Türkische Mafia und die Liebe

eternelle

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AW: Türkische Mafia und die Liebe

hallo :)

...und weiter gehts....tut mir leid, dass es so schleppend vor sich geht, aber langsam nähern wir uns dem ende, ein besuch noch im februar, dann ist die geschichte endlich vorbei.
Aber jetzt noch die Fortsetzung von Silvester...

übrigens hab ich vor 20 Minuten, während ich an der Fortsetzung geschrieben habe, folgendes sms bekommen, das muss er wohl gespürt haben :icon_eyecrazy:

"There is no one in this world for me. just i miss you much. like every day. kiss you. Take care my angel"
 

eternelle

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AW: Türkische Mafia und die Liebe

"Mich gruselte, mit so was war ich in Österreich in meiner kleinen heilen Welt noch nie konfrontiert. Die Donau schwemmt selten Leichen an, und wenn, hab ich bestimmt gar nichts damit zu tun, nicht mal im Entferntesten, ich kenn nicht mal jemanden, der jemanden kennt, der jemanden kennen könnte, der damit zu tun hat.
Ich begann hellhörig zu werden. Noch viel zu oft stand mir meine unschuldige Denkensweise im Weg, aber dies war immerhin der Beginn, der mich dazu bewegte, skeptisch zu werden und manchmal genauer hinzusehen. "




Aber jetzt, in diesem Kaffeehaus, nach dieser unglaublichen Nachricht, dachte ich weniger an mich oder die Hintergründe, sondern war voller Sorge um die Gefühlswelt meines geliebten Ali, der schließlich soeben die Nachricht erhalten hatte, dass sein guter Freund auf grausamste, besonders qualvolle Weise ermordet worden war.
Er drängte zu gehen, er wollte nicht wirklich mit mir sprechen, er wollte zu Cem. (Name geändert) Ich hörte das erste Mal diesen Namen, hatte nie zuvor von ihm gehört. Ich ging einfach schweigend mit, da mir einerseits sowieso die Worte fehlten, ich andererseits auch einfach zu wenig Ahnung hatte, was genau da vorgefallen war. Mir war es nur zu verständlich, dass er zu Freunden wollte.

In einer Seitenstraße gingen wir in ein sehr unscheinbares Teehaus. Wir öffneten die Tür, kamen in einen recht großen Raum, in dem spärlich kleine Tische standen. Die Einrichtung war spartanisch, es wirkte eher kalt, dunkel und nicht sehr einladend. Zu meiner Verwunderung war der gesamte Raum leer, nicht ein einziger Gast trank hier Tee. Beinahe wirkte es, als wäre hier eigentlich geschlossen. Ich war bereits dabei umzukehren, Cem schien hier ja wohl nicht zu sein. Ali jedoch ging zielstrebig durch den Raum. Erst jetzt erkannte ich, dass die Rückwand des Raumes aus Glas war, hinter der ein dunkler, dichter Vorhang hing. Die Glaswand ließ sich per Schiebetür beiseite schieben und wir gingen durch den Vorhang. Da waren sie wieder! Meine so verhassten Tische mit grünem Samt. Der Raum war recht klein, 4 Tische hatten Platz, auf denen man sehr beengt saß, wenn alles voll war. Zur Linken eine kleine Theke, dahinter der Kellner, der Tee kochte und servierte und permanent damit beschäftigt war, Aschenbecher auszuleeren. Die Rückwand des Raumes war wiederum aus Glas, samt Schiebetür, mit Blick auf einen romantisch anmutenden Innenhof, in dem ein wunderschöner, marmorner Springbrunnen stand, malerisch umrahmt von Dattelpalmen. So trostlos der vordere Bereich des Lokals wirkte, so pulsierte hier das Leben. Jeder schien sich zu kennen, es wurde quer über die Tische geplaudert und gelacht. Manche lasen Zeitung, andere lösten Kreuzworträtsel, die nächsten spielten Backgammon in gemütlicher Plauderlaune. Es gefiel mir hier und ich sollte noch viele, viele Nachmittage hier verbringen. Alle begrüßten mich herzlich, lächelten mir zu, versuchten ein paar Brocken Englisch oder Deutsch aus dem Gedächtnis zu rufen, es war so anders als bei Deniz!
Unter den Gästen waren alle Altersklassen vertreten, nur die Kellner, das fiel mir auf, waren allesamt sehr jung, vielleicht um die 25 Jahre. Nur selten verirrte sich ein Gast von der Straße in den vorderen Bereich um Tee zu bestellen, dieses Lokal ging meiner Meinung nach außerordentlich schlecht. Um so mehr wunderte es mich, dass die Gäste im hinteren Bereich ihr Bier selber mitbrachten, wie selbstverständlich zum Kühlschrank hinter der Theke gingen, um dort Sachen einzukühlen oder sich ungefragt Diverses herauszunehmen. Manchmal begann irgendjemand der Gäste etwas hinter der Bar auf der kleinen Kochplatte zu kochen, meistens Eintopf oder Suppe, breitete dann über alle Tische Zeitungspapier aus, zum Schutze des Samts und ausnahmslos jeder bekam seinen Teller Essen. Einfach so, ich sah nie, dass sie dafür bezahlten. Mir schien, als würde sie sich wohl abwechseln. Mir war schleierhaft, wieso die Kellner dies zuließen. Das mitgebrachte Bier konnte ich mir erklären. Dieses Teehaus wird wohl keine Konzession besitzen, Alkohol auszuschenken, darum wird es ein Entgegenkommen des Besitzers sein, damit Leute hier bleiben und vielleicht doch Softdrinks oder Kaffe und Tee konsumieren. Nach einiger Zeit der Beobachtung fragte ich Ali, warum der Teil vom vorderen abgetrennt ist. Heute ist es mir so unbegreiflich, warum nach seiner Antwort bei mir nicht alle Alarmglocken zu läuten begannen. Vielleicht wollte Ali mir damit sogar
 

