TÜRkenkalender oder die Zeit zur Ruhe zu kommen...

Dieses Thema im Forum "Gedichte und Geschichten - siir ve hikaye" wurde erstellt von Hanni Heini, 1 Dezember 2015.

  1. Hanni Heini
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    In diesem Thread möchte ich alle einladen, jeden Tag ein "Türchen zu öffnen" -
    oder wie wir im Ruhrpott sagen einen "TÜRkenkalender" erstellen.
    Jeden Tag werde ich einen besonderen Text hier posten, der vielleicht bewirkt, dass einige in diesen hektischen Tagen ein paar Minuten zur Ruhe kommen. Das sollen nicht unbedingt religiöse Texte sein, weil hier ja auch User sind, die keine Weihnachten/Advent feiern, bzw. Atheisten, Agnostiker und was es sonst noch alles so gibt.;) Kann aber.
    Da einige der großen Religionen geografisch gesehen, den gleichen Ursprung haben und es mehr Gemeinsamkeiten als Gegensätze gibt, wird wohl für jeden etwas dabeisein.
    (Wer sich beteiligen möchte ist herzlich eingeladen)
    Nun gut, langer Rede - kurzen Sinn, hier

    TÜRCHEN 1

    Genieße den Tag

    Wer möchte im Ernst unsterblich sein? Wer möchte bis in alle Ewigkeit leben?
    Wie langweilig und schal es sein müsste zu wissen:
    Es spielt keine Rolle, was heute passiert, in diesem Monat, diesem Jahr:
    Es kommen noch unendlich viele Tage, Monate, Jahre. Unendlich viele, buchstäblich. Würde, wenn es so wäre, noch irgend etwas zählen?
    Wir bräuchten nicht mehr mit der Zeit zu rechnen,
    könnten nichts verpassen, müssten uns nicht beeilen.
    Es wäre gleichgültig, ob wir etwas heute tun oder morgen, vollkommen gleichgültig. Millionenfache Versäumnisse würden vor der Ewigkeit zu einem Nichts,
    und es hätte keinen Sinn, etwas zu bedauern, denn es bliebe immer Zeit, es nachzuholen. Nicht einmal in den Tag hinein leben können wir, denn dieses Glück zehrt vom Bewusstsein der verrinnenden Zeit, der Müßiggänger ist ein Abendteurer im Angesicht des Todes, ein Kreuzritter wider das Diktat der Eile. Wenn immer überall Zeit für alles und jedes ist:
    Wo sollte da noch Raum sein für die Freude der Zeitverschwendung?



    Pascal Mercier​


     
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  2. Hanni Heini
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    Türchen 2

    Die Käuferin

    Ich bin eine alte Frau.
    Als Deutschland erwacht war,
    wurden die Unterstützungen gekürzt. Meine Kinder Gaben mir ab und zu einen Groschen.
    Ich konnte aber fast nichts mehr kaufen.
    Die erste Zeit ging ich also seltener in die Läden, wo ich früher täglich gekauft hatte.
    Aber eines Tages dachte ich nach, und dann
    ging ich doch wieder täglich zum Bäcker, zur Grünkramhändlerin
    Als alte Käuferin.
    Sorgfältig wählte ich unter den Esswaren, griff nicht mehr heraus als früher,
    doch auch nicht weniger, legte die Brötchen zum Brot und den Lauch zum Kohl,
    und erst wenn zusammengerechnet wurde, seufzte ich,
    wühlte mit meinen steifen Fingern in meinem Lederbeutelchen
    und gestand kopfschüttelnd, dass mein Geld nicht ausreiche, das Wenige zu bezahlen,
    und ich verließ kopfschüttelnd den Laden, von allen Kunden gesehen.
    Ich sagte mir:
    Wenn wir alle, die nichts haben,
    nicht mehr erscheinen, wo das Essen ausliegt,
    könnte man meinen, wir brauchten nichts.
    Aber wenn wir kommen und nichts kaufen können,
    weiß man Bescheid.


