Aw: Tc
Mein gestriger Beitrag scheint doch einige Verwirrung ausgelöst zu haben, weshalb ich hier auf drei Punkte noch einmal etwas ausführlicher eingehen möchte.
Der erste Punkt betrifft allgemeine kommunikative Grundlagen einer Diskussion. Eine Diskussion über unterschiedliche Ansichten macht nämlich nur dann Sinn, wenn vorher schon eine zumindest rudimentäre gemeinsame Basis vorhanden ist, eine Plattform an Gemeinsamkeiten und ähnlichen Vorstellungen oder Zielen, auf deren Grundlage dann die auseinandergehenden Anteile der Ansichten gegeneinander abgewogen werden können. Das einfachste Beispiel für so eine Gemeinsamkeit ist bspw eine gemeinsame Sprache, bei der der andere genau das versteht, was der eine in ihr ausdrücken möchte. In diesem Zusammenhang kam ich auf die Überhöhung von Symbolen zu sprechen, die in der Türkei wirklich alle politischen Parteien betrifft. Viele Kemalisten begreifen ihre republikanische Tradition fast schon wie eine Ersatzreligion, viele AKP’ler sind ohnehin schon religiös motiviert oder sind zumindest ebenso unkritisch wie die Kemalisten, wenn es darum geht, die Entwicklung des vergangenen Jahrzehnts in der Türkei allein positiv zu bewerten und allein der AKP zuzuschreiben. Und Nationalisten und Sozialisten arbeiten schon traditionell sehr gerne und sehr viel mit Symbolen. Aber Symbole sind eben einer sachlichen fruchtbaren Diskussion um unterschiedliche Ansichten oder Probleme meist nicht sehr zuträglich, denn hinter ihnen verbirgt sich ein ganzer Rattenschwanz an Vorstellungen und Ideen, die eben auf dieses eine Symbol verdichtet wurden. Das erschwert es ungemein, die gemeinsame Basis zu erkennen, sich in kleinen Schritten näher zu kommen und so Kompromisse zu erarbeiten. Darauf habe ich in meinem Beitrag hingewiesen und dabei Beispiele für symbolische Überhöhung aus allen Lagern angeführt.
Der zweite Punkt betrifft den Hinweis auf die bäuerlichen Strukturen und das Überspringen der Moderne. Dieser Hinweis lässt sich nur begreifen mit einigen Kenntnissen aus der klassischen Geschichtsauffassung, die ich vielleicht hätte hinzufügen sollen. Man geht hier nämlich von zwei großen Zäsuren in der Menschheitsgeschichte aus. Der erste Einschnitt erfolgte im Neolithikum, als die Menschen von einem Nomadendasein als Jäger und Sammler, als sie noch meist in kleinen Sippen in Höhlen lebten, dazu übergingen seßhafte Bauern zu werden, die ihr eigenes Getreide anbauten, Haustiere hielten und quasi ihr Schicksal in die eigene Hand nahmen, statt immer nur von dem abhängig zu sein, was ihnen die Natur gerade so zur Verfügung stellt. Dies kann auch als Anfang der Kulturgeschichte angesehen werden, da nun das Eigentum eine tragende Rolle zu spielen begann, größere Gemeinschaften und Siedlungen organisiert werden mussten, es entstand so etwas wie eine Gesellschaft mit Hierarchien, Tempeln, eigener Religion usw. Von da an entwickelte sich die Lebensweise der meisten Menschen über Jahrtausende hinweg wieder sehr langsam und einförmig, sie hatten ihre bäuerliche Lebensweise, meist gab es einen mächtigen Herrscher, der eine Armee aus Soldaten unterhielt und dem sie unterworfen waren, eine Religion organisierte das gesellschaftliche Zusammenleben und über Jahrhunderte und Generationen hinweg änderte sich das Leben dieser Mensch gar nicht oder nur sehr langsam.
Bis in der Neuzeit dann mit Aufklärung und industrieller Revolution der zweite große Einschnitt kam, der das Leben der meisten Menschen und die Gesellschaften radikal veränderte. Die Menschen gingen über zur industriellen Produktionsweise, lehnten sich auf gegen die Macht der Herrscher und der religiösen Institutionen, sie nahmen gewissermaßen erneut ihr Schicksal in die eigenen Hände. Es setzte eine Landflucht ein, die Städte wuchsen innerhalb weniger Jahrzehnte um ein vielfaches und all die Regeln und Traditionen, die ihr Leben über Jahrhunderte hinweg bestimmt hatten, wurden innerhalb kürzester Zeit hinfällig und mussten ersetzt werden durch neue Vorstellungen und Wertegerüste, die diesen neuen Lebensumständen eher gerecht wurden. Diese orientierten sich meist an Vernunft und Wissenschaft, einem ungehemmten Fortschrittsglauben und den demokratischen Strukturen, die sich immer weiter ausbildeten. Die Moderne setzte ein mit ihrer Konzentration auf Bildung und Wissenschaft, auf eine städtische bürgerliche Lebensweise, und veränderte und verbesserte über einige Generationen hinweg das Leben der weitaus meisten Menschen in diesen modernen Gesellschaften.
