#MeTwo erzählt vom Alltagsrassismus

Bintje

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5 Mai 2018
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Als Ali Can, Gründer der "Hotline für besorgte Bürger", vor wenigen Tagen den Hashtag #MeTwo kreierte, dachte er wohl nur an eine kleine Solidaritätsaktion im Netz. Mittlerweile sind daraus Zehntausende Tweets geworden: Bekannte und unbekannte Menschen mit und ohne Migrationshintergrund schildern ihre Erfahrungen mit Ausgrenzung und Diskriminierung. Wie viel Kränkung und Schmerz dahintersteckt, wie viel Energie es braucht, solche Erlebnisse zu verdauen, kann man nur erahnen.

Ich finde diese Aktion mutig, ich finde sie gut, und ich finde diese Debatte sehr nötig: weil ich an die reinigende Kraft solcher Mitteilungen glaube, auch wenn sich die Dinge im Netz manchmal anders entwickeln. So momentan offenbar auch bei #MeTwo, wo die Schilderungen verletzender Erlebnisse scheinbar von organisierten Grüppchen und Bots nicht selten bagatellisiert, verhöhnt oder rundheraus bestritten werden ("Das ist kein Rassismus!"). Solche Reaktionen sind beim Mitlesen schwer erträglich. Denn viele der geschilderten Episoden machen einen sprachlos, und die kleinen Erzählungen, um die es geht, finde ich wichtig. Sie halten unserer Gesellschaft einen Spiegel vor und können - vielleicht - was verändern.
Wie geht es euch damit?

Hier ein Interview mit Ali Can: https://perspective-daily.de/article/586/probiere
Ein Bericht über die Aktion: http://www.tagesschau.de/inland/me-two-101.html
Und ein lesenswerter Kommentar aus der ZEIT: https://www.zeit.de/gesellschaft/ze...-erfahrungen-rassismus-alltag-grosszuegigkeit
 
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sommersonne

Well-Known Member
19 März 2017
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Leipzig
Die Frage ist -was kann man nun tun? Die Leute die Ausländer diskriminieren werden jetzt nicht damit aufhören nur weil es mal in aller Deutlichkeit gesagt wurde.
 

Bintje

Well-Known Member
5 Mai 2018
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Die Frage ist -was kann man nun tun? Die Leute die Ausländer diskriminieren werden jetzt nicht damit aufhören nur weil es mal in aller Deutlichkeit gesagt wurde.

Nein, werden sie nicht, das denke ich auch. Aber es wird dann möglicherweise weniger. Es hilft schon, den Mund aufzumachen, wenn man diskriminierende Situationen mitbekommt.
Mein Sohn z.B. ist mal aus dem Unterricht geflogen, nachdem er einen Fachlehrer als rassistisch bezeichnet und sich geweigert hat, das zurückzunehmen. Dieser Lehrer, alt, verknöchert und inzwischen pensioniert, hatte einen farbigen Jungen in der Klasse als "Neger" angeredet und sich über ihn lustig gemacht. Der Junge selbst traute sich nicht, was zu sagen, zumal er auf dem Schulhof auch Zielscheibe von Lästereien einiger Mitschüler war.
Man will gar nicht glauben, dass es solche "Lehrer" noch gibt, aber es gibt sie. Die vielen Schulerlebnisse, die Betroffene bei #MeTwo schildern, finde ich katastrophal. Bisher dachte ich immer, dass das, was mein Sohn beziehungsweise der andere Junge erlebt hat, eine Ausnahme war. Anscheinend nicht. Geht gar nicht!

Man kann auch ganz praktisch was tun: Leute bei der Wohnungssuche unterstützen zum Beispiel, oder, wenn man mitbekommt, dass der einzige Mensch mit MiHiGru in den Öffis kontrolliert wird, demonstrativ selbst alle Papiere vorzeigen .. oder, oder, oder.

Sascha Lobo schrieb kürzlich: "Wir schweigen Extremisten an die Macht."
Schweigen sei "die deutsche, demokratische Deformation." Und weiter:

Wer Gründe sucht, um zu schweigen, wird immer fündig, zu allererst bei der Angst um das eigene Wohlergehen. Ein Teufelskreis, denn je weniger Leute sich solidarisieren, desto berechtigter erscheint diese Angst. Aber umso eher müsste sie gerade von denjenigen überwunden werden, die es sich leisten könnten.
 
