Türkische Mafia und die Liebe

Nina1982

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AW: Türkische Mafia und die Liebe

Viiiiiiieeeleeeen Dank für die Fortsetzung!!!! Bin echt gespannt, wie Deine Geschicht endet.
Aber offensichtlich ist das Kapitel noch nicht so ganz abgeschlossen, wenn Du immer noch sms von ihm bekommst!

Liebe Grüße
 
J

Johanna911

Guest
AW: Türkische Mafia und die Liebe

Danke für die Fortsetzung Eternelle, Du hast wirklich die Gabe Deine Emotionen und Gefühle hautnah herüberzubringen.
Ich hoffe es geht Dir nun gut.
 

schwarze Rose

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AW: Türkische Mafia und die Liebe

Danke für die Fortsetzung.

An der Stelle, an der du den schwarzen Mann auftreten lässt, ist mir richtig eine Gänsehaut übergelaufen.

Wird dir nicht im Nachhinein noch schlecht, wenn du an die seltsamen und gefährlichen Menschen denkst, mit denen du da nichtsahnend Kontakt hattest?
 

Büsra13

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AW: Türkische Mafia und die Liebe

Hallo Eternelle,

nach meinem langen Urlaub und mehrwöchiger (normaler) Grippe habe ich es endlich wieder mal geschafft nachzuschauen und war sehr glücklich, dass Du weiter geschrieben hast.

Es ist wirklich unglaublich, was Du alles durchmachen musstest. Gott sei Dank ist Dir da nichts passiert!

Ich hoffe, Du schreibst bald weiter aber noch mehr hoffe ich, dass es Dir gut geht und Du alles gut verarbeiten kannst.

Selam, Büsra
 

Aylin2009

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AW: Türkische Mafia und die Liebe

Was ich hier schon alles erwähnt habe, erfuhr ich ja viel später, also schlussfolgerte ich zu diesem Zeitpunkt noch klug: “Also sind alle bei Cem auch, wie du, im Tourismus tätig?“ Ihm entfuhr ein Lachen. Dieser Moment sollte für mich ein Schlüsselerlebnis werden. Er lächelte. Unzählige Sekunden sah er mich schweigend an, liebevoll, voll Wärme und Zuneigung. Er saß mir gegenüber und nahm meine Hand, streichelte sie sanft, mit seiner anderen Hand strich er über meine Wange, beugte sich zu mir und küsste mich. „Yes, my love“. Er sah mich mit sanften, liebevollen Augen an, „Yes, they are in tourism“

Als ich diese Zeilen gelesen habe, war es echt als gucke ich einen Film. In dem Moment fand ich die Hauptdarstellerin rührend unschuldig und konnte mit dem Mafiosi mitfühlen, warum diese Frau so besonders für ihn ist.

Du schreibst echt toll!
 

eternelle

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AW: Türkische Mafia und die Liebe


Liebe Plüsch, es geht eh weiter...Weihnachtsfeiertage waren nicht gerade geeignet dafür und an den letzten Wochenenden war ich verplant mit Freunden und wie schon so oft erwähnt, ich brauch so viel Ruhe und Zeit weiterzuschreiben. Gar soooo einfach ist es nicht...
Heute sitze ich seit 18 uhr und tippe und tippe und jetzt mag ich nicht mehr. Hab kurz überlegt alles fertig zu schreiben, aber die letzten 4 Stunden haben mir gereicht.