Aber im letzten Jahrhundert erhielt der ungebremste Glaube an die Moderne einige tiefe Risse, etwa durch die zwei Weltkriege oder den Holocaust, die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, die ungehemmte Aufrüstung im kalten Krieg, die zur Neige gehenden Rohstoffe, die immer weiter voranschreitende Umweltzerstörung oder eben auch den Klimawandel. Und dies führte immer mehr zu einem Zweifel an den modernen Leitgedanken, was viele Menschen zu einem erneuten Umdenken bewegte. Seitdem befinden wir uns in einem Übergang zu einem postindustriellen oder postmodernen Zeitalter, bei dem heute noch nicht abzusehen ist, wo er uns letzten Endes hinführen wird. Wir sehen eben nur, dass es einerseits immer mehr Menschen gibt, die es wieder zurück zu religiösen Werten und Ritualen zieht, andere suchen immer stärkere Identifikation in nationalen Traditionen und Gefügen, es gibt immer noch eine nicht zu vernachlässigende Anzahl von Menschen, die sich weiter an die modernen Leitgedanken klammert und weiter Erlösung durch Vernunft und Wissenschaft erhofft und die weitaus meisten kümmern sich gar nicht mehr um die Entwicklung des großen Ganzen und sind nur noch darauf bedacht, ihre eigenen Schäflein auf irgendeine Weise ins Trockene zu ziehen.
Aber bevor dieser Vortrag jetzt noch zu sehr ausufert zurück zu unserem Punkt. Es scheint mir unzweifelhaft, dass die Republikgründung in der Türkei nach westlichem Vorbild keine von breiten Menschenmassen getragene Entwicklung war, sondern den Menschen eher vornehmlich von außen (siehe etwa Lousanne) oder oben (Atatürk) den Menschen aufgedrängt und übergestülpt wurde. Die Gesellschaft war damals bis auf ein paar Inseln im städtischen Umfeld einfach noch nicht genügend industrialisiert oder aufgeklärt oder gebildet, eine solche Entwicklung von sich aus herbeizuführen. Darum wurde diese neue Nation den Menschen auch mit gehörigem Nachdruck als eine Art Ersatzreligion aufgedrängt mit dem allgegenwärtigen fast für heilig erklärten Staatsgründer, dem allmächtigen Militär und seiner unantastbaren neuen Flagge. Nur so ist es für mich zu erklären, dass die Menschen sich kaum gestört haben an zwei Jahrzehnten Einparteiendiktatur oder an drei militärischen Übernahmen innerhalb von zwei Jahrzehnten. Auch das krampfhafte Festklammern an republikanische Symbolik kann ich mir nur so erklären.
Andrerseits erscheint es mir ebenso unzweifelhaft, dass weite Teile der anatolischen Landbevölkerung noch vor fünfzig Jahren noch von feudalen bäuerlichen Strukturen geprägt war. Nicht wenige der Menschen, die seit Mitte des letzten Jahrhunderts in die Städte oder eben als Gastarbeiter nach Europa geströmt sind, flüchteten noch vor ihrem Lehnsherrn oder Großgrundbesitzer, der sie noch zu seinem Besitz zählte. Und sie gerieten dann in ein modernes Umfeld, in dem die Moderne selbst schon auf dem absteigenden Ast war und den Menschen schon nicht mehr ausreichenden Halt zu bieten vermochte. So haben sie moderne Leitgedanken nie so richtig verinnerlichen können und klammerten sich umso eifriger an die althergebrachten religiösen und traditionellen Werte. Und auch hier spielt die Symbolik eben eine tragende Rolle, weil nur der aufgeklärte sozusagen moderne Umgang mit Symbolen die in ihnen verdichteten Vorstellungen und Bedeutungen zu differenzieren und aufzuzeigen vermag. In diesem Zusammenhang spielt das Überspringen der Moderne und der nahtlose Übergang von bäuerlichen feudalen Strukturen in ein postindustrielles urbanes Umfeld eine Rolle.
Im dritten Punkt wollte ich noch ausdrücklich meine persönliche Ansicht zum eigentlichen Thema des Stranges betonen, da dies in meinem gestrigen Beitrag offensichtlich nicht sehr deutlich wurde. Ich halte nämlich gar nichts von solchen rein symbolischen politischen Aktionen, die dem Akteur nicht das geringste abverlangen und letzten Endes nur provozieren sollen. Für mich persönlich ist der Umstand, dass diese Leute überhaupt einen fb-Account haben und diesen meinen für politischen Aktivismus dieser Art nutzen zu müssen, schon wesentlich aussagekräftiger als die zwei Buchstaben, die sie dann vor ihren echten oder gefakten Namen setzen. Ich möchte damit gar nicht ausschließen, dass einige der Aktivisten wirklich gute vernünftige Gründe haben, sich dieser symbolischen Aktion anzuschließen, aber solange diese Gründe in diesem Symbol verdichtet werden, verlieren sie einfach an Inhalt und Aussagekraft und verschwinden im übergroßen Schatten dieser zwei Buchstaben. Das ist meine bescheidene Meinung dazu.