Mal über Erdoğan plaudern

Zerd

Well-Known Member
Das funzt hier eben doch. Denn die Frage ist nicht, ob Erdogan oder Trump der größere Unsympath ist. Der Unterschied ist, daß Trump in einem checks-&balances-System eingebaut ist, in dem er nicht machen kann, wie er will. Da sind Polen und Ungarn schon bedeutend weiter auf dem selben Trip wie die Türkei wie die USA.
Erstens ging es nicht um Trump, sondern um Macron, denn das ist der gefeierte Strahlemann gegenüber dem Unsympath Erdogan, auf dem jeder so gerne herumhackt. Zweitens ging es um die Gemeinsamkeit, dass von beiden (und eben nicht nur von denen) demokratische Strukturen und Verfahren unterwandert werden, und zwar mE von jedem gerade in dem Maß, das er sich erlauben darf, ohne einen Machtverlust zu riskieren. Vom Prinzip her gäbe es also keinen Unterschied, wenn Du Macron in ein türkisches Umfeld setzen und Erdogan in ein französisches Umfeld setzen würdest. Und dafür ist es schon erstaunlich, wie unterschiedlich die Berichterstattung erfolgt. Aber es ist klar, dass diese Ansichten hierzulande nicht mehrheitsfähig sind, genausowenig wie unsere derzeitige Gesellschaft zukunftsfähig ist...
 

EnRetard

Well-Known Member
Erstens ging es nicht um Trump, sondern um Macron, denn das ist der gefeierte Strahlemann gegenüber dem Unsympath Erdogan, auf dem jeder so gerne herumhackt. Zweitens ging es um die Gemeinsamkeit, dass von beiden (und eben nicht nur von denen) demokratische Strukturen und Verfahren unterwandert werden, und zwar mE von jedem gerade in dem Maß, das er sich erlauben darf, ohne einen Machtverlust zu riskieren. Vom Prinzip her gäbe es also keinen Unterschied, wenn Du Macron in ein türkisches Umfeld setzen und Erdogan in ein französisches Umfeld setzen würdest. Und dafür ist es schon erstaunlich, wie unterschiedlich die Berichterstattung erfolgt. Aber es ist klar, dass diese Ansichten hierzulande nicht mehrheitsfähig sind, genausowenig wie unsere derzeitige Gesellschaft zukunftsfähig ist...

Ich finde den Vergleich Macron-Erdogan abenteuerlich, noch mehr als den Vergleich der politischen Systeme.

Macron (und seine Vorgänger nach de Gaulle, selbst die halbseidenen unter ihnen) haben keine politischen Gegner in der Kerker werfen lassen, Konflikte mit der Pressefreiheit, die es gab, drehten sich um Geheimniskrämerei, aber nicht um gekränkte Herrscher, Korruptionsaffären kochten hoch (Chirac, Sarkozy - egal). Schweinereien auf Kosten der Arbeitnehmer sind bisher noch jedem Präsidenten auf der Straße um die Ohren geflogen, egal wie fett ihre Mehrheiten im Parlament waren, und sie werden auch Macron um die Ohren fliegen.

Die Franzosen reagieren allergisch auf jeden Anschein von Machtmissbrauch, deshalb würde auch ein Typ wie Tayyip in Frankreich niemals an die Macht kommen, und schon gar nicht mit einer religiösen Agenda. Und der schöne Macron mit seiner Gattin im Pensionsalter wäre in der Türkei nicht denkbar.

Eher schon wäre mir unwohl mit einer autoritären, nationalistischen Führer-Figur wie Tayyip (allerdings auch ohne religiöse Agenda) in Deutschland. Aber die deutsche Verfassung hat aus historischen Gründen eine Reihe von Widerhaken, die es Führern weitaus schwerer machen.
 

Almancali

Well-Known Member
Der Erdogan hat die Türkei in den letzten Monaten vollkommen kaputtgeredet und überall in der Welt lächerlich gemacht.
 

Doris

Well-Known Member
Ich finde den Vergleich Macron-Erdogan abenteuerlich, noch mehr als den Vergleich der politischen Systeme.

Mehr noch, diese Vergleiche verbieten sich von selbst. Erstens, weil es unmöglich ist, verschiedene politische Systeme in verschiedenen Ländern auch nur halbwegs zu vergleichen, zweitens, weil die Abschaffung der Gewaltenteilung, der Inhaftierung der Opposition, der Gleichschaltung, etc., keinen Vergleich in Europa hat.

