-Wer hat E. an die Macht gebracht?
-Warum haben sie ihn gewählt?
-Ist es legitim Wähler als Deppen darzustellen, nur weil sie eine Partei wählen, die einem nicht gefällt?
In der Türkei zählt, ob für den Einzelnen etwas herausspringt. Neokapitalismus in seiner ursprünglichsten Form. Die CHP hat das initiiert, vergaß aber der Bevölkerung ein Stück vom Kuchen zu reichen. E. und seine Kumpanen sind das Resultat der durch und durch korrupten Politik davor.
In ganz Europa ist der Rechtspopulismus nur mit dem Versagen der demokratisch gewählten Großparteien zu erklären, die bis ins Rückenmark und darüber hinaus verlogen sind, und den Bürger Wein predigen, aber über Jahrzehnte nur Wasser lieferten.
Die Mitte der Gesellschaft trägt die Verantwortung für das aktuelle politische Desaster. Sie ließ zu, dass sinnlose Kriege ausgefochten wurden, sie erlaubten dass keine gerechte Verteilung entsteht und Länder ausgebeutet wurden, deren Menschen heute an unsere Pforten klopften.
Aber selbstverständlich ist es nun einfacher über E's und seine Kumpanen herzuziehen, als die Ursachen zu beleuchten. Wenn ich mir nur die Doppelzüngigkeit eines Gabriel betrachte, der Schiedsgerichte nach Außen ablehnt, aber im regierenden Zirkel bejaht, dann frage ich mich, ob er absichtlich seine Partei schädigen, respektive die rechtskonservative Opposition stärken will?!
Das Bürgertum baut seine Türme immer auf dem Schweiß des Proletariats und die Intellektuellen in den Schaltzentralen von Politik bis hin zu den Medien liefern den Kitt für eine Politik aktuell aus den Fugen gerät. Wenn die Türme nun ins Wanken geraten, so liegt das an den Erbauern der Luftschlösser.
(Seit Bert Brecht hat sich nicht viel geändert.)
Es ist
unbestritten, dass Erdogan der Türkei einen
wirtschaftlichen Boom gebracht hat, wie seit langem nicht mehr. Und darin liegt auch das
eigentliche Fundament seiner Macht. Deshalb hat er bisher auch (fast) jede Wahl gewonnen!
Nur ist ihm die Macht zu Kopfe gestiegen, und nun möchte er sich von den
Fesseln des Rechtsstaates endgültig
lösen, indem er mit
autoritären Maßnahmen jede Gegenmeinung und rechtstaatliche Kontrolle unterdrückt; außerdem, da ist Erdogan ganz klassischer Familienvater, möchte er natürlich seine Familie "
gut versorgt" auf Kosten der Allgemeinheit sehen ( - und seinen Kindern den Weg ebenen, dass diese einmal in der Zukunft an seine Stelle rücken).
Diese
Mischung aus
wirtschaftlichem Erfolg (an dem seine Anhänger partizipieren) und
Einschüchterung funktioniert sehr gut. Dazu braucht es keine Deppen als Wähler!
Es ist natürlich
kein rein türkisches Problem, dass autoritär agierende & das Recht mit Füßen tretende Politiker Hochkonjunktur haben - das liegt aber weit weniger daran, dass angeblich die Klasse der sog. "etablierten" Politiker prinzipiell so korrupt oder unfähig seien, sondern daran, dass es eine große Sehnsucht nach
einfach gestrickter Identität & Sicherheit in einer globalisierten und unüberschaubar gewordenen Welt gibt.
Es sind ja gerade diese rechten Parteien, die ein
banales Identitätskonzept anbieten (sog. Rassezugehörigkeit oder eben Teil einer bestimmtes Religionsgemeinschaft) und für "Sicherheit" durch Abbau von Rechtstaatlichkeit sorgen wollen.
In der Türkei existiert aber ein besonderes Problem mit der Identität: Neben der religiös definierten Identität (= ich bin Sunnit) gibt`s auch den Kemalismus (= ich gehöre der türkischen Nation an).
Klassischerweise war die Landbevölkerung (und damit eigentlich die Mehrheit der Gesellschaft) religiös geprägt. Und die stätdtische Bevölkerung eher kemalistisch eigestellt. Und - ganz grob gesehen - verläuft hier auch die Konfliktlinie.
Und für mich ist der Kemalismus meine Identität und deshalb kann ich leider Erdogan nicht folgen!