Mal über Erdoğan plaudern

Kann es sein, dass sie mal bei euch nichts zu essen bekamen? Sonst verstehe ich diese Aktion nicht.
Wenn sich der Besuch nicht ankündigt bzw. 16:00 Uhr vereinbart wurde, diese aber dann um 11:30 Uhr in der Tür stehen, was sollen wir da machen ? Essen aus dem Hintern zaubern können wir auch nicht. Essen bot meine Mutter dennoch an, wird aber von denen nicht angenommen. In der Türkei wäre das doch auch nicht anders. Wenn man jemanden zum Essen einläd, dann kündigt man das vorher an (... und dann erscheint man auch). Alles Andere wäre nur normaler Besuch der mit Tee und Keksen abgespeist wird.
 
Wenn sich der Besuch nicht ankündigt bzw. 16:00 Uhr vereinbart wurde, diese aber dann um 11:30 Uhr in der Tür stehen, was sollen wir da machen ? Essen aus dem Hintern zaubern können wir auch nicht. Essen bot meine Mutter dennoch an, wird aber von denen nicht angenommen. In der Türkei wäre das doch auch nicht anders. Wenn man jemanden zum Essen einläd, dann kündigt man das vorher an (... und dann erscheint man auch). Alles Andere wäre nur normaler Besuch der mit Tee und Keksen abgespeist wird.

So sehr ich auch nachdenke, ich kann das nicht mit dem Thread-Titel in Verbindung bringen.
 
Hört sich doch gut an ,aber was ist denn jetzt die Wahrheit ?
ist er jetzt mehr gut ,ich meine das bessere Übel für die meisten Türken
oder entwickelt er sich wirklich zum verhassten Dispoten.
Ich würde den Türken wünschen dass sich doch noch alles zum Guten wendet.
Wenn man bedenkt wie viele Menschenschicksale auf dem Politischen
Markt verschachert werden ,einfach so.

Die Wahrheit ist wohl, dass es in der Türkei schon seit über 150 Jahren keinen fruchtbaren Nährboden und Rahmenbedingungen dafür gegeben hat, eine Generation von überwiegend vernünftigen und moralischen Menschen und Politikern hervorzubringen.

Jeder kennt das aus seinem eigenen privaten Umfeld: je aggressiver und konfliktbehafteter eine Situation ist, umso mehr verabschieden sich Vernunft, Kompromißbereitschaft und Empathie im Umgang mit dem anderen. Und jetzt betrachtet die jüngere türkische Geschichte vor diesem Hintergrund.

Schon in den letzten Jahrzehnten des Osmanischen Reiches schwelte der Konflikt zwischen den eher westlich orientierten Kräften im Land und den Traditionalisten. Während Atatürks republikanischer Revolution wurde dem ohnehin schon gespaltenen Land und den Menschen die Moderne einfach von oben übergestülpt. Zu den bisherigen Konflikten um die Westorientierung kam nun auch noch die Unterdrückung und Verfolgung der Minderheiten dazu, die für seitdem durchgehende bürgerkriegsähnliche Zustände zumindest in Teilen des Landes seitdem sorgten. 20 Jahren Einparteiendiktatur folgte ein Jahrzehnt Regierungszeit einer anderen Partei, die zuletzt ebenfalls wieder sehr nahe an eine Diktatur heranreichte und in einem Militärputsch mit Todesurteil gegen den Regierungsführer mündete. Es folgten zwei weitere Militärputsche alle zehn Jahre, wobei sich in den Siebzigern Studenten und Schüler, die eigentlich die zukünftige Elite dieses Landes bilden sollten, wegen der Form ihrer Schnurrbärte auf der Straße abschlachteten. Anschließend herrschte in einem Drittel des Landes über ein Jahrzehnt der Ausnahmezustand, weil dort ein offener Bürgerkrieg zwischen den Kurden und dem Militär und paramilitärischen Kräften tobte. Derweil wurde in Ankara der Weg einer religiös motivierten Politik und damit der nächste Konflikt zwischen republikanisch und religiös motivierten Kräften geebnet. Die Bankenkrise um die Jahrtausendwende begünstigte dann die Machtübernahme der AKP und seitdem tobt der Kampf zwischen den Republikaner und der AKP, und zwar überwiegend auf Böhmermann-Niveau.

Wie hätte unter diesen Voraussetzungen je eine Generation von überwiegend vernünftigen und versöhnlichen demokratischen Politikern, die gleichermaßen die Interessen aller Menschen berücksichtigen, hervorgehen sollen? In Kriegen und Konflikten werden nun einmal vornehmlich Krieger und Soldaten herangezüchtet, das war schon immer so. Es muss schon eine gewisse Phase von Frieden und Einigkeit herrschen, damit es auch in großer Zahl Leute geben kann, die die Vorteile dieses Konzeptes erkennen und es herbeiführen.