eternelle

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AW: Türkische Mafia und die Liebe

ganz bewusst einen Hinweis geben, den ich nicht verstand. Er war nämlich sehr ernst, und sprach langsam: „Vorne sind normale Leute, hier hinten sind wir eine Familie“

Die Verbindung von Familie zu Mafia war mir entweder zu naheliegend, um sie wahrzunehmen oder ich war es einfach gewöhnt solche Ausdrücke zu hören. Es war recht häufig, dass er mir Freunde vorstellte, bei denen er meinte, er sei „wie ein Bruder“, als Zeichen, dass es ein vertrauter, inniger Freund sei. Seine Freunde nannten und riefen mich sogar im Gegenzug „Yenge“, was so viel wie „Schwägerin“ bedeutet, ein Zeichen der Anerkennung als Frau deren „Bruder“. Genau in diesem Zusammenhang der Freundschaft und tiefen Verbundenheit verstand ich auch dieses „Familie-sein“ im Hinterzimmer. Ich weiß bis heute nicht, wie Ali diesen Satz gemeint hat. Auf jeden Fall dachte ich mir gar nichts dabei, empfand die ungezwungene, private Atmosphäre sogar als sehr angenehm, ja, familiär.
An einem Tisch saß nun auch endlich Cem, der mir sogleich vorgestellt wurde. Cem war ein kleiner Mann Mitte 40, mit rundlichem Gesicht, dunkelbraunem kurz geschnittenem Vollbart. Seine Augen wirkten stets ängstlich, selbst, wenn er lächelte. Er war ruhig, wirkte eher schüchtern, war nie besonders herzlich zu mir, eher freundlich distanziert. Wenn ich ihn nicht ansah, bemerkte ich oft, dass er mich mit traurigen, nachdenklichen Augen musterte, wohlgesonnen, aber eben immer mit diesem angsterfüllten Blick.

Erst viel später erfuhr ich, dass Cem ein wichtiger Mann war, der Besitzer des Lokals, oder der „Anführer“ der Gruppierung, die sich hier traf, der Organisator, oder einfach nur der Mittelsmann, der das Lokal führen musste, ich weiß nicht, was er war.
Was ich später vielmehr wusste, war, dass dies ein Treffpunkt einer kriminellen Gruppierung war. Das Cafe vorne im Straßenbereich war nur zum Schein, oft war es sogar abgeschlossen und wir mussten laut klopfen, dass man uns hinten hörte und aufsperrte. Die „Kellner“ waren keine. Es war der junge aufstrebende kriminelle Nachwuchs, die ganz unten auf der Karriereleiter standen. Ihre Aufgabe war es, den Höherrangigen zu dienen, ihnen Getränke zu bringen und ihren Mist aufzusammeln. Sie saßen nie. Selbst wenn nichts zu tun war, alle Aschenbecher geleert waren, standen sie, redeten zurückhaltend mit den „Alten“, lehnten höchstens an der Bar, nie sah ich einen von ihnen an einem Tisch sitzen. Sie erledigten Botengänge und einmal sah ich einen der „Kellner“ vor dem Cafe ein Auto waschen.

