1991 - Das Jahr in dem alles begann...

Aylin2009

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AW: 1991 - Das Jahr in dem alles begann...

du hast einen sehr schönen Schreibstil! Das hat mal wieder bestsellercharakter popcorn

das wäre das erste mal, dass ich eine sehr, sehr lange Geschichte von anfang an mitlese popcorn
 

diese

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AW: 1991 - Das Jahr in dem alles begann...

... wir sahen uns täglich in der Schule, redeten viel - aber mehr war oder schien von seiner Seite aus nicht zu sein.
Auch trafen wir uns ab und an, in dem besagten Pub. Wir gingen Döner essen - ich kannte das noch nichtmal bis dahin. Mein Gott war das schwer, so einen Döner auf der Strasse zu essen, ich verlor immer die Hälfte des Inhalts!
Durch unsere Gespräche wurden zwei Dinge klar.
1.Er war schon einige Zeit in England und sein Aufenthalt würde am 3. Mai enden.
2.Er war niemand, der sein Herz auf der Zunge trug, geschweige denn, dass er es schnell verschenken würde.
Ich erfuhr auch einiges aus seiner Vergangenheit. Bisher 1 Liebe( sehr wenig...grübel) die er durch einen Autounfall verloren hatte.
Natürlich kürzere Affären, aber mehr nicht.
Er ist kein Mann der vielen Worte, aber es war auch schön zusammen zu schweigen...
So gegen Ende April, wurde die Sache eng...
Was sollte ich tun?
So beschloss ich ihn 2 Tage vor seiner Abreise zum essen einzuladen.
Er schien skeptisch, sagte aber zu.
So trafen wir uns am 1. Mai zum Essen.
Ich glaube schon damals, war unsere Beziehung geprägt durch viele intensive gespräche - und das hat sich bis heute nicht geändert.
Nun zurück...
Nach dem Essen gingen wir in eine Bar, da in England die Pubs früh schliessen.
Dort gab es Musik und Bier.
Plötzlich fragte er, ob ich tanzen wolle... und was tat ich?
Ich dumme Kuh sag: Ne ich kann meine Handtasche nicht alleine hier lassen.
Seit Jahren könnt ich mich dafür ohrfeigen, denn wir haben niemals miteinander getanzt.
ch kann nicht mehr sagen, wann und wie - aber irgendwann haben wir uns geküsst.
Und dies so lange, bis der Barkeeper uns wortwörtlich mit dem Besen fast rausgekehrt hat.
So und nun?
Inzwischen war der 2. Mai, und morgen würde er abreisen.
Ich denke die meisten erwarten nun, dass wir entweder zu mir oder zu ihm gegangen sind.
Nein, sind wir nicht. Er , der Realist, war verunsichert und hat mir die Schwierigkeiten einer Fernbeziehung aufgezeigt. Ich die Emotionale, hab geheult und zwar verstanden aber mein Herz wollte die Beziehung unbedingt(noch war es ja keine)
Aber als die Sonne aufging und wir uns vor dem Haus meiner Gastfamilie getrennt haben, hatten wir beschlossen, dieser aussergewöhnlichen Beziehung eine reelle Chance zu geben, und zu versuchen, über tausende von Kilometern hinweg eine Beziehung zu führen.
3. Mai Nachmittag
Er flog zurück in die Türkei.
 

diese

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AW: 1991 - Das Jahr in dem alles begann...

