Türkische Mafia und die Liebe

eternelle

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AW: Türkische Mafia und die Liebe

Ende Oktober war es wieder soweit. Ein Zwickeltag ergab zumindest 4 frei Tage und ich beantragte zusätzlich noch einen Tag Sonderurlaub. Ali würde viel Zeit für mich haben, der Tourismus hatte nachgelassen, er arbeitete nicht mehr, begleitete nur gelegentlich an Wochenenden Touren nach Pammukale, auf denen er an Teppich- und Goldeinkäufen der Touristen auf Provisionsbasis verdiente. Es sollten also 5 Tage ganz für uns alleine werden.

Er holte mich abends am Flughafen ab. Es war finster, regnete in Strömen, der Wind peitschte und es war ziemlich kühl. Das Wiedersehen war seltsam. Als ich ihn sah, erschrak ich. Er sah aus, als hätte er die letzten Nächte unter einer Brücke verbracht, war unrasiert und wirkte allgemein ungepflegt. Er trug einen dicken Rollkragenpullover und war leichenblass. Der erste Kuss am Flughafen war fordernd, gierig, Besitz ergreifend und ich bezweifle, dass er sich an diesem Tag die Zähne geputzt hatte. Es war so wenig Gefühl dabei, keine Spur mehr von meiner naiven „Sommerromantik“, er war mir fremd. Nach wochenlangem Telefonieren, in dem man sich so nahe ist, ist dann doch ein Zusammentreffen fern des Sommers so dermaßen seltsam. Er war anders. Ich konnte es nicht einordnen. Seine Lebensfreude war erloschen, seine Augen, die ich so sehr liebte, waren blind.

Die Fahrt von ungefähr 2 Stunden nach Alanya vergingen im Dunkeln am Rücksitz, ein Freund hatte wieder als Chauffeur fungiert. Wir tranken wieder Bier und ich verdrängte immer mehr mein komisches Gefühl vom ersten Wiedersehen am Flughafen. Ich nötigte ihn, wie immer nach meiner Ankunft, gleich noch zu einer Lokaltour. Ich wollte Raki trinken, der mir nur mit ihm gemeinsam schmeckt, dazu diverse kleine Köstlichkeiten der türkischen Küche essen bzw. von ihm gefüttert werden, ich wollte seine Küsse, inklusive einfach feiern, so wie wir es im September, bei meinem zweiten Besuch gemacht hatten. Die Gemeinsamkeit genießen, bis man nicht mehr weiß, wohin mit seinem Glück. Weit weg von zu Hause, ein bisschen Urlaub vom Alltag, ich war endlich wieder bei ihm. Das war alles, was ich wollte, aber er sprach sofort, schon während der Fahrt von Deniz. Er müsse mich ihr vorstellen. Er sei fast jeden Tag im „Lokal“ von ihr. Mir war es gleichgültig in welchem Lokal wir unser Wiedersehen feiern würden, also brachte er mich direkt zu ihr.
 

eternelle

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AW: Türkische Mafia und die Liebe

Es war eine kleine Seitengasse, in der wir bei einem Kiosk ausstiegen. Er kaufte dort einige Biere, schnappte mich bei der Hand und verschwand mit mir in einem Haus. Im ersten Stock bogen wir ab, fanden uns in einer Wohnung wieder. Er hatte einige Packungen Zigaretten von mir vom Duty Free in der Hand, überreichte sie Deniz mit herzlichen Grüßen von mir. Ich wusste nicht, wie mir geschah. Deniz war eine Frau Mitte 40 mit einer sehr verrauchten, tiefen Stimme, die mich herzlich empfing. Sie war wohl auf ihr Äußeres bedacht, schmückte sich mit etlichen Halsketten und Ringen, war stark geschminkt, widmete sich kurz nach unserer Ankunft aber sofort wieder ihrem Kreuzworträtsel an dem großen Schreibtisch in dem Raum. Im restlichen Raum waren an die 5 Tische angeordnet, voll besetzt, alle mit grünem Samt überzogen, helle Beleuchtung und kaum jemand sprach. “Bol Sans, arkadaslar“(Viel Glück, Freunde) ,meinte Deniz und sammelte Geldscheine am Nachbartisch ein. Sie spielten Karten.


Deniz tat dies viele weitere Male, jede Stunde kassierte sie von jedem „Spieler“ fünf Lira, fürs bloße Dasein und Spielen dürfen. Ali wies mir als einzige Frau außer Deniz einen Platz zu, widmete sich den anderen Männern am Tisch und begann die Karten zu mischen. Die Gäste waren alllesamt für mein Empfinden sehr seltsam. Zwei an diesem Abend erscheinenden Personen fehlte ein Auge, einige schätzungsweise über 65 jährige erschienen mit Anzug, waren aber jenseits jeglicher Nüchternheitsgrenze, andere grüßten mich nicht, sahen durch mich hindurch, auch wenn ich mit Sicherheit auffiel und sie Ali alle beinahe enthusiastisch begrüßten. Heute verstehe ich, dass dies wohl eine Geste der Wertschätzung hätte sein sollen, dass sie eine Frau von ihm nicht anzusehen wagen, geschweige denn anzusprechen. Für ihn eine Geste des Respekts, für mich eine Geste der Ignoranz und beinahe Demütigung. Ich wagte dort kaum zu sprechen, jedes Mal, wenn ich meine Stimme erhob, wurde es noch stiller im Raum und ich fühlte mich einfach nur unwohl. Ich weiß nicht mehr, ob es an diesem Abend war, oder an den vielen anderen Abenden, die ich unter diesen Spielern verbracht habe, als ein alter, weißhaariger, leicht angetrunkener Mann erschien, den Raum betrat, mich erblickte, mir direkt in die Augen sah, mich anstrahlte und ein herzliches „Hos geldiniz!“ von sich gab. Ich erwiderte seinen Blick, er hätte mein Opa sein können, lächelte, er war mir so sympathisch, und antworte ihm lauthals „Hos bulduk“! (er:„Willkommen!“ [Du bringst Freude], ich: „Ich finde Freude“)

