M
Mein_Ingomann
Guest
Ich möchte nicht relativieren, was in der Türkei geschieht. Ich möchte nur begreifen, was da passiert, und da helfen mir Vergleiche, wie sie beispielsweise Decebal und Melli liefern. Ob die Vergleiche was bringen, weiß ich nicht.
Vergleichbar sind bei diesen Beispielen die Gegebenheiten: Eine etablierte Gruppe gibt die Regeln vor und vermittelt den Eindruck: Der Kuchen ist verteilt und wo es in Zukunft lang geht bestimmen wir. Dagegen gehen vor allen Dingen junge Leute auf die Strasse, die in diesen Verhältnissen ihre Zukunft bauen sollen. Und das hat immer weniger mit Parteien zu tun, viele der Protestler haben das Vertrauen in Parteien jeder Färbung längst verloren. Nicht umsonst erfreuen sich NGOs, Bewegungen wie Attac oder Occupy grosser Beliebtheit. Die Aussenwirkung findet auch nicht mehr über die tradionellen Wege statt, sondern ungefiltert und persönlich über die sozialen Netzwerke. Die Leute wollen stattfinden und gehört werden ohne darauf zu warten, bis mal ein Reporter mit einer Kamera vorbeikommt.
Die spezielle Situation in der Türkei resultiert daraus, dass es in den letzten Jahren gleichzeitig einen wirtschaftlichen Aufschwung und eine Spaltung der Gesellschaft gegeben hat. Das sind aber auch schon fast die einzigen Unterschiede zu vergleichbaren Protesten in anderen Ländern. Gemeinsam ist diesen Bewegungen, dass die Regierungen nahezu immer gleich hilflos reagieren: Mit Repression, Einschränkungen der Bürgerrechte und Reduzierung der berechtigten Anliegen auf die zwangsläufig stattfindende Randale. Wenn man jeden Protest wegen Ausschreitungen niederknüppelt und verbietet, dann dürfte auch kein grösseres Fussballspel mehr stattfinden, denn die Randale in der "dritten Halbzeit" hat mindestens genauso viel Gewaltpotential.
Die Aggressivität in den Gesellschaften steigt, weil sich die Möglichkeiten der Teilhabe an gesellschaftlichen Entwicklungen immer mehr vom Alltagsleben entfernt. Wenn dir dein Acker enteignet wird und das Argument dafür "Globalisierung" ist, sind die Entscheidungswege nicht mehr nachvollziehbar. Du kannst dann zwar noch das Haus deines Bürgermeisters anzünden, aber an der Entscheidung ändert das auch nichts. Der junge Akademiker, der in Tunesien als Gemüsehändler arbeiten musste, hat nicht ein anderes Haus sondern sich selbst angezündet. Nicht weil er für oder gegen irgendeine Partei war, sondern weil das etablierte System ihm keine Perspektiven mehr bot. Sein Motiv war nicht Spass am Aufruhr sondern Existenzangst und schiere Verzweiflung. Das sollte man ernst nehmen. Überall.