Diese Art von Treffpunkten in Hinterzimmern in „Scheincafes“ dürfte sehr üblich sein. Nach meiner Rückkehr recherchierte ich in diversen Nachrichten.

„Organisierte Kriminalität in der Türkei.
Am Sonntag den 26. März überfielen Anhänger eines bekannten, zur Zeit im Istanbuler Bayrampasa-Gefängnis einsitzenden Bandenchefs ein Lokal, das als Treffpunkt einer anderen Bande gilt…. Die Angreifer eröffneten von außen das Feuer auf die Gäste des Lokals und hinterließen eine große Zahl von Verletzten.“
„Dündar Kilic begann 1967 mit einem Cafe im Istanbuler Stadtteil Beyoglu, der sich tagsüber mit dem Ausschank von Tee und Kaffee begnügte, bei einbrechender Dunkelheit jedoch dem Glücksspiel widmete. 1967 wurde Dündar Kilic von mehreren Männern überfallen. Sie eröffneten vor seinem Cafe das Feuer auf ihn. Bei dem darauf folgenden Schußwechsel wurde ein Angreifer getötet, ein anderer verletzt. Kilic wurde schwer verletzt festgenommen und verbrachte lange Zeit in Krankenhaus und Gefängnis. Nach seiner Entlassung entwickelte sich Kilic zu einem der wichtigsten Vertreter der türkischen Unterwelt. Er beschäftigte sich nun nicht mehr ausschließlich mit Glücksspiel sondern erweiterte seine Aktivitäten auch auf andere Bereiche. Zu einer seiner ersten Aktivitäten nach seiner Gefängnisentlassung gehörte es, ein Kontaktnetz zu Spitzenbeamten der Verwaltung, zu Geheimdienst und Sicherheitsapparat und zur Polizei aufzubauen. Den einen verschaffte er Autos, anderen Waffen, Schutz oder ein gutes Zusatzgehalt.“
 

eternelle

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AW: Türkische Mafia und die Liebe

Eine gewisse Hierarchie war in „Cems place“, wie Ali diese Lokalität immer nannte, deutlich zu spüren. Erschien jemand neu im Raum, war umgehend an den Reaktionen der Anwesenden erkennbar, welche Stellung dieser einnahm. Einmal war dies so deutlich zu spüren, dass ich heute noch Beklemmungen spüre, wenn ich daran denke.
Ali und ich verbrachten viele Nachmittage und Abende bei Cem, ich fühlte mich seltsamerweise dort wohl und sicher. Der Kaffee war billigst, man bekam immer eine warme Mahlzeit (auch wir luden manchmal ein, gingen vorher zum Metzger und Ali kochte dann hinter der Bar), der Fernseher lief immer und die Atmosphäre war entspannt und fröhlich, wie in einem Wohnzimmer. Dass ich hier mit Mördern, Zuhältern und Frauenhändlern an einem Tisch saß, wusste ich noch immer nicht. Ich sprach zwar nie mit den Leuten, sah meist auf den Fernseher und trainierte dadurch mein Türkisch, aber ich fühlte mich wortlos willkommen und schweigend akzeptiert. Dass ich in all der Zeit nur ein einziges Mal eine Frau zu Gesicht bekam, störte mich schon nicht mehr, daran hatte ich mich gewöhnt. Ich sprach oft mit Ali darüber und er war Gott sei dank meiner Meinung, dass er ebenso nicht verstehe, warum die Frauen zu Hause sitzen sollten, während die Männer im „Kaffeehaus“ saßen. Er versprach mich immer und überall mit dabei haben zu wollen. Wahrscheinlich waren die Frauen der hier Anwesenden einfach nur schlauer als ich, erkannten die Gefahr und wollten Distanz wahren und mit diesen Verbrechern nichts zu tun haben, während ich dümmlich grinsend meinen Kaffee schlürfte und keinen blassen Schimmer hatte, wo ich hier war…