    Berthold Brecht
     
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  3. Hanni Heini
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    Türchen 3

    Gesetzt den Fall, ihr habt ein Schaf gekränkt -
    („Gesetzt den Fall“ heißt „nehmen wir mal an“) -,
    gesetzt den Fall es hat den Kopf gesenkt
    und ist euch böse – ja, was dann?

    Dann solltet ihr dem Schaf was Liebes sagen,
    ihr könnt ihm auch dabei den Rücken streicheln,
    ihr dürft nicht „Na? Warum so sauer?“ fragen,
    ihr müsst dem Schaf mit Freundlichkeiten schmeicheln.

    Sagt mir jetzt nicht: „Ich wohn doch in der Stadt,
    wo soll ich da um Himmelswillen Schafe kränken?“
    Ich gebe zu, dass das was für sich hat,
    doch bitte ich euch trotzdem zu bedenken:

    Ein gutes Wort ist nie verschenkt,
    nicht nur bei Schafen, sondern überall.
    Auch trefft ihr Schafe öfter, als ihr denkt.
    Nicht nur auf Wiesen. Und nicht nur im Stall.

    (Na wo denn noch?)



    Robert Gernhardt
     
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  4. Hanni Heini
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  5. Hanni Heini
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    Überraschung


    Auf meiner Wunschliste stehen: Ausschlafen können, Zeit für die Bücher der letzten Bescherung haben, in einer Sommerwiese liegen und den Wolken zusehen. Gibt’s alles nicht mit Schleife.

    Was also soll ich meinem Mann auf die zunehmend drängendere Frage nach meinen Wünschen antworten? Mache ich es ihm leicht und nenne ihm ebenso beiläufig wie eindeutig einen einfach zu erfüllenden Wunsch? Möchte ich, dass er sich wirklich Gedanken um mich macht und im Herzen erahnt, worüber ich mich freuen würde? Bleibe ich also verschwiegen und lasse eine hoffende Neugier durchblicken? Betone ich mehrfach, nein, ich brauch' ja nichts, nun, vielleicht eine Kleinigkeit, der Stimmung wegen? So setze ich ihn natürlich noch mehr unter Druck.

    Im letzten Jahr war ich weder entgegenkommend noch geheimnisvoll, sondern bat pragmatisch um Sparsamkeit. Und dann hat mein Mann es geschafft, mich sprachlos zu machen. Keine Ohrringe im Goldpapier, kein Verlegenheitsbuch, keine Dessous für die Schublade. Stattdessen ein unauffälliger Briefumschlag mit Behördenstempel. Die Försterin des Reviers Gelm auf Rügen lädt mich ein, sie zwei Tage lang bei ihren Aufgaben zu begleiten. „Bei jedem Waldspaziergang sagst du, die Arbeit der Förster würde dich wirklich interessieren.“ Darüber hat er tatsächlich nachgedacht. Und dann der Försterin geschrieben, um ihr von mir zu erzählen. Das kribbelt im Bauch und lacht im Herzen.

    Mein nächster Wunsch? ”„Bitte überrasch‘ mich wieder!“

    Inken Christiansen, aus: "Freude", Andere Zeiten e.V
     
  6. Hanni Heini
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    Der Segen meines Großvaters

    Wenn ich an den Freitagnachmittagen nach der Schule zu meinem Großvater zu Besuch kam, dann war in der Küche seines Hauses bereits der Tisch zum Teetrinken gedeckt. Mein Großvater hatte seine eigene Art, Tee zu servieren. Er gab bei ihm keine Teetassen, Untertassen oder Schalen mit Zuckerstückchen oder Honig. Er füllte Teegläser direkt aus einem silbernen Samowar. Man musste zuerst einen Teelöffel in das Glas stellen, denn sonst hätte das dünne Glas zerspringen können.

    Mein Großvater trank seinen Tee auch nicht so, wie es die Eltern meiner Freunde taten. Er nahm immer ein Stück Zucker zwischen die Zähne und trank dann den ungesüßten heißen Tee aus dem Glas. Und ich machte es wie er. Diese Art, Tee zu trinken, gefiel mir viel besser als die Art, auf dich ich meinen Tee zu Hause trinken musste.