Einmal noch, dann ist die Geschichte erzählt. Was ich vermisse und von Anfang an meine Intention war, ist, dass andere auch erzählen von solchen Begebenheiten, oder wo sie Parallelen sehen. Der einzige, der zu Beginn meinte, er habe auch Erfahrung mit der Mafia gemacht, hat dann versucht mich als unglaubwürdig herabzustempeln, warum auch immer? Interessieren würde es mich sehr und auch, was ihr zu meinem Erlebten sagt. Trotz alledem tut es einfach gut, zu schreiben :) Und ich habe mir selbst versprochen, das hier zu Ende zu bringen um abschließen zu können. Ich freue mich über eure Anworten...
 

eternelle

Member
AW: Türkische Mafia und die Liebe

“Also sind alle bei Cem auch, wie du, im Tourismus tätig?“ Ihm entfuhr ein Lachen. Dieser Moment sollte für mich ein Schlüsselerlebnis werden. Er lächelte. Unzählige Sekunden sah er mich schweigend an, liebevoll, voll Wärme und Zuneigung. Er saß mir gegenüber und nahm meine Hand, streichelte sie sanft, mit seiner anderen Hand strich er über meine Wange, beugte sich zu mir und küsste mich. „Yes, my love“. Er sah mich mit sanften, liebevollen Augen an, „Yes, they are in tourism“ Er nickte, als wolle er sein Gesagtes noch unterstreichen, wirkte aber dabei so unehrlich, wie ein Vater, der seinem Kind liebevoll versichert, dass es das Christkind natürlich gibt. Genau mit diesem Blick sah er mich an. Er erkannte die Unschuld in mir, verstand nun wirklich, dass ich in einer anderen Welt lebte und ich glaube auch zu wissen, dass er mich schützen wollte. Wie ich später erfuhr, fand er es rührend, wie blauäugig ich war. Umso mehr stieg sein Drang mit mir ein neues Leben zu beginnen, mit einer Frau, die von all dem keine Ahnung hatte. Ein neues Leben weit weg aller Probleme.



In diesem Moment, in dem er mich mit dieser liebevollen Wärme anblickte, die man sonst nur kleinen Kindern widmet, wenn man sie beim Sandspielen beobachtet, begann ich zu verstehen. Alles fügte sich zusammen. Es war der Moment, in dem ich erstmalig zuließ, meine erlebten Puzzleteile zusammenzufügen und als Ganzes zu sehen. Ich sagte nichts zu Ali, es kam mir zu unrealistisch vor und ich wagte nicht, meine Theorie zu verkünden, wollte noch beobachten und mir sicher werden, eins und eins in Ruhe zusammenzählen.

Mir kam sofort in den Sinn, was ich wenige Minuten zuvor erlebt hatte. Am Weg zu diesem Lokal hielten wir nämlich kurz bei einem Kiosk, um Zigaretten zu kaufen. Ali begrüßte den Kioskinhaber, einen kleinen, schmalen, ergrauten Mann, überschwänglich, sie hätten sich lange Zeit nicht mehr gesehen und er war ganz überrascht, ihn hier wieder zu treffen. Er dolmetschte mir kurz: „Ich kenne ihn von „früher“.“ Der Mann hingegen benahm sich seltsam, er nahm eine gebückte Haltung ein, es wirkte beinah, als verbeuge er sich ständig, sein Blick war voller Angst und Panik. Er war so nervös, dass er es kaum schaffte, das Geld in die Kasse zu legen und herauszugeben, so zitterten seine Hände. Ali lachte laut und übertrieben, legte seine Hand um seinen Hals, packte ihn „kameradschaftlich“ am Genick, übersetzte mir, er freue sich ja so, ihn nach all der Zeit wieder zu sehen. Die Freude war eindeutig einseitig. Als wir den Laden verließen, und schon ein Stück auf der Straße gegangen waren, lief uns der Mann plötzlich nach, mit einer Rose in der Hand, die er mir überreichen wollte. Ali winkte ab, deutete ihm, das wolle er nicht. Meine Meinung dazu war nicht gefragt. Untertänig und rückwärtsgehend entschuldigte sich der Mann für sein Vergehen, und wirkte dabei so verzweifelt, dass er mir leid tat. Wie beiläufig erwähnte ich also, dass ich mich durchaus über die Rose gefreut hätte. Ali klärte mich auf, dass er dem Mann dadurch zeigen wollte, dass wir das nicht mehr nötig hätten, ich keine „neue Flamme“ wäre, die man mit Rosen betören muss, sondern eine ernstzunehmende Frau an seiner Seite. In meinen Augen war dies ein reines Machtspielchen. Ich reimte mir zusammen, dass, wenn Ali mit kriminellen Verbindungen etwas zu tun hatte, es die Schutzgeldmafia sein müsse. Das Verhalten der beiden Männer eben im Kiosk, ließ mich zu dem Schluss kommen, dass Ali entweder in „früheren Zeiten“ Geld bei dem Mann eingetrieben hatte, oder es eine aktuelle Sache war, wobei beide dieses heute nicht zeigen konnten und mit schauspielerischer Leistung überzeugten. Vor allem der harte Griff ins Genick des Mannes mit lachendem Gesicht kam mir so dermaßen überzeichnet vor.