Nun ich blieb mit meiner Freundin in England zurück. Er hatte die Telefonnummer von meiner Gastfamilie, ich seine zu Hause(er hat allein gelebt - oh Wunder!) und die in der Bank, wo er gearbeitet hat.
Aber ich wollte, dass er sich zuerst meldet. ich musste 4 Tage warten - es kam mir vor wie 4 Jahre. Und ich war noch nicht mal da, als er anrief.
Damals gab es weder Handys noch e-mail, so war ich auf Münzautomaten angewiesen.
Ende Mai, flog ich für eine Woche mit meiner Freundin nach Kusadasi um dem englischen Regenwetter zu entrinnen. Er konnte nicht kommen, da er arbeiten musste. Aber zumindest war das telefonieren günstiger. Dazu muss ich anmerken, dass ich als angehende Studentin fast kein Geld hatte, somit haben wir manchmal nur alle 2 Wochen miteinander gesprochen - aber das war ok. Ich bin eh nicht der anhängliche Typ.
Mein Studium sollte im September beginnen. Zuvor reisten meine Freundin und ich noch einen Monat lang mit Interrail durch Europa. das war eine tolle Zeit.
Nun fragte er mich bei einem unserer Telefongespräche, ob ich vor Studienbeginn zu ihm in die Türkei kommen würde. er konnte ja nicht in die Schweiz ohne ein Visum zu beantragen, und das wollte er auf keinen Fall.
Er wollte nicht, wie seine Landsleute sein, die sich mit einer europäischen Freundin ein Ticket in den Westen kaufen(sagte er schon damals, als ich noch keine Ahnung von all den Dingen hatte).
Ich sagte zu, und flog Mitte August für 10 Tage nach Ankara.
Am Flughafen erschlugen mich all die neuen Eindrücke. Es war so gar nicht zu vergleichen mit dem Touristengebiet in Kusadasi.
Bei ihm zu Hause angekommen, staunte ich, wie spartanisch er eingerichtet war, und so unpraktisch. Typische Junggesellenbude. :shock:
Wir verbrachten wundervolle Tage und noch wundervollere Sommernächte.
Leider war die Zeit viel zu schnell um, und ich musste zurück. Zu diesem Zeitpunkt, war uns aber klar, dass eine Fernbeziehung funktionieren kann - zumindest für eine gewisse Zeit.
Das Problem war das Wort gewisse... Ich hatte 6 Jahre Studium vor mir. Er hatte damals schon eine sehr hohe Position in der wohl bekanntesten Bank der Türkei. Und damit auch eine gewisse Verantwortung, sich gesellschaftskonform zu verhalten.
Seine Familie war/ist erzkonservativ und sehr gläubig. Dazu kam, dass er der einzige Sohn ist und noch 5 Schwestern hat. Er war so quasi der Finanzier der ganzen Sippschaft.
Die Zukunft sah schon zu diesem Zeitpunkt nicht sehr rosig für uns aus.
Aber damals war es zu früh um konkret Pläne für die Zukunft zu machen, wir kannten uns ja auch erst ein paar Monate.
Neujahr 1991/1992 flog ich wieder zu ihm. Ich muss dazu sagen, dass ich all den Jahren, nicht einen Flug selber bezahlen musste, geschweige denn essen, evtl. Hotels etc.
Nie wünschte er sich etwas, das ich mitbringen sollte, ausser ab und an mal eine Tafel Schweizer "Schoggi".
ZU Beginn hatte ich sehr Mühe, als emanzipiert aufgewachsene Frau, das so hinzunehmen. Aber je mehr ich über die Kultur und von ihm gelernt hatte, desto besser verstand ich.
Für ihn wäre es eine Beleidigung und gegen seine Ehre gewesen Geld von mir zu nehmen.
Obwohl ich sagen muss, dass ich noch heute Mühe habe mit diesem Ehrbegriff. Als Europäerin, kann man das wohl nie so richtig verinnerlichen.
Wir sahen uns ca. 2-3x im Jahr. mehr ging nicht. ich hatte ein Studium zu absolvieren, er hatte dies zwar schon lange hinter sich, aber er hatte viele Verpflichtungen, Weiterbildungen im Geschäft, und auch Verpflichtungen seiner Familie gegenüber.
Aber wir schrieben uns Briefe. Richtige handgeschriebene Briefe. Ich glaub ich hab inzwischen an die 400 Briefe von ihm und er hat etwa 600 von mir.
Es war eine schöne und lehrreiche Zeit.
Wir haben einander so gut und tiefgreifend kennen-und verstehen gelernt, ich glaube über nur Telefonate wäre das nicht möglich gewesen.
Wir versuchten gleichzeitig, die gleichen Bücher zu lesen und tauschten uns schriftlich darüber aus.
Ich kann sagen, wir haben sehr intensiv gelebt und geliebt zu dieser Zeit.
 

