Mal über Erdoğan plaudern

Alubehütet

Well-Known Member
Umgangssprachlich würde ich das wie folgt sagen:

"Von zwei beschissenen, hier angebotenen Optionen, hat man sich für die zwei bestmöglichen beschissenen Optionen entschieden - Deswegen, weil die anderen (existenten) Optionen noch wesentlich beschissener wären" (was real sicherlich nicht zutrifft).
Ich denke, daß es vor der Jahrtausendwende erst mal eine historische Erfahrung ist, daß die SPD stets mehr für die „Gastarbeiter“ getan hat als die CDU. CDU war immer ein Bremsklotz, siehe Kochs Kampagne gegen die deutsche Staatsbürgerschaft. Klassischerweise war ja die SPD mal eine Arbeiterpartei, und die Arbeiter kamen mit ihren türkischen (italienischen, griechischen ...) Kollegen ja auch besser klar als sagen wir mal die mit ihnen fremdelnde katholische Landbevölkerung. Und von den GRÜNEN erhofft man sich womöglich noch mehr.

Aber mit diesen Parteien wählte man keine Werte, sondern Interessen. Konservative Familienwerte hätte man bei der CDU wohl besser aufgehoben gesehen, und die „Homo-Ehe“ bewerten wohl die allermeisten Türken ... zurückhaltend. Aber das sieht man dann auch wieder eher als innerdeutsche Angelegenheit; in der eigenen Subkultur – unterstellt: Parallelgesellschaft, das sehe ich nicht so – regelt man das ohnehin anders.
 

Alubehütet

Well-Known Member
Nachdem die doppelten Staatsbürger nur ein Evet zum Demokratieabbau in der Türkei auf die Reihe gekriegt haben, steht alles wieder zu Disposition. Insbesondere die Loyalität der Deutschtürken zum deutschen Grundgesetz.?
Wir Deutschen haben einen Haufen kollektiver Neurosen; insbesondere einen nicht ausgetragenen Konflikt: Den des bismarck'schen Kulturkampfes. Den lassen wir wieder aufleben mit euch Muslimen, ganz besonders euch Doppelstaatlern in der Rolle der einstigen Ultramontanen. Da könnt ihr überhaupt nichts zu, das ist die Rolle, die euch zugewiesen wird.

Irgendwann brach die Epoche der Nationalstaaten an. Nationalstaaten verbanden sich aber immer auch mit einer nationalen Identität – Einem nationalen Projekt: Die französische Revolution, das britische Empire, Moskau als das Dritte Rom usw. Was aber wäre die deutsche Identität? Spätestens mit der gescheiterten 1848er-Revolution kein auf den ersten Blick auffallendes. Also irgendwas Bildungsbürgerkulturmäßiges müßte sich finden lassen. Nun, wir haben Kant, Goethe, Beethoven; das bedeutendste aber, was Deutschland auf die Beine gestellt hat, war – im Bündnis noch mit den Schweizern – die Reformation. Und so hat sich eine deutschnationale Erzählung verbunden mit einer protestantischen; namentlich in Preußen, wo die protestantische die Staatskirche war (also auch im eigentlich katholischen Rheinland), das dann Deutschland in Blut und Eisen verband. (Staatskirche: Man mußte z.B. protestantisch getauft sein, um verbeamtet werden zu können. Weshalb z.B. Heinrich Heine und Karl Marx protestantisch getauft sind.)

Dann aber war das Problem: Was ist jetzt mit den Katholiken? Sind die eigentlich loyal? Gehorchen sie eigentlich Berlin oder den Mann in Rom? Fakt ist, daß die Katholiken Berlin gehorcht haben, weil der Mann in Rom ihnen gesagt hat, sie sollten das tun. Was, wenn es einmal zum Konflikt käme (was sich mit dem ersten Vatikanischen Konzil und seinem Jurisdiktionsprimat ankündigte)?

Im Dritten Reich hat sich dann fatalerweise auch noch herausgestellt, daß das vielleicht sogar gar nicht so schlecht ist, wenn es Subkulturen gibt, die der Auffassung sind, man müsse Gott mehr gehorchen als den Menschen. Die z.B. Behinderte verstecken vor der Euthanasie. Auf Kanzeln gegen die Euthanasie predigen lassen. Wenn sie sogar staatlich finanzierte Strukturen hat, die zugleich dem staatlichen Zugriff entzogen sind – Bischöfe, aber auch Professuren.

Und Adenauer hat der neu gegründeten Bundesrepublik dann auch noch eine zutiefst katholische DNA verpaßt. Nicht nur besonderer Schutz von Ehe und Familie, auch z.B. das Subsidiaritätsprinzip. Mit der Moderne aber haben wir den Katholizismus als Gegner verloren; die haben sich selber aufgelöst. Wir haben den Konflikt nicht austragen können, weil der Gegner sich in Luft aufgelöst hat. Einen Standesbeamten, der sich aus Glaubensgründen verweigert, eine gleichgeschlechtliche Verpartnerung zu vollziehen, werden selbst regelmäßige Kirchgänger als rückständig ansehen.

Da bietet sich der Islam an, die alte Rolle einzunehmen. Scharia oder Grundgesetz? Au ja, und jetzt schreien die Türken auch noch: „Hier!“, wenn es darum geht, in die Fresse zu kriegen: Demokratie oder Präsidialdiktatur? Wer ist eigentlich euer Chef, Kanzlerin Merkel oder der Irre vom Bosporus? Und man hört ja auch Stimmen, die mit Erdogan Prostest gewählt haben – Die Deutschen wollen nicht, daß wir für den stimmen, also machen wir es erst recht.

