Türkische Mafia und die Liebe

Farina

Well-Known Member
AW: Türkische Mafia und die Liebe

Hallo Eternelle,

schön wieder von dir zu hören! Das liegt an deinen Einstellungen, ob du benachrichtigt wirst oder nicht. Aber jetzt weißt du's ja, dass wir alle noch gespannt warten. :)

Wünsche dir noch einen schönen Urlaub!
 
K

karischa

Guest
AW: Türkische Mafia und die Liebe

Ich finds unglaublich, dass immer noch Interesse an meinem thread besteht :) Ich war der Meinung, ich bekomme eine Email-Benachrichtigung, wenn hier jemand antwortet...und dachte, ehrlich gesagt, er ist in der Versenkung verschwunden und ich schreibe dann die gesamte Geschichte, wenn ich fertig bin. Eine Freundin von mir, die damals dabei war und hier mitgelesen hat, hat mir heute erzählt, sie habe hier weitere Antworten gelesen. (sie war jetzt einen Monat auf Urlaub, ich hab auch Ferien, bin jetzt nur kurz eine Woche da, dann auch wieder 10 Tage weg...)
Ali hat sich zwischenzeitlich wieder gemeldet, er würde mir Ticket und alles zahlen, ich soll zu ihm kommen...es nimmt irgendwie noch immer kein Ende.

Ich halt mein Versprechen und schreibe weiter (und fliege heuer NICHT in die Türkei :lol:)

Bis bald, ihr Lieben!

Hallo eternelle, das ist sehr schön, dass du dich heute wieder gemeldet hast, dadurch ist dein Thread nach oben gerutscht und ich konnte deine Geschichte bis hierher verfolgen. Großartig und total ergreifend geschrieben! Kompliment!!! Du verstehst es sehr gut, deine Zuhörerschaft zu fesseln. Ich frage mich gerade, ob man diese Story nicht auch verfilmen könnte. Wär bestimmt besser, als die Schnulzen, die man sonst immer zu sehen bekommt.
Auf jeden Fall warte ich gespannt auf die Fortsetzung popcorn
 

Büsra13

New Member
AW: Türkische Mafia und die Liebe

Hallo Eternelle,

super, dass Du Dich wieder gemeldet hast und dass Du weiter schreiben willst! Ich warte auch immer noch ganz sehnsüchtig auf die Fortsetzung.

Ich wünsche Dir auf jeden Fall einen super erholsamen Urlaub und wenn Du dann wieder da bist flinke Finger zum schreiben :lol:

Viele Grüße, Büsra
 

eternelle

Member
AW: Türkische Mafia und die Liebe

Hallo!

Ganz ehrlich, ich freu mich, wieder hier zu sein! Ich hab bis jetzt ganz leise mitgelesen, wollte umgehen, dass mich jemand drängt, weiterzuschreiben. Ich hab es getan, ganz in meinem Tempo ;) Und ich möchte heute mal wieder einen Teil posten, vielleicht kennen noch manche meine Geschichte. Ich habe vorgestern mit ihm telefoniert, die Story ist also immer noch nicht zu Ende. Ich habe jetzt geschrieben bis zu meinem Oktober Aufenthalt. August, September, Oktober ist jetzt fertig. Dezember und Februar fehlt noch. Wieder meine Bitte, habt Geduld :)
 

eternelle

Member
AW: Türkische Mafia und die Liebe

Auf jeden Fall hatte ich in dieser Nacht meinen eigenen Bodyguard, der mich stets auf die Toilette begleitete..............


und falls sich noch jemand erinnern kann, nach zwei monaten geht es weiter :)

