AW: 1991 - Das Jahr in dem alles begann...
Die Jahre gingen ins Land, wir lernten uns immer besser kennen und ich wage zu behaupten, dass mich bis heute niemand, aber wirklich niemand besser kennt als er.
Wir verbrachten auch öfters mal ein paar Tage in Istanbul, der wohl faszinierendsten Stadt die ich kenne.
In Touristengebiete am Meer fuhren wir nie. Er wollte das nicht. Er ekelte sich vor dem Lebensstil seiner Landsleute, die dort in der Tourismusbranche arbeiteten.
Bis zum Jahr 1996 war er nicht einmal in Europa, geschweige denn bei mir in der Schweiz. Es gab viele Diskussionen darüber. Ich konnte ihn in dieser Hinsicht einfach nicht verstehen.
Seine Meinung war ganz klar. Er muss ein Visum beantragen, und somit setzt er sich auf die gleiche Ebene wie all diejenigen, die eine europäische Freundin als Freipass für die Ausreise nach Europa benutzen.Na ja ich fand/finde dies sehr pauschalisierend, aber in dieser Hinsicht biss ich auf Granit.
1996 erhielt er einen Diplomatenpass und somit die Möglichkeit auszureisen wann und wohin er immer wollte. Auch besuchte er zu der Zeit viele Kongresse und Weiterbildungen auf der ganzen Welt. So trafen wir uns in den nächsten Jahren oft auch in den verschiedensten Städten der Welt.
Als immer- noch-Studentin, hatte ich so gut wie kein Geld,versuchte aber zumindest meine Flüge teilweise selber zu bezahlen. Und Fliegen war zu dieser Zeit noch s...teuer.
Unser Hauptthema in den Jahren 1995-1999 war wohl die gemeinsame Zukunft.
Wir hatten uns eine Beziehungsbasis geschaffen, auf der wir eine Zukunft aufbauen hätten können.
Aber...
Die Diskussionen führten immer ins Leere. Für ihn war es ein Ding der Unmöglichkeit in der Schweiz oder auch sonst wo zu leben. Er hatte/hat einen unglaublich tollen Job, der sehr viel Geld einbrachte, die Karriereleiter hatte noch unendlich viele Sprossen nach oben übrig, und seine Familie war/ist auf ihn angewiesen.
Die Vorstellung in die Türkei zu ziehen verursachte bei mir unglaubliche Bauchkrämpfe.
Vor allem, nachdem ich 1997 seine Familie kennengelernt hatte.
Eltern die unglaublich konservativ und höchst religiös waren, Schwestern die nach kultureller Weise schon mit 20 verheiratet waren und Kinder hatten. Super ...
Hausfrau und Mutter war wohl das letzte, was mir nach einem anstrengenden 6-jährigen Studium vorschwebte.
Klar, er war modern, kritisch, hinterfragend und weltoffen. Aber wenn ich eines gelernt hatte in den Jahren, in denen ich mit ihm zusammen war, war das dies:
Unterschätze nie den Einfluss der Sippschaft.
Auch war das Zusammentreffen mit seiner Familie sehr zwiespältig.
Alle waren sehr freundlich ich wurde herzlich aufgenommen, umarmt geküsst und was alles dazu gehört.
Natürlich übernachteten wir dort in getrennten Räumen.
Aber...
Sein Vater mochte mich glaube ich wirklich. Seine Mutter hatte sich aber sehr wohl etwas besseres für ihren einzigen Sohn vorgestellt.
Nie hat sie sich das anmerken lassen, nie hat sie es erwähnt.
Aber mein freund war schon immer eine ehrliche Haut und konnte auch schlecht etwas vor mir verbergen.
Er erzählte mir, dass er tausende von Diskussionen mit seiner Mutter gehabt hätte und sie mich einfach als Schwiegertochter nicht akzeptieren könne.
Ich bin keine Jungfrau, erster Fehler, ich habe die falsche Religion, ich bin zu emanzipiert. Ich habe studiert - braucht Frau nicht... und und und...
Nun, wenn ich zum Islam konvertieren würde, als Hausfrau und Mutter in der Türkei leben würde, könnte sie sich damit anfreunden...
Halt! Aber ich nicht!
Auch mein Freund wollte mir das nicht zumuten. Ich wäre dann nicht mehr die Person, die er kennengelernt hatte, nicht mehr der eigensinnige unkonventionelle Sturkopf...
Nein das ging nicht.
Er war aber auch so ehrlich zu sagen, dass er nicht glaubte, sich gegen seine Familie stellen zu können.
Wenn er mir solche Versprechungen machen würde, wäre es unehrlich, meinte er, und das sei nicht seine Art.
Für uns beide brach eine Welt zusammen, denn es wurde immer offensichtlicher, dass eine gemeinsame Zukunft nicht möglich war.
Liebe ist eine Macht - aber alles vermag auch sie nicht.
Ich wollte nicht heiraten, Kinder kriegen und zu hause sitzen. Und schon gar nicht, wollte ich Muslima werden.
ich bin bis heute nicht sehr religiös, aber meine Konfession ist ein Teil meiner Identität.
Und ein Käfig bleibt ein Käfig, auch wenn er aus Gold ist.
1998 promovierte ich, nahm eine Assistenzstelle in der Notaufnahme an, und konnte nicht mehr so oft reisen - das Studentenleben war vorbei. dafür verdiente ich Geld und konnte meine Flüge selber bezahlen, was mir sehr wichtig war.
Aber die Frage blieb, wie weiter...
Die Beziehung haben wir aufrecht erhalten, auch wenn wir wussten, dass es immer eine Fernbeziehung bleiben würde.
Wir waren uns einig, keiner will und kann den anderen verbiegen - denn das wäre der Tod unserer Gefühle geworden.
Wir haben viel geredet, diskutiert, geweint und wieder geredet. Aber einen Ausweg gab es definitiv nicht. Wir waren zum Scheitern verurteilt.
Es war eine Frage der Zeit. Er war nun schon 35, was soviel hiess, in seiner Kultur schon überfällig. Und seine Familie machte immer mehr Druck, er solle endlich heiraten, als einziger Sohn, Enkel zeugen und den Namen und die Tradition weiterführen.
Uns ging langsam die Luft aus...