Er hatte mit Sicherheit seine Freude mit mir, aber unter den Anwesenden war meine Reaktion wohl nicht erwünscht. Ali sah mich strafend an, deutete mir nur ein „No“ mit seiner Kopfbewegung, wollte aber auch nicht darüber sprechen, aber ich hätte mich hier zurückzuhalten.
Ich verstand nicht um was es ging, was der Blödsinn solle, dass ich nicht antworten darf. Ich verstand die Welt nicht mehr, er hatte mich direkt vom Flughafen hierher gebracht. Ich saß wie sein Hündchen neben, eher sogar hinter ihm, während er am Tisch mit seltsamen Gestalten um Geld Karten spielte. Er sprach nur türkisch, versorgte mich zwar mit Getränken und schickte immer wieder Leute zum Kiosk um mir Bier zu holen, das war aber auch schon alles, was ich an Aufmerksamkeit bekam. Nach einer halben Stunde erhob ich wieder meine Stimme, alle hörten mir interessiert zu und verschwiegen sofort. Ich bin mir bis heute nicht sicher, wie viel Englisch die Anwesenden verstanden, es sprach ja nie jemand mit mir. Ich bestand also darauf zu gehen, ich fühle mich hier nicht wohl, langweile mich zu Tode, halte das Verspielen von Geld sowieso für komplett dumm und sinnlos und möchte eigentlich auch mit illegalem Glücksspiel nichts zu tun haben. Ich sagte ihm auch meine Enttäuschung darüber, wie egal es ihm sei, mich wieder bei sich zu haben. Ich hatte mir den Abend anders vorgestellt…
 

eternelle

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AW: Türkische Mafia und die Liebe

Ali war überraschenderweise sehr einsichtig, entschuldigte sich, versprach mir noch in ein Lokal zu gehen und zu feiern, so wie ich mir das vorstelle. Wir einigten uns auf den Kompromiss, die Stunde noch voll werden zu lassen, er habe ja dafür bezahlt. (ganze 2,5 €) Er schaffte es, mir noch eine weitere Stunde abzubetteln. Mittlerweile spürte ich das Bier in meinen Kopf steigen, ich war müde von der Reise, frustriert und saß bereits seit 2 Stunden schweigend auf einem Sessel, verstand kein Wort rund um mich und kam mir vor, als säße ich in einem Warteraum beim Arzt. Mit dem Unterschied, dass in einem Warteraum wenigstens Zeitschriften auf Deutsch liegen.


Endlich machte Deniz Sperrstunde. Ali, Deniz, deren Lebensgefährte und ich stiegen in ein Taxi und fuhren in ein von Deniz gewähltes Lokal.
Ich weiß bis heute nicht wo wir waren, mittlerweile muss es gegen 3 Uhr morgens gewesen sein. Sofort wurde der Tisch reichlich gefüllt mit Vorspeisen, Obst, Salaten, Flaschen Raki wurden gebracht und die Kellner schusselten untertänig um uns herum. Als ich aufstand, um auf die Toilette zu gehen, fragte mich Ali sofort, was ich da tue. Amüsiert erzählte ich ihm von meinem „Vorhaben“. Er schüttelte vehement mit dem Kopf, rief einen Kellner an unseren Tisch, sprach mit ihm irgendetwas, dieser verneigte sich, und wartete neben mir.
Ali machte mir deutlich, der Kellner würde mich begleiten, vor der Türe warten, um mich dann sicher wieder zurück an den Tisch zu bringen. Ich sah ihn an, als hätte er jetzt komplett den Verstand verloren und musste einfach nur lachen. Ich hielt es für einen Scherz. Ali blieb ernst, sah mir eindringlich in die Augen und meinte: “Das ist kein normaler Ort hier.“ Mehr habe ich bis heute nicht über dieses Lokal herausfinden können, er sprach nie wieder darüber, gab mir immer nur Ausflüchte und unzureichende Antworten. Auf jeden Fall hatte ich in dieser Nacht meinen eigenen Bodyguard, der mich stets auf die Toilette begleitete...
 

eternelle

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AW: Türkische Mafia und die Liebe

Huiii, Brunhilde, du bist schnell :wink:

Das wars jetzt mal wieder, ich schreibe zwar jetzt noch weiter, werd es aber heut nicht mehr posten..

Liebe Grüße :lol:
 

Christiane

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AW: Türkische Mafia und die Liebe

Wie schön, dass Du Zeit hast weiter zu schreiben.

Das wirkt alles sehr unheimlich und bedrückend.:-?
 

SweetNel

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AW: Türkische Mafia und die Liebe

oh wei oh wei.
Ja ich habs schon gelesen.
Bin eine total schnelle Leserin.
Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte.
Bin doch der Oberschisser.
Aber ich würde ja gar nicht alleine fliegen. Abe ich hätte sicher geheult...... :roll::lol:
 
S

sigute

Guest
AW: Türkische Mafia und die Liebe

oh gott, ich freue mich wahnsinnig darüber dass du wieder schreibst. popcorn

ich hoffe du empfindest meine Freude nicht als taktlos, ich weiß es ist deine reale Geschichte, und hinter ihr steckt viel Schmerz, also falls es so sein sollte entschuldige ich mich schon im vornherein dafür :redface:
 
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