Meine schöne Geschichte und eine böse Geschichte

papatya

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AW: Meine schöne Geschichte und eine böse Geschichte

TEIL 9:
Natürlich dauerte es nicht lange, und wir flogen auch wieder in die Türkei. Und er erlebte das erste Mal das Gefühl, als „Almanci“ behandelt zu werden. Nicht nur ich, sondern auch er wurde in verschiedenen Sprachen angesprochen, manchmal lustig, manchmal aber auch ärgerlich! Seine Familie freut sich immer tierisch, wenn wir kommen, und ist immer sehr traurig, wenn wir wieder fahren, auf jeden Fall werden wir immer empfangen, als wäre jedes Mal Bayram!!! Am Anfang verbrachten wir unseren Urlaub oft in Side, da, wo wir uns kennen gelernt hatten. Wir besuchten jetzt alle Orte und Freunde als Ehepaar, das war ein sehr gutes Gefühl! Seine Kollegen und Freunde besuchten wir natürlich auch oft, mit der Zeit lösten sich aber die Verbindungen, viele haben Antalya (und Umgebung) verlassen.
Er hat 2 jüngere Brüder, eine jüngere und eine ältere Schwester. Die beiden Schwestern sind verheiratet, eine davon hat 2 Kinder. Traurig war es, als wir eines Tages erfahren mussten, dass der Mann der jüngeren Schwester einen Schlaganfall erlitten hatte. Wir flogen natürlich ziemlich schnell dorthin. Heute geht es ihm aber wieder gut.
Im September 2001 waren wir eine Woche in Griechenland, für meinen Mann natürlich interessant, da es ja oft heißt, Griechen und Türken können sich nicht leiden. Es war das genaue Gegenteil, mein Mann verstand sich sehr gut mit den Einheimischen, die ebenfalls recht interessiert an seiner türkischen Herkunft waren. Der Rückflug war am 10. September, also verbrachten wir den 11. September zu Hause und bekamen die ganze Tragödie des Terror- Anschlages auf das WTC in New York live am Fernseher mit. Beide waren wir sehr betroffen, mein Mann hat auch sehr gelitten darunter, dass der Islam durch die Medien in ein so schlechtes Licht gerückt wurde. Ich befürchtete damals, dass ihn jetzt diese Vorurteile treffen könnten. Aber so war es nicht, und auch bis heute sind wir beide sehr glücklich darüber, dass er weder als Ausländer noch als Muslim jemals schlechte Erfahrungen machen musste. Wir waren dann noch eine Woche in Rom, war auch sehr schön, dort wurde er ständig für einen Italiener gehalten.
Vor 2, 5 Jahren sind wir nach Thailand in den Urlaub geflogen, ganze 3 Wochen, es war ein super Urlaub, meinem Mann hat es sehr gut gefallen, in gewisser Hinsicht findet man auch Parallelen zur Türkei, gerade was die Verkaufsmärkte und das Feilschen um die Ware betrifft. In Phuket gibt es einen Strandabschnitt mit Bars und Ständen, der mich sehr an einen Teil von Side erinnert. Mein Mann wünscht sich, öfter nach Thailand zu fliegen.
In demselben Jahr war eigentlich kein Urlaub mehr geplant, doch die Sehnsucht nach der Türkei und der Familie ließ mich nicht los. Also setzte ich mich heimlich an den PC, um einem günstigen Aufenthalt in die Türkei zu finden. Ich buchte schließlich eine Woche und erzählte ihm nichts davon. Eigentlich halte ich nichts von Lügen und Schwindeln, aber es musste sein, weil ich meinem Mann eine Riesenüberraschung bereiten wollte. Also erzählte ich ihm, wir würden für ein paar Tage nach Wien fliegen. Am Tag zuvor schickte ich ihn zum Friseur und hatte freie Bahn, um die Koffer zu packen. Am nächsten Tag fuhren wir zum Flughafen, und checkten unser Gepäck ein, durch das Anbringen des Ziel- Labels (AYT) erkannte mein Mann natürlich dann doch, wohin die Reise ging, aber bis dahin war die Überraschung perfekt. Leider hatten wir Pech, der Flug ging mit 6 Stunden Verspätung raus, so kamen wir mitten in der Nacht an und waren an diesem Tag sehr müde. Doch mein Mann telefonierte sofort mit seiner Schwester und so verabredeten wir uns für den nächsten Abend in einer Strandbar. Alleine wartete ich dort, mein Mann holte unsere Jacken aus dem Hotel, als seine jüngere Schwester und sein jüngerer Bruder in der Bar ankamen. Ich begrüßte sie freudig, wollte ihnen etwas zu trinken bestellen, aber sie lehnten ab und verhielten sich sehr seltsam. Mein Mann kam über die Strasse, sein Bruder eilte ihm entgegen. Ich fragte die Schwester was los sei, als ich sah, dass mein Mann die Hände zum Himmel hob und sich wegdrehte. Da brach sie in Tränen aus und ich verstand nur etwas von Unfall und dem älteren Bruder. Eilig zahlte mein Mann, wir stiegen ins Auto und fuhren los. Dann verstand ich was(14 Tage zuvor) passiert war:
Sein älterer Bruder hatte beim Motorradfahren die Kontrolle verloren, prallte gegen ein Verkehrsschild, ein Bein wurde abgerissen. Durch Zufall fuhr auf der anderen Straßenseite ein Rettungswagen vorbei, der anhielt und ihm somit das Leben rettete.
 

