Putins Rußland

Mendelssohn

Well-Known Member
Das habe ich auch gelesen. Ich habe aber eben auch über Nawalnys Distanzierung von jenen rassistischen Äußerungen gelesen, mit denen er seit langem nicht mehr unterwegs ist. Zugleich ist seine politische Position innerhalb des demokratischen Spektrums unklar. D. h. er hat sich uneingeschränkt zur Demokratie bekannt (im Unterschied zum "lupenreinen" Demokraten Putin), aber ob die praktische Umsetzung eher neoliberal oder sozialstaatlich gedacht wird, erscheint mir nicht klar. Vielleicht ist das Nawalny selbst nicht deutlich. Vermutlich hofft er auf so etwas wie die selbstreinigende Kraft des Markts, wenn die Korruption erst mal eingehegt worden ist, und dass dann eben auch etwas für den Sozialstaat abfällt, jedenfalls mehr als gerade jetzt.
In jedem Fall halte ich Nawalny weder für einen russischen Trump noch einen russischen Höcke, weshalb ich mit dem AfD-Vergleich nichts anfangen kann.
 

EnRetard

Well-Known Member
Das Fliegenklatschen-und-Schaben-Video stammt von 2007. Damals war Nawalny 31 Jahre alt. Nicht 15. So etwas ist keine Jugendsünde, sondern unentschuldbar. Stell dir mal vor, es wäre um Juden gegangen, die so verungeziefert worden wären.
 

Mendelssohn

Well-Known Member
Das Fliegenklatschen-und-Schaben-Video stammt von 2007. Damals war Nawalny 31 Jahre alt. Nicht 15. So etwas ist keine Jugendsünde, sondern unentschuldbar. Stell dir mal vor, es wäre um Juden gegangen, die so verungeziefert worden wären.
In jenen Jahren gab es zahlreiche, sehr blutige Anschläge in Moskau und anderswo seitens der Tschetschenen. Die Moskauer Innenstadt, wo ich mich im Spätherbst 2004 anlässlich des Kantjubiläums eine gute Woche aufhielt, war voll von invaliden Soldaten auf Krücken (also ohne Prothesen) in Militärmänteln, die von den Unikantinen einen Teller Suppe und Tee erhielten, auf Almosen der Stadtbevölkerung angewiesen waren und umsonst mit dem Bus oder der U-Bahn fahren durften. Durchaus möglich, dass der 31-jährige Nawalny solche Bilder vor Augen hatte, als er den postsowjetischen Terrorismus rassistisch deutete.
Ich entschuldige Nawalny nicht, sondern habe gesagt, dass er sich von seinen damaligen Äußerungen distanziert hat.
Zugleich, was ich nun mehrfach versucht habe zu erläutern, ist mir seine politische Position innerhalb des demokratischen Spektrums nicht deutlich. Seine Antikorruptionskampagne ist für seine politische Verortung nicht ausreichend.
 

Alubehütet

Well-Known Member
Die Portraits, die ich gelesen habe, deuten an, daß Navalny ein ganz simples Konzept hat: Er will an die Macht. Wie auch immer, warum auch immer, wozu auch immer. So lange es ihm nützlich erschien, bediente er dazu auch rechtsradikale Narrative; Korruption anzuprangern bleibt ein Longseller.

Aber @EnRetard hat völlig Recht. Mit solchen Videos ist er draußen. Opportunismus hin oder her; wer sich zu so etwas hinreißen läßt, darf niemals auch nur in die Nähe von Macht kommen. Das ist auch keine westliche Empfindlichkeit, postnazistische Befindlichkeit, das zu verurteilen. Geht nicht, Punkt.




Putin hat bei allen rechten Narrativen immer auch festgehalten an der Identität eines Vielvölker- und multireligiösen Staates. Natürlich gleichzeitig bei orthodoxer Quasistaatskirche, aber es gab nie ein breites Anti-Muslimbashing.
 

Alubehütet

Well-Known Member
Von Demokratie ist Rußland noch sehr, sehr weit entfernt. Die haben nie eine nennenswerte bürgerliche Klasse gehabt, die Träger solcher Ideen, Träger einer demokratischen Kultur wäre, und ich unterstelle Putin Absicht, daß sie sich unter ihm auch nicht bildet; Wirtschaft nur gedeiht in mafiösen Seilschaften, Oligarchie. Und weiter zurück hat es auch nie ein Christentum unabhängig vom Staat gegeben mit einem Eigenleben und stets in Auseinandersetzung mit dem Staat; es gab nie einen staatsunabhängigen Akteur, wie etwa ein Luther, der Fürsten fördert gegen den Kaiser. Ich nannte zuvor den Gedanken, Demokratie könne man nicht herbeibomben; Freiheit müsse sich ein Volk schon erringen, erkämpfen, abtrotzen, um sie zu leben, wertzuschätzen. Wer soll das sein in Rußland?

Erdogan immerhin hat sich im Gegensatz dazu auf das Wagnis eingelassen, mit zunehmender wirtschaftlicher Prosperität auch eine neue, potentiell dissidente … na, von „Klasse” mag ich nicht mehr reden, aber eine signifikant andere Bevölkerung zu ermöglichen.
 

EnRetard

Well-Known Member
Putin hat bei allen rechten Narrativen immer auch festgehalten an der Identität eines Vielvölker- und multireligiösen Staates. Natürlich gleichzeitig bei orthodoxer Quasistaatskirche, aber es gab nie ein breites Anti-Muslimbashing.
Rassismus gegen Angehöriger muslimischer Volksgruppen ist in Putins Russland gang und gäbe. Das rechtfertigt aber nicht Nawalnys rassisstische Mordaufrufe.
 

Alubehütet

Well-Known Member
Rassismus gegen Angehöriger muslimischer Volksgruppen ist in Putins Russland gang und gäbe. Das rechtfertigt aber nicht Nawalnys rassisstische Mordaufrufe.
Ist ja richtig. Wir wissen aber aus Deutschland auch nur zu gut, daß es einen massiven Unterschied macht, ob die Regierung solche Diskurse auch noch befeuert, wie unter Helmut Kohl in der „Asyldebatte”, oder das Gegenteil, wie unter Merkel in der „Flüchtlingskrise”. Putin wird mutmaßlich viel mehr dulden als nötig. Aber berufen wird man sich auf ihn nicht können; auch nicht sich als heimlich ausführendes Organ verstehen wie die hiesigen Nazis der 90er oder Trumps proud boys.
 
Top