AW: 1991 - Das Jahr in dem alles begann...
1999 sahen wir uns nur 2x kurz. Ich war beruflich sehr eingespannt, schrieb nebenher an meiner Dissertation, er ebenfalls, somit hatten wir zwar telefonisch und brieflich Kontakt, haben uns aber im Juni für genau eine Woche gesehen.
Unsere Gespräche waren auch sehr geprägt von dem Thema Zukunft.
Tage lang drehten und wendeten wir alle Möglichkeiten - es gab keine.
Mein Verstand konnte alle Argumente nachvollziehen - aber die Gefühle sprachen eine andere Sprache...
Tief im Inneren wusste ich, dass wir keine Zukunft haben würden, dass diese an unseren Lebensplanungen scheitern würde.
Er hatte ein so stark ausgeprägtes Verantwortungsgefühl seiner Familie und seinem Land gegenüber, dass er bestimmt nicht zu mir in die Schweiz ziehen würde. Auch andere Alternativen gingen wir durch.
Seine Bank hatte Niederlassungen in vielen Ländern Europas, er hätte sich auch einfach versetzen lassen können. Ich hätte in einigen dieser Länder auch als Ärztin arbeiten können. Aber diese Optionen lösten unser Problem in keinster Weise. denn da waren noch immer das geliebte Land und seine Familie.
In die Türkei zu ziehen, vor allem vor dem Hintergrund seiner doch sehr konservativen Familie, war für mich keine Option. Erschwerend wäre noch hinzugekommen, dass ich in der Türkei in meinem Beruf schon gar nicht hätte arbeiten können, geschweige denn meinen Facharzt machen.
Da waren als erstes die sprachlichen Hindernisse. Mein Türkisch ist recht gut, aber nicht gut genug um zu praktizieren, geschweige denn um weiter zu studieren.Das wäre sicher machbar gewesen. Das zweite Hindernis: Ausländische Ärzte dürfen nicht praktizieren.
Das wäre auch lösbar gewesen, denn seine Verbindungen waren doch recht einflussreich und durch eine Heirat wäre doch vieles leichter geworden.
Nun, ich wollte aber kein Vitamin B, und vor allem wollte ich nicht vom Goodwill der Sippschaft abhängig sein. Ich wollte nicht ständig darum streiten, warum mir das Dasein als Mutter und Hausfrau nicht genügen würde.
Ich flog im Juni 1999 zurück, nach endlosen intensiven und sehr emotionalen Gesprächen. Wir hatten uns den Jahreswechsel zum Millenium , also 1999/2000 zur Deadline gesetzt.
Wenn wir bis dann keine Lösung/Option gefunden haben, müssten wir wohl getrennte Wege gehen.
Eigentlich haben wir nur ein wenig Zeit geschunden,denn im Grunde genommen wussten wir beide damals schon, dass wir verloren hatten.
Es war unmöglich und auch verantwortungslos, zwei Leben in einer solchen Komplexität zusammenzubringen.
Ich habe viel geweint in dieser Zeit, konnte mich teilweise auch schlecht auf meine Arbeit konzentrieren. Ich konnte irgendwann einmal, dann nicht einmal richtig schlafen. Ich nahm ab, rauchte mehr als ich ass...
Auch ihm ging es schlecht. Dennoch konnte er besser damit umgehen. Er war schon immer der rationalere Part in unserer Beziehung, ich glaube er machte auch immer sehr viel mit sich selber aus.
Dennoch, wir haben uns daran festgeklammert, dass wir ja vielleicht bis/ im Dezember eine Lösung finden würden...
Wer liebt und dabei ist zu verlieren, was er liebt, klammert sich wohl an jeden Strohhalm...
Am 20. Dezember 1999 stieg ich ins Flugzeug nach Istanbul...
Ich war sehr angespannt, denn mir war klar, dass hier und jetzt sich mein und sein weiteres Leben entscheiden würde....