Farina

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AW: 1991 - Das Jahr in dem alles begann...

Was war/ist eure gemeinsame Sprache?

(Sorry, falls ich es überlesen habe.)
 

diese

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AW: 1991 - Das Jahr in dem alles begann...

@farina
Englisch war unsere Hauptsprache. Mit der zeit, haben aber beide Parteien, die jeweilige Muttersprache des anderen erlernt.
Gruss Die
 

l_a_d_y

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AW: 1991 - Das Jahr in dem alles begann...

ich bin sehr gespannt auf deine Geschichte und finde deinen Schreibstil super...
man spürt richtig diese Emotionen...

20 Jahre das ist eine sehr lange Zeit und ich bin sehr neugierig;) was sich bei euch so ergeben hat
 

diese

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AW: 1991 - Das Jahr in dem alles begann...

Die Jahre gingen ins Land, wir lernten uns immer besser kennen und ich wage zu behaupten, dass mich bis heute niemand, aber wirklich niemand besser kennt als er.
Wir verbrachten auch öfters mal ein paar Tage in Istanbul, der wohl faszinierendsten Stadt die ich kenne.
In Touristengebiete am Meer fuhren wir nie. Er wollte das nicht. Er ekelte sich vor dem Lebensstil seiner Landsleute, die dort in der Tourismusbranche arbeiteten.
Bis zum Jahr 1996 war er nicht einmal in Europa, geschweige denn bei mir in der Schweiz. Es gab viele Diskussionen darüber. Ich konnte ihn in dieser Hinsicht einfach nicht verstehen.
Seine Meinung war ganz klar. Er muss ein Visum beantragen, und somit setzt er sich auf die gleiche Ebene wie all diejenigen, die eine europäische Freundin als Freipass für die Ausreise nach Europa benutzen.Na ja ich fand/finde dies sehr pauschalisierend, aber in dieser Hinsicht biss ich auf Granit.
1996 erhielt er einen Diplomatenpass und somit die Möglichkeit auszureisen wann und wohin er immer wollte. Auch besuchte er zu der Zeit viele Kongresse und Weiterbildungen auf der ganzen Welt. So trafen wir uns in den nächsten Jahren oft auch in den verschiedensten Städten der Welt.
Als immer- noch-Studentin, hatte ich so gut wie kein Geld,versuchte aber zumindest meine Flüge teilweise selber zu bezahlen. Und Fliegen war zu dieser Zeit noch s...teuer.
Unser Hauptthema in den Jahren 1995-1999 war wohl die gemeinsame Zukunft.
Wir hatten uns eine Beziehungsbasis geschaffen, auf der wir eine Zukunft aufbauen hätten können.
Aber...
Die Diskussionen führten immer ins Leere. Für ihn war es ein Ding der Unmöglichkeit in der Schweiz oder auch sonst wo zu leben. Er hatte/hat einen unglaublich tollen Job, der sehr viel Geld einbrachte, die Karriereleiter hatte noch unendlich viele Sprossen nach oben übrig, und seine Familie war/ist auf ihn angewiesen.
Die Vorstellung in die Türkei zu ziehen verursachte bei mir unglaubliche Bauchkrämpfe.
Vor allem, nachdem ich 1997 seine Familie kennengelernt hatte.
Eltern die unglaublich konservativ und höchst religiös waren, Schwestern die nach kultureller Weise schon mit 20 verheiratet waren und Kinder hatten. Super ...
Hausfrau und Mutter war wohl das letzte, was mir nach einem anstrengenden 6-jährigen Studium vorschwebte.
Klar, er war modern, kritisch, hinterfragend und weltoffen. Aber wenn ich eines gelernt hatte in den Jahren, in denen ich mit ihm zusammen war, war das dies:
Unterschätze nie den Einfluss der Sippschaft.
Auch war das Zusammentreffen mit seiner Familie sehr zwiespältig.
Alle waren sehr freundlich ich wurde herzlich aufgenommen, umarmt geküsst und was alles dazu gehört.