Machtspielchen waren allgemein ein beliebter Zeitvertreib für Ali. Noch am selben Abend versteinerte sich seine Miene und sein Blick wich nicht mehr von einem Nebentisch. Von mir nicht unbemerkt, musste Ali mir Rede und Antwort stehen. Mitglieder der kurdischen Untergrundbewegung PKK hatten das Lokal betreten, worauf sich umgehend die Liedauswahl des Sängers, der den gesamten Abend auf der Bühne Lieder zum Besten gab, in kurdische Lieder änderte. Natürlich sehr zum Missfallen Alis, der als „grauer Wolf“ eben jene zum Feindbild erkoren hatte. Zu diesem Zeitpunkt dämmerte mir erst die Mafianähe ganz leise, die Sympathie oder Mitgliedschaft zu den bozkurtlar, den grauen Wölfen, erfuhr ich erst einen Monat später.
Ali verlangte vom Kellner einen Stift und Zettel, schrieb etwas darauf und ließ es über den Kellner dem Sänger aushändigen. Er verlangte alte, traditionelle, türkische Musik. Ali hatte also seine Musikwünsche notiert und forderte sie ein. Zum Missfallen unseres Nebentisches! Verachtende Blicke trafen uns und wenige Minuten später erklangen wieder kurdische Töne. Heute denke ich mir, dass der Sänger wohl einem Nervenzusammenbruch nahe war. Er kannte Ali, jeder kannte Ali. Der Sänger musste entscheiden, mit wem er sich anlegte. Mit der PKK oder der Mafia inklusive der Grauen Wölfe. Und ich mitten drin, so gut wie unwissend, gerade alles mit Ali Erlebte zerlegend und hinterfragend und immer unsicher werdend, was hier eigentlich rund um mich geschieht.
Die Gespräche mit Ali waren an diesem Abend vorüber, er hörte nur mehr halbherzig zu, sprach nicht mehr, betrank sich mit Raki, beobachtete jede Regung im Lokal, hatte den Nachbartisch fest im Visier, war beschäftigt dem Sänger Zettel zukommen zu lassen.
 

eternelle

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AW: Türkische Mafia und die Liebe

Es war lächerlich. Es waren reine Machtspiele, die mehr kindisch, als ernstzunehmend waren. Anhänger verschiedener politischer Gruppierungen prügeln sich um die Musikauswahl? Lächerlich.

Aber ihm waren sie ernst, sehr ernst. Der Abend war gelaufen, nach einem Abend voll türkisch/kurdischer Musik wollte er nach Hause. Er hatte nicht gewonnen, der Sänger hatte mit einem diplomatischen Unentschieden seine Haut gerettet. Ali sprach nicht mehr, war voller Hass und Zorn. In der Nacht gebrauchte er mich als sein Ventil um seine Wut auszulassen. Es fiel ihm schwer zärtlich zu sein, er war egoistisch und grob, mit hasserfülltem Gesichtsausdruck verschaffte er sich Befriedigung, rollte sich auf die Seite und schlief ein. Ich blieb noch lange wach, ordnete meine Gedanken, zweifelte alles an, versuchte alles hin und her zu deuten, hatte auf jedes Argument ein Gegenargument. Es könnte alles zutreffen, müsse nicht, es könne hundert andere Erklärungen dafür geben…

