AW: Türkische Mafia und die Liebe
Auf jeden Fall hatte ich in dieser Nacht meinen eigenen Bodyguard, der mich stets auf die Toilette begleitete..............
und falls sich noch jemand erinnern kann, nach zwei monaten geht es weiter
Ali arbeitete nicht mehr, es war Oktober, der Tourismus hatte nachgelassen, er war es gewohnt, den Sommer über so viel Geld zu verdienen, um den Winter zu überstehen. Dieser Sommer war vorüber und er hatte trotzdem kein Geld. Durch seinen Gefängnisaufenthalt fand er erst spät, Mitte Juli, ins Geschäft…
Es begann die Zeit, in der er es genoss, wenn ich bezahlte, Taxis, Raki Tafeln, Soup-Shops in der Früh (er nannte sie so, Lokale, in denen wir nach dem Fortgehen einkehrten, weil er noch Suppe haben wollte, ähnlich wie ich nach dem Fortgehen in Österreich auf ein Leberkässemmerl oder Kebap gehe.)
Zu Hause tat er immer noch was er konnte, bekochte mich, war ein unglaublich fürsorglicher, zärtlicher, liebevoller Partner und ich nahm die Geschichte mit Deniz nicht so wichtig. Er hatte seinen Stolz, bezahlte stets, wenn er die Möglichkeit dazu hatte. In einer Disco im Hafen sprach er kurz mit dem Türsteher, und es war kein Problem, dass wir tranken, was wir wollten und nicht bezahlten. Welche Absprachen er da immer traf, ich habe keine Ahnung, kümmerte mich auch nicht darum.
Auch in diesen fünf Tagen im Oktober besuchten wir wieder seine Eltern in Gazipasa.
Ich wusste, beziehungsweise lernte, mich zu benehmen. Ich lernte am Boden rund um einen Teppich zu sitzen, wie man diverses Grünzeug in Fladenbrot einwickelt um es zu essen, dabei geschickt den Teppich über seine Beine zu schlagen um nicht zu bröseln, ich lernte seine versammelte Verwandtschaft kennen, einen kleinen Jungen, der mir die Hand küsste, und mich damit in höchste Verlegenheit brachte, während die Anwesenden schmunzelten.
Alis Vater, um die 80 Jahre, erschien auf Krücken, er hatte eine Hüftoperation hinter sich, Ali tuschelte mir zu, ich solle „gecmis olsun“ sagen und seine Hand küssen. Ich verneinte, ich sage gar nichts und küsse sicher niemandes Hand!!! Es war allgemein sehr viel Respekt ihm gegenüber erkennbar. Ali und seine Geschwister/Schwager/Nichten/Neffen rauchten , wie ich später wahrnahm, ausschließlich am Balkon und verbargen selbst dort die Zigarette vor ihm, obwohl dieser es wusste. Der Vater erschien. Die Europäerin, Schwiegertochter in spe, stand unsicher auf, von allen Augen begleitet…ich habe in meinem ganzen Leben noch nie die Hand irgendeines Menschen geküsst…Ali zwinkerte mir liebevoll zu, er sah meine Unsicherheit, hielt meine Hand, dirigierte mich in die Richtung, als ich aufstand, er gab mir die Kraft dazu. Selbstbewusst, wie ich es nicht bin, ging ich auf den alten Mann zu, ich spürte 20 Augen in meinem Nacken, es war totenstill. Ich sah ihm nicht in die Augen, murmelte ein perfektes „gecmis olsun’“(kannte ich von meinem Türkisch-Kurs), nahm seine faltige, gebrechliche Hand, führte sie zu meinem Mund, berührte kurz meine Lippen mit seinem Handrücken, und sah auf…..ich erntete das wärmste Lächeln aus den wärmsten wohl möglichen dunkelbraunen Augen eines gezeichneten weißhaarigen Mannes. Wir sprachen kein Wort, aber das war der Moment, in dem ich begann, ihn wertzuschätzen. Bei meinen späteren Besuchen dann, er sprach noch immer nicht, wir besuchten ihn später nur mehr bettlägrig am Bett, warf er seiner Frau vor, sie solle doch jetzt endlich aufhören mit Ali türkisch zu reden und sich um die Schwiegertochter kümmern…im Liegen im Bett meinte er noch, während wir alle um ihn saßen, seine Frau möge sich jetzt bitte um mich kümmern…
Seine Frau, eine Oma, wie man sie sich nur vorstellt, leicht verwirrt, herzlich, sehr interessiert an meiner Kultur, vergesslich, eine liebe alte Frau. Ich brachte ihr Süßigkeiten aus Österreich, sie gab mir frisches Gemüse aus ihrem Anbau. Den Geschmack ihrer Gurken werde ich niemals vergessen.
Wir verließen Gazipasa vollgepackt mit Gemüse und Fleisch (Kurban bayram Reste glaub ich)
Im Auto lebte ich auf, vorbei mit „Schwiegertochter“ Getue, ich küsste meinen Schatz, er war auch wieder entspannt, wir stoppten, um Bier zu kaufen. Jetzt waren wir wieder normal, quasi Jugendliche, verliebt, Musik laut auf im Auto. Ich war erschöpft nach stundenlangem Benehmen nach dem, was erwartet wird, und man eigentlich gar nicht weiß, was erwartet wird und man trotzdem versucht, den Erwartungen gerecht zu werden.
Nach stundenlangem Kuss- und Näheentzug wollte ich nur mit ihm in ein Lokal, mich mit ihm betrinken, laute Musik genießen, und küssen, küssen, küssen.