ich muss sagen, ich finde das thema sehr interessant und fruchtbar. die türkische jugend hier in deutschland und vor allem die hier aufgewachsenen türkischen frauen halte ich für eine faszinierende Gruppe, die mich immer wieder überrascht.
zunächst einmal muss ich sagen, dass ich von verallgemeinerungen in diesem zusammenhang nicht besonders viel halte. es mag gewisse verbreitete tendenzen geben, die auch ihre ganz konkreten ursachen haben, über die sich diskutieren lässt, aber in der regel überwiegen doch die ganz individuellen ausprägungen gegenüber den gemeinsamkeiten, die natürlich viel leichter zu erkennen und auszumachen sind.
man muss sehen, dass insbesondere die zweite generation, in ihrer folge aber auch die dritte generation teilweise in einem solch extremen kulturell-sozialen spannungsfeld aufgewachsen ist, wie es auf der welt wohl kaum ein vergleichbares gibt. nicht wenige von uns stammen von Eltern oder grosseltern ab, die selbst in einem mittelalterlich feudal geprägten umfeld aufgewachsen sind und dann in einer der modernsten und fortschrittlichsten gesellschaften dieser welt ihre kinder zur welt gebracht haben. das erinnert doch sehr an catweazle, der im mittelalter in einen teich springt und in einer belebten einkaufsstrasse einer grosstadt des 20.Jhd wieder auftaucht.
dieses spannungsfeld ist so extrem und intensiv, dass nach nun drei generation noch immer kein homogenes prinzip zu erkennen ist, wie mit dieser erblast am besten umgegangen werden soll. wir begegnen den auswüchsen dieses dilemmas ja tag für tag: manche versuchen, päpstlicher zu sein als der papst, indem sie entweder viel weiter in die zukunft reichende vorstellungen vertreten als ihr deutsches umfeld oder sich vor dieser westlich barbarischen zivilisation mit viel konservativeren massnahmen zu schützen versuchen als ihre elterngeneration. zwischen diesen extremen gibt es dann wieder so ziemlich jeden grauton, den man sich vorstellen kann. ich finde das wahnsinnig spannend und habe es immer als eine potentielle qualität denn als belastung empfunden. nicht nur zwei seelen wohnen in unserer brust, sondern so etwa zwanzigtausend.
dabei ist die geschlechterspezifische ausgangssituation in weiten teilen genau entgegengesetzt. während sich die jungs in der regel im familienkreis als stammhalter besonderes vertrauen und ansehen geniessen und sich meist frei in der welt da draussen austoben dürfen und sogar sollen, ist die situation vieler mädchen (auch wieder in tausend schattierungen) restriktiver geprägt, ihnen werden meist früher aufgaben und verantwortung aufgeprägt und die welt da draussen als feindlich dargestellt. interessant ist, dass sich die situation später dann genau andersherum darstellt. das "draussen" erweist sich für die jungs als eine art haifischbecken, in dem sie sich viel stärker einschränken, ein- und unterordnen müssen als noch in der familie oder der traditionellen umgebung. während auf die frauen "eigentlich" paradiesische zustände warten, was die rechte, die freiheiten, die möglichkeiten angeht, mit denen sie dann auch meist besser zurechtkommen können, weil sie eben schon viel früher zu eigenständigkeit in praktischen dingen angehalten wurden. aber eben auch nur "eigentlich"; denn die Eigenständigkeit im denken und handeln, der umgang mit gewissen freiheiten etc. erfordert natürlich auch gewisse fähigkeiten und voraussetzungen, einen gewissen prozess des erwachsenwerdens.
so gesehen handelt es sich bei jedem einzelnen um eine tragische figur, die wie ihre zahlreichen vorbilder in den antiken tragödien erst nach zahllosen irrungen und wirrungen irgendwo, irgendwann und irgendwie zur ruhe kommen oder auch nicht. auf jeden fall hat jede(r) von ihnen eine umheimlich spannende geschichte zu erzählen.