Das erste Jahrzehnt der AKP-Regierung war vor diesem Hintergrund wirklich ein Lichtblick, weil die Versöhnung der traditionellen Bevölkerung mit dem Staat und der Moderne sowie die Versöhnung zwischen Kurden und Türken scheinbar vorangetrieben wurde. Außerdem war es sehr wichtig, das Militär als quasi-politische Macht, die sich jederzeit berechtigt sah, zum Schutz der Atatürkschen Reformen in die Belange des Landes einzugreifen, zu entmachten. In dieser Zeit wuchs auch die Generation heran, die die Gezi-Proteste erst herbeigeführt und möglich gemacht hat. Leider haben schon in den Gezi-Protesten selbst und seitdem die Krieger wieder das Sagen übernommen, außerdem sind die Gülen-Anhänger als regulierende und bändigende Kraft von Erdogan weggefallen, sodass wir heute wieder die Zustände haben, wie sie in den vergangenen 150 Jahren überwiegend herrschten im Land.

Es ist illusorisch zu denken, dass sich derzeit grundsätzlich etwas im Land ändern würde, wenn Erdogan abgesägt werden würde und jemand aus seinen eigenen Reihen oder aus den Reihen der Opposition seinen Posten übernähme. Es würde auf die eine oder andere Weise dasselbe in Grün herauskommen. Die Türkei muss vor allem die derzeit wieder herrschende Polarisierung überwinden, damit sich die Situation im Land allmählich wieder bessern und normalisieren kann. Aber daran scheint zur Zeit niemand ein wirkliches Interesse zu haben. Er herrscht Krieg und dieser wird von allen Seiten befeuert. Dann darf man sich aber auch nicht beklagen, wenn nur Krieger und Despoten dabei herauskommen.
 
Außerdem war es sehr wichtig, das Militär als quasi-politische Macht, die sich jederzeit berechtigt sah, zum Schutz der Atatürkschen Reformen in die Belange des Landes einzugreifen, zu entmachten.
Wie sieht denn diese Entmachtung eigentlich aus ? Sie ist meiner Ansicht nach eh nur symbolischer Natur. Panzer, Knarren und Personal wurden dem Militär nicht abgenommen und sie könnten jederzeit zuschlagen.
 
Vielen Dank für deine Ausführliche Darstellung. Ich habe mich sehr darüber gefreut.

Aber was ist passiert ?
Warum ist die AKP so mutiert wenn doch zuerst alle zufrieden waren.
warum verließ sie ihren erfolgreichen Weg?
Ein Freund von mir, der aus Istambul stammt und dessen Familie da noch wohnt,
sagte mir, es sei halt niemand da, der annähern das Format hätte um Erdogan abzulösen.
Außerdem wäre jede andere Konstelation nur noch schlechter.
Meiner Einschätzung nach ist er bestimmt kein AEP Wähler.
Von außen her betrachtet ist die Türkei eigentlich eine wieder aufstrebende Nation
mit einer ausgeglichenen Bevölkerungs-Struktur und einem riesigen Teritorium.
Dazu befindet sie sich in einer bevorzugten Lage zwischen Europa ,Asien und nahem Osten.
Deshalb ist es schade das die Ressourcen nicht wahrgenommen werden dass alle davon
profitieren könnten
 
Zuletzt bearbeitet:
Aber was ist passiert ?
Warum ist die AKP so mutiert wenn doch zuerst alle zufrieden waren.
warum verließ sie ihren erfolgreichen Weg?

Es waren nie "alle" zufrieden. Vor allem dem militärfreundlichen betonkemalistischen Kern der CHP und der Nationalisten war die AKP immer schon ein Dorn im Auge, sie betrachteten sie als Vorhut einer islamischen Revolution in der Türkei. Aber diese Kräfte isolierten sich damit zusehends in der Gesellschaft und kamen bei Wahlen zwischendurch zusammen nicht einmal auf 25%.

Von Bedeutung war vielmehr, dass bis 2013 die Gülen-Anhänger, die ein etwas anderes Verhältnis zum Westen und zu Bildung haben als die eher grobschlächtigere AKP-Anhängerschaft, einheitlich hinter Erdogan stand und von diesem auch protegiert und an wichtigen Positionen eingesetzt wurde. Sie wirkten quasi wie ein Bindeglied zwischen religiösen Fundamentalisten innerhalb der AKP und der gesellschaftlichen Mitte. Um 2013 herum gab es dann einige Vorstöße von Erdogan, in deren Folge ein gewisser Bruch oder zumindest eine Abkühlung des Verhältnisses zwischen den Gülen-Anhängern und der AKP-Regierung erfolgte, bspw. gab es damals das Treffen zwischen Erdogan und dem Kurdenführer Öcalan, dann die Themen um das Alkoholverbot und die Vermummung der Stewardessen und nicht zuletzt auch das harte Vorgehen im Zuge der Gezi-Proteste. Seitdem herrscht eine härtere Gangart, Erdogan verliert an der Macht jedes Maß und die Betonkemalisten erhalten wieder Zulauf. Sicher war in diesem Zusammenhang auch von Bedeutung, dass in jener Zeit auch die Konjunktur abflaute, während die türkische Wirtschaft im Jahrzehnt zuvor sehr schnell und stark gewachsen war.

Die gemäßigte Mitte, die immer dünner wird, denkt weit gehend so wie Dein Freund, dass es derzeit einfach keine wirkliche Alternative für die AKP und Erdogan gibt, obwohl inzwischen so einiges schief läuft.
 
Top