Eines Tages öffnete sich die Schiebetür. Mit Sicherheit bildete ich mir es nur ein, aber mir war, als blies mir ein eiskalter Windhauch entgegen, die Zimmertemperatur sank um ein paar Grad. Ich sah auf und schauderte. Herein kam ein Mann Mitte 40, gepflegt und attraktiv, pechschwarze kurze Haare, eine Strähne, die ihm in die Stirn fiel. Ein schwarzer Rollkragenpullover versteckte seinen muskulösen Oberkörper. Der breite Hals mit hervorstehenden Adern ging in eine markante Kinnpartie über mit kantigen Kieferknochen. Dazu ein aufgestellter Kragen einer schwarzen, eng anliegenden Lederjacke zu einer schwarzen Leinenhose und schwarz polierten Schuhen. Was mir aber beinah das Blut gefrieren ließ, waren seine Augen. Sie waren so kalt und brutal, wie ich sie noch nie in meinem gesamten Leben zu Gesicht bekommen habe. Augen, die nicht leblos wirkten, wie die so vieler hier, sondern voll bösartiger Kraft, voll Energie und Tatendrang, aber in solch beängstigender Weise. Dazu seine Erscheinung, schwarz in schwarz, eine Ausstrahlung, die so eisig und empfindungslos den ganzen Raum erfüllte. Wäre dies ein Casting für einen psychopathischen Serienmörder, er hätte die Stelle. Ich hatte Angst. Reflexartig ergriff ich Alis Hand. „Wer ist das…“ flüsterte ich ihm zu. Ali aber sah auf, ließ meine Hand aus, stand auf und ging lächelnd zu ihm, sie begrüßten sich herzlich mit einem Kuss auf die Wange. Es wurde still im Raum. Der Reihe nach standen alle auf, gingen auf den Mann zu, begrüßten ihn voller Respekt. Cem persönlich servierte ihm Getränke. Plötzlich wurde nur mehr leise gesprochen, niemand lachte. Die Stimmung war kaum auszuhalten. Ich war wie erstarrt und hatte so unsagbare Angst, die ich mir heute nicht mehr erklären kann. Hatte ich doch schon mehr Vermutungen, als ich mir bewusst zugestand? Warum hatte ich Angst vor jemanden, den ich nicht kannte? Es war unbeschreiblich. Ich sah ihn nach diesem ersten Mal noch zwei weitere Male. Jedes Mal hatte ich das Gefühl, das jeder die Luft anhielt, wenn er erschien. Einmal war er spät nachts in dem Lokal, in dem wir Tage zuvor Silvester gefeiert hatten. Das gesamte Lokal war wie gelähmt, einschließlich mir. Jedes mal fiel mir auf, dass erst wieder nach seinem Verschwinden die Lautstärke der Unterhaltung stieg und wieder gelacht werden durfte. Wer war dieser Mann, der mit seinem bloßen Erscheinen Menschen vor Angst erstarren ließ. Ali wich mir aus, er meinte nur er sei „wie sein Bruder“, und ich brauche mir keine Gedanken machen.
 

eternelle

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AW: Türkische Mafia und die Liebe

Das zweite Mal sah ich ihn wieder in Cems place. Ich war gerade auf der Toilette, und als ich zurück kam, saß er auf meinem Sessel, auf dessen Rückenlehne noch meine Jacke hing. Ich war wieder wie gelähmt, mein Herz raste, ich setzte mich sofort neben Ali auf einen anderen Sessel. Ich hatte eine Fieberblase auf der Lippe und brauchte dringend meine Lippensalbe, die in meiner Jackentasche war. Ich wagte es nicht, den Mann anzusprechen und mich schauderte, wenn ich sah, dass er sich an meine Jacke lehnte. Normalerweise wäre dies kein Problem für mich gewesen, ich gehe gerne auf fremde Leute zu, behauptete mich hier, in dieser Männergesellschaft, ganz gut, aber diesen Mann wagte ich nicht anzusprechen. Ich schmiegte mich an Ali und sagte ihm wieder leise, dass ich vor diesem Mann solche Angst hätte. Ali lachte herzhaft. Er meinte, er habe einen sehr guten Kontakt zu ihm. Dieser kann es in der Öffentlichkeit aber nicht so zeigen, da darf er sich nicht freundschaftlich geben, aber als sie beide auf der Toilette waren, hätte er Ali nach mir gefragt. Er hat daraufhin Ali und mich zu sich in seine „Villa“ eingeladen zum Grillen und er habe mich „Yenge“ genannt. Mir wurde schlecht.

