J
JoBuk
Guest
AW: Integration, wirklich ernstgemeint?
Auf diese Diskussion lasse ich mich gerne ein. Der entsprechende Begriff ist übrigens "Doppelte Halbsprachigkeit".
Ich bitte aber von vornherein zu bedenken, dass die Kinder regelmäßig einsprachig erzogen werden, d.h. sie sprechen bspw. bis zu ihrem dritten Lebensjahr (fast) ausschließlich Türkisch. Das was sie Zuhause an deutscher Sprache mitbekommen, ist oft sehr eingeschränkt im Wortschatz und falsch in Grammatik und Aussprache. Insofern kann sowieso nicht von einer wirklichen zweisprachigen Erziehung die Rede sein.
Hauptkritikpunkte an der Idee der doppelten Halbsprachigkeit sind meiner Ansicht nach folgende:
- Die Gedanke, dass geringe Sprachkompetenz nicht zwangsläufig auf die Zweisprachigkeit zurück zu führen ist, sondern von Faktoren wie sozialer Herkunft etc. abhängt.
Das lässt sich schwer wiederlegen. In der Regel beherrschen türkische Akademikerkinder "ihre Sprachen" wohl tatsächlich besser, als die Kinder aus anderen sozialen Schichten. Leider gibt es in Deutschland so wenige türkische Akademikerkinder ...
-Die Befürchtung, dass die Kinder von Einwandererern durch eine solche Diskussion von vornherein abgestempelt werden und als weniger Kompetent gelten.
Kann ich zwar nachvollziehen, finde aber das Ausblenden von Realität aus Gewissengründen bedenklich.
-Es gibt keine klaren Kriterien, wer der Gruppe der Halbsprachler zuzuordnen ist.
Könnten ja festgelegt werden.
-Tests, die Sprachkompetenz ermitteln sollen, sind ähnlich umstritten wie IQ Tests. D.h. solche Tests sind immer nur Stichproben, anhand derer das gesamte sprachliche Verhalten einer Person "gemessen" werden soll.
Auch diesen Einwand finde ich nicht "stichhaltig". Es kommt - so würde ich denken - auf das Testverfahren an. Wenn natürlich - so wie in dem hier geschilderten "Test" - Leute einfach gefragt werden, "wie gut verstehst Du das Fernsehprogramm", dann kann da natürlich nix bei rauskommen.
- Angeblich werde Sprache abhängig von der jeweiligen Situation eingesetzt. So kann ein Zweisprachiger in einer bestimmten Situation kompetent sein, in einer anderen aber nicht.
Das macht aber vielleicht grad den Unterschied zwischen einem Muttersprachler und einem Menschen aus, der die Sprache "nur" als Zweitsprache gelernt hat. Der Muttersprachler wird i.d.R. in der Lage sein, sich in jeder Situation ordentlich auszudrücken.
Vielleicht kann man bei der Diskussion bezüglich der TiD auch folgendes bedenken:
- Wie hoch ist denn die Motivation für die jungen Türken, eine gewissen Sprachkompetenz zu erwerben? Es können ja nicht ausschließlich wirtschaftliche Gründe sein, immerhin leben sie ja hier.
-Eine Sprache reflektiert eine bestimmte Kultur. Türkische Kinder und Jugendliche wachsen - wie wir ja schon mehrfach festgestellt haben, oft nur in einer Kultur auf - der türkischen. Hier müssen Defizite entstehen.
-Die Sprachentwicklung ist auf Umweltreize angewiesen. Bis die Kinder mit der deutschen Sprache in Kontakt kommen, ist oft mindestens schon mal die "Drei- und Mehrwortphase" erreicht (je nach Entwicklung 2-4 Jahre). Viel zu spät. (Wortschatzspurt in der Zweiwortphase mit 1,5 - 2 Jahren verpaßt).
Zum Schluss noch eine Frage:
Wie kompetent sind denn die betroffenen "türkischen" Jugendlichen in der türkischen Sprache? Fallen sie als "Deutsche" auf, wenn sie in die Türkei fahren? Ist ihr Wortschatz auf einem aktuellen Stand oder benutzen sie hauptsächlich den altertümlichen Wortschatz ihrer Eltern? Wie gut können sie türkisch schreiben und lesen?
Oder wächst da tatsächlich eine Generation heran, die weder in der einen, noch in der anderen Sprache wirklich etwas auf dem Kasten hat?
Ach, es gäbe noch so viel mehr darüber zu schreiben als meine kurzen und völlig unstrukturierten Beiträge.
Vielleich sollten wir dazu aber ein eigenes Thema eröffnen.
Eine interessante Diskussion, bei der ich gern zu einem angesprochenen Punkt gern meinen Senf dazu geben würde:lol::
@JoBuk: Dass zweisprachige Erziehung zu Defiziten in beiden Sprachen führen könnte bzw. muss, ist eine wohl mittlerweile überholte Theorie. Natürlich kann es ein Kind bzw. das menschliche Gehirn überhaupt leisten, zwei oder gar mehr Sprachen auf höchstem Niveau zu beherrschen, auch in muttersprachlicher Kompetenz. Und im Gegenteil, für die Entwicklung eines Menschen ist es wohl sogar eher förderlich. Es ist alles eine Frage, wie durch die Familie und einen selbst die Sprachen richtig gepflegt werden (können). Wie schon jüngere Statistiken zurückgestufter, da mangels ausreichender Sprachfähigkeiten noch nicht für schultauglich befundener Kinder zeigen, kann das schon bei einer Sprache ein Problem sein und hat nichts mit Bilingualität zu tun.
