Erstens ging es nicht um Trump, sondern um Macron, denn das ist der gefeierte Strahlemann gegenüber dem Unsympath Erdogan, auf dem jeder so gerne herumhackt. Zweitens ging es um die Gemeinsamkeit, dass von beiden (und eben nicht nur von denen) demokratische Strukturen und Verfahren unterwandert werden, und zwar mE von jedem gerade in dem Maß, das er sich erlauben darf, ohne einen Machtverlust zu riskieren.
Hatte ich falsch verstanden. Ich dachte, es ginge um
was Erdogan will ist auch nur ein Präsidialsystem wie in Frankreich/USA.
Seinen Status als Unsympath hat Erdogan sich in Deutschland nun wirklich hart erarbeitet und redlich verdient. Marcon fängt gerade erst an; da finde ich es unredlich, von ihm jetzt schon zu verlangen, wofür Erdogan Jahre gebraucht hat.
Marcon hat noch nicht politisch vom Ausland verlangt, kritische Beiträge aus Internet-Mediatheken des Öffentlichen Rundfunks zurückzuziehen, die er mit staatlichem Fernsehen verwechselt. Er hat noch nicht Satiriker desselben Auslandes mit maßlosen Prozessen überzogen, die sich darüber provokativ beömmelten. Und er hat noch nicht Journalisten, schon gar nicht ausschließlich in Ausland arbeitende, ohne Urteil für unbestimmte Zeit in den Knast gesteckt, die ihrer Arbeit nachgehen. Gastrecht im Ausland mißachten lassen. Politiker im Ausland als Nazis beschimpft. Er hat nicht im eigenen Land zehntausende Richter, Polizisten, Beamte, Lehrer, Wissenschaftler, die ihm unliebsam sind, mehr oder minder rechtlos aus dem Staatsdienst entlassen, z.T. mit Ausreiseverboten ausgestattet. Da ist für Marcon noch viel Luft, er hat ja auch noch Zeit.
Erdogan seinerseits hingegen galt durchaus auch in Deutschland mal zumindest vielen wenn nicht als Strahlemann, so doch als Hoffnungsträger. Der die Türkei womöglich herausführt aus einer Militärdiktatur in eine demokratische Gesellschaft, der Wirtschafts- und politische Reformen durchführt, die sie näher an die EU führen, der womöglich konservativen Islam, parlamentarische Demokratie und industrielle Moderne vorbildlich versöhnen könnte. Er wurde nicht so gefeiert wie Marcon, das stimmt – Die Türkei ist uns schon geographisch nicht so nahe, zum einem, und auch für den Fortbestand der EU nicht sonderlich wichtig (Frankreich hingegen existenziell; Marcon ist womöglich nicht nur Hoffnungs-, sondern auch Letzte-Hoffnung-Träger). Zum anderem haben uns Kritiker schon früh gewarnt: Erdogan war zumindest mal Fundamentalist, war als Bürgermeister von Istanbul nicht nur gegen Alkoholausschank, sondern auch für getrenntgeschlechtliche Schulbusse; wer weiß, ob er nicht Demokratie nur als Straßenbahn nutzt zu einer Reise nach ganz woanders hin. Weswegen er bei uns nie Strahlemann war, sondern immer auch kritisch-skeptisch betrachtet wurde; von vielen allerdings nicht ohne Hoffnung und Sypathie, erst Recht, als es schien, er könnte eine friedliche Lösung mit den Kurden herbeiführen.
Also gönne Marcon bitte die Chance, so gründlich bei uns zu verkacken, wie es Erdgan gründlichst und mit viel Fleiß und Mühe gelungen ist; vielleicht schafft er die von dir gezogenen hohen Hürden ja doch auch.