Einerseits frage ich mich, was einen User dazu treibt, überhaupt diese Gedankengänge zu verfolgen. Will er Erdogan entschuldigen, ihn reinwaschen, oder will er ernsthaft behaupten: es ist alles gar nicht nicht so schlimm? Andererseits muss es etwas geben, warum mindestens die Hälfe der Türken ihren Heilsbringer aus dem Orient ständig zujubeln.
 
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Alubehütet

Well-Known Member
Erstens ging es nicht um Trump, sondern um Macron, denn das ist der gefeierte Strahlemann gegenüber dem Unsympath Erdogan, auf dem jeder so gerne herumhackt. Zweitens ging es um die Gemeinsamkeit, dass von beiden (und eben nicht nur von denen) demokratische Strukturen und Verfahren unterwandert werden, und zwar mE von jedem gerade in dem Maß, das er sich erlauben darf, ohne einen Machtverlust zu riskieren.
Hatte ich falsch verstanden. Ich dachte, es ginge um was Erdogan will ist auch nur ein Präsidialsystem wie in Frankreich/USA.

Seinen Status als Unsympath hat Erdogan sich in Deutschland nun wirklich hart erarbeitet und redlich verdient. Marcon fängt gerade erst an; da finde ich es unredlich, von ihm jetzt schon zu verlangen, wofür Erdogan Jahre gebraucht hat.

Marcon hat noch nicht politisch vom Ausland verlangt, kritische Beiträge aus Internet-Mediatheken des Öffentlichen Rundfunks zurückzuziehen, die er mit staatlichem Fernsehen verwechselt. Er hat noch nicht Satiriker desselben Auslandes mit maßlosen Prozessen überzogen, die sich darüber provokativ beömmelten. Und er hat noch nicht Journalisten, schon gar nicht ausschließlich in Ausland arbeitende, ohne Urteil für unbestimmte Zeit in den Knast gesteckt, die ihrer Arbeit nachgehen. Gastrecht im Ausland mißachten lassen. Politiker im Ausland als Nazis beschimpft. Er hat nicht im eigenen Land zehntausende Richter, Polizisten, Beamte, Lehrer, Wissenschaftler, die ihm unliebsam sind, mehr oder minder rechtlos aus dem Staatsdienst entlassen, z.T. mit Ausreiseverboten ausgestattet. Da ist für Marcon noch viel Luft, er hat ja auch noch Zeit.

Erdogan seinerseits hingegen galt durchaus auch in Deutschland mal zumindest vielen wenn nicht als Strahlemann, so doch als Hoffnungsträger. Der die Türkei womöglich herausführt aus einer Militärdiktatur in eine demokratische Gesellschaft, der Wirtschafts- und politische Reformen durchführt, die sie näher an die EU führen, der womöglich konservativen Islam, parlamentarische Demokratie und industrielle Moderne vorbildlich versöhnen könnte. Er wurde nicht so gefeiert wie Marcon, das stimmt – Die Türkei ist uns schon geographisch nicht so nahe, zum einem, und auch für den Fortbestand der EU nicht sonderlich wichtig (Frankreich hingegen existenziell; Marcon ist womöglich nicht nur Hoffnungs-, sondern auch Letzte-Hoffnung-Träger). Zum anderem haben uns Kritiker schon früh gewarnt: Erdogan war zumindest mal Fundamentalist, war als Bürgermeister von Istanbul nicht nur gegen Alkoholausschank, sondern auch für getrenntgeschlechtliche Schulbusse; wer weiß, ob er nicht Demokratie nur als Straßenbahn nutzt zu einer Reise nach ganz woanders hin. Weswegen er bei uns nie Strahlemann war, sondern immer auch kritisch-skeptisch betrachtet wurde; von vielen allerdings nicht ohne Hoffnung und Sypathie, erst Recht, als es schien, er könnte eine friedliche Lösung mit den Kurden herbeiführen.

Also gönne Marcon bitte die Chance, so gründlich bei uns zu verkacken, wie es Erdgan gründlichst und mit viel Fleiß und Mühe gelungen ist; vielleicht schafft er die von dir gezogenen hohen Hürden ja doch auch.
 
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Doris

Well-Known Member
Türkei empört über Auftrittsverbot für Erdogan

Die türkische Regierung hat auf das Auftrittsverbot für Staatschef Erdogan in Deutschland reagiert: Dies sei "nicht vereinbar mit freundschaftlichen Beziehungen", sagte ein Sprecher des Präsidenten.

http://www.spiegel.de/politik/ausla...r-auftrittsverbot-fuer-erdogan-a-1155149.html


So so, man ist also empört.

