Die Freikörperkultur ist ein Konzept der Reformbewegung aus den 1920iger Jahren. Es hat nichts mit militantem FKK zu tun, sondern vor allem mit dem Sprung aus der Corsage, die inzwischen als ungesund empfunden wurde. Daraus entwickelte sich ein sozialistisches FKK in der DDR parallel zur Kranführerin. Es ist auch nicht der nordische Protestantismus, der gegenüber dem katholischen Süden freizügiger agierte, woraus sich der Schluß einer nordeuropäischen Unverklemmtheit ablesen ließe.
Ab der Pubertät etwa entwickelt sich beim Menschen so etwas wie Scham. Es gehört eine Menge Sozialisation dazu, diese im öffentlichen Raum abzustellen. Davon berichten auch Ethnologen. Nur ungern ließen sogenannte "Eingeborene" sich von Personen nackt ablichten, die nicht zum Stamm gehörten.
Vgl. Hans Peter Dürr: Die Nacktheit und die Scham.
Darum fliegen sie heute nur noch über die letzten Siedlungen am Amazonas. Wahrscheinlich nicht so sehr aus Rücksichtnahme auf die Scham, aber um der besseren Fotos willen. Der Mensch im Naturzustand, im ursprünglichen Privatissimum.
Noch ein interessanter Punkt: die Schamgrenze nimmt ab, je absoluter die Herrschaftsposition ist. So ist z. B. bekannt, daß Ludwig XIV auf seinem Klostuhl (daher vielleicht der Name Thron für ein Kindertöpfchen) Audienzen abhielt. Mein Opa ging immer mit Zeitung, Zigarre und Hut (wegen seiner Pläte), aber er war für sich allein.