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eruvaer

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7 April 2014
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Liebe.
#metoo hat wohl auch nicht zu weniger sexuellem Mist geführt.
Es geht wohl eher darum der breiten Masse mehr ins Bewusstsein zu rufen, dass dieses Problem real existiert, ihnen durch die vielen Hashtags ein Gefühl zu geben, Wippe massiv das Problem ist und letzten Endes sehen so auch die Beiden, dass sie nicht allein sind und ihr Problem nicht ein eingebildetes aufgebauschtes sondern real (das wird denn Betroffenen beider Probleme nämlich gerne abgesprochen "ach Quatsch, das meinst du nur, das war sicher nur Spass")

Wobei ich aus meiner Sicht nicht verstehen kann wie man Rassismus für ein Thema von gestern halten kann.
Mein Name? Durch und durch deutsch.
Mein Aussehen? Nichts exotisches, eher langweiliger Durchschnitt.
Trotzdem wurde ich in Deutschland schon Opfer von Rassismus :confused:
Von Leuten die weit weniger deutsch auf mich wirkten. Wegen sehr mangelhafter Sprachkenntnisse, exotischer Namen oder recht eindeutiger Akzente. Auch optisch nicht gerade Hitlers Traumzucht-Material. :confused:

Kann mir also nur schwer vorstellen, dass ich da eine Ausnahme bin und jeder andere meine Situationen als lustigen Spass seiner Landsleute aufgefasst hätte.

Aber mensch verdrängt ja sehr gern.
 

sommersonne

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19 März 2017
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Es wird wohl so sein wie immer. Die Leute die es betrifft und die sich schämen sollten, werden das überhaupt nicht lesen. Ich bin da sehr skeptisch.
Aber immerhin wird es die Betroffenen erleichtern das was ihnen passiert mal öffentlich mitteilen zu können.
 

Bintje

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5 Mai 2018
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Wobei ich aus meiner Sicht nicht verstehen kann wie man Rassismus für ein Thema von gestern halten kann.
Mein Name? Durch und durch deutsch.
Mein Aussehen? Nichts exotisches, eher langweiliger Durchschnitt.
Trotzdem wurde ich in Deutschland schon Opfer von Rassismus :confused:

Dito, ist mir auch schon passiert. Lange her, und der pöbelnde Opa dazu war für mich die Ausnahme. Der Liebsten meines Sohnes geht's anders. Araberin, der man's ansieht, die sich mühsam hier durchgebissen hat und inzwischen eingebürgert ist. Vor einigen Jahren noch verging kein Tag, an dem sie nicht niedergeschlagen war wegen irgendeines saudoofen Erlebnisses, das ihr signalisierte: Du-bist-nicht-von-hier, gehörst-nicht-dazu und so weiter. Inzwischen sind solche Tage offenbar die Ausnahme, zumindest erfahre ich weitaus seltener davon. Zumal sie selbstbewusster geworden ist und zum Beispiel ihre interkulturelle Kompetenz, auch sprachlich, prima bei der Arbeit einbringen kann. Als ich sie kennenlernte, hat sie sich noch mit Händen und Füßen dagegen gesträubt, wollte nur ankommen, sich nicht mehr 'anders' fühlen und auffallen. Das hat sich geändert, das finde ich klasse!
Jetzt steht sie ganz selbstverständlich dazu und begreift ihre internationale Gewandtheit als Stärke. Allerdings war das ein ganz weiter, steiniger Weg. Und es bedeutet natürlich nicht, dass rassistische Sprüche ihr nichts mehr ausmachen. Sie hat nur gelernt, sich zu wehren und (im Zweifel zusammen mit uns) für ihre Interessen und Gleichberechtigung einzustehen. Auch ihrem Vater und ältestem Bruder gegenüber. Super!

Zitat von sommersonne:
Es wird wohl so sein wie immer. Die Leute die es betrifft und die sich schämen sollten, werden das überhaupt nicht lesen. Ich bin da sehr skeptisch.
Aber immerhin wird es die Betroffenen erleichtern das was ihnen passiert mal öffentlich mitteilen zu können.

Wie gesagt: Reden ist wichtig. Weil es sensibilisiert. Einiges ließe sich m.E. sicherlich mit gezielter Förderung und Quoten an Schulen und in anderen öffentlichen Bereichen verbessern. Wenn zum Beispiel Lehrkräfte und (höhere) Verwaltungsangestellte mit MiHiGru nicht mehr die Ausnahme sind, ändert sich der kollektive Blickwinkel ganz automatisch.
 
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Alubehütet

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29 Januar 2017
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Es wird wohl so sein wie immer. Die Leute die es betrifft und die sich schämen sollten, werden das überhaupt nicht lesen.
Schön wäre es :( Die lesen es nicht nur, die kommentieren auch. Es braucht keine Migranten mehr, um in #Metwo zu dokumentieren, wie weit verbreitet in Deutschland noch Rassismus ist.

Der von @EnRetard verlinkte Hasnain Kazim führt nur die Posts an, mit denen es noch lohnt, zu diskutieren, Mißverständnisse zu klären.
 

sommersonne

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19 März 2017
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Wahrscheinlich bekomme ich jetzt wieder Haue. Aber ich finde der Rassismus ist erst so schlimm geworden seit 2015 so viele Ausländer auf einmal kamen. Ab da wurde er laut und öffentlich geäußert, die Hüllen fallen gelassen und bedenkenlos rassistische Parolen heraus posaunt. Es scheint irgendwie salonfähiger geworden zu sein. Sanktionen sind kaum zu erwarten.
 
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