M
mar
Guest
AW: lieber Zerd
liebe Lale, fast zwei Jahre ist es her, das ist eine lange Zeit , würde man es an unseren Empfindungen messen; eine kurze Zeit, würden wir die Endlosigkeit als Zeitmesser sehen. Und mehr als zwei Jahre ist es her, das Turgay das "Philosophische" im Forum eröffnet hat . Wer hätte damals gedacht, das sich nach anfänglicher Scheu, immer mehr und mehr Mitglieder des Forums auf diese Seite wagen und wenn ich sehe, wieviel Gedanken um die Tiefe und Bedeutungsschwere der Worte kreisen, gibt mir das Hoffnung, daß das Schöne der Sprache nicht nur wegen ihrer Ästhetik wiedergegeben wird, sondern weil die Schönheit der Sprache auch all das Schöne wiedergeben kann, was wir Betrachter sonst nur auf visuellem Wege erfassen.
Schönheit des Menschen ist ja , so irritierend aus auch klingen mag, etwas Oberflächliches.
Ich halte mich mit dieser momentanen Erkenntnis an dem Erleben mit der Literatur fest, an der stillen Besitznahme von Worten. Denn Oberflächliches ist etwas, was sich verändern kann, wenn die Zeit darüber streicht ...
Damals, vor zwei Jahren hatten wir beide uns auch über die Sprache unterhalten , haben wir versucht das, was wir tagtäglich benutzen , wieder mit Kinderaugen zu sehen, oder als etwas, obwohl es davonfließen kann, Bestand hat im Geschriebenen.
Seither ist die Zeit durch uns hindurch, hat sich niedergelassen , hat Begegnungen zugelassen und Worte konserviert in unseren Gedanken.
Mir kommen in der stillen Zeit des Winters immer wieder Gedichte in den Sinn, die als schwarze Buchstaben schon auf Papier gebracht, im Regal darauf warten, wieder gelesen zu werden . Diese Verse sind eine stille Sinfonie, eine Huldigung an das Leben an sich, denn alles , was voller Sehnsucht, Liebe oder Trauer das Dasein des Menschen streift, findet Platz im Stillen, ja ich meine sogar Platz im fast Unaussprechlichen.
Trotzdem gehe ich auf Wanderschaft durch diese Welt aus Sinnbildern, Metaphern und glasklarer Erkenntnis. Worte der Wissenschaft bringen in Berechnungen, Statisken und Analysen an die Oberfläche und jedes Wort befestigt die Bedeutungen wie Mauersteine in ein Gebäude aus Logik und Bestimmung ; Gedichte und Geschichten jedoch erwandern die Zwischenräume , suchen die Leere und füllen diese oft nur mit einem Hindurchhuschen.
Doch hin und wieder, und mit zunehmender Lebenszeit geschieht es, das man dem Hindurchhuschen , diesem stillen Raum zwischen zwei Wörtern eine Bedeutung geben kann. Immer wieder kehrt man dann zu diesem Ort zurück, der im Vorübergehen uns eine Ahnung von etwas vermitteln konnte... mitunter wird die Sehnsucht, dieser Ahnung ein Gesicht zu geben ist so groß, das wir uns auf die Suche begeben nach Buchstaben, die Wörter bilden, und Wörter, die Sätze bilden.
Wir wägen ab, ob sie zueinander passen und sprechen sie laut aus, um zu erfahren, ob das tiefe Bild, was sie in uns offenbaren, auch an der Oberfläche der Sprache Bestand hat. Plötzlich gesellen sich zum ausgesprochenen Wort Appositionen wie Allegorese, Metapher, Umschreibung, Verfremdung... und stellen fest, das mit dem Hervorbringen an die Oberfläche sich das Sinnbild wandelt, verwässernd verschwimmt .