Am nächsten Tag sprach ich ihn direkt darauf an, ich wollte Klarheit. Ali wich aus, wie immer. Entweder bekam ich als Antwort: “Nicht hier!“, wenn ich ihn in einem Lokal ansprach oder „Nicht jetzt!“, wie an diesem Morgen. Er wollte mich nicht einweihen, er liebte mich als unschuldiges Wesen von einem anderen Stern, er wollte mich nicht in sein schmutziges Leben hineinziehen. Er sprach nie viel mit mir darüber, vielleicht durfte er es auch gar nicht. Er fand immer Ausflüchte, versuchte mich abzulenken und wenn ich ihn in die Ecke gedrängt hatte, meinte er, er hatte nur früher ganz entfernt mit der Mafia zu tun gehabt und jetzt natürlich nicht mehr. Bohrte ich nach, warum die Verbindungen existieren und konfrontierte ich ihn mit detaillierten Beobachtungen wich er erneut aus. Alles was ich tun konnte, war erneut zu beobachten…jetzt kam zu dem existierenden Spiel- und Alkoholsuchtproblem ein weiteres kriminelles Problem dazu.

Außer „Cems Place“ gab es noch ein weiteres „Lokal“, in dem wir öfter verkehrten. Es war nicht so familiär, gab auch kein Hinterzimmer. Es war ebenerdig zu erreichen, direkt hinter der Eingangstür die Spieltische mit dem grünen Samt. Alleinig Alkohol war verboten. Wir mussten unsere Bierdosen, die mitgebracht waren, unter dem Tisch verstecken und schnell und heimlich trinken. Mit aller Wahrscheinlichkeit war dies auch eine „Zweigstelle“ der Glücksspielmafia. Ein Betreiber, der, wie damals, Deniz, daran verdiente, dass Leute wie Ali, dafür bezahlten, eine Stunde anwesend sein zu dürfen. Nach Abzügen für den Patron mit Sicherheit eine kleine Einkommensquelle für den Betreiber. Eines Abends waren wir dort, Ali spielte an einem Tisch. Das Spielen war täglich Thema bei uns, aber ich war machtlos gegen diese Sucht. Alles was ich tun konnte, war sein Spielen zeitlich zu begrenzen und ihn zu kleinen Einsätzen anzuhalten. Verbot ich es ihm vollständig, erfand er wichtige Sachen, die er erledigen musste. Er ließ mich dann allein in der Wohnung und ich wusste genau, dass er spielen war. Ausnahmslos beichtete er es mir auch anschließend. Also nahm ich es lieber in Kauf dabei zu sein und zumindest ein bisschen Kontrolle zu haben, als alleine in der Wohnung zu sitzen.
Ein Spieler am Tisch wurde ständig durch Telefonanrufe gestört, ich verstand wenig, wenn er sprach. Er war sehr aufgebracht, schrie meist ins Telefon, was ich ständig hörte war „odasi“. Er war gut gekleidet, saß mit Anzug und Krawatte am Spieltisch, holte ganze Stapel von Geldscheinen aus seiner Innentasche. Die Geldscheine waren fein säuberlich mit einer diamantbesetzten Nadel zusammengehalten. Aus seinen Telefonaten schlussfolgerte ich, dass er mit einem Hotel zu tun haben musste, da bei jedem seiner ständigen Telefonate das Wort „oda“, also „Zimmer“ fiel. Vielleicht der Manager eines Hotels, auf jeden Fall jemand aus der gehoberen Personalabteilung eines Hotels. Auf dem Heimweg nach Hause, Ali hatte dank meiner Kontrolle kaum verloren und gewonnen, erkundigte ich mich nach dem Mann. Es waren diese Momente, in denen ihm etwas herausrutschte, was er wahrscheinlich nicht wirklich sagen wollte, ihm aber in dem Moment so unwichtig vorkam, die mich immer mehr erkennen ließen, was hier vor sich ging. Es war immer besser „nebenbei“ Fragen zu stellen als konfrontiert. Ali verzog das Gesicht, er könne ihn nicht leiden, er sei ein schlechter Mensch. Ich pflichtete ihm bei, er war auch mir unsympathisch, seine Art am Telefon zu reden war arrogant, sein Gehabe und Benehmen am Spieltisch ebenso. Das veranlasste Ali zu murmeln:“ Mafia, i dont like them.“ Ich wurde hellwach, ließ es mir aber nicht anmerken, antworte auch beiläufig, dass doch die Mafia eh überall wär, (als hätte ich eine Ahnung!) und warum er gerade den so ablehnen würde. Ali blieb stehen und sah mich an :“ They buy and sell women!“ und das wäre ja doch „die andere Mafia“ und es wäre doch ganz normal, dass man diese nur ablehnen kann. Leise gab ich ihm recht. Mir wurde schlecht. Ich war mit einem Frauenhändler an einem Tisch gesessen. Neben mir führte er Telefongespräche mit den Frauen aus Osteuropa, die auf der Suche nach Arbeit und der Möglichkeit, die wirtschaftlichen Grundbedürfnisse abzudecken, bereit waren, ihre Heimat zu verlassen. Viele von ihnen werden durch falsche Ehe- und Arbeitsversprechen gelockt, durch Gewalt gezwungen oder auch gekidnappt. Nachdem er ihre Pässe eingezogen hatte, oder sie sonst wie erpresserisch in der Hand hatte, wurden sie zur Prostitution gezwungen. Ich teilte Alis Abneigung und bereute es, erst im Nachhinein erfahren zu haben, wer da neben mir an dem Tisch saß. Ich hätte ihn niemals so freundlich angelächelt, als er mir mit seinem Bierglas zuprostete. Wieso verstand ich hier so wenig, wieso ging ich immer vom Guten im Menschen aus und hatte so wenig Gefühl für Abweichungen? Der Mann war am ersten Blick eher ein Hotelmanager als ein Frauenhändler für mich. Ich war komplett aus der Bahn geworfen, meine Menschenkenntnis war auf den Kopf gestellt. Wie naiv verhielt ich mich eigentlich die ganze Zeit, wie „europäisch“ und verblödet war meine Wahrnehmung? Und vor allem, wie tief steckte Ali in all diesen Machenschaften?