Willkürliche Inhaftierung von Deutschen Staatsbürgern, Nazivergleiche, Bedrohung Deutscher Politiker nach dem Referendum, Besuchsverbot von gewählten deutschen Parlamentarien der Deutschen Soldaten, werfen einen langen Schatten.
 

Alubehütet

Well-Known Member
sagte Schulz der "Bild".

Das ist zum großen Teil dem Wahlkampf geschuldet,
wie zu beweisen war,
Du auch. :)

Wer noch nicht Nachrichten gehört hat, inzwischen ist das offiziell:

Die Bundesregierung wird den geplanten Auftritt des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan vor Anhängern in Deutschland am Rande des G-20-Gipfels verbieten. „Wir teilen der Türkei mit, dass wir der Überzeugung sind, dass ein solcher Auftritt in Deutschland nicht möglich ist. Da gibt es verfassungsrechtliche Rechtssprechung, dass wir das auch können“, sagte Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) am Donnerstag in Moskau. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte der Zeitschrift “Der Spiegel“: „Was Minister Gabriel dazu gesagt hat, ist mit der Bundeskanzlerin abgestimmt. Es ist also die Haltung der Bundesregierung.

http://www.faz.net/aktuell/politik/...rung-verbietet-erdogan-auftritt-15082686.html
Und die übliche Reaktion:

Die Türkei hat das Verbot eines Auftritts von Präsident Recep Tayyip Erdogan in Deutschland durch die Bundesregierung am Donnerstag scharf verurteilt. Das Verbot sei „das konkreteste Beispiel für zweierlei Maß“, das in Europa existiere, erklärte Erdogans Sprecher Ibrahim Kalin der Staatsagentur Anadolu zufolge.

„Diejenigen, die der Türkei bei jeder Gelegenheit Lehren über Demokratie, Menschenrechte und Freiheiten erteilen wollen“, hinderten den Präsidenten daran, sich an türkische Bürger zu wenden, klagte Kalin. Derweil „scharen sich die Europäer um Terrororganisationen, Putschisten und Gesetzlose“, fügte der Sprecher hinzu. Er hoffe, dass Deutschland nicht die „schweren Fehler“ während des Wahlkampfes zum türkischen Verfassungsreferendum wiederhole, als Minister daran gehindert worden seien, in Europa zu sprechen.


http://www.faz.net/aktuell/politik/...eilt-erdogans-redeverbot-scharf-15083684.html


Edit: Ah, hat @Doris jetzt auch schon eingestellt. :)
 
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Alubehütet

Well-Known Member
Vom Prinzip her gäbe es also keinen Unterschied, wenn Du Macron in ein türkisches Umfeld setzen und Erdogan in ein französisches Umfeld setzen würdest.
Ein Erdogan könnte in einem französischen Umfeld, trotz Präsidialdemokratie, trotz Dekrete, trotz verlängerten und noch mal verlängertem und inzwischen verlängerten und übrigens neulich wieder verlängertem Ausnahmezustand nicht mal eben so zehntausende von Staatsbediensteten entlassen. Sender schließen, Zeitungen schließen, Journalisten in den Knast setzen. Oppositionspolitiker inhaftieren. Gay-Prides zusammenknüppeln. Mag sein, daß Marcon das gerne wollen würde, und in der Türkei könnte er das auch.

Ich verstehe irgendwie deinen Vergleich nicht. Wir beurteilen nicht Persönlichkeiten, das ist keine Deutschland-sucht-den-Superpolitiker-Personality-Show, wir beobachten Politiker im Rahmen ihrer Möglichkeiten anhand dessen, was sie daraus machen. Da mag Marcon günstiger wegkommen, weil er in seinem Land nicht so viel kaputt machen kann. Ich weiß nicht, wo Du doppelte Maßstäbe siehst.

Die Frage ist: Bringt a) der jeweilige sein Land weiter in einem mit uns gemeinsamen Sinne? b) wenn nicht, bringt er wenigstens sein Land weiter, wenn auch nicht in einem uns genehmen Sinne? Beides muß ich bei Erdogan verneinen. Die EU kann locker auf die Türkei verzichten ... naja, nach einer vorübergehenden Nutella-Versorgungskrise mangels Haselnüssen, aber die Türkei ist ohne Europa weg vom Fenster.
 
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