papatya

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AW: Meine schöne Geschichte und eine böse Geschichte

TEIL 10:
Wir waren also auf dem Weg ins Krankenhaus. Er sah schlimm aus, zahlreiche Knochenbrüche, Abschürfungen und Wunden und viele Verbände, das Bein konnte nicht mehr gerettet werden, er saß im Rollstuhl!!!
Diese Nacht war eine der schlimmsten für uns. Kein Schlaf, und obwohl wir ganz und gar nicht abergläubig sind, hatten wir die seltsamsten Gedanken. Am Abend vor dem Abflug von Deutschland hatten wir eine Reportage über Menschen gesehen, die beinamputiert waren, wie diese ihr Leben meistern und welche Art der Behandlungen und Möglichkeiten es gibt. Beide konnten wir uns sofort wieder daran erinnern, was für ein komischer Zufall! Wir weinten viel und beratschlagten, was zu tun sei. Denn der Rest der Familie wusste noch nichts von dem Unglück!!! Die Geschwister hatten Angst, dass es v.a. der Mutter und der älteren Schwester das Herz brechen würde und Ihnen gesundheitlich schaden könnte, wenn Sie von dem Unfall erfahren. Sie erzählten der Familie, dass der Bruder in Istanbul ist, um sich einen Job zu suchen, denn er war zu der Zeit arbeitslos.
Am nächsten Tag mussten wir natürlich zu der Familie fahren und so tun, als wäre nichts passiert. Einen Plan hatten wir schon, wir wollten der Familie einen Ausflug vorgaukeln, auf mehrere Autos verteilt losfahren und dann eben doch zum Krankenhaus abbiegen und den Bruder dort besuchen. Sollte die Mama oder Schwester es nicht verkraften, würde es dort wenigstens gleich ärztliche Hilfe geben….
Natürlich hatten alle, die es bis dahin noch nicht wussten, eine Vorahnung, als wir das Krankenhaus erreichten, und dann brach das Chaos aus: die Mama erlitt einen Schwächeanfall, befand sich mit einem Teil der Familie in der Notaufnahme beim Arzt, ich stand mit der älteren Schwester und ihren Kindern draußen vor dem Haupteingang, überall um uns herum andere türkische Familien, die einen verletzen Angehörigen in der Klinik besuchten. Plötzlich sackt auch die Schwester zusammen und fällt mir in die Arme, nach schneller erster Hilfe ging es aber wieder. Ein Albtraum, ein Drama…auch ich stand irgendwann weinend da , dachte nur noch, ich befinde mich in einem schlechten Film. Schließlich hatten sich alle wieder gefangen, auch „Anne“ ging es wieder gut und sie konnte ihren Sohn wieder in die Arme schließen. 2 Tage später kam der Bruder nach Hause, wir waren jeden Tag dort, überlegten, wie es weiter gehen sollte, kümmerten uns viel um ihn.
Finanziell auch eine große Sorge, war er ja zu dieser Zeit nicht versichert. Durch Freunde lösten sie dieses Problem, ein paar Monate später ging die Rehabilitation in Ankara los, er bekam eine Prothese und ein Jahr später konnte er nicht nur wieder ohne Krücken laufen, sondern auch bereits wieder Autofahren.
Mein Fazit:
  • Der Familienzusammenhalt in türkischen Familien ist sehr groß
  • Das Krankenversicherungssystem und Gesundheitswesen ist in der Türkei stark verbesserungswürdig
  • Eine Überraschungs- Reise buche ich nicht mehr
 

MS0049

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AW: Meine schöne Geschichte und eine böse Geschichte

WoW! Mir fehlen die Worte. hab richtig Gänsehaut! Da hast Du genau in dem Moment gebucht.... unglaublich. Deine Geschichte ist so schön Papatya,natürlich nicht der
Unfall Deines Schwagers. Wir sind ja jetzt erst bei 2001? oder? Dann darf ich mich ja hoffentlich noch auf viele Lesestoff freuen? vielen Dank,dass Du
uns alle hier an Deiner Geschichte,Deinem Leben etwas teilhaben lässt.
Lieber Gruss
MS
 

papatya

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AW: Meine schöne Geschichte und eine böse Geschichte