Ali arbeitete nicht mehr, es war Oktober, der Tourismus hatte nachgelassen, er war es gewohnt, den Sommer über so viel Geld zu verdienen, um den Winter zu überstehen. Dieser Sommer war vorüber und er hatte trotzdem kein Geld. Durch seinen Gefängnisaufenthalt fand er erst spät, Mitte Juli, ins Geschäft…
Es begann die Zeit, in der er es genoss, wenn ich bezahlte, Taxis, Raki Tafeln, Soup-Shops in der Früh (er nannte sie so, Lokale, in denen wir nach dem Fortgehen einkehrten, weil er noch Suppe haben wollte, ähnlich wie ich nach dem Fortgehen in Österreich auf ein Leberkässemmerl oder Kebap gehe.)
Zu Hause tat er immer noch was er konnte, bekochte mich, war ein unglaublich fürsorglicher, zärtlicher, liebevoller Partner und ich nahm die Geschichte mit Deniz nicht so wichtig. Er hatte seinen Stolz, bezahlte stets, wenn er die Möglichkeit dazu hatte. In einer Disco im Hafen sprach er kurz mit dem Türsteher, und es war kein Problem, dass wir tranken, was wir wollten und nicht bezahlten. Welche Absprachen er da immer traf, ich habe keine Ahnung, kümmerte mich auch nicht darum.
Auch in diesen fünf Tagen im Oktober besuchten wir wieder seine Eltern in Gazipasa.
Ich wusste, beziehungsweise lernte, mich zu benehmen. Ich lernte am Boden rund um einen Teppich zu sitzen, wie man diverses Grünzeug in Fladenbrot einwickelt um es zu essen, dabei geschickt den Teppich über seine Beine zu schlagen um nicht zu bröseln, ich lernte seine versammelte Verwandtschaft kennen, einen kleinen Jungen, der mir die Hand küsste, und mich damit in höchste Verlegenheit brachte, während die Anwesenden schmunzelten.
Alis Vater, um die 80 Jahre, erschien auf Krücken, er hatte eine Hüftoperation hinter sich, Ali tuschelte mir zu, ich solle „gecmis olsun“ sagen und seine Hand küssen. Ich verneinte, ich sage gar nichts und küsse sicher niemandes Hand!!! Es war allgemein sehr viel Respekt ihm gegenüber erkennbar. Ali und seine Geschwister/Schwager/Nichten/Neffen rauchten , wie ich später wahrnahm, ausschließlich am Balkon und verbargen selbst dort die Zigarette vor ihm, obwohl dieser es wusste. Der Vater erschien. Die Europäerin, Schwiegertochter in spe, stand unsicher auf, von allen Augen begleitet…ich habe in meinem ganzen Leben noch nie die Hand irgendeines Menschen geküsst…Ali zwinkerte mir liebevoll zu, er sah meine Unsicherheit, hielt meine Hand, dirigierte mich in die Richtung, als ich aufstand, er gab mir die Kraft dazu. Selbstbewusst, wie ich es nicht bin, ging ich auf den alten Mann zu, ich spürte 20 Augen in meinem Nacken, es war totenstill. Ich sah ihm nicht in die Augen, murmelte ein perfektes „gecmis olsun’“(kannte ich von meinem Türkisch-Kurs), nahm seine faltige, gebrechliche Hand, führte sie zu meinem Mund, berührte kurz meine Lippen mit seinem Handrücken, und sah auf…..ich erntete das wärmste Lächeln aus den wärmsten wohl möglichen dunkelbraunen Augen eines gezeichneten weißhaarigen Mannes. Wir sprachen kein Wort, aber das war der Moment, in dem ich begann, ihn wertzuschätzen. Bei meinen späteren Besuchen dann, er sprach noch immer nicht, wir besuchten ihn später nur mehr bettlägrig am Bett, warf er seiner Frau vor, sie solle doch jetzt endlich aufhören mit Ali türkisch zu reden und sich um die Schwiegertochter kümmern…im Liegen im Bett meinte er noch, während wir alle um ihn saßen, seine Frau möge sich jetzt bitte um mich kümmern…
Seine Frau, eine Oma, wie man sie sich nur vorstellt, leicht verwirrt, herzlich, sehr interessiert an meiner Kultur, vergesslich, eine liebe alte Frau. Ich brachte ihr Süßigkeiten aus Österreich, sie gab mir frisches Gemüse aus ihrem Anbau. Den Geschmack ihrer Gurken werde ich niemals vergessen.
Wir verließen Gazipasa vollgepackt mit Gemüse und Fleisch (Kurban bayram Reste glaub ich)
Im Auto lebte ich auf, vorbei mit „Schwiegertochter“ Getue, ich küsste meinen Schatz, er war auch wieder entspannt, wir stoppten, um Bier zu kaufen. Jetzt waren wir wieder normal, quasi Jugendliche, verliebt, Musik laut auf im Auto. Ich war erschöpft nach stundenlangem Benehmen nach dem, was erwartet wird, und man eigentlich gar nicht weiß, was erwartet wird und man trotzdem versucht, den Erwartungen gerecht zu werden.
Nach stundenlangem Kuss- und Näheentzug wollte ich nur mit ihm in ein Lokal, mich mit ihm betrinken, laute Musik genießen, und küssen, küssen, küssen.
 

