AW: Meine persönliche Geschichte. Achtung! Kein Happy End
Erschwerend kam hinzu, dass ich während der ganzen Zeit über ein wahnsinnig schlechtes Gewissen gegenüber seinen Eltern hatte. Mir war klar, dass unsere Beziehung in ihren Augen eine Sünde wäre und dass er sie ständig wegen mir angelogen hatte. Das wollte ich nicht. Ich wollte nicht der Grund für Unehrlichkeiten gegenüber seinen Eltern sein. Irgendwann war es so weit, dass eigentlich nur noch sein Vater nicht bescheid wusste. Seine Geschwister wussten es schon relativ früh und auch ein Cousin von ihm, den wir auch mal getroffen haben. Seine Mutter war am Anfang zwar wenig begeistert, aber irgendwann sagte sie mal, dass es ihr lieber wäre, wenn er zu mir fährt, anstatt dass er in die Disco geht, weil sie weiß, dass ihm bei mir nichts passiert.
Im Mai schrieb ich dann einmal diese Zeilen, daran wollte ich euch teilhaben lassen. (Ich weiß, ich bin jetzt eigentlich schon fast am Ende des Jahres mit der eigentlichen Erzählung, aber es hätte sonst nirgends reingepasst...)
Mein liebes Tagebuch…
Lange ist es her, dass ich dir geschrieben hab, aber ich finde, heute ist mal wieder die Zeit dafür. Weißt du, ich sorge mich sehr. Hauptsächlich natürlich über meine Beziehung.
Stell dir vor, während ich das schreibe, hör ich nicht mal Musik und das alleine müsste dir schon zu denken geben.
Ja ich weiß, du zeigst auf das Alicia Keys Album und willst mir sagen, ich solle mir doch mal wieder „Never felt this way“ anhören, weil es doch so gut zu meiner Situation passt. Aber woher weißt du denn das schon wieder? Ich hab es dir noch nicht erzählt.
Achso, du siehst es an meinem Gesicht. Die Tatsache, dass du offensichtlich Augen zu besitzen scheinst, verwirrt mich etwas, doch andererseits hätte ich mir das denken können. Schließlich liest du ja, was ich dir zu sagen habe. Bevor mich das noch mehr durcheinander bringt, erzähle ich dir lieber, was ich zu erzählen habe, denn deshalb schreibe ich dir ja.
Wie du ja weißt, bin ich eigentlich sehr glücklich mit meinem Freund. Zumindest in der Zeit, die wir uns sehen, und du weißt auch, dass das nicht sehr lange ist. Derzeit ist es nur ein Mal die Woche und das für ein paar Stunden. Aber natürlich – wie sollte es auch anders sein – macht jede Sekunde, die wir uns sehen, jeden Tag wieder gut, den wir uns nicht sehen.
Das wäre also die gute Sache.
Aber wie soll ich dir die Sache erklären, die mir Sorgen bereitet? Ich werde es versuchen und ich kann nur hoffen, dass du mich auch diesmal, wie immer verstehen wirst.
Tagebuch, du kennst mich so gut. Du weißt, wie ich denke und wie ich fühle und wie meine Einstellungen sind und was ich mir wünsche und all diese Sachen. Und daher weißt du natürlich auch, dass ich in bestimmten Dingen sehr konservativ bin. So auch in Beziehungsfragen. Wärst du eine Emanze, liebes Tagebuch, hätten sich dir bei diversen Träumen, die ich habe, schon längst die Haare aufgestellt.
Nein, Tagebuch, ich fände es nicht schlimm, wenn du eine Emanze wärst. Ich kann deren Einstellung auch verstehen, nur harmoniert sie nicht mit meinem Bild. Aber das muss ich dir ja eigentlich nicht mehr erklären.
Aber nun will ich endlich anfangen.
Ich weiß, viele Menschen – speziell Frauen würden sich an den Kopf greifen, wenn ich ihnen erzählen würde, was ich dir gleich erzähle. Die Sache ist folgende:
Du weißt, wir sind jetzt seit 4 Monaten zusammen und wie schon gesagt, eigentlich läuft alles Bestens, bis auf die Sache mit seinen Eltern und dass er nicht bei mir übernachten kann, und das, obwohl er schon 20 ist. Und du weißt auch, dass er Türke ist. Allein da fangen schon viele Menschen an zu seufzen, sodass ich gar keine Lust mehr habe, ihnen von dem tollen Menschen, der mein Freund ist, zu erzählen, weil sie mir wahrscheinlich sowieso nicht glauben würden. Zum Glück bist du nicht so, liebes Tagebuch.