WoW! Mir fehlen die Worte. hab richtig Gänsehaut! Da hast Du genau in dem Moment gebucht.... unglaublich. Deine Geschichte ist so schön Papatya,natürlich nicht der
Unfall Deines Schwagers. Wir sind ja jetzt erst bei 2001? oder? Dann darf ich mich ja hoffentlich noch auf viele Lesestoff freuen? vielen Dank,dass Du
uns alle hier an Deiner Geschichte,Deinem Leben etwas teilhaben lässt.
Lieber Gruss
MS
schön, dass es dir noch gefällt, ms, habe lange überlegt, ob ich soviel preisgeben soll, mein mann ist aber auch einverstanden und einiges bleibt natürlich auch im verborgenen ;-)
wir sind bei 2004, der phuket und der schicksalshafte 1-wochen-urlaub waren ein halbes jahr auseinander. ich schreibe gerne noch weiter :p
 

MS0049

Active Member
AW: Meine schöne Geschichte und eine böse Geschichte

Was???? Wir sind schon im Jahr 2004???? Es gibt nur noch 2 Jahre? Oh... *enttäuscht guck** naja, eure Geschichte geht ja weiter. dann musst Du eben immer ein halbes
Jahr Pause machen beim schreiben. Nett von Deinem Mann,dass er sein OK gibt.
Er kommt ja auch nicht schlecht dabei weg. Ist ja ein lieber Mann. :)
Oh,wenn er jetzt weiss dass Du uns alles erzählst ist er ja vielleicht ab jetzt gaaaanz besonders lieb!! Aber..., das könnte dann noch ganz schrecklich harmonische Ausmaße annehmen!..ui..dann kann ich aber nicht mehr weiterlesen... ertrage doch Harmonie und Thema Sex im Moment so schlecht... :) :) *grins*
Naja, irgendwas ist ja immer.

(spass!)

Freu mich sehr auf die Fortsetzung! Ich habe heute übrigens viel Zeit zum lesen.... *schubs schubs*

Lieber Gruss
MS
 

karlchen

Member
AW: Meine schöne Geschichte und eine böse Geschichte- es geht weiter...

Da kommt man mal ein paar Tage nicht dazu hierherien zu kommen und schon verpasst man soviel. Unglaublich.
Vielen Dank, dass Du eure Geschichte mit uns teilst. Sie macht Mut, den man manchmal wirklich gut gebrauchen kann.
Bin gespannt, wie es weiter geht.
Liebe Grüße
 
A

alsadaha

Guest
AW: Meine schöne Geschichte und eine böse Geschichte

Vielen Dank dafür, daß Du Deine Geschichte so ausführlich weitererzählst!

Ich finde es toll, wie Dein Mann es geschafft hat, sich hier anzupassen, z.B. mit dem Essen (da hat mein Mann heute noch Probleme mit, er ist bezüglich dem Essen ein sehr komplizierter Mensch!) und der Arbeit...

Was Ihr alles so erlebt habt...interessant, daß Du gerade in dieser schweren Zeit Deiner Schwiegerfamilie zufällig den Urlaub gebucht hast- ich war richtig geschockt beim Lesen, dann aber um so froher, zu lesen, daß es Deinem Schwager jetzt "relativ" gut geht!

Ich freue mich auch auf noch viel mehr von Dir!

Liebe Grüße, alsadaha
 
A

AylinDeniz

Guest
AW: Meine schöne Geschichte und eine böse Geschichte

Da kann man mal sehen wie schnell die Zeit vergeht. Aber bis 2006 hast du bestimmt noch einiges zu erzählen.
Vielen Dank an deinen Mann das er uns teilhaben lässt:)
Schön das dein Schwager es relativ gut überstanden hat.

Freue mich aufs weiterlesen

LG Aylin
 

marleen

Member
AW: Meine schöne Geschichte und eine böse Geschichte

ja wirklich schön,dass du es so ausführlich erzählst...aber am besten an deiner geschichte finde ich,dass man am beispiel deines mannes mal wieder sieht,dass hier in deutschland trotzdem noch jeder eine chance hat und nicht alles so schlecht für migranten/ausländer hier ist,wie es oft behauptet wird!und genau das freut mich sooo sehr,weil es natürlich nicht selbstverständlich ist,aber eben trotzdem möglich...danke&lg von marleen
 
S

Susi26

Guest
AW: Meine schöne Geschichte und eine böse Geschichte

Ein ganz großes, dickes DANKE auch von mir. Die Fortsetzung Deiner Geschichte zu lesen hat mir besonderen Mut gemacht, da ich mich gerade mit meinem Mann gestritten habe und er Türen knallend und ohne ein Wort zu sagen auf Arbeit ist!

Aber es geht ja immer weiter :razz: , wie mir Deine Geschichte zeigt! Ich warte auf mehr!

LG Susi
 
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