eternelle

Member
AW: Türkische Mafia und die Liebe

Er aber wollte zu Deniz. Ich war fassungslos. Ein heftiger Streit entfachte. Ich machte mir Sorgen, warf ihm vor spielsüchtig zu sein und versuchte ihm klarzumachen, wie furchtbar langweilig es dort für mich wäre. Er ließ von seiner Theorie nicht locker, dass er Probleme hätte, über die er nicht mit mir sprechen könne. Er müsse dort „Geld verdienen“. Ich war am Boden zerstört. All meine Einwände, dass das keine Lösung sei, dass er bereits jetzt in einem Teufelskreis sei von Geld verlieren, Geld borgen um wieder zu spielen, wieder zu verlieren, weiter Geld zu borgen usw. Er sah alles ein, gab mir ständig Recht, was mich zur Weißglut trieb. Meine Stimmung war am Boden und ich willigte ein, eine Stunde zu Deniz zu gehen. Mir war sowieso die Lust vergangen zu feiern und wollte in Ruhe nachdenken. Bei Deniz das gewohnte Bild von gescheiterten Existenzen, allesamt im Tourismus tätige, jetzt herbstbedingt arbeitslose Minimalverdiener, die sich hier um Kopf und Kragen spielten. Ich musterte die Herrschaften missbilligend, war wütend, hielt sie alle für Versager. Auch Ali, der mitten unter ihnen saß. Er hatte keine Zeit für mich, spielte in blinder Verzweiflung mit verbitterter Miene. Er verlor unentwegt. Einmal knallte er 5 Lira auf den Tisch, sagte laut, ich sollte es einstecken, das sei „for the bread tomorrow“. Damit wir wenigstens Brot haben, wenn er alles verliert. Er übersetzte es den Anwesenden auf türkisch, die sich vor Lachen kaum mehr halten konnten. Ich verzog keine Miene, schüttelte nur den Kopf, steckte das Geld in meine Hosentasche, verstand ihn nicht, war maßlos enttäuscht von ihm. Als die Stunde um war, kam Deniz die 5 Lira kassieren.

Ich traute meinen Augen nicht, als er für eine weitere Stunde bezahlte. So sehr ich es auch hasste, dort meine Stimme zu erheben, fragte ich ihn laut und deutlich, was das solle. Er flehte mich beinahe an, er habe soviel verloren, er müsse es zurückgewinnen, nur eine einzige weitere Stunde. Ich hatte keine Wahl, denn ich hatte keine Ahnung wo wir waren, draußen regnete es in Strömen, ich wusste nicht mal die Adresse von Alis Wohnung. Ich blieb also, tobte innerlich. Saß wieder als sein Hündchen neben ihm, schwieg und verfluchte das Kartenspiel. Sie wechselten das Spiel. Bei meinem ersten Besuch bei Deniz dauerte ein Spiel etwa 15 Minuten, der Gewinn war um die 20€, der Verlust pro Person 5€. Dieses Spiel hier aber war an Dummheit nicht mehr zu übertreffen. Es ging nicht um Taktik, sondern um reines Kartenglück. Die vier Spieler deckten der Reihe nach eine Karte auf, die höchste Karte gewann. Jetzt bewegten wir uns schon bei Verlustmöglichkeiten von 10 € in 1 Minute. Das sah natürlich niemand. Was Alis Augen zum Leuchten brachte, war der Gedanke 40€ pro Minute zu „verdienen“. Auf meinen Einwand, dass dieses Spiel einfach nur dumm sei, stimmte er mir wieder zu. „You are right“, spielte aber eifrig weiter. Er hatte eine Glücksträhne, an die 100€ in diesen zwei Stunden gewonnen. Ich gratulierte zerknirscht, war überglücklich, dass die Uhr anzeigte, wir würden endlich aufbrechen. Wir standen beide auf, zogen unsere Jacken an und ich zog mich noch kurz auf die Toilette zurück.

