch auch Wahrnehmungen sind verfremdet oder nicht aufschlüsselbar, weil Grundmodelle der modernen Physik nicht immer eingängig dem Menschen offenbart werden , sie auch als mystische innere Abläufe der Seinswerdung zu erkennen.

Ich bin so fasziniert von dieser über 400 Seiten-Schrift, die das Thema „Capra-und das Tao der Physik“ behandelt, das ich mich wirklich fragen muss, wieso habe ich es gerade JETZT entdeckt. Zufall?



Liebe Mar,

nein, ich glaube, das ist kein Zufall. Nun ist natürlich immer die Frage, wie man "Zufall" definiert (es gibt gewiß sehr viele gelehrte Bücher darüber, die ich alle? großteils? nicht kenne), und Anhänger der Chaostheorie würden jetzt die Hände überm Kopf zusammenschlagen..

Aber am ehesten bin ich geneigt anzunehmen, dass alles, was einem im Leben begegnet, nicht nur auf Zufall, sondern auch auf Prägungen beruht.. einer bestimmten, ganz ur-persönlichen Art, die Welt zu betrachten, ihr zu begegnen, mithin: auch erlernten Verhaltensweisen, die man aber zwanglos auch wieder verlernen kann, sofern man es sich zugesteht.

Eine Binse, ein deutsches und für mein persönliches Sprachempfinden recht grobes Sprichwort: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es hinaus. Heißt, im übertragenen Sinne: wonach Dein Herz sich sehnt, was Deine Seele will, wonach sie sucht, wird sie früher oder später finden. Weil der Blick sich schärft für das, was zu einem passt, -- weil man mehr und mehr danach lebt, authentischer lebt, sich nicht mehr mit der erst- oder zweitbesten, sondern zunehmend nur noch stimmigen Lösung zufriedengibt -- weil man unbewusst und zunehmends den Focus auf das richtet, was einen nährt, einem gut tut oder tun könnte..

Es ist, auch wenn das seltsam klingen mag, nach meinem Dafürhalten auch eine Form von positiver Autosuggestion: sich innerlich immer weiter für das Unwesentliche, Unpassende zu verschließen, um sich zu öffnen für das, was zu einer bestimmten Lebens- oder auch Entwicklungsphase passt. Dann begegnet man ganz plötzlich den "zufällig" passenden Büchern, Menschen oder auch Ideen, die einen beflügeln, und in denen sich alles wiederfindet und mehr oder minder konzentriert bündelt, was man an Erfahrungen in sich trägt und teilen, weiterentwickeln will.

Mir persönlich sind holistische Betrachtungsweisen hochgradig sympathisch. Sie passen zu meinem Lebensgefühl. Natürlich könnte man jeder Sache auch ein separates Kästchen zuweisen (wobei wir wieder bei den Schubladen wären und die Katze sich selbstgenügsam in den Schwanz bisse): aber reicht das? Mal abgesehen davon, dass es die Dinge sehr überschaubar und weniger verwirrend gestaltet?

Um es von der kleinen, menschlichen Ebene auf eine andere zu befördern: Wären "kalte" Physiker oder auch Naturwissenschaftler imstande, ihre eigenen, begrenzten Horizonte zu sprengen, und wären umgekehrt Geisteswissenschaftler imstande, radikal nüchterne Betrachtungsweisen zuzulassen -- könnte man gleichsam interdisziplinär, wie es in Deinem Beitrag anklang, alles, was an Betrachtungsweisen existiert, gleichberechtigt integrieren, würdigen und leben:

Dann wäre die Welt, glaube ich, eine bessere. Liebevoller, achtsamer, und insgesamt weniger gespalten.

Anouk


ps Du fehlst mir, liebe Mar. Gib auf Dich acht im Dreiländereck, und lasse es Dir gutgehen im sonnigeren Süden. Norddeutschland hat der Sommer noch nicht erreicht oder schon wieder verlassen. Es regnet unentwegt, und dazwischen stürmt es.
 
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