Mal über Erdoğan plaudern

eruvaer

Well-Known Member
Nun erkläre mir bitte, woran man einen deutsch-türkischen "Evetwähler" von einem deutsch-türkischen "Hayirwähler" unterscheidet... Oder muss man beide Gruppen nun in einen Topf schmeissen und einmal richtig umrühren ?

Als Beispiel mich:

Ich habe mich Ende der 80'er unter Hinnahme der Mehrstaatigkeit einbürgern lassen, habe hier als Zeitsoldat gedient, habe bisher ein sehr demokratisches Leben geführt, bin pro-westlich eingestellt, habe nur rudimentäre Bezüge zur Türkei, dem Islam und allgemein grundlegende Kenntnisse der türkischen Sprache. Die türkische Staatsbügerschaft stand für mich persönlich nie zur Disposition. Ich habe die deutsche Staatsbürgerschaft als Bereicherung meines Lebens und das Leben mit meinen Mitmenschen angesehen. Ich wollte auch unbedingt bei den deutschen Streitkräften dienen - was ja auch funktionierte. Danach Studium. Gefolgt von meiner Arbeit, wo ich auf eine Sicherheitsüberprüfung und einer "developed vetting (der UK)" angewiesen war.

Bisher habe ich mich in dieser Rolle wohlgefühlt und fand für mich selbst einen Konsenz, wo ich mit leben konnte. Der Konsenz bestand in einer Balance zwischen den zwei (bei mir sogar drei) Ländern. Allerdings hat das Besitzen beider Staatsbürgerschaften nie den inneren Konflikt meiner ursprünglichen Wurzeln klären können. Dennoch fühle ich mich hier gut integriert.

Nur weil jetzt eine geringe Minderheit (in Zahlen):

3.5 mio in der BRD lebende Türken.
1.5 mio davon wahlberechtigt.

45% davon die auch wirklich zur Wahl gingen = 0.675 mio

... und 63% von denen mit "Evet" stimmten = 0.425 mio

Dann sind das meiner Ansicht nach nur 12% der hier lebenden Türken. (0.425/3.5 = 0.12) bzw. (0.425/1.5 = 0.28) 28%.

Weiterhin müsste man nun auch differenzieren, wie viele der "Einstaater" also Türken mit nur deutschem Pass, nicht vielleicht auch für ein "Evet" gestimmt hätten.

Die Facetten und Kombinationsmöglichkeiten sind doch einfach viel zu groß, als das man sie auseinanderhalten könnte. Wenn man nun eine Diskussion über die doppelte Staatsbürgerschaft neu aufbrüht, dann stößt man ggf. denen an den Kopf, die "Hayirwähler" oder überhaupt-kein-wähler (Nichtwähler) sind. Menschen die sich normal hier zugehörig fühlten (Vergangenheitsform), wird indirekt suggerriert, dass sie hier nicht hergehörten bzw. Verbrecher wären.

Unabhängt von den Machenschaften Erdogans, ging es hier um eine "Verfassungsänderung". Es geht nicht um Erdogan (ich simplifiziere hier bewusst), sondern um die Änderung einer Verfassung. Das Erdogan diese Verfassung sicherlich für seinen eigenen Vorteil nutzen wird, darauf können wir uns sicherlich einigen. Allerdings steht das erstmal rein "rational" betrachtet doch garnicht zur Debatte. Auch das Wählen ansicht ist im Grunde nach konform mit deutschem Recht. Der Türke hat in der BRD von seinem Recht des Wählens Gebrauch gemacht... Es stand Option 1 und Option 2 zur Disposition. Nur weil der Türke nun für Evet gewählt hat, macht sich dieser ja noch nicht strafbar. Er hat weiterhin von seinem Recht des Wählens Gebrauch gemacht. Bisher kann ich noch keine strafbare Handlung darin erkennen.

Was Erdogan als Mensch letztendlich mit seiner neuen "Macht" anstellt, steht estmal außen vor. Der reine Prozess des Wählens und der Entscheidung einer Option, ist meiner Ansicht nach nicht strafbar.

Strafbar wären meiner Ansicht nach, wenn es zu Strafhandlungen innerhalb der BRD käme. Dazu gehören z.B. Aufrug zur Volksverhetzung, zeigen von strafbaren Symbolen, Körperverletzung usw.