    Wenn wir unseren Tee ausgetrunken hatten, stellte mein Großvater stets zwei Kerzen auf den Tisch und zündete sie an. Dann wechselte er auf Hebräisch einige Worte mit Gott. Manchmal sprach er diese Worte laut aus, aber meist schloss er einfach die Augen und schwieg. Dann wusste ich, dass er in seinem Herzen mit Gott sprach.
    Ich saß da und wartete geduldig, denn ich wusste, jetzt würde gleich der beste Teil der Woche kommen.

    Wenn Großvater damit fertig war, mit Gott zu sprechen, dann wandte er sich mir zu und sagte: "Komm her, Neshumele." Ich baute mich dann vor ihm auf, und er legte mir sanft die Hände auf den Scheitel. Dann begann er stets, Gott dafür zu danken, dass es mich gab und dass Er ihn zum Großvater gemacht hatte. Er sprach dann immer irgendwelche Dinge an, mit denen ich mich im Verlauf der Woche herumgeschlagen hatte, und erzählte Gott etwas Echtes über mich. Jede Woche wartete ich bereits darauf, zu erfahren, was es diesmal sein würde.

    Wenn ich während der Woche irgendetwas angestellt hatte, dann lobte er meine Ehrlichkeit, darüber die Wahrheit gesagt zu haben. Wenn mir etwas misslungen war, dann brachte er seine Anerkennung dafür zum Ausdruck, wie sehr ich mich bemüht hatte. Wenn ich auch nur kurze Zeit ohne das Licht meiner Nachttischlampe geschlafen hatte, dann pries er meine Tapferkeit, im Dunkeln zu schlafen.
    Und dann gab er mir seinen Segen und bat die Frauen aus ferner Vergangenheit, dich ich aus seinen Geschichten kannte - Sara, Rahel, Rebekka und Lea -, auf mich aufzupassen.

    Diese kurzen Momente waren in meiner ganzen Woche die einzigen, in der ich mich völlig sicher und in Frieden fühlte. In meiner Familie von Ärzten und Krankenschwestern rang man unablässig darum, noch mehr zu lernen und noch mehr zu sein. Da gab es offenbar immer noch etwas mehr, das man wissen musste. Es war nie genug.

    Wenn ich nach eine Klassenarbeit mit einem Ergebnis von 98 von 100 Punkten nach Hause kam, dann fragte mein Vater: "Und was ist mit den restlichen zwei Punkten?" Während meiner gesamten Kindheit rannte ich unablässig diesen zwei Punkten hinterher.

    Aber mein Großvater scherte sich nicht um solche Dinge. Für ihn war mein Dasein allein schon genug. Und wenn ich bei ihm war, dann wusste ich irgendwie mit absoluter Sicherheit, dass er Recht hatte.

    Mein Großvater starb, als ich sieben Jahre alt war. Ich hatte bis dahin nie in einer anderen Welt gelebt, in der es ihn nicht gab, und es war schwer für mich, ohne ihn zu leben. Er hatte mich auf eine Weise angesehen, wie es sonst niemand tat, und er hatte mich bei einem ganz besonderen Namen genannt - "Neshumele", was "geliebte kleine Seele" bedeutet.

    Jetzt war niemand mehr da, der mich so nannte. Zuerst hatte ich Angst, dass ich, wenn er mich nicht mehr sehen und Gott erzählen würde, wer ich war, einfach verschwinden würde. Aber mit der Zeit begann ich zu begreifen, dass ich auf irgendeine geheimnisvolle Weise gelernt hatte, mich durch seine Augen zu sehen.

    Und dass einmal gesegnet worden zu sein heißt, für immer gesegnet zu sein.


    Rachel Naomi Remen
     
  7. Hanni Heini
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    Türchen 7

    Lieber Gott, bis jetzt geht‘s mir gut...

    ... Ich habe noch nicht getratscht, die Beherrschung verloren,
    war noch nicht muffelig, gehässig, egoistisch oder zügellos.
    Ich habe noch nicht gejammert, geklagt, geflucht oder Schokolade gegessen.
    Die Kreditkarte habe ich auch noch nicht belastet.

