Mit dem dritten Wahlsieg der AKP im Jahr 2011 fielen aber die Masken. Erdogan entfernte die meisten Gülenisten aus den Reihen der AKP-Parlamentarier und zugleich alle liberalen Kräfte. Er hielt den Zeitpunkt für gekommen, jene Türkei zu erschaffen, die ihm vorschwebte: mächtiger, islamischer, notfalls autoritärer. Einen Einfluss von außen, vom "amerikanischen" Gülen, wollte er offenbar nicht mehr.
Schon 2010 hatte es Reibereien gegeben, als Gülen die von der AKP bewusst geduldete Provokation der "Hilfsflotte für Gaza" kritisierte. Diese Aktion, bei der auf dem Schiff "Mavi Marmara" am Ende neun militante Türken von israelischen Soldaten erschossen wurden, änderte die Vektoren der Nahost-Politik ganz im Sinne Erdogans. Ausgeführt wurde sie von einer Unterorganisation der Milli Görüs, der sehr politischen "Hilfsorganisation" IHH.
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Schon Ende 2012 hatte Erdogan entschieden, gegen eine wirtschaftliche Tragsäule der Gülen-Bewegung vorzugehen. Er kündigte damals die Schließung der sogenannten Dershanes an, der teuren Nachhilfeschulen, mit denen man als Schüler bessere Chancen hat, die brutalen türkischen Schulabschlussprüfungen zu bestehen. Gülen reagierte mit scharfer Kritik. Zu diesem Thema tobt der Konflikt dieser Tage in aller Schärfe, denn jetzt geht es an die Umsetzung. Eine "Kompromisslösung" sieht vor, die Dershanes in private Schulen umzuwandeln. Die Gülenisten fühlen sich dennoch verfolgt.
Dann kam ein weiterer seltsamer Vorstoß Erdogans, diesmal gegen gemischte Studentenwohnheime. Auch solche Wohnheime werden von der Gülen-Bewegung betrieben. Und wieder überwarf sich deswegen Vizepremier Bülent Arinc mit Erdogan, bot sogar seinen Rückzug aus der Politik an.
Den neuesten Höhepunkt bildet eine Enthüllung der linken Zeitung "Taraf". Demnach beschloss der Nationale Sicherheitsrat 2004 – damals noch unter Maßgabe der Militärs – einen geheimen Aktionsplan gegen Gülen. Die Koordination sollte Erdogans Ministerpräsidentenamt übernehmen. Erdogan unterschrieb, auch Staatspräsident Abdullah Gül, der allgemein als Gülenist gilt.
Die Dementis ließen nicht auf sich warten, aber sie dementierten nicht das Papier, sondern dessen Bedeutung. Es sei nie umgesetzt worden, hieß es aus AKP-Kreisen. Mit anderen Worten, Erdogan habe unter dem Druck der Militärs unterschrieben, aber danach nichts getan. Das mag sein, die AKP war damals machttechnisch noch nicht dominant und musste ihre Karten verdeckt halten. Vielleicht war das Ganze ein ausgekochter Trick der Militärs, um die Islamisten gegeneinander aufzubringen. Aber nun sind sie tatsächlich gegeneinander aufgebracht, ganz im Sinne des damaligen Plans.
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