Am 6.Jänner stieg ich in mein Flugzeug nach München ein, schon auf meiner Autofahrt von München nach Österreich rief ich meine Freundin an, sie müsse sich, so schnell wie möglich Zeit für mich nehmen. Ich erzählte ihr alles. Sie fand es hochinteressant und der wichtige Aspekt war immer und immer wieder, dass ich mich bei Ali sicher fühle. Dass er eventuell ein gehobenes Mitglied wovon auch immer sei, ich nichts zu befürchten hätte. Der Respekt, der ihm entgegengebracht wird, auch ich zu spüren bekam, Ali in irgendeiner Weise sehr „einflussreich“ sei, und mir nichts Konkretes bekannt war. Alles waren Mutmaßungen, Vermutungen und wilde Theorien meiner Freundin und mir.

Zur Liebe Ali gegenüber hatte sich nichts geändert. Ich liebte seine Liebesschwüre, die mir anfangs noch so unheimlich erschienen. Ich genoss es zu hören, wenn er sagte:“ Ich bin dein bis zu meinem Tod“ Es gab mir eine Spur Macht, Dinge zu beeinflussen. Ich überlegte ernsthaft ihn nach Österreich zu holen, weg von seinen verschrobenen Verbindungen, die ich immer noch nicht durchblickte, weil er mit mir nicht darüber sprach. Wäre er erst bei mir in Österreich, in meiner Wohnung, würde sich das alles aufhören, und ich hätte den Einfluss, den ich wusste zu haben, aber durch die Distanz nicht durchgehend ausüben konnte. Er selbst hatte keine Ambitionen nach Österreich zu kommen, er meinte stets, ihm sei es egal, wo wir wohnen würden. Er würde auch nach China gehen, wenn ich wollte. Die Hauptsache sei, wir wären zusammen, wo in dieser Welt das sein sollte, wäre ihm egal. Die Chancen ein Visum für Österreich zu bekommen näherten sich ohnedies dem Nullpunkt. Er konnte weder großartiges Eigentum vorweisen, noch einen Grund, ins Land zurückkehren zu wollen, geschweige denn von einem einwandfreien Strafregisterauszug! Außerdem besaß er keinerlei Papiere, die lagen nach seinem Gefängnisaufenthalt in Ankara auf und es war ungewiss, wann er diese wieder bekommen sollte.
 

