AW: Türkische Mafia und die Liebe
Es war lächerlich. Es waren reine Machtspiele, die mehr kindisch, als ernstzunehmend waren. Anhänger verschiedener politischer Gruppierungen prügeln sich um die Musikauswahl? Lächerlich.
Aber ihm waren sie ernst, sehr ernst. Der Abend war gelaufen, nach einem Abend voll türkisch/kurdischer Musik wollte er nach Hause. Er hatte nicht gewonnen, der Sänger hatte mit einem diplomatischen Unentschieden seine Haut gerettet. Ali sprach nicht mehr, war voller Hass und Zorn. In der Nacht gebrauchte er mich als sein Ventil um seine Wut auszulassen. Es fiel ihm schwer zärtlich zu sein, er war egoistisch und grob, mit hasserfülltem Gesichtsausdruck verschaffte er sich Befriedigung, rollte sich auf die Seite und schlief ein. Ich blieb noch lange wach, ordnete meine Gedanken, zweifelte alles an, versuchte alles hin und her zu deuten, hatte auf jedes Argument ein Gegenargument. Es könnte alles zutreffen, müsse nicht, es könne hundert andere Erklärungen dafür geben…
Am nächsten Tag sprach ich ihn direkt darauf an, ich wollte Klarheit. Ali wich aus, wie immer. Entweder bekam ich als Antwort: “Nicht hier!“, wenn ich ihn in einem Lokal ansprach oder „Nicht jetzt!“, wie an diesem Morgen. Er wollte mich nicht einweihen, er liebte mich als unschuldiges Wesen von einem anderen Stern, er wollte mich nicht in sein schmutziges Leben hineinziehen. Er sprach nie viel mit mir darüber, vielleicht durfte er es auch gar nicht. Er fand immer Ausflüchte, versuchte mich abzulenken und wenn ich ihn in die Ecke gedrängt hatte, meinte er, er hatte nur früher ganz entfernt mit der Mafia zu tun gehabt und jetzt natürlich nicht mehr. Bohrte ich nach, warum die Verbindungen existieren und konfrontierte ich ihn mit detaillierten Beobachtungen wich er erneut aus. Alles was ich tun konnte, war erneut zu beobachten…jetzt kam zu dem existierenden Spiel- und Alkoholsuchtproblem ein weiteres kriminelles Problem dazu.
Außer „Cems Place“ gab es noch ein weiteres „Lokal“, in dem wir öfter verkehrten. Es war nicht so familiär, gab auch kein Hinterzimmer. Es war ebenerdig zu erreichen, direkt hinter der Eingangstür die Spieltische mit dem grünen Samt. Alleinig Alkohol war verboten. Wir mussten unsere Bierdosen, die mitgebracht waren, unter dem Tisch verstecken und schnell und heimlich trinken. Mit aller Wahrscheinlichkeit war dies auch eine „Zweigstelle“ der Glücksspielmafia. Ein Betreiber, der, wie damals, Deniz, daran verdiente, dass Leute wie Ali, dafür bezahlten, eine Stunde anwesend sein zu dürfen. Nach Abzügen für den Patron mit Sicherheit eine kleine Einkommensquelle für den Betreiber. Eines Abends waren wir dort, Ali spielte an einem Tisch. Das Spielen war täglich Thema bei uns, aber ich war machtlos gegen diese Sucht. Alles was ich tun konnte, war sein Spielen zeitlich zu begrenzen und ihn zu kleinen Einsätzen anzuhalten. Verbot ich es ihm vollständig, erfand er wichtige Sachen, die er erledigen musste. Er ließ mich dann allein in der Wohnung und ich wusste genau, dass er spielen war. Ausnahmslos beichtete er es mir auch anschließend. Also nahm ich es lieber in Kauf dabei zu sein und zumindest ein bisschen Kontrolle zu haben, als alleine in der Wohnung zu sitzen.