Das ist wie gesagt eine Diskussion, die wir nicht mit euch führen, sondern über euch. Ihr schlüpft da in eine Rolle, die euch zugewiesen wird.

Andererseits nehme ich das aber auch nicht zu stark war. Das ist mehr so ein Hintergrundgegrummel. Man sagt etwas, um überhaupt etwas zu sagen. So einen Koch-Wahlkampf gegen die doppelte Staatsbürgerschaft wird es nicht mehr geben; selbst die AfD thematisiert mehr Merkels angeblich fatale Flüchtlingspolitik als Konflikte mit denen, die schon länger hier leben.
 

Mendelssohn

Well-Known Member
Also AKPler wählen mehrheitlich die CDU, soweit mir bekannt.
Zwei Drittel Türken haben Evet gewählt.
Zwei Drittel der Türken wählen die SPD.
Zwar sind nicht alle Türken in Deutschland wahlberechtigt in der Türkei und viele Wahlberechtigte haben nicht abgestimmt, so daß die jeweiligen zwei Drittel nicht identisch sind, aber eine Schnittmenge wird es geben. Und diese Schnittmenge ist auch von vielen engagierten Hayir-Türken in Deutschland angesprochen worden.
Was ich meine: zu glauben, daß die türkischstämmigen Deutschen mehrheitlich nicht für Evet gestimmt hätten, bezweifle ich. Dafür war das Ergebnis zu deutlich.
Außerdem war ich heute im Supermarkt. Was ich dort an stolz getragenen Dreiviertelroben neben dem tätowierten Hausvorstand gesehen habe, hat mir erst mal wieder gereicht. Noch mehr Evet geht gar nicht. Es ist ein Supermarkt-Evet. Sehen und gesehen werden. Bloßer kleinbürgerlicher Materialismus.
 

Almancali

Well-Known Member
Integration ist wie im Restaurant. Man kann nicht jeden Kunden glücklich machen. Wenn von 3.5mio Türken 0.5mio Abweichler dabei sind, dann ist die Quote der Integrierten weiterhin hoch. Von einer gescheiterten Integration zu sprechen, würde 3.0mio Integrierte vor den Kopf stoßen.
 

Mendelssohn

Well-Known Member
@Alubehütet
die Gemengelage ist schwierig und ich wäre die letzte, über die Versäumnisse der deutschen Bildungs/Integrationspolitik hinwegzusehen.
Aber aus Trotz den Rechtsstaat zu verraten, ist unaufgeklärt, und zwar selbstverschuldet unaufgeklärt. Gerade in den sogenannten Brennpunktschulen sind nämlich die engagiertesten Lehrer, so daß wir nicht sagen können, selig die Armen im Geiste ...
Alle Wähler wußten, daß sie nicht nur für den Propheten Erdogan, sondern auch für Demokratieabbau votierten. Diese Entscheidung ist nicht dem deutschen Staat anzulasten, wohl aber Erdogans Rede vor einigen Jahren in Köln, als er Integration mit dem Verrat des Türkentums gleichsetzte und die Masse es glaubte.
 

Mendelssohn

Well-Known Member
Integration ist wie im Restaurant. Man kann nicht jeden Kunden glücklich machen. Wenn von 3.5mio Türken 0.5mio Abweichler dabei sind, dann ist die Quote der Integrierten weiterhin hoch. Von einer gescheiterten Integration zu sprechen, würde 3.0mio Integrierte vor den Kopf stoßen.
Wo war der demokratische Mainstream, als es darauf ankam?
An diesem Punkt hat alubehütet recht. Wir Deutschen haben Erfahrung mit Duckmäusertum und wohin es führt. Ich kann nur warnen, es klein zu reden.
 

EnRetard

Well-Known Member
Was ich dort an stolz getragenen Dreiviertelroben neben dem tätowierten Hausvorstand gesehen habe, hat mir erst mal wieder gereicht. Noch mehr Evet geht gar nicht. Es ist ein Supermarkt-Evet. Sehen und gesehen werden. Bloßer kleinbürgerlicher Materialismus.

Du schließt doch hoffentlich nicht vom Klamottengeschmack und den Tattoos auf das Wahlverhalten?
 

EnRetard

Well-Known Member
In der Nordstadt haben 80% für Evet gestimmt. Das entspricht ungefähr der Kleiderordnung.
Interessant, dass du das für ein Dortmunder Stadtviertel so genau benennen kannst. Meines Wissens gab es dort zwar eine Außenstelle des Konsularbezirks Essen, aber keinen eigenen Stimmbezirk, sodass die Dortmunder Stimmen in Essen mit einflosssen. http://www.ruhrnachrichten.de/staed...immen-in-Dortmund-fuer-Erdogan;art930,3258688

Das Ergebnis für Essen ist der Tat gruselig, 75.9%. Für das Einzugsgebiet des Wahllokals in Dortmund habe ich kein Ergebnis gefunden, gehe aber davon aus, dass dort nicht nur die Dortmunder Nordstadt abgestimmt hat, sondern auch der Rest von Dortmund, außerdem Castrop, Unna, Kamen, Lünen etc.
 
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