Als ich zurück an unseren Tisch kam, war er verschwunden. Ich traute meinen Augen nicht. Ali saß an einem anderen Tisch, die Jacke über den Stuhl gelegt und gab die Karten. In diesem Moment vergaß ich meine ansonsten recht gute Erziehung und die komische, unheimliche Gesellschaft rund um mich.

Ich ging auf den Tisch zu, brüllte ihn an, ob er jetzt komplett den Verstand verloren hätte, er solle mir sofort den Wohnungsschlüssel geben, mir reichts, ich nehme ein Taxi. Ich wollte ins Hotel, in dem ich im Sommer gewohnt hatte. Von dort fand ich nämlich den Weg zu Fuß zu seiner Wohnung. Ich schimpfte weiter, wo ich hier um alles in der Welt hineingeraten bin, lauter Spieler, und mein rücksichtsloser Freund, ehemals Traummann, einer von ihnen. Natürlich wollten die anderen ihn nicht gehen lassen, er hatte schließlich eine Menge Geld gewonnen. Natürlich wollen die anderen ihr Geld zurückerspielen. Das lag doch auf der Hand! Dass er so dumm sein konnte, sich auf eine weitere Stunde einzulassen, ging mir einfach nicht ein. Ich hatte einen Nachmittag bei seiner Familie hinter mir, in der rund um mich nur türkisch gesprochen wurde, ein Nachmittag, an dem man sich beobachtet fühlt, nicht wirklich entspannt sein kann, permanent versucht, sich richtig zu benehmen.
 

eternelle

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AW: Türkische Mafia und die Liebe

Anschließend zwei Stunden in dieser Hölle, in der ich wieder schweigend in die Luft schaue, kein Wort um mich herum verstehe, mich ständig gemustert fühle. Ich weiß nicht, ob mir jemand nachfühlen kann, wie es einem da geht. Man stelle sich vor, man sitzt 6 Stunden mit fremden Menschen an einem Tisch, die sich auf chinesisch unterhalten. Alles, was man selber diese 6 Stunden tun kann, ist, freundlich zu lächeln und die Blumen auf den Tapeten zu zählen. Nach bereits 2 Stunden ist man kurz davor, durchzudrehen. All diese Anspannung brach nun aus mir heraus. Im Geiste war die Beziehung mit Ali schon beendet, ich wollte nach Hause, ganz nach Hause. Alis Antwort auf meine Explosion waren 5 Worte. „Askim, give me 20€ please“.