Das gleiche Wort, welches sich im Raum zwischen Denken und Aussprechen als "unser" Bild einen Teil des Ich’s ausmachte, droht nun wie Wasserfarbe, die zuwenig Farbpigmente aufgenommen hat, zu verlaufen . Und wieder halten wir inne, denn dieses "Verwässernde" an der Oberfläche der Sprache scheint auf den ersten Blick gar nichts mit uns zu tun zu haben. Die Momentaufnahmen, die Wahrnehmungen, aus denen Geschichten und Gedichte entstehen, dehnen sich plötzlich zu einem großen, Gewässer, welches zwar im Schein des Lichtes, auf das es nun trifft, eine farbige Heiterkeit ausstrahlt, aber so gar nichts mehr mit der mystischen Tiefe des Schweigens gemeinsam hat.
Und doch haben beide etwas, was sie wie eine Nabelschnur verbindet, denn diese Stille , die manche Worte brauchen und dieser Lärm, mit dem sie in die Welt treten werden von uns gestaltet.
Das Mysterium unseres geistigen Werdens und Seins werden in einem großen Maße vom Denken bestimmt , doch das Denken scheint nur der Multiplikator zu sein, der die Vielzahl der Wahrnehmungen und Emotionen zu den Worten formt, die uns noch tiefer in der Seele anrühren wollen und dann doch lange in den Zwischenräumen der Sprache ruhen.
Die Gespräche , die in den Anfängen des Philosophischen Forums bestimmten, wurden durch Gedichte angeregt. Klingt das nicht absurd, das die schweigenden, in den Zwischenräumen der Sprache lebenden Worte das hervorbrachten, was oftmals selbst für uns unverständlich bleiben müsste; hätten wir nicht ... ja hätten wir nicht ...
Manchmal werden wir gefragt, warum wir hier schreiben. Selbst auf die Gefahr hin, das es einige Menschen nicht verstehen, öffnen wir die privateste Kammer in unserem Sprachhaus . Wir lassen das, was in der Tiefe unter den Worten lebt, ihre Bedeutungen, ihre Bilder, ihre Schatten an die Oberfläche unseres Seins ... So hätte man die Frage anders formulieren können : warum man denn so denkt, denn es hätte es dasselbe bedeutet, als wenn man fragen würde , warum fühlt man .
Liebe Lale, an anderer Stelle, und gerade kürzlich hatten wir über die Schönheit der türkischen Lyrik gesprochen. Ihre Feinsinnigkeit und ihre tief berührenden Worte.
Als ich einige Gedichte las, musste ich irgendwie "stehenbleiben" . Ich konnte einfach nicht weitergehen. Ich musste verweilen . Und meine Seele ruhte in den Zwischenräumen aus- immer noch suche ich nach den Worten, die diesen Bildern gerecht werden können.
Worte und Sprache - das sind nie endende Abenteuer , eine nie endende Reise zu den Menschen.
Ganz tief im Dunkel
ist Deine Welt so leuchtend.
Du schließt die Augen.
MAR ,5.12.2008
.........................[...]
Wo ist da die schöne Erfahrung der Kindheit verschwunden, das Vorbehaltlose, die Geduld, dem " Gebabbel" Wert beizumessen. Hier glaubt man plötzlich nur Dahingesagtem ...Man vertraut sich selbst und seinem Gefühl nicht mehr...Wie kann es sein, das Worte plötzlich so ein ungleiches Gewicht bekommen zu dem , was tief in der Seele verankert sein müsste, nämlich das Urvertrauen zu sich selbst, das Wertegefühl, das Selbst....
Man vertraut Projektionen und Trugbildern, man vertraut einer Sprach"verformung" . Es ist mir selbst manchmal unheimlich , wie aus dem guten Sinn von Worten etwas total anderes aus dem Mündern der Menschen heraussprudeln kann. [...]
