AW: Schleichende Entwicklung
Ich musste erst mal nachdenken. Meine Familie sind die gleichen hardcore kemalisten geblieben, die ich einmal war. Für mich kam ausser CHP keine Partei in Frage, nicht mal die DSP.
In den 80zigern erinnere ich mich an ANAP, die Flut der Menschen, die in grosse Staedte kamen. Auch an die Berge von Müll, dank dem inkompetenten Sözen. Auch an die matchigen Strassen, die nie gerade oder asphaltiert waren, und jede 2 Wochen neu gemacht wurden. Da haben sich einige CHP-Leute sehr gut daran verdient. Auch ANAP und DYP hat sich gut daran verdient. Dann erinnere ich mich an die Zeiten wo es wochenlang kein Wasser gab, und das immer im Sommer, weil jedes mal die Daemme trockneten und Politiker zu doof waren Alternative zu finden. Auch an die gecekondus, die alle jetzt einen Besitzer haben, die Waelder wurden grossflaechig verbrannt dafür. Auch daran, dass man nicht mal mit einem T-shirt im Sommer auf die Strasse gehen konnte, ohne blöd angemacht zu werden. Als Frau alleine war es eine Qual in den Strassen. Der Verkehr war ein absolutes Kaos, schlimmer noch. Und das auf matchigen Strassen. Terror fing an, wir hörten mit Özal zum erstan mal die PKK. Das war mein Leben in Istanbul und Tekirdag, wo es ein bisschen besser war.
Es gab damals nur TRT, eine bestimmte Musik und Denkweise wurde aufgezwungen, Arabesk war verdonnert. Es war ja die Musik der Hinterwaeldler. Der doofen Bauern, die von nichts eine Ahnung hatten. Wir alle waren die Fortgeschrittenen, die Kemalisten, alles andere war unter uns. Das ging bis in die 90ziger.
Ende 80ziger hatte sich Arabesk als Alternatifkultur etabliert. Wir Monchers haben das nie akzeptiert. So eine Kultur der untersten Schublade hatte mit uns nichts gemeinsames. Es waren die Çiller/Demirel Zeiten. Inflation war wie immer hoch, Menschen kamen immer noch in Strömen zu Staedten, wieder keine Alternativen und Lösungen. Alles wurde kurzzeitig gelöst, keine langfristigen Plaene, obwohl es so was von offensichtlich war, das diese Menschen bleiben würden. Unsere Abschottung von 'den neukömmlingen' wurde grösser. Es wurde DYP und Anap gewaehlt, einer schlechter als der andere. Ein Skandal grösser als der andere. Die haben sich dumm und dusselig verdient. Wer war noch mal leader von der SHP/SODEP? Natürlich Inönü. Er war der natürliche leader, sein Vater war doch Ismet Inönü. CHP war damals verboten. Inönü hat eine kurze Zeit eine Koalition gemacht,aber war so erfolglos wie immer. Er war ein guter Wissenschaftler und nett und aufrichtig, aber mehr nicht. Seine Partei war besetzt von Kemalisten, die natürlich so Kemalist waren, dass sie weder keine Ahnung von der Gesellschaft hatten noch etwas von der Ökonomie verstanden. Aber grosse Sprüche mit leeren Versprechen verstanden sie gut.
90ziger waren meine Zeiten in Izmir. Bornova war damals wie ein gerettetes, abgeschottenes kleines Dorf. Wo wir uns wohl fühlten, ohne Fremdkörper. Religion war nie ein grosses Thema bis Ende 90ziger. CHP durfte gegründet werden, endlichhhh. Inönü kam an die Spitze. Aber waehrend das Land so viele Probleme hatte, war er im Kampf mit Baykal. Baykal MUSSTE die Macht in der CHP haben. Wie viele male er die Leute in der Partei zwang den neuen leader zu waehlen? Ich erinnere mich nicht an die Zahl, aber es war endlos. Baykal. Nur heisse Luft, alles Lügen. Baykal kann auch heute nicht sein unglaubliches Vermögen verantworten. Er kann nicht erklaeren wo er das her hat.
Alles drehte sich um Kommunisten und Anti-kommunistsiche Traditionalisten. Und natürlich Diebe, noch grössere Diebe und die grössten Diebe. Von Sozialstaat etc war nie eine Rede. Wer Arbeit hatte konnte beim Arzt behandelt werden, wer nichts hatte, durfte sterben. Aber arbeitende konnten mit 42 schon in Rente gehen, na das war was

Der Dreck, der Match, die unasphaltierten Wege waren immer noch da. Auf den Strassen waren so grosse Löcher, im Regen ertranken Menschen in diesen Löchern, kein Scherz. Es waren keine Einzelfaelle. Sogar Autos verschwanden in den grossen Löchern auf Strassen, die ISKI oder wer auch immer aufgebuddelt hatten und vergessen hatten zu zu schliesen oder irgendein Zeichen zu setzen, das da ein Loch ist.
Ich erinnere mich weder in den 80zigern oder Anfang 90zigern an Kopftüchern. Das war was für Höhlenmenschen, die waren nicht normal, oder eben dumme Baueren.
Wie war es in der Universitaet? Auch nicht anders. Bestimmte Bücher dürften wir nicht lesen, bestimmte Musik war verboten. Die Polizei war hinter allen Frei- oder Andersdenkenden hinterher. Wer sich über die soziale Lage beschwerte war ein Kommunist. Wer sich über die Militaerkampagnen im Osten beschwerte war ein Verraeter oder Terrorist. Der Atatürk-Kult war so steif, nichts und niemand wurde geduldet. Die einzige Möglichkeit Leute hatten "anders" zu denken und nicht verfolgt oder gefoltert zu werden, was nicht gefaehrlich war, war die Religion. Kein Wunder das sich aus Teilen von ANAP und DYP die Refah gebildet hat.
Die steife kemalistische Denkweise hatten alle Parteien gemeinsam, nur als Gerede natürlich. Der Inhalt oder das Handeln war ALLEN Parteien egal. In der Schule durften wir keine Fragen bezüglich Atatürk stellen. Wir mussten genau das schreiben was alle hören wollten. Atatürk war ein Übermensch, Demokratisch, zum Westen gerichtet, er war der grösste Mensch im 20. Jahrhundert. Er machte nie Fehler, alles was er tat war sehr überlegt und immer richtig. Das glaubten wir wirklich alle.
Es wird zu lang, aber da ist so viel zu erzaehlen. Die Frage die ich immer stelle ist, war die AKP wirklich so plötzlich gekommen? Haben Kemalisten in der Hochmut und dem steifen Denken, zu dem alles und jeder gezwungen wurde, nicht etwas verpasst?