Eine andere Betrachtung wäre z.B. als die Wahl in den USA stattfand und deutsch-amerikaner für Donald Trump stimmten. Da hat sich hier in der BRD auch niemand aufgeregt. Auch wird permanent die doppelte Staatsbürgerschaft im Zusammenhang mit "Türken" in der BRD neu aufgelegt. Europär können eine doppelte Staatsbürgerschaft beibehalten. Ob die sich hier integrieren bzw. ob die nicht evtl auch falsches Gedankengut mit sich tragen, steht auch nie zur Debatte... Es wird bewusst ein kriminelles Bild des Türken gezeichnet.

Die Sevim Dagdelen gab diesbezüglich ein Interview mit dem Deutschlandfunk und hat das wunderbar erklärt (daher habe ich hier auch einiges singemäß aus dieser Quelle wiedergegeben - und nicht explizit gekennzeichnet).

https://twitter.com/SevimDagdelen/status/854739124699484162

Was für ein Konfliktpotential würde das verursachen, wenn ich - auf Grund von Schnellschüssen und Aktionismus der Regierung - nun vor die Wahl meiner Nationalität gestellt werde. Die (Regierung) sollten sich mal Gedanken dazu machen, wie man mit Menschen umgeht, die hier als Zeitsoldat gedient haben, sich hier bestens integriert haben und auch sonst ein stressfreies Bild abgeben. Momentan wirkt das auf mich so, als würde man sagen: "Danke Herr Almancali für ihren Dienst an unserer Nation als Zeitsoldat und nun scheren Sie sich zum Propheten". Das geht so natürlich nicht... Die Verkettung bzw. das Verwobene mit diesem Land (der BRD) und der Türkei, ist einfach schon zu weit vortgeschritten in der Kombination als Mehrstaater (bei mir), als dass ich nun auf alles Verzichten möchte bzw. das Sein meines Lebens bzw. meine Identität (ich bin nunmal das, was ich jetzt bin) wegwerfen möchte...

Exkurs (Gedanken):
Im Umkehrschluss könnte ich in eine Kurzschlussreaktion geraten und z.B. die deutsche Staatsbürgerschaft abgeben (bzw. man nimmt sie mir weg). Dann sollte man sich überlegen, ob ich mein ganzen Wissen der dt. Rüstungsindustrie, wo ich jahrelang tätitg war, nicht einfach mal mit in die Türkei nehme und dort vergolde. Ich könnte mir vorstellen, dass sich das türkische Militär sehr dafür interessieren würde...

Aber immer schön reinschlagen in den "Türken"... Immer wenn ich das Thema: "doppelte Staatsbürgerschaft" in den Medien höre, bekomme ich einen riesen Hals...

Edit: Ich bin kein Gegenstand, den man nutzen und dann wegwerfen kann. Wenn die dt. Regierung die Vergabe der doppelten Staatsbürgerschaft als "Fehler" ansieht, dann sollen die ihren Fehler selbst ausbaden... Für zukünftige Generationen von Türken (oder Bürger allgemein) und nicht so eine "Rückwirkend Debatte" lostreten. Dann sollen die das aber auch gleichbehandeln mit EU-Bürgern und deutsch-amerikanern... Aber das rühren die nicht einmal mit der Zange an...
meinst wirklich das war so platt gemeint wie es sich liest? dachte ich hätte das jetzt einfach nur völlig missverstanden...hm... *mal noch abwart*
 

eruvaer

Well-Known Member
Die doppelten Staatsbürger, die also sowohl in der BRD und in der Türkei wählen dürfen, wählen mehrheitlich SPD in D und mehrheitlich AKP in der Türkei. Auch wenn nicht jeder türkische SPD-Wähler hierzulande die AKP wählt, dürfte die Schnittmenge groß sein.
"Laut einer repräsentativen Umfrage der AKP-nahen Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) stimmten bei der Bundestagswahl 2013 64 Prozent der türkischstämmigen Wähler für die SPD. Grüne und Linke holten jeweils zwölf Prozent, die Union kam nur auf sieben Prozent."
http://www.spiegel.de/politik/deuts...rgerschaft-das-sind-die-fakten-a-1106363.html
Gut, dass mich in dem Fall mal wieder niemand gefragt hat, wundert mich endlich mal nicht...
Wie viele von den Wahlberechtigten, die dann noch wählen gingen -für beide Länder- wurden denn dann noch befragt?
Das reduziert sich ja gleich noch zwei mal im Vergleich zu der geringen Wahlbeteiligung zb beim Referendürüm...
Und wie kann man aus dieser doch eher geringen Zahl dann noch ein Schluss noch nur für die ziemlich große Menge türkischer Doppelstaatler plus die ganze vielen anderslandigen Doppelstaatler gezogen werden?
Ich mein okay. Das Thema kann man auch wegen einem einzigen anfangen der einen nervt. Oder sogar ganz ohne irgendwem die Schuld zu geben....
Fänd ich jedenfalls ehrlicher, als solche haaaaarsträubenden Beispiele rauszupicken um das heißgeliebte Thema mal wieder anzuheizen.