Mir stockte der Atem. Es war totenstill. Jetzt erst bemerkte ich, wie alle Männer an den Tischen aufgehört hatten, zu spielen. Sie starrten mich mit offenem Mund an. Deniz unterbrach ihr Kreuzworträtsel, schielte über den Brillenrand amüsiert schmunzelnd zu mir. Als sich unsre Blicke trafen, zwinkerte sie mir zu. Plötzlich wurde mir sehr unbehaglich, alle hier Anwesenden saßen, ich stand als einzige vor Ali aufgebäumt, wild mit den Armen gestikulierend und war recht laut geworden. Alis Antwort hatte mich derart vor den Kopf gestoßen, ich wusste nicht, was ich tun sollte, wie ich jetzt reagieren sollte. Im Affekt hätte ich ihn am liebsten geohrfeigt, war mir aber in der gleichen Millisekunde über die Konsequenzen unklar, ihn hier vor allen derart zu demütigen. Er gab mir den Schlüssel also nicht, sollte ich in ein Hotel gehen? Das war es mir nicht wert, der dritte Türkei-Aufenthalt in 2 Monaten nagte ziemlich an meinem Budget. Wie also dieser Situation mit erhobenem Haupte und vor allem als Sieger entkommen? Mit Ali war das letzte Wort noch nicht gesprochen, aber das hier und jetzt zu lösen, war unmöglich, es würde morgen ein langes Gespräch vonnöten sein. Noch immer starrten mich alle an, niemand wagte zu sprechen, geschweige denn zu flüstern. Ich atmete tief und lange ein. Dann schrie ich „20 Euro willst du? 20 Euro?“ Ich schnappte meine Geldtasche, machte sie auf, knallte einen 20€ Schein auf den Tisch mit dem grünen Samt und ließ meine Hand darauf liegen. „Und weißt du was?“ Ich griff mit der anderen Hand in meine Hosentasche. „Und die 5 Lira fürs Brot auch noch!!“ Ich schmiss den Schein ebenfalls auf den Tisch. Meine beiden Hände waren auf den Tisch gestützt, jeweils ein Schein darunter. Ali sah mich mit einer Mischung von Demütigung und Zorn an. Plötzlich begann Deniz laut zu lachen, die anderen taten es ihr zu meiner Verwunderung nach. Deniz kam zu mir, drückte mir ein Bier in die Hand, sagte und gestikulierte, sie möchte mich darauf einladen. Ich lächelte sie an. Sie war es an diesem Abend, die mir ein bisschen Würde und Selbstrespekt zurückgab in dieser Männergesellschaft. Ich trank mein Bier an einem anderen Tisch, alleine. Die Blicke der Männer trafen immer wieder meine, aber diesmal waren sie beinahe bewundernd, zumindest respektvoller als zuvor. Dieser Horrorabend sollte aber noch nicht vorüber sein.



Deniz versorgte mich mit einem weiteren Bier und Ali suchte immer wieder meine Blicke, rief mir versöhnliche Worte zu. Die anwesenden Herren begannen mir freundlich und wohlgesinnt zuzulächeln. Die Stunde war um, Ali stand auf, er hatte alles verloren. Ich ersparte ihm meine Genugtuung, war dennoch in vollem Genuss, dass ich recht behalten hatte und er alles verspielt hatte. Wir gingen schweigend. Ali ging vor, als Deniz mich am Arm packte, zurückhielt, auf Ali zeigte und „Yilanci“ flüsterte. Yilan –die Schlange. Ci verstand ich nicht. Ich fragte nach, was sie meine, sie schüttelte heftig den Kopf, und schubste mich beinahe aus der Wohnung. Ali sollte davon nichts mitbekommen. Am nächsten Tag sah ich in meinem Wörterbuch nach. Sie meinte „yalanci“ – der Lügner.
 

eternelle

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AW: Türkische Mafia und die Liebe