Man braucht eine Sprache , wo die Kluft zwischen dem Gesagten und dem tatsächlich Gemeinten verschwindet. Das braucht Geduld, Zeit, Zuwendung und vor allen Dingen Bereitschaft. . Selbst meine Muttersprache ist für Überraschungen gut. Jeden Tag mache ich die Erfahrung, das die Worte die ich weiß, immer wieder eine neue Bedeutung haben. Selbst , wenn ich nur lausche oder lese...Jeden Tag "arbeite" ich mich an die Sprache ohne Worte heran...um dann doch wieder diesen Worten einen Sinn zu verleihen, wenn ich sie dann ausspreche.
Ich schütte praktisch Sand auf, um die Sprachinsel zu vergrößern, um Land zu erreichen, um es mal in der Metapher zu sagen. Um so mehr freue ich mich , wenn vom Land gegenüber auch alles getan wird , das Insel und Land sich annähern. Und das ist wirklich schön, das es auch hier geschehen kann, in einem Forum wo man zweisprachig postet und trotzdem innerhalb dieser Zweisprachigkeit so viele andere Sprachen und Wahrnehmungen entdeckt, die das Leben bereichern . Selbst wenn sich mal ein Schweigen einstellt ... auch Schweigen ist eine sehr tiefgründige Sprache...Schweigen hebt die Worte hervor, die gesprochen werden.... ( aber das ist schon eine andere Überlegung wert ...)
MAR
liebe Lale, fast zwei Jahre ist es her, das ist eine lange Zeit , würde man es an unseren Empfindungen messen; eine kurze Zeit, würden wir die Endlosigkeit als Zeitmesser sehen. Und mehr als zwei Jahre ist es her, das Turgay das "Philosophische" im Forum eröffnet hat . Wer hätte damals gedacht, das sich nach anfänglicher Scheu, immer mehr und mehr Mitglieder des Forums auf diese Seite wagen und wenn ich sehe, wieviel Gedanken um die Tiefe und Bedeutungsschwere der Worte kreisen, gibt mir das Hoffnung, daß das Schöne der Sprache nicht nur wegen ihrer Ästhetik wiedergegeben wird, sondern weil die Schönheit der Sprache auch all das Schöne wiedergeben kann, was wir Betrachter sonst nur auf visuellem Wege erfassen.
Schönheit des Menschen ist ja , so irritierend aus auch klingen mag, etwas Oberflächliches.
Ich halte mich mit dieser momentanen Erkenntnis an dem Erleben mit der Literatur fest, an der stillen Besitznahme von Worten. Denn Oberflächliches ist etwas, was sich verändern kann, wenn die Zeit darüber streicht ...
Damals, vor zwei Jahren hatten wir beide uns auch über die Sprache unterhalten , haben wir versucht das, was wir tagtäglich benutzen , wieder mit Kinderaugen zu sehen, oder als etwas, obwohl es davonfließen kann, Bestand hat im Geschriebenen.
Seither ist die Zeit durch uns hindurch, hat sich niedergelassen , hat Begegnungen zugelassen und Worte konserviert in unseren Gedanken.
Mir kommen in der stillen Zeit des Winters immer wieder Gedichte in den Sinn, die als schwarze Buchstaben schon auf Papier gebracht, im Regal darauf warten, wieder gelesen zu werden . Diese Verse sind eine stille Sinfonie, eine Huldigung an das Leben an sich, denn alles , was voller Sehnsucht, Liebe oder Trauer das Dasein des Menschen streift, findet Platz im Stillen, ja ich meine sogar Platz im fast Unaussprechlichen.
Trotzdem gehe ich auf Wanderschaft durch diese Welt aus Sinnbildern, Metaphern und glasklarer Erkenntnis. Worte der Wissenschaft bringen in Berechnungen, Statisken und Analysen an die Oberfläche und jedes Wort befestigt die Bedeutungen wie Mauersteine in ein Gebäude aus Logik und Bestimmung ; Gedichte und Geschichten jedoch erwandern die Zwischenräume , suchen die Leere und füllen diese oft nur mit einem Hindurchhuschen.