Wie sollen sich dann die deutlich überwiegenden Doppelstaatler ohne politische Mangelerscheinungen fühlen? Hm? Dich schert ja auch ausser Yalovali keiner mit allen westlichen islamhassenden Nazis über einen Kamm nur weil du gern über Doppelstaatler redest...
 

Almancali

Well-Known Member
Das ist nicht meine Absicht. Ganz und gar nicht. Es geht darum zu verstehen, wie man zugleich SPD und AKP wählen kann. SPD in dem Land, in dem man lebt und AKP in dem Land, aus dem man kommt.
Umgangssprachlich würde ich das wie folgt sagen:

"Von zwei beschissenen, hier angebotenen Optionen, hat man sich für die zwei bestmöglichen beschissenen Optionen entschieden - Deswegen, weil die anderen (existenten) Optionen noch wesentlich beschissener wären" (was real sicherlich nicht zutrifft).

Die AKP zu wählen stellt erstmal kein Verbrechen dar... Es handelt sich hierbei um eine präferierte Option.

Das nun der Ministerpräsident gewisse Allmachtsgedanken hegt, wäre dann wohl eher als "Problem" zu betrachten. Hier spielen dann auch noch Wahrnehmungen, Kultur und unterschiedliches Demokratieverständnis eine Rolle. Wir sehen diese Problematik daran, dass 25mio wahlberechtigte Türken dieses "Problem" haben sehen kommen (und nun auf die Straße gehen).

Ein Deutscher hat ein anderes Demokratieverständnis als ein Türke (der nie in der BRD lebte). Stellt sich somit die Frage, welches Demokratieverständnis Erdogan hat.

Das die Menschen sich nun für eine Diktatur entschieden haben, ist eine durch Medien breitgetretene Stimmungsmache (naja so ganz unrecht haben die nicht). Aber Menschen wählen aus unterschiedlichen Gründen. Sei es Personenkult, sei es sie haben die Verfassungsänderung gelesen, sei es man hat ihnen einen Korb Essen hingestellt, sei es neue Straßen oder gar das Krankenhaus.

Diese Gründe sind vielfältig und eher ein Gebiet für Menschen, die sich mit Belangen der Soziologie (Psychologie und Verhaltenspsychologie usw.) auskennen.

Man sollte analysieren, wo die Teilmengen der Probleme liegen und diese Probleme beseitigen und nicht am Symptom (doppelte Staatsbürgerschaft) herumbasteln. Ein Krebsgeschwür bekomme ich auch nur weg, wenn ich mich vom Facharzt richtig behandeln lasse. Leider lässt sich Krebs nicht mit Streicheln an den Füßen beseitigen...
 

Almancali

Well-Known Member
Das ist nicht meine Absicht. Ganz und gar nicht.
Ich möchte noch ergänzen, dass ich keine Schuldzuweisung betreiben bzw. dir auf die Füße treten wollte. Ich hatte meine Gedanken zum Thema "doppelte Staatsbürgerschaft" freien Lauf gelassen und diese Gedanken schreiben wollen. Vielleicht merkt man an meiner Schreibe, dass mir das Thema doch sehr persönlich trifft.
 

sommersonne

Well-Known Member
Ich denke nicht das die doppelte Staatsbürgerschaft abgeschafft werden soll. Das darüber geredet wird, kann man der "plötzlichen" Erkenntnis zurechnen das die schön in den Medien zu lesende Integration nun doch nicht so geklappt hat wie gewünscht. Es ist das Wahljahr und da wird viel geredet.

Selbst wenn an der doppelten Staatsbürgerschaft gedreht wird, wird man kaum die schon Bestehenden antasten. Das würde wahrscheinlich noch mehr die Integrationsschraube locker drehen. Glaube nicht das man sich das leisten will.
 
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