AW: Türkische Mafia und die Liebe
"Mich gruselte, mit so was war ich in Österreich in meiner kleinen heilen Welt noch nie konfrontiert. Die Donau schwemmt selten Leichen an, und wenn, hab ich bestimmt gar nichts damit zu tun, nicht mal im Entferntesten, ich kenn nicht mal jemanden, der jemanden kennt, der jemanden kennen könnte, der damit zu tun hat.
Ich begann hellhörig zu werden. Noch viel zu oft stand mir meine unschuldige Denkensweise im Weg, aber dies war immerhin der Beginn, der mich dazu bewegte, skeptisch zu werden und manchmal genauer hinzusehen. "
Aber jetzt, in diesem Kaffeehaus, nach dieser unglaublichen Nachricht, dachte ich weniger an mich oder die Hintergründe, sondern war voller Sorge um die Gefühlswelt meines geliebten Ali, der schließlich soeben die Nachricht erhalten hatte, dass sein guter Freund auf grausamste, besonders qualvolle Weise ermordet worden war.
Er drängte zu gehen, er wollte nicht wirklich mit mir sprechen, er wollte zu Cem. (Name geändert) Ich hörte das erste Mal diesen Namen, hatte nie zuvor von ihm gehört. Ich ging einfach schweigend mit, da mir einerseits sowieso die Worte fehlten, ich andererseits auch einfach zu wenig Ahnung hatte, was genau da vorgefallen war. Mir war es nur zu verständlich, dass er zu Freunden wollte.
In einer Seitenstraße gingen wir in ein sehr unscheinbares Teehaus. Wir öffneten die Tür, kamen in einen recht großen Raum, in dem spärlich kleine Tische standen. Die Einrichtung war spartanisch, es wirkte eher kalt, dunkel und nicht sehr einladend. Zu meiner Verwunderung war der gesamte Raum leer, nicht ein einziger Gast trank hier Tee. Beinahe wirkte es, als wäre hier eigentlich geschlossen. Ich war bereits dabei umzukehren, Cem schien hier ja wohl nicht zu sein. Ali jedoch ging zielstrebig durch den Raum. Erst jetzt erkannte ich, dass die Rückwand des Raumes aus Glas war, hinter der ein dunkler, dichter Vorhang hing. Die Glaswand ließ sich per Schiebetür beiseite schieben und wir gingen durch den Vorhang. Da waren sie wieder! Meine so verhassten Tische mit grünem Samt. Der Raum war recht klein, 4 Tische hatten Platz, auf denen man sehr beengt saß, wenn alles voll war. Zur Linken eine kleine Theke, dahinter der Kellner, der Tee kochte und servierte und permanent damit beschäftigt war, Aschenbecher auszuleeren. Die Rückwand des Raumes war wiederum aus Glas, samt Schiebetür, mit Blick auf einen romantisch anmutenden Innenhof, in dem ein wunderschöner, marmorner Springbrunnen stand, malerisch umrahmt von Dattelpalmen. So trostlos der vordere Bereich des Lokals wirkte, so pulsierte hier das Leben. Jeder schien sich zu kennen, es wurde quer über die Tische geplaudert und gelacht. Manche lasen Zeitung, andere lösten Kreuzworträtsel, die nächsten spielten Backgammon in gemütlicher Plauderlaune. Es gefiel mir hier und ich sollte noch viele, viele Nachmittage hier verbringen. Alle begrüßten mich herzlich, lächelten mir zu, versuchten ein paar Brocken Englisch oder Deutsch aus dem Gedächtnis zu rufen, es war so anders als bei Deniz!
Unter den Gästen waren alle Altersklassen vertreten, nur die Kellner, das fiel mir auf, waren allesamt sehr jung, vielleicht um die 25 Jahre. Nur selten verirrte sich ein Gast von der Straße in den vorderen Bereich um Tee zu bestellen, dieses Lokal ging meiner Meinung nach außerordentlich schlecht. Um so mehr wunderte es mich, dass die Gäste im hinteren Bereich ihr Bier selber mitbrachten, wie selbstverständlich zum Kühlschrank hinter der Theke gingen, um dort Sachen einzukühlen oder sich ungefragt Diverses herauszunehmen. Manchmal begann irgendjemand der Gäste etwas hinter der Bar auf der kleinen Kochplatte zu kochen, meistens Eintopf oder Suppe, breitete dann über alle Tische Zeitungspapier aus, zum Schutze des Samts und ausnahmslos jeder bekam seinen Teller Essen. Einfach so, ich sah nie, dass sie dafür bezahlten. Mir schien, als würde sie sich wohl abwechseln. Mir war schleierhaft, wieso die Kellner dies zuließen. Das mitgebrachte Bier konnte ich mir erklären. Dieses Teehaus wird wohl keine Konzession besitzen, Alkohol auszuschenken, darum wird es ein Entgegenkommen des Besitzers sein, damit Leute hier bleiben und vielleicht doch Softdrinks oder Kaffe und Tee konsumieren. Nach einiger Zeit der Beobachtung fragte ich Ali, warum der Teil vom vorderen abgetrennt ist. Heute ist es mir so unbegreiflich, warum nach seiner Antwort bei mir nicht alle Alarmglocken zu läuten begannen. Vielleicht wollte Ali mir damit sogar