Ich glaube, dass ich die erste in diesem aktuellen Chat war, die (gegen Alu) sagte, dass es unsere verdammte Pflicht sei, die Ukrainer in Deutschland aufzunehmen, wenn sie in Not geraten (da war die Belagerung von Kiew noch gar nicht das Thema).
Mein Post musste sich, zugegeben, so lesen, als sei er gegen die Aufnahme von Flüchtlingen aus der Ukraine in Deutschland gewesen. Er ging aber nicht gegen Flüchtlinge, er ging gegen die Flüchtlingspolitik der Polen und Ungarn bis dahin. Die schlicht sich geweigert hatten bis dahin, auch nur einen einzigen Flüchtling aufzunehmen aus dem Mitterneerraum, und die die antisemitisch grundierten Verschwörungserzählungen wieder aufwärmten, festgemacht und personifiziert am „Börsenjuden“ George Soros, es ginge in Wahrheit um Machenschaften, die Europäer zu umvolken und Europa insgesamt zu islamisieren.
„2015 darf sich nicht wiederholen“, so das jahrelange Mantra. Nun, 2015 wiederholt sich nicht. Jetzt schon sind, nach gerade mal drei Wochen, über 160.000 Flüchtlinge in Deutschland registriert. Das hier ist weit, weit größer als 2015. 2015 war nur eine Übung.
Polen hat rund zehn mal so viele Flüchtlinge aufgenommen bislang wie Deutschland. Hätten sie sie, wie 2015/16 geschehen, einfach nach Deutschland durchgewunken, unsere Demokratie wäre beendet gewesen. Hätten wir jetzt schon zwei Millionen Flüchtlinge, also doppelt so viel wie insgesamt 2015/16, und zwar nur, weil sich die Polen verweigern und die Ungarn Zäune bauen, die Tage bis zur Kanzlerschaft Bernd Höckes wären abzählbar gewesen. Dagegen ging mein Post. Polen und Ungarn haben sich dieses Mal nicht gedrückt, ihren Anteil zur Solidarität beizutragen. Das ist ihnen hoch anzurechnen. (Bei allen rassistischen Begleiterscheinungen gegenüber schwarzafrikanischen Studenten und arabisch-, kurdisch-usw.-stämmigen Flüchtlingen, die im Mittelmeerraum keine Perspektive mehr für sich sahen und früh die sich neu auftuende Gelegenheit genützt haben. Worüber inzwischen nicht nur afrikanische Medien berichten, das ist inzwischen auch bei unseren Leitmedien angekommen.)
Der Grundunterschied zu 2015/16 ist: Diesmal sind wir die Anrainer.
Bedeutet zum einem: Es werden viel, viel mehr kommen. Wir erinnern uns: Die Türkei hatte damals um die drei Millionen Menschen aufgenommen, vielleicht mehr, vielleicht gar vier.
Bedeutet zum zweiten aber auch: Es kommen ganz andere Menschen. 15/16 haben wir die Nachhut abgegriffen bzw. eine Vorhut: Viele junge Männer waren überrepräsentiert, zwischen 20 und 30 Jahren, meist alleinstehend. Vorhut derer, die fliehen mussten, erst einmal am Mittelmeer verblieben, oft mit der Hoffnung, möglichst schnell wieder zurückkehren zu können in die Heimat, und die nun die Jungen und Starken vorschickten: Versucht, euch irgendwie durchzuschlagen nach Europa und uns bestenfalls nachzuholen; zumindest aber könnt Ihr versuchen, dort Geld zu machen und uns dann bitte welches zu schicken. Dieses Mal sind es hauptsächlich Familien, sogar unterdurchschnittlich Männer, wenn, dann älteren Jahrgangs; die Jungen bleiben in der Ukraine, viele sogar freiwillig, und gehen in den Krieg.
Zum dritten gilt zumindest für die, die jetzt schon hier sind, für die erste Welle: Die haben noch gar keinen Krieg gesehen. Die sind noch nicht traumatisiert. Viele haben sogar Haustiere mit auf die Flucht genommen!, Hunde in Flüchtlingsunterkünften, das habe ich auch noch nicht gesehen. Heißt aber auch: Die kommen aus dem Frieden. Krass ausgedrückt: Wer einmal in die Gewehrläufe des IS gesehen hat oder in die der Schergen Assads, der hat ja keinen Respekt mehr vor einem deutschen Polizisten.
Ich denke – Ich hoffe, daß diese Momente ausschlaggebender ist für deren auffällig andere, höhere Akzeptanz, als Hautfarbe und Religion. Das sind Flüchtlinge, wie wir sie uns schon 2015/16 gewünscht hätten.
Hätte Orban noch einmal versucht, uns so übel zu linken wie 2015/16, wir hätten die Flüchtlinge aufhalten müssen an der ungarisch-deutschen Grenze. Damals konnte Frau Merkel noch hoffen und uns vermitteln: Wir Deutschen sind nun mal die volkswirtschaftlich Stärksten in Europa und springen darum ein, treten in Vorleistung und leisten Nothilfe; mit der Zeit schon werden wir in geduldigen Gesprächen die anderen Europäer überzeugen, in ein gesamteuropäisches Solidarsystem überzugehen, eine faire und für jeden zu verkraftende Verteilung der Flüchtlinge auf Gesamtwesteuropa. Heute wissen wir: Wir haben sie nicht überzeugt, wir würden sie nicht überzeugen.