eternelle

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AW: Türkische Mafia und die Liebe

Wir telefonierten weiterhin, wie die letzten 5 Monate, mindestens dreimal täglich. Ich ging nie zu Bett ohne ein „Gute Nacht“ und wachte nie ohne ein „Günaydin“ auf. Er war in meinem Alltag, stets anwesend, obwohl wir räumlich so dermaßen getrennt waren. All meine Zweifel räumte er beiseite, er redete mich telefonisch in Grund und Boden, bezeugte mir beinahe stündlich seine ehrliche Zuneigung und Liebe und ich erlag ihm mit Haut und Haar.

Einen Monat nach meiner Abreise rief ich ihn an, ob er am 13. Februar verplant wäre, er verneinte verwundert. Ich fragte, ob er Zeit hätte mich am Flughafen abzuholen, ich hatte soeben spontan online einen Flug gebucht. Sein Lachen und seine Freude jagt mir heute noch Schauer über den Rücken. Er hatte damit nicht gerechnet und war außer sich, er schrie um sich, lachte und rief mich im Stundentakt an, um mir seine Freunde ans Telefon zu reichen. Jeder bestätigte mir, dass er komplett aus dem Häuschen sei, und sich alle absolut mit uns freuen.

Es war ein Freitag, der dreizehnte, an dem ich meine Reise begann. Am Weg nach München, Schneefahrbahn und Stau, kam ich irgendwie von der Autobahn ab, obwohl ich die Strecke gut kenne, und verirrte mich irgendwo in Deggendorf. Ich verlor fast eine Stunde, kam verspätet am Parkplatzservice, 15 km vom Flughafen entfernt, an. Auf der Autobahn traf ein Steinschlag meine Windschutzscheibe, damals hoffte ich noch, der Sprung würde nicht weiterlaufen. Bei meiner Rückkehr verlief der Sprung quer über die Fahrerseite. Ich war spät dran und erreichte niemanden vom dem Parkplatzservice, dessen Nummer ich mir gewissenhaft notiert hatte. Nach unzähligen Anrufen bei der Firma, über die ich im Internet den Parkplatz reserviert hatte, kam doch noch ein Shuttlebus und brachte mich kurz vor Abflug zum Flughafen. Meine Nerven waren am Ende. Gerade noch durch die Passkontrolle saß ich auch schon in der Abflughalle, bevor mich die Hiobsbotschaft traf, dass aufgrund des massiven Schneeaufkommens die Startbahn enteist werden muss und erhebliche Verzögerungen in Kauf genommen werden müssen. Eine Stunde später fand ich mich endlich im Flugzeug wieder, doch bevor wir starteten, vergingen noch weitere 45 Minuten aufgrund erneuter Schneeräumung. Der Flug verlief für einen Freitag, den dreizehnten, relativ ruhig, was mich allerdings wieder verunsicherte, war der Landeanflug. Wie üblich, flogen wir vom Land aus aufs Meer um dann mit einer Schleife zurück den Flughafen anzusteuern. Diesmal taten wir es auch, landeten aber nicht, sonder zogen eine weitere Schleife wieder aufs weite Meer hinaus um ein zweites Mal Ziel auf den Hafen an Land zu nehmen. Und wir taten es ein drittes Mal. Es wirkte, als hätten sich sämtliche Naturkräfte verschworen, als zögere alles und jeder meinen Aufenthalt hinaus. Bei der Passkontrolle in Alanya schaltete ich mein Handy ein, unzählige Anrufe von Ali. Ich rief zurück. Ein Freund von ihm hob ab, wieder keines Deutsch oder Englisch mächtig. Er saß im Auto, Ali sei mich seit nunmehr zwei Stunden nervös suchend am Flughafen. Ich antwortete lässig „Bes daka!“ Lernt man im Türkisch Unterricht dass, „Minute“ „dakika“ heißt, lernt man im Alltag, dass das keiner sagt, und „daka“ reicht. In fünf Minuten würde ich da sein.

