AW: Integration? Was ist das?
Um etwas bildlicher auszudrücken: Wieso geht eine türkische Frau mit Kopftuch nicht mal in den Frauenchor in ihrer Gemeinde anstatt mit ihren Freundinnen den ganzen Nachmittag Tee zu trinken? Oder warum geht ein türkisches Papa mit Schnurbart nicht mal mit seinen deutschen Kollegen zum Stammtisch anstatt sich in einem türkischen Cafe rumzutreiben? DAS ist doch eher die fehlgelaufene Integration oder sehe ich das falsch??
Ich denke, dass diese Abschottung und homogene Orientierung Schuld an der misslungenen Integration sind. Jetzt könnt ihr fragen, warum denn nicht der Hans den Ahmet fragt, ob er nicht zum Stammtisch mitkommen möchte.. Wieso soll sich ein Deutscher wagen, einen solchen Zusammenhalt zu sprengen?
Insbesondere der letzte Satz gab mir zu denken. Heißt es schon, einen homogenen Zusammenhalt zu sprengen, wenn man jemanden auf einen Kaffee einlädt? Ganz sicher nicht, es ist einfach eine Frage der Offenheit, mit der man anderen begegnet. Antworten zur Frage, warum ein türkischer Papa vielleicht nicht mit deutschen Kollegen zum Stammtisch geht, kann ich mir nur aus Gesprächen mit türkischen Bekannten zusammenreimen: Dass es komische Sprüche setzt, wenn jemand keinen Alkohol trinkt, zum Beispiel. Das wird (übrigens auch unter Deutschen) nicht unbedingt akzeptiert; und nicht jeder mag lang und breit erklären bzw sich rechtfertigen (warum eigentlich?!), warum und wieso. Echte Integration, nein, kulturelle Akzeptanz: würde bedeuten, keine blöden Sprüche zu reißen wegen der völlig unwesentlichen Frage, ob jemand nun Apfelschorle, Bier oder Wein bestellt.
Und was die türkische Frau mit Kopftuch im Frauenchor ihrer Gemeinde betrifft: welcher Gemeinde? Schokolore, ich gebe Dir in allen Deinen Aussagen 100%ig recht, aber weißt Du, wie eng und stickig die Atmosphäre in (christlichen) Kirchenchören sein kann? Stelle es Dir bitte nicht ganz so einfach vor, und ich hoffe, das klingt jetzt nicht allzu schulmeisterlich. Solange alle einwandfrei das hohe C intonieren, mag es noch funktionieren, aber der Klüngel dahinter kennt seine eigenen Regeln. Die zu begreifen und zu knacken braucht mitunter wesentlich mehr Energie, als sich auf seine ureigensten Belange zu konzentrieren. Ich persönlich kann jeden begreifen, der seine eigenen Belange vorzieht...
Ich hab lange in einem Stadtviertel gelebt, in dem Kirche, Moschee und Synagoge samt der dazugehörigen Menschen sich einen Quadratkilometer teilten. Eine enge Welt, fast dörflich, gab's Streit im Nachbarhaus, wusste es jeder; die Kunst war, am nächsten Tag nicht Bescheid zu wissen und einander die Privatsphäre zu lassen. Mein erster bewusster Kontakt als Erwachsene mit dem "Anderssein" türkischer Kultur (die ich bis dato nie als anders gesehen hatte) war der Blick aus dem Fenster: Frauen mit Kopftuch, die plaudernd im Hinterhof saßen, und bergeweise Schafswolle sortierten und verspannen. Zu was? Keine Idee, ich hab's nie erfahren. Aber die Szenen im Hinterhof ließen ahnen, dass es dahinter sehr viel mehr Leben gab, als die Nachbarinnen einem vermittelten, die mit gesenktem Blick auf der Straße drei Schritte hinter ihrem Mann an einem vorbeihuschten. - Einer der Männer, augenscheinlich der Älteste, war Imam der benachbarten Moschee. Soviel hatte man im Laufe der Jahre mitbekommen. Weiter nix. Und sicher wäre es so weitergegangen, hätte es nicht eines Tages ein großes Unglück gegeben: Ein Feuer im Nachbarhaus. Zwei Tote, eine junge Frau und ihr Kind. Und ein jählings verwitweter Familienvater, der nun keine Familie mehr hatte, keine Wohnung, nichts, und wie betäubt bei Nachbarn saß.
Ein Mann, der mit Toleranz weiß Gott nichts am Hut hatte. Einer, der immer über "die Türken" hergezogen war. Lautstark, plump, dumm. Und dann kam der türkische Familienvater einfach herein und kondolierte. Und mein deutscher Nachbar, der immer über "die Türken" gelästert hatte, fiel ihm um den Hals und heulte los wie ein Kind.
Es braucht keine solchen Tragödien, um zu begreifen, dass wir alle nur Menschen sind. Aber eine schlichte, menschliche Geste zum richtigen Zeitpunkt öffnet mehr Herzen als alle zeitaufwendigen Anstrengungen. Wer offen und bereit ist zu verstehen, dass wir alle nur Menschen sind, erfährt es irgendwann von selbst. So oder so. Integration ist natürlich auch, was man draus macht. Aber angesichts wesentlicher Dinge ist es manchmal auch nur eine Frage der Zeit.
lg
anouk