Der Mann, Ali sagte mir mehrmals seinen Namen, aber ich vergaß oder verdrängte ihn stets wieder, verließ plötzlich aufgebracht mit einem anderen Mann das Lokal in Richtung Innenhof, stellte einen Fuß lässig auf den Brunnensockel, wieder ganz in schwarz gekleidet, in der Hand eine Gebetskette aus pechschwarzen Kugeln, die er entspannt zwischen den Fingern hin und her gleiten ließ. Ich spähte durch einen Spalt im Vorhang hinaus in den Innenhof. Neben ihm ein gebückter Mann, voller Angst, der redete und gestikulierte, als ginge es um sein Leben. Der Mann in Schwarz verzog keine Miene, sein Gesicht war versteinert, eiskalt, nur die Kette zwischen seinen Fingern, mit der er spielte, zeigte einen Hauch von Lebendigkeit. Im Raum herinnen war Aufregung zu spüren, nicht zu laut und nicht zu auffällig, aber doch in den Augen der Anwesenden ablesbar. Versteht man eine Sprache nicht, wird man zu einem hervorragenden Beobachter nonverbaler Kommunikation, legt viel mehr Augenmerk auf Körpersprache, Gestik und Mimik und nimmt Schwingungen wahr, die man nicht wahrnimmt, verlässt man sich alleinig auf die verbale Sprache. Der Mann ohne Namen am Brunnen strahlte Macht aus, seine Reglosigkeit und Eiseskälte unterstrich er mit der permanenten flinken Bewegung seiner Finger, die die schwarzen Perlen in Windeseile durch seine Hänge gleiten ließen. Er spielte mit den Perlen, und mir erschien es, als spielte er mit dem Schicksal des untertänigen Mannes an seiner Seite, der noch immer wild gestikulierte. Seine Verzweiflung rief Mitleid in mir hervor, er war den Tränen nahe.
Unspektakulär endete die Unterredung, beide verließen das Lokal. Angestrengt lauschte ich den darauffolgenden aufgeregten Gesprächen der Zurückgebliebenen im Lokal. Ein Wort fiel ständig. Ich vergewisserte mich, hörte noch genauer zu, aber immer und immer wieder fiel ein Wort.

„Patron“

Der Mann in Schwarz, der Mann ohne Namen, war der Patron. Ali bestätigte später meine Vermutung, er erklärte es mir in seinen Worten: “He is Mafia Chef von Antalya“

Antalya ist 120km entfernt, hat um die 800.000 Einwohner und genau einen davon lerne ich kennen, den Patron, der mich auf eine Barbecue Party in seine Villa einlädt.

Ali erzählte mir, er sei stets auf Durchreise, sei nie lang an einem Ort. Als ich später, bei meinem nächsten Besuch, nach ihm fragte, hieß es immer wieder, er sei wieder weg, man wisse nie genau, wo er gerade sei und ich war froh, dass er weit, weit weg war. Sehr froh. Wie ich später recherchierte gibt es im Mafianetz eine ganz und gar ausgeprägte Hierarchie.

„An der Spitze steht der Patron, der seiner Klientel Schutz und Hilfe gewährt und dafür Ergebenheit und Unterstützung in der Masse fordert. Je größer die Anzahl der Klientel und der Unter-Patrone ist, desto größer ist auch der Einfluss des obersten Patrons“

Ich weiß nicht, wie viele „Unter-Patrone“ es in Antalya gibt und wie viele „Unter-Unter-Patrone“ aber irgendeinen von denen, dessen Einfluss mir unbekannt ist, muss ich da wohl kennengelernt haben.
 

eternelle

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AW: Türkische Mafia und die Liebe