Unser Zusammentreffen war geprägt von Leidenschaft, Sehnsucht, Liebe, körperlicher Nähe. Die zweistündige Autofahrt nach Antalya stand unter dem Zeichen intensiver Verbundenheit, wir sprachen miteinander, wie am Telefon, mit dem Unterschied, uns dabei in die Augen schauen zu können und vor allem, berühren zu können. Immer wieder fielen wir uns in die Arme, das Gefühl seinen Körper an meinem zu spüren, war alleinig ein Hochgefühl, die Quintessenz jeglicher Träume der letzten Wochen. Und wieder das Gefühl alles bewerkstelligen zu können, wir würden alles in den Griff bekommen, jegliche Probleme und Sorgen, wenn wir uns nur genug lieben würden. Und das taten wir. Ali wusste, ich wollte nach dem Flughafentransfer, der immer gegen 23 Uhr war, nicht nach Hause, sondern mit ihm ein Lokal aufsuchen und Raki trinken, der für mich so typisch für die Türkei war und ich zu Hause niemals trank. Wir stiegen in dem Lokal, das ich von Silvester kannte, aus. Außer uns waren noch 2 Gäste, die an der Bar saßen, wir besetzten einen Tisch und bestellten einen Raki-Tafel, mit allen möglichen Vorspeisen, Obst und Salaten. Ein Rosenverkäufer erschien im Lokal. Ali holte ihn her und kaufte 14 Rosen. Bis jetzt kaufte er mir immer drei Rosen, mit der Begründung, dass jede Rose für einen Buchstaben seines Namens stehen würde. A. L. I. Ich hatte jedes Mal seine drei Rosen jedes Aufenthalts von mir, nach Hause genommen, sie getrocknet und sie füllten bereits eine ganze Vase im Wohnzimmer meiner Wohnung. Warum es diesmal 14 Rosen sein mussten, war mir schleierhaft.
Es war bereits nach Mitternacht und er meinte : „It´s Valentine“s Day!“, und küsste mich zärtlich.
An diesem Abend ging ich glücklich und voller Liebe ins Bett, schmiegte mich eng an ihn und fühlte mich vollkommen an seiner Seite, als hätte ich wochenlang etwas vermisst, an dem ich jetzt wieder teilhaben durfte. Er brachte mich in keine Spielhöhle, sondern widmete mir alle Aufmerksamkeit, dachte an einen Valentinstag, dem ich eigentlich keinerlei Bedeutung widmete, überraschte mich dadurch, er machte eigentlich an diesem Abend alles richtig. In der Nacht gab ich mich ihm hin, als wäre es das erste Mal gewesen. Sie war gezeichnet von bedingungsloser Hingabe, überschwänglichen Gefühlen, unglaublicher Nähe und Liebe.

Es sollte der letzte Tag und die letzte Nacht werden, obwohl es meine erste in dieser Woche bei ihm war, in der ich bei klarem Verstand war. Am nächsten Tag sollte ich das erfahren, was mich ein dreiviertel Jahr beruflich und privat aus der Bahn warf, mich zwang, erstmalig in meinem Leben, therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Der nächste Tag brachte mich dazu, mich von Ali zu trennen, obwohl ich ihn liebte. Der nächste Tag, der 14. Februar 09, der Valentinstag, zeigte mir alle Grausamkeit auf, die hinter Alis Fassade, und der seiner Freunde steckte…
 
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