VG
P.S. Bei Bedarf und Zeit irgendwann mal auch gern Links und Quellen dazu:redface:
Auf diese Diskussion lasse ich mich gerne ein. Der entsprechende Begriff ist übrigens "Doppelte Halbsprachigkeit".
Ich bitte aber von vornherein zu bedenken, dass die Kinder regelmäßig einsprachig erzogen werden, d.h. sie sprechen bspw. bis zu ihrem dritten Lebensjahr (fast) ausschließlich Türkisch. Das was sie Zuhause an deutscher Sprache mitbekommen, ist oft sehr eingeschränkt im Wortschatz und falsch in Grammatik und Aussprache. Insofern kann sowieso nicht von einer wirklichen zweisprachigen Erziehung die Rede sein.
Hauptkritikpunkte an der Idee der doppelten Halbsprachigkeit sind meiner Ansicht nach folgende:
- Die Gedanke, dass geringe Sprachkompetenz nicht zwangsläufig auf die Zweisprachigkeit zurück zu führen ist, sondern von Faktoren wie sozialer Herkunft etc. abhängt.
Das lässt sich schwer wiederlegen. In der Regel beherrschen türkische Akademikerkinder "ihre Sprachen" wohl tatsächlich besser, als die Kinder aus anderen sozialen Schichten. Leider gibt es in Deutschland so wenige türkische Akademikerkinder ...
-Die Befürchtung, dass die Kinder von Einwandererern durch eine solche Diskussion von vornherein abgestempelt werden und als weniger Kompetent gelten.
Kann ich zwar nachvollziehen, finde aber das Ausblenden von Realität aus Gewissengründen bedenklich.
-Es gibt keine klaren Kriterien, wer der Gruppe der Halbsprachler zuzuordnen ist.
Könnten ja festgelegt werden.
-Tests, die Sprachkompetenz ermitteln sollen, sind ähnlich umstritten wie IQ Tests. D.h. solche Tests sind immer nur Stichproben, anhand derer das gesamte sprachliche Verhalten einer Person "gemessen" werden soll.
Auch diesen Einwand finde ich nicht "stichhaltig". Es kommt - so würde ich denken - auf das Testverfahren an. Wenn natürlich - so wie in dem hier geschilderten "Test" - Leute einfach gefragt werden, "wie gut verstehst Du das Fernsehprogramm", dann kann da natürlich nix bei rauskommen.
- Angeblich werde Sprache abhängig von der jeweiligen Situation eingesetzt. So kann ein Zweisprachiger in einer bestimmten Situation kompetent sein, in einer anderen aber nicht.
Das macht aber vielleicht grad den Unterschied zwischen einem Muttersprachler und einem Menschen aus, der die Sprache "nur" als Zweitsprache gelernt hat. Der Muttersprachler wird i.d.R. in der Lage sein, sich in jeder Situation ordentlich auszudrücken.
Vielleicht kann man bei der Diskussion bezüglich der TiD auch folgendes bedenken:
- Wie hoch ist denn die Motivation für die jungen Türken, eine gewissen Sprachkompetenz zu erwerben? Es können ja nicht ausschließlich wirtschaftliche Gründe sein, immerhin leben sie ja hier.
-Eine Sprache reflektiert eine bestimmte Kultur. Türkische Kinder und Jugendliche wachsen - wie wir ja schon mehrfach festgestellt haben, oft nur in einer Kultur auf - der türkischen. Hier müssen Defizite entstehen.
-Die Sprachentwicklung ist auf Umweltreize angewiesen. Bis die Kinder mit der deutschen Sprache in Kontakt kommen, ist oft mindestens schon mal die "Drei- und Mehrwortphase" erreicht (je nach Entwicklung 2-4 Jahre). Viel zu spät. (Wortschatzspurt in der Zweiwortphase mit 1,5 - 2 Jahren verpaßt).
Zum Schluss noch eine Frage:
Wie kompetent sind denn die betroffenen "türkischen" Jugendlichen in der türkischen Sprache? Fallen sie als "Deutsche" auf, wenn sie in die Türkei fahren? Ist ihr Wortschatz auf einem aktuellen Stand oder benutzen sie hauptsächlich den altertümlichen Wortschatz ihrer Eltern? Wie gut können sie türkisch schreiben und lesen?
Oder wächst da tatsächlich eine Generation heran, die weder in der einen, noch in der anderen Sprache wirklich etwas auf dem Kasten hat?
Ach, es gäbe noch so viel mehr darüber zu schreiben als meine kurzen und völlig unstrukturierten Beiträge.
Vielleich sollten wir dazu aber ein eigenes Thema eröffnen.