Doch hin und wieder, und mit zunehmender Lebenszeit geschieht es, das man dem Hindurchhuschen , diesem stillen Raum zwischen zwei Wörtern eine Bedeutung geben kann. Immer wieder kehrt man dann zu diesem Ort zurück, der im Vorübergehen uns eine Ahnung von etwas vermitteln konnte... mitunter wird die Sehnsucht, dieser Ahnung ein Gesicht zu geben ist so groß, das wir uns auf die Suche begeben nach Buchstaben, die Wörter bilden, und Wörter, die Sätze bilden.
Wir wägen ab, ob sie zueinander passen und sprechen sie laut aus, um zu erfahren, ob das tiefe Bild, was sie in uns offenbaren, auch an der Oberfläche der Sprache Bestand hat. Plötzlich gesellen sich zum ausgesprochenen Wort Appositionen wie Allegorese, Metapher, Umschreibung, Verfremdung... und stellen fest, das mit dem Hervorbringen an die Oberfläche sich das Sinnbild wandelt, verwässernd verschwimmt .
Das gleiche Wort, welches sich im Raum zwischen Denken und Aussprechen als "unser" Bild einen Teil des Ich’s ausmachte, droht nun wie Wasserfarbe, die zuwenig Farbpigmente aufgenommen hat, zu verlaufen . Und wieder halten wir inne, denn dieses "Verwässernde" an der Oberfläche der Sprache scheint auf den ersten Blick gar nichts mit uns zu tun zu haben. Die Momentaufnahmen, die Wahrnehmungen, aus denen Geschichten und Gedichte entstehen, dehnen sich plötzlich zu einem großen, Gewässer, welches zwar im Schein des Lichtes, auf das es nun trifft, eine farbige Heiterkeit ausstrahlt, aber so gar nichts mehr mit der mystischen Tiefe des Schweigens gemeinsam hat.
Und doch haben beide etwas, was sie wie eine Nabelschnur verbindet, denn diese Stille , die manche Worte brauchen und dieser Lärm, mit dem sie in die Welt treten werden von uns gestaltet.
Das Mysterium unseres geistigen Werdens und Seins werden in einem großen Maße vom Denken bestimmt , doch das Denken scheint nur der Multiplikator zu sein, der die Vielzahl der Wahrnehmungen und Emotionen zu den Worten formt, die uns noch tiefer in der Seele anrühren wollen und dann doch lange in den Zwischenräumen der Sprache ruhen.
Die Gespräche , die in den Anfängen des Philosophischen Forums bestimmten, wurden durch Gedichte angeregt. Klingt das nicht absurd, das die schweigenden, in den Zwischenräumen der Sprache lebenden Worte das hervorbrachten, was oftmals selbst für uns unverständlich bleiben müsste; hätten wir nicht ... ja hätten wir nicht ...
Manchmal werden wir gefragt, warum wir hier schreiben. Selbst auf die Gefahr hin, das es einige Menschen nicht verstehen, öffnen wir die privateste Kammer in unserem Sprachhaus . Wir lassen das, was in der Tiefe unter den Worten lebt, ihre Bedeutungen, ihre Bilder, ihre Schatten an die Oberfläche unseres Seins ... So hätte man die Frage anders formulieren können : warum man denn so denkt, denn es hätte es dasselbe bedeutet, als wenn man fragen würde , warum fühlt man .
Liebe Lale, an anderer Stelle, und gerade kürzlich hatten wir über die Schönheit der türkischen Lyrik gesprochen. Ihre Feinsinnigkeit und ihre tief berührenden Worte.
Als ich einige Gedichte las, musste ich irgendwie "stehenbleiben" . Ich konnte einfach nicht weitergehen. Ich musste verweilen . Und meine Seele ruhte in den Zwischenräumen aus- immer noch suche ich nach den Worten, die diesen Bildern gerecht werden können.
Worte und Sprache - das sind nie endende Abenteuer , eine nie endende Reise zu den Menschen.
Ganz tief im Dunkel
ist Deine Welt so leuchtend.
Du schließt die Augen.
MAR ,5.12.2008