AW: Meine schöne Geschichte und eine böse Geschichte- es geht weiter...
TEIL8:
Wie war die Hochzeit? Am Standesamt waren alle Mitarbeiter sehr nett, dass muss ich schon sagen. Verlangt wurde aber auch ein (offizieller) Dolmetscher, also organisierten wir diesen auch noch. Viel Geld hatten wir nicht, also halfen uns viele Freunde, um eine nette Party zu veranstalten. Wir mieteten einen Jugendraum der evangelischen Kirche direkt neben dem Standesamt, unten sah die Möblierung aus wie in einer Schule, oben war ein richtiger Partyraum. Da ich viele Freunde in der Gastronomie hatte, richteten wir alles in Eigeninitiative her. Die (Schul-) Tische deckten wir liebevoll ein, das Buffet bestellten wir von einem Türken, die Hochzeitstorte und Backwaren von einem Bäcker in der Nähe, die Stereoanlage von mir zu Hause…alle haben viel mitgeholfen, auch wir waren an unserem Hochzeitstag noch bis 12 Uhr mit den Vorbereitungen beschäftigt! Bis dahin konnte sich noch keine große Aufregung bei mir einstellen, aber die letzten Stunden vor dem Eintritt in ein neues Leben waren dann ein Riesen- Gefühlschaos…Wird alles klappen? Mache ich alles richtig? Wird sich M. einleben oder wird er großes Heimweh haben? Bekommt er eine Arbeit? Sein bester Freund, Y. (auch einer von den „Turkish Back Street Boys“), verheiratet mit einer Deutschen, war dann sein Trauzeuge, meine Trauzeugin meine beste Freundin. Y. stand M. hilfreich zur Seite (gerade auch dann, wenn er nichts verstand), da war ich schon sehr froh darüber. Wir hatten gute Musik (natürlich auch türkische), tanzten viel und hatten Spaß bis 5 Uhr früh.
Dann ging das gemeinsame Leben los. Zeit für eine Hochzeitsreise hatten wir nicht, und einer musste ja auch das Geld verdienen. Für M. war vieles neu, nicht nur das Land. Ich meldete ihn bei einer Deutsch- Schule an, 3 Monate, von Montag bis Freitag. In der Wohnung beklebten wir jeden Gegenstand mit Zetteln, auf denen die deutsche Bedeutung stand. Wir fuhren kreuz und quer mit der S-Bahn (so etwas kannte er gar nicht) durch München, M. immer bewaffnet mit dem MVV- Plan. Wir hatten ständig irgendwelche Formalitäten zu erledigen. Dann fuhren wir das erste Mal zum Arbeitsamt, da hatte ich große Bedenken, wie wir dort wohl behandelt werden. Aber es war sehr lustig, der Mitarbeiter erprobte gleich mal seine wenigen Türkisch- Kenntnisse an meinem Mann, die Arbeitserlaubnis bekam er sofort(es gab für das erste Jahr eine Einschränkung in Bezug auf die Selbstständigkeit). Da ich beruflich öfter mal ein paar Tage unterwegs war, musste M. sich seinen Weg selber erkämpfen, so erkundete er die Umgebung mit dem Fahrrad, schaute sich Geschäfte und alles andere an. Im ersten halben Jahr waren wir in Österreich und in Kenia, das war sehr aufregend für M. , da er ja noch keine anderen Länder kannte. Und dann war es soweit, wir hatten sein erstes Vorstellungsgespräch in einem großen Hotel in München. Natürlich hatte ich die Bewerbungsunterlagen für ihn zusammengestellt. Wir probten das Vorstellungsgespräch 2 Tage ein, und ich durfte an diesem Tag dabei sein. Eine Woche später erhielt er die Zusage- wow!!! Das war schon eine große Erleichterung!!! Er arbeitet bis heute noch dort und konnte seine Position auch schon 2-mal verbessern.
Mit dem Essen hatte er am Anfang seine Probleme…nicht dass es ihm nicht schmeckte, aber irgendwie war es wohl doch eine Riesen- Umstellung und er hatte keinen rechten Appetit. Schweinefleisch gab es bei uns zu Hause nicht und ich achtete auch peinlichst darauf, keine Lebensmittel zu kaufen, in denen irgendwie Inhaltsstoffe vom Schwein enthalten sein könnten. Auf der Wiesn fragte er mich immer wieder, was denn da so gut riechen würde von den Essens- Ständen, meistens war es dann eben Schweinefleisch, und so kaufte er sich eine Fischsemmel. Irgendwann probierte er es, weil er es selber wollte, dann immer wieder mal, heute ist es für ihn normal. Er entdeckte seine Vorlieben für bestimmte deutsche Gerichte, er liebt richtig gute Pizza vom Italiener und natürlich meine Küche!!! Die Appetitlosigkeit hatte sich gelegt, heute freut er sich auf das deutsche Brot, wenn wir aus der Türkei nach Hause kommen.
M. hatte sich eingelebt. Auch wenn wir nicht jeden Tag miteinander verbringen können, sind wir sehr glücklich, waren doch die Trennungen vorher viel länger und schmerzhafter. An das „deutsche System“ hat er sich sehr schnell gewöhnt, z.B. das Bankensystem mit Kredit- und EC- Karte (für uns hier ganz normal, aber er kannte dies gar nicht), an die deutsche Pünktlichkeit und die dazugehörige Disziplin, und an das Gesundheitssystem. Bei den ersten Arztbesuchen fühlte er sich nicht immer wohl, mittlerweile hat sich auch das gelegt. Mein Canim musste auch schon 2-mal operiert werden, an der Nase und am Auge, alles verlief Gott sei Dank gut, aber auch da war er natürlich sehr aufgeregt!!!