Aber bei der „Rassenfrage“ liegt der Hund begraben. Auch mein Freund ist sehr konservativ und er hat einen starken Glauben. Ich kann nicht genau ausmachen, wie stark er ist, aber ich ahne, dass er – ähnlich wie bei mir – sehr stark ist. Das finde ich gut, denn ich könnte mit niemandem zusammen sein, der nicht an den Herrn glaubt. Und dabei ist es mir egal, wie er ihn nennt, denn im Grunde genommen haben wir nur einen Schöpfer mit verschiedenen Namen. So sehe ich das jedenfalls.
Seine Eltern jedoch werden das niemals so sehen, da bin ich mir sicher. Und so sehr, wie sie uns jetzt schon Probleme machen, so werden sie es wohl in Zukunft auch tun.
Ich spreche nicht davon, dass ich ihn morgen heiraten will und dass ich am Liebsten noch nächsten Sonntag um Punkt 14:45 Uhr eine Horde Kinder mit ihm zeugen will. Ich spreche davon, dass ich einfach eine Zukunft mit ihm haben möchte. Ich will nicht noch mit 10 anderen Männern zusammen sein, bevor ich den Menschen getroffen habe, mit dem ich mein Leben teile. Und mich lässt das Gefühl nicht los, dass er dieser Mensch ist.
Doch dann kommen wieder die Zweifel. Sieht er das genau so? Er sagt, er wünscht sich das auch. Und so sehr ich ihm Glauben schenken will und das auch tue, so sehr befürchte ich aber auch, dass wir niemals eine längerfristige gemeinsame Zukunft haben werden.
Verstehst du, worauf ich hinaus will, liebes Tagebuch? Ich sorge mich einfach darum, dass meine Nationalität, oder mein Glaube, oder die berühmte Ehrenfrage alles zerstören wird, wofür wir so hart arbeiten. Denn ich fürchte, wenn er nicht das „Okay“ von seinen Eltern bekommt, wird es niemals ernster zwischen uns. Natürlich werde ich nicht von ihm verlangen, sich gegen seine Eltern zu stellen, denn das kann, bzw. sollte man von niemandem erwarten.
Aber na ja, wie soll ich es sagen?
Ich verstehe manche Menschen nicht. Warum hören wir nicht endlich auf, ständig Grenzen zu ziehen, dort, wo man keine Grenze ziehen sollte? Warum sehen manche Menschen nicht ein, dass wir alle einer Rasse angehören: Nämlich der menschlichen Rasse?!
Durch unsere Adern fließt dasselbe Blut, und doch beschränken wir uns selbst, weil wir nicht dieselbe Hautfarbe, oder denselben Glauben haben. Und dabei könnte alles so schön und einfach sein.
Ja Tagebuch, du hast Recht, ich habe eine blühende Phantasie und manchmal könnte ich sogar naiv klingen. Aber gib es doch zu: Du würdest es auch schön finden, nicht wahr?
Siehst du, jetzt nickst du betreten. Und ich frage mich erneut, wie ich dich nicken sehen kann, aber das ist wohl ein anderes Kapitel meiner Phantasie.
Momentan geht es mir einfach nur darum, dass ich mir so sehr eine Zukunft mit ihm wünsche, was er auch tut und ich aber Angst habe, dass diese nicht realisierbar ist, um die Sache auf den Punkt zu bringen.
Einmal, als es mir wieder nicht gut ging, schrieb er mir, dass all unsere Probleme nur Edelsteine auf unserem Weg wären. Das hat er schön gesagt, nicht wahr? Ja, er ist ein toller Mensch. Und wenn er das schon so sieht, dann besteht für mich auch kein Zweifel mehr. Denn letztendlich geht es doch nur um uns beide.
Mein liebes Tagebuch, nun komme ich für heute zum Ende, denn du hast mir wieder mal gezeigt, was ich eingehender betrachten sollte und was mir Hoffnung gibt. Dafür danke ich dir. Ich werde dir sicher bald wieder schreiben, denn du kennst mich. Ich mach mir immer um irgendetwas Sorgen. Aber bis dahin wünsche ich dir eine gute Nacht.
Schlaf schön, liebes Tagebuch.