Natürlich übernachteten wir dort in getrennten Räumen.
Aber...
Sein Vater mochte mich glaube ich wirklich. Seine Mutter hatte sich aber sehr wohl etwas besseres für ihren einzigen Sohn vorgestellt.
Nie hat sie sich das anmerken lassen, nie hat sie es erwähnt.
Aber mein freund war schon immer eine ehrliche Haut und konnte auch schlecht etwas vor mir verbergen.
Er erzählte mir, dass er tausende von Diskussionen mit seiner Mutter gehabt hätte und sie mich einfach als Schwiegertochter nicht akzeptieren könne.
Ich bin keine Jungfrau, erster Fehler, ich habe die falsche Religion, ich bin zu emanzipiert. Ich habe studiert - braucht Frau nicht... und und und...
Nun, wenn ich zum Islam konvertieren würde, als Hausfrau und Mutter in der Türkei leben würde, könnte sie sich damit anfreunden...
Halt! Aber ich nicht!
Auch mein Freund wollte mir das nicht zumuten. Ich wäre dann nicht mehr die Person, die er kennengelernt hatte, nicht mehr der eigensinnige unkonventionelle Sturkopf...
Nein das ging nicht.
Er war aber auch so ehrlich zu sagen, dass er nicht glaubte, sich gegen seine Familie stellen zu können.
Wenn er mir solche Versprechungen machen würde, wäre es unehrlich, meinte er, und das sei nicht seine Art.
Für uns beide brach eine Welt zusammen, denn es wurde immer offensichtlicher, dass eine gemeinsame Zukunft nicht möglich war.
Liebe ist eine Macht - aber alles vermag auch sie nicht.
Ich wollte nicht heiraten, Kinder kriegen und zu hause sitzen. Und schon gar nicht, wollte ich Muslima werden.
ich bin bis heute nicht sehr religiös, aber meine Konfession ist ein Teil meiner Identität.
Und ein Käfig bleibt ein Käfig, auch wenn er aus Gold ist.
1998 promovierte ich, nahm eine Assistenzstelle in der Notaufnahme an, und konnte nicht mehr so oft reisen - das Studentenleben war vorbei. dafür verdiente ich Geld und konnte meine Flüge selber bezahlen, was mir sehr wichtig war.
Aber die Frage blieb, wie weiter...
Die Beziehung haben wir aufrecht erhalten, auch wenn wir wussten, dass es immer eine Fernbeziehung bleiben würde.
Wir waren uns einig, keiner will und kann den anderen verbiegen - denn das wäre der Tod unserer Gefühle geworden.
Wir haben viel geredet, diskutiert, geweint und wieder geredet. Aber einen Ausweg gab es definitiv nicht. Wir waren zum Scheitern verurteilt.
Es war eine Frage der Zeit. Er war nun schon 35, was soviel hiess, in seiner Kultur schon überfällig. Und seine Familie machte immer mehr Druck, er solle endlich heiraten, als einziger Sohn, Enkel zeugen und den Namen und die Tradition weiterführen.
Uns ging langsam die Luft aus...
 

gül1963

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AW: 1991 - Das Jahr in dem alles begann...

Schön, hier mal eine Geschichte zu lesen, bei der die Schreiberin keine rosarote Brille aufhat :)
Dankeschön, diese!
Auch ich mag deinen Schreibstil und bin gespannt, wie es weitergeht.
lg gül
 

belkisli

Member
AW: 1991 - Das Jahr in dem alles begann...

Du schreibst echt klasse.
Es liest sich wie ein gutes Buch, dass man nicht mehr aus der Hand legen möchte.

Ich bin schon ganz gespannt, wie es weitergeht.
Danke, dass du uns an deiner Geschichte teil haben lässt!!!
 

Tasmanya

Member
AW: 1991 - Das Jahr in dem alles begann...

ja bin also auch schon sehr gespannt wie das ganze weitergeht .....

liest sich echt super ....

hoffe, und da bin ich glaube ich nicht die einzige, dass du schnell
weiterschreibst .... :wink:

lg
 
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