    Aber in etwa einer Minute werde ich aus dem Bett klettern
    und dann brauche ich wirklich deine Hilfe ...



    Verfasser unbekannt
     
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  8. Hanni Heini
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    Türchen 8

    Die Politischen Gefangenen in Uruguay durften ohne Erlaubnis nicht reden,
    auch nicht pfeifen, lächeln, singen, schnell gehen oder andere Gefangene grüßen.
    Sie durften auch keine Bilder von schwangeren Frauen, Paaren,
    Schmetterlingen, Sternen oder Vögeln bekommen.

    Didako Perez war wegen »ideologischer Ideen« eingesperrt.
    Eines Tages wollte seine fünf Jahre alte Tochter Milay ihn sonntags besuchen
    und brachte eine selbstgemalte Zeichnung von einem Vogel mit.
    Die Gefängniswärter zerstörten das Bild am Eingang zum Gefängnis.

    Am folgenden Sonntag kam Milay mit einer Zeichnung mit Bäumen.
    Bäume sind nicht verboten und das Bild kommt durch.
    Didako lobt dieZeichnung seiner Tochter und fragt dann,
    was die die kleinen farbigen Punkte oben im Baum sind,
    die man kaum zwischen den Blättern sehen kann: »Sind das Orangen? Was für Früchte sind das?«

    Das Mädchen hält einen Finger vor ihren Mund und sagt leise »Pssst!«
    Dann flüstert sie in sein Ohr: »Bist du albern?
    Siehst du nicht, dass das Augen sind?
    Es sind die Augen der Vögel zwischen den Zweigen, die ich für dich herein geschmuggelt habe!«



    Eduardo Galeano
     
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    10 Thesen zur Vergebung



    [​IMG]
    1. Vergebung kann ein langer Prozess sein.


    2. Vergebung ist nicht von einem Geständnis abhängig.


    3. Vergebung erfordert keine übereinstimmende Auffassung von der Vergangenheit.


    4. Vergebung bedeutet, mein Recht auf Rache loszulassen.


    5. Vergebung bedeutet nicht Vergessen.


    6. Vergebung bedeutet, das Unrecht nicht immer wieder zur Sprache zu bringen.


    7. Vergebung bedeutet nicht, das Verhalten einer anderen Person zu entschuldigen.


    8. Vergebung bedarf vorab einer Entscheidung.


    9. Vergebung bedeutet nicht unbedingt, erneut zu vertrauen.


    10.Vergebung ist Voraussetzung für Neuanfang.




    Luxemburger Kommission »Justitia Et Pax«
     
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  10. Hanni Heini
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    Türchen 10


    Typisch!

    „Eine ältere Frau kauft sich im Schnellrestaurant eine Suppe.
    Sie trägt den dampfenden Teller an einen der Stehtische
    und hängt ihre Handtasche darunter.
    Dann geht sie noch einmal zur Theke, um einen Löffel zu holen.

    Als sie zurückkehrt, sieht sie am Tisch einen dunkelhaarigen
    Mann, der ihre Suppe löffelt.
    Typisch Ausländer, was fällt dem ein!?, denkt die Frau empört.
    Sie drängt sich neben ihn, sieht ihn wütend an und taucht ihren Löffel
    ebenfalls in die Suppe. Sie sprechen kein Wort, aber nach dem Essen
    holt der Mann für sie beide Kaffee und verabschiedet sich dann höflich.

    Erstaunt bedankt sich die Frau mit einem Lächeln.
    Als sie ebenfalls gehen will, findet sie ihre Handtasche nicht.
    Also doch ein hinterhältiger Betrüger.
    Das hätte man sich gleich denken können!
    Mit rotem Gesicht schaut sie sich um.
    Er ist verschwunden.

    Aber am Nachbartisch sieht sie ihre Handtasche hängen.
    Und einen Teller Suppe, inzwischen kalt geworden. “


    aus "Typisch!", Andere Zeiten e.V.
     
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