AW: Bin mit einer Türkin zusammen
Hallo Joe,
Zitat von de-liebt-tü:
Gerne würde ich mich mit Leuten austauschen, die ähnliche Erfahrungen machen. Was gibt es zu beachten? Worauf sollte ich achten, wenn wir uns mit Leuten aus ihrer Verwandschaft treffen? Sie hat eine relativ große Verwandschaft (jedenfalls für mich!).
erstmal herzlichen Glückwunsch zu eurem Entschluss eine Familie gründen zu wollen. Ich selbst bin seit 10 Jahren mit einer Türkin verheiratet und wir haben zwei Kinder im Alter von 4 Jahren.
Die Frage "was ist zu beachten" ist so nicht zu beantworten. Wir Deutsche bilden ja uns immer ein (Vor)urteil über Ausländer und insbesondere über "die Türken" welches nur schwer wieder aus dem Kopf zu kriegen ist. Tatsache ist, dass jeder Mensch ein Individuum und somit verschieden von andern Menschen ist, das gilt natürlich auch für Türken (Überraschung:razz

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Welche Sitten bei der Verwandtschaft deiner Freundin üblich sind hängt natürlich von der Sozialisation ab, also von dem sozialen Umfeld, in dem sie sich bisher bewegt haben und was sie sich angewöhnt haben. Kommt die Familie aus einem der westtürkischen Großstädte oder aus einem ostanatolischem Dorf - allein da können schon Welten zwischen liegen. Die Einstellung zum Glauben spielt auch eine Rolle. Allgemeingültige Regeln kann man nicht aufstellen, weil Sie immer zu verallgemeinernd wären. Die normalen Regeln der Höflichkeit sollten ausreichen. Dass man zu Beginn ab und zu in ein Fettnäpfchen tritt ist eigentlich unvermeidlich, sollte aber, wenn die Verwandtschaft eine positive Grundeinstellung zu Dir hat, Dir ohne weiteres nachgesehen werden.
Ich schreibe hier mal auf, was mir zu Beginn so aufgefallen ist. Dies muss aber nicht unbedingt für die Verwandtschaft deiner Freundin gelten. Möglicherweise sind diese Sachen auch bereits alte Hüte für Dich:
- Vor Betreten eines Hauses die Schuhe ausziehen
- Auf "Hos Geldin(iz)" antwortet man mit "Hos Bulduk"
- Personen, die deutlich älter sind als man selbst, wird zur Begrüßung die Hand geküßt. Manche möchten dies aber nicht. Im Zweifelsfall erst deine Freundin machen lassen.
- Zur Begrüßung/Abschied: Bei gleichem Geschlecht "Bruderkuss", bei anderem Geschlecht einfach die Hand reichen. Und jetzt wird's kompliziert: Manche küssen sich zweimal (rechts/links) auf die Wange, manche dreimal (rechts/links/rechts). Besonders bei Aleviten sind dreimal üblich ("Ya Allah/Ya Muhammed/Ya Ali").
- Ältere Personen mit "Abi" (Männer) bzw. mit "Abla" (Frauen) anreden, auch in Verbindung mit dem Vornamen, also z. B. "Mehmet Abi" oder "Aynur Abla". Bei jüngeren reicht die normale Anrede mit Vornamen. Kinder werden oft einfach nur mit "Oglum" (mein Sohn/Junge) bzw. "Kizim" (meine Tochter/Mädchen) angesprochen, auch wenn es fremde Kinder sind. Deine "Schwiegereltern in spe" mit "Anne" bzw. "Baba" anreden.
- Als Mann wird man in der Regel von den Frauen "bewirtet". Aber es bürgert sich allmählich auch ein, dass der Mann mal mit anfasst, den Tisch deckt/abräumt, den Leuten Tee nachschenkt usw.
- Nie vor anderen Leuten die Nase putzen, und schon garnicht bei Tisch. Das hat ungefähr den selben Stellenwert, als wenn man "bei uns" einen fahren lässt

- Nicht krumm nehmen, wenn Bitten sehr direkt ausgesprochen werden (z. B. "Gib mir den Tee" statt "Kannst du mir bitte den Tee geben"). Das Wort "Bitte" bzw. türkisch "Lütfen" wird eigentlich nur bei wirklich großen Bitten benutzt. Bei kleinen Bitten wie im Beispiel "bitte" zu sagen wird als hochnäsig angesehen.
- Überhaupt, aber das hängt natürlich sehr vom sozialen Umfeld ab, kann es verbal schon mal sehr direkt und hart zur Sache gehen, besonders im Streit. Worte daher nie auf die Goldwaage legen.
Das ist das, was mir so auf Anhieb einfällt. Ansonsten bekommst du mit der Zeit schon mit, wie die Verwandschaft drauf ist.
Zum türkisch lernen: Am besten ist immer noch "Learning by doing". Lehrbücher oder Kurse helfen da nur bedingt. Oft wird ja auch noch ganz anders geredet als "Schul-Türkisch", regionale Unterschiede sind auch in der Türkei ziemlich verbreitet, vergleichbar mit den Unterschieden zwischen Bayern,Sachsen und Norddeutschland.
Viele Grüße,
Haydar