An einem Abend in diesem Jänner waren wir alleine in einem Musiklokal, ahnungslos und doch schon leicht verunsichert, wie ich war, sprach ich Ali an. Ich fragte ihn, was all die Leute bei Cem beruflich machen. Er wich mir aus, wo er nur konnte. Er kam irgendwann auf sich selber zu sprechen, dass im Herbst und Winter alles ruht, kein Tourismus ist und alle versuchen sich irgendwie über Wasser zu halten. Die gesamte Branche, von Kellner über Koch, Servicekraft, Lokalbesitzer oder Souvenirshop-Arbeiter die Zeit bis Frühling überbrücken. Dadurch die Männer viel in Lokalen sitzen, Zeitung lesen oder spielen, manchmal auch für Geld, aus Langeweile oder Geldmangel. Bei Cem spielten sie kaum um Geld, es ging tatsächlich viel mehr um Zeitvertreib, Medizin gegen die Langeweile der Arbeitslosigkeit. Was ich hier schon alles erwähnt habe, erfuhr ich ja viel später, also schlussfolgerte ich zu diesem Zeitpunkt noch klug: “Also sind alle bei Cem auch, wie du, im Tourismus tätig?“ Ihm entfuhr ein Lachen. Dieser Moment sollte für mich ein Schlüsselerlebnis werden. Er lächelte. Unzählige Sekunden sah er mich schweigend an, liebevoll, voll Wärme und Zuneigung. Er saß mir gegenüber und nahm meine Hand, streichelte sie sanft, mit seiner anderen Hand strich er über meine Wange, beugte sich zu mir und küsste mich. „Yes, my love“. Er sah mich mit sanften, liebevollen Augen an, „Yes, they are in tourism“ Er nickte, als wolle er sein Gesagtes noch unterstreichen, wirkte aber dabei so unehrlich, wie ein Vater, der seinem Kind liebevoll versichert, dass es das Christkind natürlich gibt. Genau mit diesem Blick sah er mich an. Er erkannte die Unschuld in mir, verstand nun wirklich, dass ich in einer anderen Welt lebte und ich glaube auch zu wissen, dass er mich schützen wollte. Wie ich später erfuhr, fand er es rührend, wie blauäugig ich war. Umso mehr stieg sein Drang mit mir ein neues Leben zu beginnen, mit einer Frau, die von all dem keine Ahnung hatte. Ein neues Leben weit weg aller Probleme.
 

gül1963

New Member
AW: Türkische Mafia und die Liebe

Danke, eternelle, für´s Weiterschreiben!
Als ich die Stelle mit dem schwarz gekleideten Mann las, bekam ich eine richtige Gänsehaut...
lg gül
 
G

Gast

Guest
AW: Türkische Mafia und die Liebe

vielen dank für deine fortsetzung. ich hatte das gefühl, mit dir in diesem hinterraum zu sitzen und selbst diese kälte zu spüren.

kleine anmerkung: wäre es nicht besser für dich, deine telefonnummer zu wechseln, um gerade NICHT weitere sms zu bekommen?
 

rüzgar

Well-Known Member
AW: Türkische Mafia und die Liebe

Eternelle, ich danke Dir für die Fortsetzung Deiner Geschichte, für die Kraft, das Ganze aufzuschreiben, für den Mut, es hier zu veröffentlichen!

Du beschreibst nonverbale Kommunikation so bildlich, unterschwellige Stimmung so prickelnd, dass man gebannt ist und glaubt hautnah dabei zu sein.

Und übrigens zu Deiner Anmerkung...
übrigens hab ich vor 20 Minuten, während ich an der Fortsetzung geschrieben habe, folgendes sms bekommen, das muss er wohl gespürt haben :icon_eyecrazy:

"There is no one in this world for me. just i miss you much. like every day. kiss you. Take care my angel"
mag für manche vielleicht nach Hokuspokus klingen, aber ich glaube daran, dass Gedanken eine große Energie haben - mir ist es genau in solchen Momenten schon ähnlich passiert *gänsehaut*
Wenn ein Schmetterlingsflügelschlag auf der anderen Seite der Welt Wirbelstürme verursachen können, welche Macht haben dann unsere Gedanken /Gefühle?!
 

Capone

Gesperrt
AW: Türkische Mafia und die Liebe

Mich würde es mal wirklich interessieren wann du das endlich veröffentlichst .....!

Ich bleib dabei was ich ganz am anfang schrieb !
(lese seit hundert Jahren nicht mehr mit )
Die resonanz ist ja jut , wie man sieht ...reich es ein und man wird sehen ?
Gruß!
 
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