Ein Spieler am Tisch wurde ständig durch Telefonanrufe gestört, ich verstand wenig, wenn er sprach. Er war sehr aufgebracht, schrie meist ins Telefon, was ich ständig hörte war „odasi“. Er war gut gekleidet, saß mit Anzug und Krawatte am Spieltisch, holte ganze Stapel von Geldscheinen aus seiner Innentasche. Die Geldscheine waren fein säuberlich mit einer diamantbesetzten Nadel zusammengehalten. Aus seinen Telefonaten schlussfolgerte ich, dass er mit einem Hotel zu tun haben musste, da bei jedem seiner ständigen Telefonate das Wort „oda“, also „Zimmer“ fiel. Vielleicht der Manager eines Hotels, auf jeden Fall jemand aus der gehoberen Personalabteilung eines Hotels. Auf dem Heimweg nach Hause, Ali hatte dank meiner Kontrolle kaum verloren und gewonnen, erkundigte ich mich nach dem Mann. Es waren diese Momente, in denen ihm etwas herausrutschte, was er wahrscheinlich nicht wirklich sagen wollte, ihm aber in dem Moment so unwichtig vorkam, die mich immer mehr erkennen ließen, was hier vor sich ging. Es war immer besser „nebenbei“ Fragen zu stellen als konfrontiert. Ali verzog das Gesicht, er könne ihn nicht leiden, er sei ein schlechter Mensch. Ich pflichtete ihm bei, er war auch mir unsympathisch, seine Art am Telefon zu reden war arrogant, sein Gehabe und Benehmen am Spieltisch ebenso. Das veranlasste Ali zu murmeln:“ Mafia, i dont like them.“ Ich wurde hellwach, ließ es mir aber nicht anmerken, antworte auch beiläufig, dass doch die Mafia eh überall wär, (als hätte ich eine Ahnung!) und warum er gerade den so ablehnen würde. Ali blieb stehen und sah mich an :“ They buy and sell women!“ und das wäre ja doch „die andere Mafia“ und es wäre doch ganz normal, dass man diese nur ablehnen kann. Leise gab ich ihm recht. Mir wurde schlecht. Ich war mit einem Frauenhändler an einem Tisch gesessen. Neben mir führte er Telefongespräche mit den Frauen aus Osteuropa, die auf der Suche nach Arbeit und der Möglichkeit, die wirtschaftlichen Grundbedürfnisse abzudecken, bereit waren, ihre Heimat zu verlassen. Viele von ihnen werden durch falsche Ehe- und Arbeitsversprechen gelockt, durch Gewalt gezwungen oder auch gekidnappt. Nachdem er ihre Pässe eingezogen hatte, oder sie sonst wie erpresserisch in der Hand hatte, wurden sie zur Prostitution gezwungen. Ich teilte Alis Abneigung und bereute es, erst im Nachhinein erfahren zu haben, wer da neben mir an dem Tisch saß. Ich hätte ihn niemals so freundlich angelächelt, als er mir mit seinem Bierglas zuprostete. Wieso verstand ich hier so wenig, wieso ging ich immer vom Guten im Menschen aus und hatte so wenig Gefühl für Abweichungen? Der Mann war am ersten Blick eher ein Hotelmanager als ein Frauenhändler für mich. Ich war komplett aus der Bahn geworfen, meine Menschenkenntnis war auf den Kopf gestellt. Wie naiv verhielt ich mich eigentlich die ganze Zeit, wie „europäisch“ und verblödet war meine Wahrnehmung? Und vor allem, wie tief steckte Ali in all diesen Machenschaften?
Am 6.Jänner stieg ich in mein Flugzeug nach München ein, schon auf meiner Autofahrt von München nach Österreich rief ich meine Freundin an, sie müsse sich, so schnell wie möglich Zeit für mich nehmen. Ich erzählte ihr alles. Sie fand es hochinteressant und der wichtige Aspekt war immer und immer wieder, dass ich mich bei Ali sicher fühle. Dass er eventuell ein gehobenes Mitglied wovon auch immer sei, ich nichts zu befürchten hätte. Der Respekt, der ihm entgegengebracht wird, auch ich zu spüren bekam, Ali in irgendeiner Weise sehr „einflussreich“ sei, und mir nichts Konkretes bekannt war. Alles waren Mutmaßungen, Vermutungen und wilde Theorien meiner Freundin und mir.
Zur Liebe Ali gegenüber hatte sich nichts geändert. Ich liebte seine Liebesschwüre, die mir anfangs noch so unheimlich erschienen. Ich genoss es zu hören, wenn er sagte:“ Ich bin dein bis zu meinem Tod“ Es gab mir eine Spur Macht, Dinge zu beeinflussen. Ich überlegte ernsthaft ihn nach Österreich zu holen, weg von seinen verschrobenen Verbindungen, die ich immer noch nicht durchblickte, weil er mit mir nicht darüber sprach. Wäre er erst bei mir in Österreich, in meiner Wohnung, würde sich das alles aufhören, und ich hätte den Einfluss, den ich wusste zu haben, aber durch die Distanz nicht durchgehend ausüben konnte. Er selbst hatte keine Ambitionen nach Österreich zu kommen, er meinte stets, ihm sei es egal, wo wir wohnen würden. Er würde auch nach China gehen, wenn ich wollte. Die Hauptsache sei, wir wären zusammen, wo in dieser Welt das sein sollte, wäre ihm egal. Die Chancen ein Visum für Österreich zu bekommen näherten sich ohnedies dem Nullpunkt. Er konnte weder großartiges Eigentum vorweisen, noch einen Grund, ins Land zurückkehren zu wollen, geschweige denn von einem einwandfreien Strafregisterauszug! Außerdem besaß er keinerlei Papiere, die lagen nach seinem Gefängnisaufenthalt in Ankara auf und es war ungewiss, wann er diese wieder bekommen sollte.