Wir stiegen in das Leihauto, welches wir geborgt hatten, um nach Gazipasa zu fahren. Wir schwiegen. Ali meinte, er wolle mir etwas zeigen. Ich erwiderte nur, dass ich nach Hause ins Bett möchte, mittlerweile war es 2 Uhr morgens. Mein Kopf war voller Gedanken, ich wollte am nächsten Tag in Ruhe mit ihm reden. Wieder einmal ignorierte er meinen Wunsch und fuhr mit mir zur Burg in Alanya hinauf. Die Burg liegt auf einem Berg, kleine kurvenreiche Straßen führen zu dieser Sehenswürdigkeit. Der Berg ist naturbelassen. Agaven, Kakteen, Palmen und Dickicht säumen die kurvigen schmalen Straßen. Es ist stockdunkel, keine Häuser weit und breit. Hin und wieder kleine Touristenkioske, die bereits geschlossen haben. Er parkte irgendwo im Dunkeln, zog den Schlüssel ab und schwieg. Ich verlor wieder meine Fassung, schrie ihn an, ich hätte für heute genug, stieg aus dem Auto aus, setzte mich auf einen weißen betonierten Stein am Straßenrand und steckte mir eine Zigarette an. Hinter mir befand sich ein geschlossenes gusseisernes Tor. Der Stein auf dem ich saß, war wohl die Umrandung der Einfahrt von was auch immer. Als mein Blick ins Autoinnere fiel, sah ich Ali mit dem Kopf auf dem Lenkrad bitterlich weinend. Ich hoffte auf tiefe Einsicht und Reue und mein Samariterherz schlug einen Takt schneller. Ich setzte mich auf den Beifahrersitz, legte ihm meine Hand um die Schultern, bereit, ihm bei jeglicher Spielsuchttherapie zu helfen und zu unterstützen. Er erzählte mir stockend den Grund seiner Tränen. Hinter den Gittern sei der Friedhof, hier würden Brüder von ihm liegen, die die PKK auf dem Gewissen habe und er begann einen Hassmonolog gegen die PKK und die Kurden im Allgemeinen. So sehr mich der Verlust seiner Brüder auch berührte, so sehr kränkte es mich auch, dass er nicht bereit war, über das eben bei Deniz Vorgefallene zu reden. Er ignorierte mich, es ging wieder um ihn. Er meinte, er wollte mir den ganzen Tag schon diesen Platz zeigen, weil ich bei seiner Familie war, und wirklich alle Familienmitglieder kennenlernen sollte und ein Teil seiner Familie eben an diesem Grab zu finden sei.
Dieser Gedanke versöhnte mich ein Stück weit, ich fand ihn rührend, nahm ihn in den Arm und streichelte ihn, er weinte noch immer, bis er in meinen Armen einschlief. All meine Wut war vergessen, diese Spielgeschichte würden wir schon in den Griff bekommen, die Liebe heilt alles und ich werde ihm helfen, wo es mir nur möglich ist.


Ich war noch nicht müde, legte seinen Kopf sanft auf die Sitzlehne und begann die Umgebung zu erkunden. Zu viel war heute vorgefallen, ich brauchte frische Luft um meine Gedanken zu klären. Ich spazierte um halb vier Uhr morgens alleine in einer dunklen menschenleeren Gegend herum. Ich grub zwei kleine wildgewachsene Agaven mit meinen bloßen Händen aus, wollte sie mit nach Österreich nehmen. Ich liebe Pflanzen und nehme mir von jedem Urlaub Ableger, Samen oder kleine Pflänzchen mit. In Alanya-Stadt wird man da kaum fündig. Die beiden Agaven haben übrigens den Transport gut überstanden. Es ist jetzt ein Jahr her, sie gedeihen prächtig und gerade heute habe ich die beiden von meinen Garten ins Haus getragen um sie herinnen zu überwintern. Sie erinnern mich heute noch an diese Nacht.

Zurück im Auto, mit Händen voller Erde, Haaren und Jacke voller Disteln und Gestrüpp, weckte ich Ali mit unzähligen Küssen auf. Ich wollte ins Bett. Schlaftrunken fuhr er los. Nach einigen Kurven talwärts blieb er bei einer verlassenen Steinruine stehen. Er nahm wortlos meine Hand, zog mich in die Ruine hinein, drückte mich mit dem Gesicht gegen eine zerbröckelnde Wand, riss meine Hose herunter und drang in mich ein. Ich wehrte mich, hatte so gar keine Lust, soviel Unausgesprochenes lag zwischen uns. Seine Stärke, die ich so liebte, spürte ich jetzt das erste Mal gegen mich sprechen. Meine „Nein!“ Rufe ignorierte er. Er schimpfte, weil ich mich der Gefahr ausgesetzt hatte, alleine herumzulaufen und alleine die Agaven auszugraben.


Ich wurde aus dem Mann nicht schlau, ich wusste nur eines, es gefiel mir nicht.
 
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